III.

Im Grunde kann kein Mensch über sein Temperament hinweg, es wird

immer seine Lebensäusserungen bestimmen. Bei dem meinigen, einem

ausgesprochen melancholischen, lagen Lust und Unlust ganz nahe bei

einander. Seit jeher unterlag ich unvermittelt meist den stärksten

Gefühlsschwankungen. Aus dieser eigentümlichen nervösen Anlage, einem

Erbteil meiner Mutter, schöpfte ich die grösste Lust, aber auch

die bitterste Qual. Diesen Überschwang an Empfindungen erwähne ich

jetzt schon, das wird dem Leser mein Verhalten in manchen späteren

Lebenslagen verständlicher erscheinen lassen.

Ich musste zugeben, dass Gautsch mir jetzt als ganz vertrauenerweckender

Mensch vorkam. Es stand für mich fest, dass er mit Patera in

irgendwelchen Beziehungen stehen müsse, und augenscheinlich war an

dem Traumreich etwas Wahres. Vielleicht habe +ich+ alles falsch

aufgefasst, zu wörtlich genommen? Die Welt ist gross und es ist auch

mir schon viel Kurioses vorgekommen. -- Patera ist jedenfalls sehr

reich, wahrscheinlich handelt es sich hier um irgendeinen Spleen,

eine kostspielig und grosszügig betriebene Liebhaberei. Für mich als

Künstler war so etwas immer sehr plausibel. In plötzlicher Aufwallung

streckte ich Gautsch meine Hand entgegen:

„Verzeihen Sie mir bitte mein sonderbares Benehmen, aber mir wird

jetzt vieles begreiflicher. Ihre Erzählung interessiert mich aufs

lebhafteste. -- Bitte, berichten Sie mir mehr von meinem alten

Schulfreund.“ Dabei schob ich ihm wieder seinen Stuhl zu.

Mein Gast setzte sich und sagte sehr höflich: „Gewiss, ich werde meine

Angaben von vorhin vervollständigen und Ihnen mehr vom Traumstaate und

seinem geheimnisvollen Herrn erzählen.“

„Ich bin gespannt!“

[Illustration]

„Vor zwölf Jahren weilte mein jetziger Herr in dem weitläufigen

Tien-schan oder Himmelsgebirge, welches zu dem chinesischen

Zentralasien gehört. Er oblag dort hauptsächlich der Jagd auf die

äusserst seltenen Tiere, die nur in jenen Gegenden noch vorkommen. Er

wollte unter anderm einen persischen Tiger erlegen, und zwar sollte

es ein Exemplar einer kleineren, ganz besonders langhaarigen Art sein.

Nachdem sich wirklich Spuren gefunden, machte er sich eines Abends

zur Verfolgung auf. Unter Mithilfe des begleitenden Burjäten gelang

es bald, das Tier aufzustöbern. Ehe man aber imstande war, auch nur

einen Schuss abzugeben, stürzte sich die gestörte Bestie auf die

beiden Angreifer. Der Asiate wich rechtzeitig zurück, Patera wurde

niedergeworfen. Da gelang es dem Begleiter noch glücklich, die Gefahr

abzuwenden. Mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe tötete er das Tier.

Patera kam mit einer zerfleischten Hand davon. Die Wunde verursachte

einen längeren Aufenthalt in dieser Gegend. Sie wollte nämlich erst

heilen, als ein alter Mann, Häuptling eines merkwürdigen, blauäugigen

Stammes, seine Kunst an ihr versuchte. Dieser kleine Volksstamm --

er zählte nur etwa hundert Mitglieder -- zeichnete sich auch durch

eine bedeutend hellere Hautfarbe aus. Eingesprengt zwischen eine rein

mongolische Bevölkerung -- die Ausläufer der grossen Kirgisenhorde

-- lebte er gänzlich abgeschlossen und vermischte sich auch nicht

mit den Nachbarvölkern. -- Seltsame, geheimnisvolle Gebräuche sollen

schon damals bei ihnen geherrscht haben, -- aber leider kann ich Ihnen

darüber gar nichts mitteilen. -- Jedenfalls steht es fest, dass Patera

bei ihnen Einlass fand, und sich für sie interessierte; denn, als er

unter Hinterlassung reicher Geschenke wieder fortreiste, geschah das

mit dem Versprechen, bald, sehr bald wieder zu kommen. Die Häuptlinge

begleiteten ihn eine grosse Strecke, und man sagt, der Abschied sei

sehr feierlich gewesen. Unser Herr war tief ergriffen davon. Nach neun

Monaten kehrte er für immer in die Gegend zurück. In seinem Gefolge

befand sich ein hoher Mandarin, sowie ein ganzer Trupp Ingenieure und

Geometer. Man schlug ein grosses Lager in der Nähe der blauäugigen

Freunde des Meisters auf. Diese äusserten die grösste Freude, als

sie ihn wiedersahen. Ein mir bekannter Ingenieur, welcher heute noch

im Traumreiche lebt, schilderte mir einmal diese Begebenheiten. Man

war sehr tätig und das Resultat dieser Anstalten war das Abgrenzen

und der Kauf eines grossen Landkomplexes. Es waren einige tausend

Quadratmeilen, worauf das Traumreich errichtet wurde. Das übrige ist

rasch erzählt. Ein ganzes Heer Kuli arbeitete unter verständiger

Leitung Tag und Nacht. Der Meister trieb fortwährend zur Eile. Zwei

Monate nach seiner Ankunft kamen bereits die ersten Häuser aus Europa,

alle von beträchtlichem Alter und verwohnt. Geistvoll in einzelne

Stücke zerlegt, wurden sie sogleich zusammengesetzt, und auf die

bereits vorher errichteten Fundamente gestellt. Natürlich gab es oft

Kopfschütteln beim Anblick dieser schmutzigen und verräucherten alten

Wände. Das Gold floss aber in Strömen und alles geschah dem Willen des

Herrn gemäss. -- Alles klappte. -- Ein Jahr darauf muss +Perle+,

die Residenzstadt des Reiches, schon fast so ausgesehen haben wie

heute. Alle ehemals ansässigen Stämme zogen mit den Arbeitern ab, die

Blauäugigen blieben.“

Gautsch machte eine Pause.

„Aber ich begreife noch immer nicht“, warf ich da ein. „Nach welchem

System kauft Patera die Häuser?“

„Ja, das weiss ich selbst nicht“, fuhr er fort. „Es sind sämtlich

ältere Objekte; manche sind sogar baufällig und für jeden anderen

wertlos, andere wieder massiv und gut erhalten. Sie standen früher

verstreut über ganz Europa. Diese Stein- und Holzgebäude, aus allen

Himmelsgegenden zusammengesucht -- der Meister bezeichnete jedes

einzelne -- müssen für ihn wohl einen ganz besonderen Wert haben, sonst

hätte er in diese Gründung schwerlich viele Millionen stecken können.“

„Um des Himmels willen, wieviel besitzt denn dieser Mensch?“ rief ich

erschrocken.

„Ja, wer +das+ wüsste?“ klang da die schwermütige Antwort. „Ich stehe

zehn Jahre in seinem Dienst, und zahlte sicher annähernd 200 Millionen

für Kaufsummen, Entschädigungen, Transportspesen und sonstige Dinge

aus. Agenten wie ich, leben aber in allen Teilen der Welt. Man kann

sich keine, auch nur halbwegs richtige Vorstellung von dem Reichtum

Pateras machen.“ Ich stöhnte.

„Mein Herr, ich glaube Ihnen, aber verstehe nichts. Das klingt alles so

rätselhaft! Nun erzählen Sie, erzählen Sie! Wie lebt man dort?“

„Ich werde versuchen, Ihnen manches zu erklären, -- alles zu sagen

wäre unmöglich, dazu mangelt die Zeit. Ausserdem lebe ich ja nicht

ständig im Staate, sondern nur gelegentlich. Bitte über was wollen Sie

orientiert werden?“

Ich interessierte mich natürlich für ästhetische Fragen. Gautsch

erzählte mir nun das, was er über die Beziehungen zur Kunst im

Traumreiche wusste.

„Besondere Museen, Bildergalerien etc. haben wir nicht. Wertvolle

Kunstwerke werden nicht aufgestapelt, aber im einzelnen werden

Sie gar manches aussergewöhnliche Stück erblicken. Es ist alles

verteilt, sozusagen im Gebrauch. Ich erinnere mich übrigens keines

Falles, dass ein Gemälde, eine Bronze, oder sonst ein Kunstgegenstand

neueren Ursprungs angekauft worden wäre. Die sechziger Jahre des

vorigen Jahrhunderts bildeten die äusserste Grenze. Bemerken will

ich Ihnen beiläufig, dass ich selbst vor einigen Jahren eine Kiste

guter Holländer -- darunter auch zwei Rembrandts -- hinuntersandte.

Sie müssen also noch dort sein. Patera ist mehr Altertumssammler im

allgemeinen als Kunstsammler, das allerdings im grössten Stile. Wie

Sie wissen, erwirbt er ja sogar ausgedehnte Baulichkeiten. Aber noch

weit mehr! -- Mit einem mir unbegreiflichen Gedächtnis ausgestattet,

erinnert er sich fast aller Gegenstände in seinem Reich. In seinem

Auftrage werden sie von uns Agenten zusammengekauft. Wir erhalten

oft Verzeichnisse der gewünschten Sachen mit genauesten Angaben

aller äusseren Details, ausserdem wo und bei wem diese Dinge sich

befinden. Die oft mit den höchsten Preisen bezahlten Waren wandern dann

sorgfältig verpackt nach Perle. Das gibt viel Arbeit!“, meinte er. „Es

ist mir selbst oft unerfindlich, woher unser Herr seine exorbitanten

Kenntnisse in diesen Dingen nimmt. Trotzdem ich viele Jahre schon in

seinem Dienste stehe und an alles mögliche gewöhnt sein könnte, staune

ich immer wieder. Wertvolles und offenbar alter Schund werden da mit

derselben Hartnäckigkeit verlangt. Wie manches Mal musste ich in

Bürgerfamilien oder bei in der Einsamkeit hausenden Gebirgsbewohnern

nach irgendeinem alten Schmarrn Keller und Speicher durchwühlen.

Die Leute wussten oft selbst gar nicht, dass sie diese Dinge, einen

zerbrochenen Stuhl, ein altes Feuerzeug, ein Pfeifengestell, eine

Eieruhr oder irgend so etwas überhaupt besassen. Manches Mal, wenn der

Gegenstand gar zu unscheinbar war, schenkte man ihn mir lachend. Öfters

hatte ich aber einen schweren Stand, indem die Leute behaupteten, sie

hätten das Gesuchte nicht. Hinterher fand sich’s dann. Schlaue Bauern

machten dabei meist ihren Schnitt. Ja, ich habe viel zu tun. Erst

vorige Woche wurde von mir ein Posten alter Klaviere versandt. Es waren

sehr hergenommene darunter.“

„Ach, ich liebe ja den alten Kram so --“, warf ich hier ein.

„Jawohl, Sie würden sich sicher sehr wohl und ruhig dabei fühlen. -- Es

ist alles da, was man braucht, gutes Essen, nicht zu vergleichen mit

dem schändlichen Zeug, das dem Reisenden sonst im Orient vorgesetzt

wird; man wohnt behaglich und anregende Gesellschaft finden Sie

überall. Sogar ein hübsches Kaffeehaus steht Ihnen zur Verfügung. Was

wollen Sie mehr?“

„Sie haben recht,“ rief ich warm, „es geht nichts über ein geordnetes

einfaches Leben. Aber die Leute, das Volk? Wen trifft man drüben?“ Der

Agent räusperte sich, seine Augengläser blinkten und er fuhr fort:

„Es ist wahr, ich habe mit Ihnen noch nicht von den Menschen

gesprochen. Nun, gerade wie überall, es gibt reizende Personen unter

ihnen!“

„Zum Beispiel?“

„Also da wäre erstens ein gebildeter, solider Bürgerstand, dann die

zahlreiche Beamtenschaft. -- Auch das Militär ist nett und kommt in

Betracht -- -- -- Offiziere sieht man häufig. -- -- Ferner, nicht zu

vergessen, eine grosse Anzahl origineller Privatgelehrter, und endlich

die ganze Reihe nicht bestimmt definierbarer Existenzen -- Artisten,

freie Künstler usw., wie überall .....“

„Und vor allen Dingen mein Freund, der Herr selbst?“ unterbrach ich.

„Den werden Sie wohl nicht so oft treffen. Patera ist zu viel

beschäftigt, überladen mit Arbeit. Bedenken Sie, die Verantwortung! --

Es sind natürlich alles Menschen, welche in das Ganze hineinpassen“,

sprach er rasch weiter. „+Sie+ wurden, so viel ich weiss, erwählt, weil

gewisse Ihrer Zeichnungen einigen Eindruck auf den Meister gemacht

haben. Sie sehen, Sie sind dort nicht ganz unbekannt ...... Um die

Art, den Stil der Lebensführung möglichst rein zu bewahren, ist der

erwähnte strenge Abschluss von der Aussenwelt nötig. Des Meisters feine

Politik gipfelt in der Durchführung. Es gelang tatsächlich bisher, das

Nichthineingehörige von dem Lande fernzuhalten.“

Begeistert pflichtete ich diesen Ideen bei, innerlich bereits

entschlossen, der Einladung zu folgen. Erwartete ich doch schon eine

reiche künstlerische Ausbeute des Abenteuers.

Ein so schwächliches, zweifelhaftes Ding ist des Menschen Herz! Hätte

ich damals, als der Gedanke dieser Zusage in mir keimte, auch nur ein

wenig geahnt, welche Schicksale mir daraus erwachsen würden, so wäre

ich der Aufforderung nicht gefolgt und wäre wahrscheinlich heute ein

anderer Mensch.

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