Im Grunde kann kein Mensch über sein Temperament hinweg, es wird
immer seine Lebensäusserungen bestimmen. Bei dem meinigen, einem
ausgesprochen melancholischen, lagen Lust und Unlust ganz nahe bei
einander. Seit jeher unterlag ich unvermittelt meist den stärksten
Gefühlsschwankungen. Aus dieser eigentümlichen nervösen Anlage, einem
Erbteil meiner Mutter, schöpfte ich die grösste Lust, aber auch
die bitterste Qual. Diesen Überschwang an Empfindungen erwähne ich
jetzt schon, das wird dem Leser mein Verhalten in manchen späteren
Lebenslagen verständlicher erscheinen lassen.
Ich musste zugeben, dass Gautsch mir jetzt als ganz vertrauenerweckender
Mensch vorkam. Es stand für mich fest, dass er mit Patera in
irgendwelchen Beziehungen stehen müsse, und augenscheinlich war an
dem Traumreich etwas Wahres. Vielleicht habe +ich+ alles falsch
aufgefasst, zu wörtlich genommen? Die Welt ist gross und es ist auch
mir schon viel Kurioses vorgekommen. -- Patera ist jedenfalls sehr
reich, wahrscheinlich handelt es sich hier um irgendeinen Spleen,
eine kostspielig und grosszügig betriebene Liebhaberei. Für mich als
Künstler war so etwas immer sehr plausibel. In plötzlicher Aufwallung
streckte ich Gautsch meine Hand entgegen:
„Verzeihen Sie mir bitte mein sonderbares Benehmen, aber mir wird
jetzt vieles begreiflicher. Ihre Erzählung interessiert mich aufs
lebhafteste. -- Bitte, berichten Sie mir mehr von meinem alten
Schulfreund.“ Dabei schob ich ihm wieder seinen Stuhl zu.
Mein Gast setzte sich und sagte sehr höflich: „Gewiss, ich werde meine
Angaben von vorhin vervollständigen und Ihnen mehr vom Traumstaate und
seinem geheimnisvollen Herrn erzählen.“
„Ich bin gespannt!“
[Illustration]
„Vor zwölf Jahren weilte mein jetziger Herr in dem weitläufigen
Tien-schan oder Himmelsgebirge, welches zu dem chinesischen
Zentralasien gehört. Er oblag dort hauptsächlich der Jagd auf die
äusserst seltenen Tiere, die nur in jenen Gegenden noch vorkommen. Er
wollte unter anderm einen persischen Tiger erlegen, und zwar sollte
es ein Exemplar einer kleineren, ganz besonders langhaarigen Art sein.
Nachdem sich wirklich Spuren gefunden, machte er sich eines Abends
zur Verfolgung auf. Unter Mithilfe des begleitenden Burjäten gelang
es bald, das Tier aufzustöbern. Ehe man aber imstande war, auch nur
einen Schuss abzugeben, stürzte sich die gestörte Bestie auf die
beiden Angreifer. Der Asiate wich rechtzeitig zurück, Patera wurde
niedergeworfen. Da gelang es dem Begleiter noch glücklich, die Gefahr
abzuwenden. Mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe tötete er das Tier.
Patera kam mit einer zerfleischten Hand davon. Die Wunde verursachte
einen längeren Aufenthalt in dieser Gegend. Sie wollte nämlich erst
heilen, als ein alter Mann, Häuptling eines merkwürdigen, blauäugigen
Stammes, seine Kunst an ihr versuchte. Dieser kleine Volksstamm --
er zählte nur etwa hundert Mitglieder -- zeichnete sich auch durch
eine bedeutend hellere Hautfarbe aus. Eingesprengt zwischen eine rein
mongolische Bevölkerung -- die Ausläufer der grossen Kirgisenhorde
-- lebte er gänzlich abgeschlossen und vermischte sich auch nicht
mit den Nachbarvölkern. -- Seltsame, geheimnisvolle Gebräuche sollen
schon damals bei ihnen geherrscht haben, -- aber leider kann ich Ihnen
darüber gar nichts mitteilen. -- Jedenfalls steht es fest, dass Patera
bei ihnen Einlass fand, und sich für sie interessierte; denn, als er
unter Hinterlassung reicher Geschenke wieder fortreiste, geschah das
mit dem Versprechen, bald, sehr bald wieder zu kommen. Die Häuptlinge
begleiteten ihn eine grosse Strecke, und man sagt, der Abschied sei
sehr feierlich gewesen. Unser Herr war tief ergriffen davon. Nach neun
Monaten kehrte er für immer in die Gegend zurück. In seinem Gefolge
befand sich ein hoher Mandarin, sowie ein ganzer Trupp Ingenieure und
Geometer. Man schlug ein grosses Lager in der Nähe der blauäugigen
Freunde des Meisters auf. Diese äusserten die grösste Freude, als
sie ihn wiedersahen. Ein mir bekannter Ingenieur, welcher heute noch
im Traumreiche lebt, schilderte mir einmal diese Begebenheiten. Man
war sehr tätig und das Resultat dieser Anstalten war das Abgrenzen
und der Kauf eines grossen Landkomplexes. Es waren einige tausend
Quadratmeilen, worauf das Traumreich errichtet wurde. Das übrige ist
rasch erzählt. Ein ganzes Heer Kuli arbeitete unter verständiger
Leitung Tag und Nacht. Der Meister trieb fortwährend zur Eile. Zwei
Monate nach seiner Ankunft kamen bereits die ersten Häuser aus Europa,
alle von beträchtlichem Alter und verwohnt. Geistvoll in einzelne
Stücke zerlegt, wurden sie sogleich zusammengesetzt, und auf die
bereits vorher errichteten Fundamente gestellt. Natürlich gab es oft
Kopfschütteln beim Anblick dieser schmutzigen und verräucherten alten
Wände. Das Gold floss aber in Strömen und alles geschah dem Willen des
Herrn gemäss. -- Alles klappte. -- Ein Jahr darauf muss +Perle+,
die Residenzstadt des Reiches, schon fast so ausgesehen haben wie
heute. Alle ehemals ansässigen Stämme zogen mit den Arbeitern ab, die
Blauäugigen blieben.“
Gautsch machte eine Pause.
„Aber ich begreife noch immer nicht“, warf ich da ein. „Nach welchem
System kauft Patera die Häuser?“
„Ja, das weiss ich selbst nicht“, fuhr er fort. „Es sind sämtlich
ältere Objekte; manche sind sogar baufällig und für jeden anderen
wertlos, andere wieder massiv und gut erhalten. Sie standen früher
verstreut über ganz Europa. Diese Stein- und Holzgebäude, aus allen
Himmelsgegenden zusammengesucht -- der Meister bezeichnete jedes
einzelne -- müssen für ihn wohl einen ganz besonderen Wert haben, sonst
hätte er in diese Gründung schwerlich viele Millionen stecken können.“
„Um des Himmels willen, wieviel besitzt denn dieser Mensch?“ rief ich
erschrocken.
„Ja, wer +das+ wüsste?“ klang da die schwermütige Antwort. „Ich stehe
zehn Jahre in seinem Dienst, und zahlte sicher annähernd 200 Millionen
für Kaufsummen, Entschädigungen, Transportspesen und sonstige Dinge
aus. Agenten wie ich, leben aber in allen Teilen der Welt. Man kann
sich keine, auch nur halbwegs richtige Vorstellung von dem Reichtum
Pateras machen.“ Ich stöhnte.
„Mein Herr, ich glaube Ihnen, aber verstehe nichts. Das klingt alles so
rätselhaft! Nun erzählen Sie, erzählen Sie! Wie lebt man dort?“
„Ich werde versuchen, Ihnen manches zu erklären, -- alles zu sagen
wäre unmöglich, dazu mangelt die Zeit. Ausserdem lebe ich ja nicht
ständig im Staate, sondern nur gelegentlich. Bitte über was wollen Sie
orientiert werden?“
Ich interessierte mich natürlich für ästhetische Fragen. Gautsch
erzählte mir nun das, was er über die Beziehungen zur Kunst im
Traumreiche wusste.
„Besondere Museen, Bildergalerien etc. haben wir nicht. Wertvolle
Kunstwerke werden nicht aufgestapelt, aber im einzelnen werden
Sie gar manches aussergewöhnliche Stück erblicken. Es ist alles
verteilt, sozusagen im Gebrauch. Ich erinnere mich übrigens keines
Falles, dass ein Gemälde, eine Bronze, oder sonst ein Kunstgegenstand
neueren Ursprungs angekauft worden wäre. Die sechziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts bildeten die äusserste Grenze. Bemerken will
ich Ihnen beiläufig, dass ich selbst vor einigen Jahren eine Kiste
guter Holländer -- darunter auch zwei Rembrandts -- hinuntersandte.
Sie müssen also noch dort sein. Patera ist mehr Altertumssammler im
allgemeinen als Kunstsammler, das allerdings im grössten Stile. Wie
Sie wissen, erwirbt er ja sogar ausgedehnte Baulichkeiten. Aber noch
weit mehr! -- Mit einem mir unbegreiflichen Gedächtnis ausgestattet,
erinnert er sich fast aller Gegenstände in seinem Reich. In seinem
Auftrage werden sie von uns Agenten zusammengekauft. Wir erhalten
oft Verzeichnisse der gewünschten Sachen mit genauesten Angaben
aller äusseren Details, ausserdem wo und bei wem diese Dinge sich
befinden. Die oft mit den höchsten Preisen bezahlten Waren wandern dann
sorgfältig verpackt nach Perle. Das gibt viel Arbeit!“, meinte er. „Es
ist mir selbst oft unerfindlich, woher unser Herr seine exorbitanten
Kenntnisse in diesen Dingen nimmt. Trotzdem ich viele Jahre schon in
seinem Dienste stehe und an alles mögliche gewöhnt sein könnte, staune
ich immer wieder. Wertvolles und offenbar alter Schund werden da mit
derselben Hartnäckigkeit verlangt. Wie manches Mal musste ich in
Bürgerfamilien oder bei in der Einsamkeit hausenden Gebirgsbewohnern
nach irgendeinem alten Schmarrn Keller und Speicher durchwühlen.
Die Leute wussten oft selbst gar nicht, dass sie diese Dinge, einen
zerbrochenen Stuhl, ein altes Feuerzeug, ein Pfeifengestell, eine
Eieruhr oder irgend so etwas überhaupt besassen. Manches Mal, wenn der
Gegenstand gar zu unscheinbar war, schenkte man ihn mir lachend. Öfters
hatte ich aber einen schweren Stand, indem die Leute behaupteten, sie
hätten das Gesuchte nicht. Hinterher fand sich’s dann. Schlaue Bauern
machten dabei meist ihren Schnitt. Ja, ich habe viel zu tun. Erst
vorige Woche wurde von mir ein Posten alter Klaviere versandt. Es waren
sehr hergenommene darunter.“
„Ach, ich liebe ja den alten Kram so --“, warf ich hier ein.
„Jawohl, Sie würden sich sicher sehr wohl und ruhig dabei fühlen. -- Es
ist alles da, was man braucht, gutes Essen, nicht zu vergleichen mit
dem schändlichen Zeug, das dem Reisenden sonst im Orient vorgesetzt
wird; man wohnt behaglich und anregende Gesellschaft finden Sie
überall. Sogar ein hübsches Kaffeehaus steht Ihnen zur Verfügung. Was
wollen Sie mehr?“
„Sie haben recht,“ rief ich warm, „es geht nichts über ein geordnetes
einfaches Leben. Aber die Leute, das Volk? Wen trifft man drüben?“ Der
Agent räusperte sich, seine Augengläser blinkten und er fuhr fort:
„Es ist wahr, ich habe mit Ihnen noch nicht von den Menschen
gesprochen. Nun, gerade wie überall, es gibt reizende Personen unter
ihnen!“
„Zum Beispiel?“
„Also da wäre erstens ein gebildeter, solider Bürgerstand, dann die
zahlreiche Beamtenschaft. -- Auch das Militär ist nett und kommt in
Betracht -- -- -- Offiziere sieht man häufig. -- -- Ferner, nicht zu
vergessen, eine grosse Anzahl origineller Privatgelehrter, und endlich
die ganze Reihe nicht bestimmt definierbarer Existenzen -- Artisten,
freie Künstler usw., wie überall .....“
„Und vor allen Dingen mein Freund, der Herr selbst?“ unterbrach ich.
„Den werden Sie wohl nicht so oft treffen. Patera ist zu viel
beschäftigt, überladen mit Arbeit. Bedenken Sie, die Verantwortung! --
Es sind natürlich alles Menschen, welche in das Ganze hineinpassen“,
sprach er rasch weiter. „+Sie+ wurden, so viel ich weiss, erwählt, weil
gewisse Ihrer Zeichnungen einigen Eindruck auf den Meister gemacht
haben. Sie sehen, Sie sind dort nicht ganz unbekannt ...... Um die
Art, den Stil der Lebensführung möglichst rein zu bewahren, ist der
erwähnte strenge Abschluss von der Aussenwelt nötig. Des Meisters feine
Politik gipfelt in der Durchführung. Es gelang tatsächlich bisher, das
Nichthineingehörige von dem Lande fernzuhalten.“
Begeistert pflichtete ich diesen Ideen bei, innerlich bereits
entschlossen, der Einladung zu folgen. Erwartete ich doch schon eine
reiche künstlerische Ausbeute des Abenteuers.
Ein so schwächliches, zweifelhaftes Ding ist des Menschen Herz! Hätte
ich damals, als der Gedanke dieser Zusage in mir keimte, auch nur ein
wenig geahnt, welche Schicksale mir daraus erwachsen würden, so wäre
ich der Aufforderung nicht gefolgt und wäre wahrscheinlich heute ein
anderer Mensch.