Als die Stadt schon längst entschwunden war, sah man noch immer das
Grabmal des grossen Timor emporragen. Es hob sich violett von einem
lebhaft gefärbten Sonnenuntergangshimmel.
Meine Reisegefährtin neben mir glich einem Paket, aus welchem an einer
Seite ein Kopf herausschaute. Sie kämpfte mit dem Schlaf und antwortete
nur noch undeutlich. Ich gab es daher bald auf, mit ihr zu sprechen. In
unserem, mit einem Schutzdach versehenen Karren herrschte Dunkelheit.
Die Landschaft wurde kahler, steiniger; ringsumher war alles in ein
kaltes Grün getaucht. Eine neuerliche Anwandlung von Reue über unser
Wagnis kam gegen die immer stärker werdende Müdigkeit bei mir nicht
mehr auf. Wir waren beide sehr erschöpft.
In eintöniger grüner Dämmerung schwammen draussen ab und zu entlaubte
Bäume, Kakteen und Salzpflanzen vorbei. Der Karren schaukelte
gleichmässig, rhythmisch. Von der Spitze des Zuges drang eine
langgezogene, klagende Melodie. „Das lässt sich nur mit einem kleinen
Instrument hervorbringen“, dachte ich, und schlief dabei wohl
ein. -- -- --
Wanderer sind wir alle, ohne Ausnahme, alle. -- So lange es Menschen
gab, war es so, und es wird immer so bleiben. Vom ältesten Nomadenvolk
bis zum heutigen Vergnügungsreisenden, vom Raubzug bis zu den
jüngsten Entdeckungsfahrten -- so verschieden die Motive, das Wandern
bleibt. Fuss, Huf, Rad, Dampf, Elektrizität, Benzin und was alles
noch kommen mag, das Mittel ist gleichgültig, das Wandern bleibt. Ob
ich ins Gasthaus gehe oder den Erdball umkreise; ich wandere. Und mit
mir wandern alle Tiere, einmal dahin und einmal dorthin. Unsere alte
Erde geht mit grossem Beispiel voran. Ein Trieb, ein Naturgesetz! Du
kannst noch so müde sein, du musst mit, immer weiter. ..... Wirkliche
Ruhe gibt es erst, wenn man ausgewandert hat. Und darauf freuen sich
alle heimlich -- man gesteht sich das nur nicht ein. Viele wissen
es nicht einmal. Manche gibt es, die schon weit herumgekommen sind
und nicht mehr wandern mögen, oder krank im Bette liegen, oder sonst
nicht wandern können, die reisen bei sich selbst im Gehirn, in der
Einbildung, auch diese kommen oft weit, weit .... aber still stehen,
nein, das gibt es nicht!
Einmal wachte ich einen Augenblick auf. Draussen war glänzendes
Mondlicht. Man hielt gerade bei einer Zisterne, und ich hörte, wie die
Tiere getränkt wurden. Meine Frau, hatte festgeschlossene Augen und
einen ganz ernsten Ausdruck.
„Es ist gut, dass du schläfst,“ dachte ich, „so wirst du morgen frisch
sein.“
Es schien mir, als wären wir in den Bergen. Als der Karren wieder
rumpelte, schlief ich von neuem ein, dem Traumreich entgegen. Ich hatte
noch lange nicht ausgeschlafen!...................
Auf einmal war mir, als ginge irgend etwas vor. Die Räder rollten nicht
mehr.
„Wir sind angelangt, Sie haben lange geschlafen.“ Jemand klopfte mir
auf die Beine.
Ich wollte von nichts wissen, war noch ganz verschlafen und verhielt
mich still.
Meine Frau schon ganz munter, liess ihre Verführungskünste spielen:
„Steh auf, wir sind da, im Traumreich!“ rief sie mit Sirenenstimme.
Ich sagte hilflos:
„Ja, ja, ich komme schon!“, blieb aber liegen dabei. So bin ich nun
einmal.
Neben dem Karren sprach man halbamtlich; auch mir war es jetzt zu dumm.
Ich schüttelte den Schlaf ab und kletterte aus dem Gefährt.
Das Auge musste sich erst gewöhnen; was man sehen konnte, war ein
grauer Nebel. Nur ein paar Lichter im Dunst teilten ihn. Beim ersten
Schritt wäre ich fast an den Wagen gerannt, riesenhaft stand er da. Vor
ihm bewegte sich ein Monstrum mit unsicheren Formen: das Kamel! Ich sah
schon besser.
„Bitte näher zu treten!“ liess sich eine kräftige Stimme vernehmen.
„Ihr Gepäck ist in Ordnung; haben Sie Ihre Legitimation?“
Der Sprecher war ein grosser bärtiger Mann in einer dunkeln Uniform und
Dienstmütze. Wir standen bei einem niederen Blockhaus, das durch ein
paar Laternen matt erleuchtet war. Der Beamte gab mir mein Bild zurück
und forderte uns auf, das Tor rasch zu durchschreiten, damit wir den
Zug noch erreichten.
„Welches Tor, welchen Zug?“ dachte ich, und tappte mich weiter. „Du, da
ist etwas“, hörte ich meinen Reisekameraden. Und da erst entdeckte ich
im Dunstschleier eine ungeheure, grenzenlose Mauer. Ganz plötzlich und
unerwartet tauchte sie vor mir auf. Irgend jemand schritt uns mit einem
Licht voran auf ein gewaltiges, schwarzes Loch zu: +Das war das Tor des
Traumreiches.+ -- Beim Näherkommen bemerkte ich erst seine kolossalen
Dimensionen. Wir traten in einen Tunnel und hielten uns möglichst nahe
an den Führer. Da ereignete sich aber etwas Eigentümliches: Als ich
schon eine Weile in diesem Gewölbe gegangen war, überkam mich wie auf
einen Schlag ein ganz unbekanntes, grässliches Gefühl. Es ging vom
Hinterkopfe aus und fuhr das Rückgrat entlang, mein Atem stockte und
der Herzschlag setzte aus. Hilfslos sah ich mich nach meiner Frau um,
aber die war selbst leichenblass, Todesangst spiegelte sich auf ihrem
Antlitz und mit zitternder Stimme flüsterte sie:
„Nie mehr komme ich da heraus.“
Mich jedoch hatte schon wieder eine frische Welle von Kraft gestärkt,
wortlos reichte ich ihr den Arm.