In dieser Nacht ging es mir nicht recht gut. Damals war ich ein Mensch,
der das Abenteuer vergötterte. Aber es musste ein richtiges sein, etwas
aussergewöhnliches, kein Klischee.
Die nahezu ununterbrochene zehntägige Fahrt hatte meinen Kräften
natürlich tüchtig zugesetzt. Ach, meine Stimmung war miserabel! Ich
wälzte mich auf dem Bettprovisorium und jammerte. „Der Traumstaat
ist ein Aufsitzer, du wirst sehen“, sprach ich zu meiner Frau. „Man
wird uns in irgendein beschwerlich zu erreichendes Nest schleppen,
dort müssen wir Patera und seinen Mist bewundern, bloss weil er reich
ist! Mir ist ein reicher Mensch aber, bloss weil er reich ist, wurst.
Mit dem Gelde wird es auch bald vorbei sein, das ahne ich schon. Bei
unverschämten Preisen wird man uns alles wieder abknöpfen.“
Ich war unmutig, voll tiefer Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung.
Wir fuhren da immer weiter nach Osten, und alles war trotz dem
orientalischen Gepräge so wie man es sich auch daheim ganz gut denken
konnte. „Und was soll dann noch kommen?“ reflektierte ich weiter.
„Ein paar Villen und Häuser, eine Fremdenkolonie, ein Park. Um diese
Himmelsprächte lasse ich mich also jetzt von der Eisenbahn halbtot
rütteln?“
Meine Frau suchte mich soviel sie vermochte zu trösten.
„Wenn es uns nicht gefällt, reisen wir eben wieder heim“, meinte sie.
„Bis jetzt ist doch wirklich kein Grund zu so schlechter Laune.“
„Der Agent war ein abgefeimtes Subjekt; diesem Kerl hätte man die Türe
weisen sollen. Warum hast du mich nicht gewarnt?“ räsonierte ich.
„Und das Geld?“ frug sie lachend!
„Bitte, erwähne das Geld nicht mehr. Ist man so reich wie Patera,
reisst man sich eben eine Million vom Herzen, wenn man schon anständige
Menschen bei sich sehen will.“
Gähnend drehte ich meiner Frau den Rücken zu. Frauen verstehen einen
nie. Und schon halb im Schlafe hörte ich, wie meine Gefährtin noch
bemerkte:
„Überschätzest du unsere Gesellschaft nicht doch etwas?“ Weise
verzichtete ich auf Entgegnung.
Das Poltern unseres aussteigenden Nachbarn zeigte mir an, dass wir
in Bochara hielten. Die Frühdämmerung eines klaren Tages. Turbane
und Lammfellmützen waren vom Polster aus sichtbar. Von jetzt ab ging
es, wie mir schien, bedeutend rascher. Wagen waren wohl abgekoppelt,
oder eine neue Maschine vorgespannt. Nachmittags noch sollten wir in
Samarkand eintreffen.
Munter erhob ich mich. -- Draussen war es prachtvoll; aus der Wüste
-- die ich ja nun genügend kennen gelernt hatte -- war reiche grüne
Weide geworden. Wenngleich November, war es kaum kühl. Kamel- und
Pferdeherden mit drolligen Jungen belebten die Gegend. Der Gedanke,
der Wiege der Menschheit nahe zu sein, liess mich nicht los. Man sah
faktisch Typen von vielleicht fünfzig Völkerschaften, wenngleich in
mehr oder minder wertvollen Exemplaren. Hier liefen die alten grossen
Handelsstrassen der Welt durch. Schon Alexander der Grosse .......
fertig, ich will keine Reisebeschreibung. -- -- -- --
Die Erwartung trieb mir das Blut in die Wangen, neugierig beugte ich
mich bald auf der einen, bald auf der andern Seite zum Wagenfenster
hinaus. Und da -- da sah man wirklich in der Ferne etwas auftauchen.
Eine langgestreckte Häusermasse, Minarets, Kirchen -- -- Samarkand!
Samarkand -- --! Buntglitzernd spiegelte sich die Sonne in den blau-
und grünglasierten Ziegeln und beim Näherkommen nahm die Farbigkeit
immer noch zu. Ein uneingestandener Glücksrausch bemächtigte sich
meiner nun doch, wenngleich durchzogen von Fragen: Wo werden die
Enttäuschungen liegen? -- Es war ja doch etwas ganz Unbekanntes, was
uns erwartete.
Beim Einfahren des Zuges in Samarkand wurde ich nüchterner. Als wir dem
Waggon entstiegen waren und uns umsahen, trat ein Mann hinzu. Kreuzung
zwischen Armenier und Ostpreusse taxierte ich.
„Die Herrschaften wurden durch Herrn Gautsch avisiert!“ -- Verbeugung
-- fliessendes Deutsch.
„Wohin sollen wir gehen?“ frug ich, mittelmässig warm.
Mit neuer Verbeugung, auch gegen meine Reisegefährtin, stellte er sich
vor:
„Kuno Eberhard Teretatian, Agent. -- Haben Sie mir etwas zu zeigen?“
Meinem Rasseinstinkt zollte ich im geheimen ein Lorbeerblatt, dem
Mischling reichte ich das Etui mit dem Bild; seit einer halben Stunde
hielt ich es schon umklammert.
„Danke, das genügt. Die Herrschaften haben drei Stunden Zeit. Es ist
jetzt zwei, um 5 Uhr setzt sich die Kolonne in Bewegung. Ich mache
Ihnen den Vorschlag, in meinen Räumen auszuruhen und sich zu stärken.“
Ein paar Träger, stark wie Bären, hatten inzwischen auf einen Wink das
Gepäck auf einen Karren geladen und sich damit entfernt. Wir schritten
also neben Herrn Teretatian her. Ein Fuhrwerk, welches uns aufgedrängt
werden sollte schlugen wir aus.
„Jetzt lieber zu Fuss! Wie weit ist’s in Ihre Wohnung?“
„Eine gute halbe Stunde, Herr.“
„Also vorwärts, in Gottes Namen!“ --