Da --, es war in München, wo wir damals wohnten, -- wurde mir an einem
nebligen Novembernachmittag der Besuch eines Unbekannten gemeldet.
„Eintreten!“
Der Besucher war -- soweit ich im Dämmerlichte unterscheiden konnte --
ein Mann von Durchschnittsäusserem, der sich hastig vorstellte:
„Franz Gautsch; bitte, kann ich Sie eine halbe Stunde sprechen?“
Ich bejahte, bot dem Herrn einen Stuhl an und liess Licht und Tee
bringen.
„Womit kann ich dienen?“ und meine anfängliche Gleichgültigkeit
wandelte sich erst in Neugier, dann in Erstaunen, als der Fremde
ungefähr nachfolgendes erzählte:
„Ich werde Ihnen einige Vorschläge machen. Ich spreche nicht für mich,
sondern im Namen eines Mannes, den Sie vielleicht vergessen haben,
der sich Ihrer aber noch gut erinnert. Dieser Mann ist im Besitze
von für europäische Begriffe unerhörten Reichtümern. Ich spreche von
Claus Patera, Ihrem ehemaligen Schulkameraden. Bitte, unterbrechen
Sie mich nicht! Durch einen eigentümlichen Zufall kam Patera zu dem
vielleicht grössten Vermögen der Welt. Ihr einstiger Freund ging nun
an die Verwirklichung einer Idee, welche allerdings eine gewisse
Unerschöpflichkeit der materiellen Mittel zur Voraussetzung hat. --
+Ein Traumreich sollte gegründet werden!+ -- Der Fall ist kompliziert;
ich werde mich kurz fassen.
Zunächst wurde ein geeignetes Areal von 3000 Quadratkilometern
erworben. Ein Drittel dieses Landes ist stark gebirgig, den Rest bilden
eine Ebene und Hügelgelände. Grosse Wälder, ein See und ein Fluss,
teilen und beleben dieses kleine Reich. Eine Stadt wurde angelegt,
Dörfer, Meierhöfe; dazu war sofort ein Bedürfnis vorhanden, denn schon
die Anfangsbevölkerung bezifferte sich auf 12000 Seelen. Jetzt zählt
das Traumreich 65000 Einwohner.“
Der fremde Herr machte eine kleine Pause und nahm einen Schluck Tee.
Ich war ganz still und sagte nur ziemlich betreten:
„Weiter!“
Und ich erfuhr dann folgendes:
„Patera hegt einen ausserordentlich tiefen Widerwillen gegen alles
Fortschrittliche im allgemeinen. Ich sage nochmals, gegen +alles
Fortschrittliche+, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete. Bitte
meine Worte hier möglichst buchstäblich aufzufassen, denn in ihnen
liegt der Hauptgedanke des Traumreiches. Das Reich wird durch eine
Umfassungsmauer von der Umwelt abgegrenzt, und durch starke Werke
gegen alle Überfälle geschützt. Ein einziges Tor ermöglicht den Ein-
und Austritt und macht die schärfste Kontrolle über Personen und
Güter leicht. Im Traumreiche, der Freistätte für die mit der modernen
Kultur Unzufriedenen, ist für alle körperlichen Bedürfnisse gesorgt.
Der Herr dieses Landes ist weit davon entfernt eine Utopie, eine Art
Zukunftsstaat schaffen zu wollen. Anhaltende materielle Not ist,
nebenbei erwähnt, dort ausgeschlossen. Die vornehmsten Ziele dieser
Gemeinschaft sind überhaupt weniger auf Erhaltung der realen Werte, der
Bevölkerung und Einzelwesen gerichtet. Nein, durchaus nicht!.......
aber ich sehe Sie ungläubig lächeln, und in der Tat, es ist fast allzu
schwer für mich, mit trockenen Worten +das+ zu beschreiben, was Patera
mit dem Traumreich eigentlich will.
Zunächst wäre hier zu bemerken, dass jeder Mensch, der bei uns Aufnahme
findet, durch Geburt oder ein späteres Schicksal dazu prädestiniert
ist. Eminent geschärfte Sinnesorgane befähigen ihre Inhaber bekanntlich
zum Erfassen von Beziehungen der individuellen Welt, welche für
Durchschnittswesen, abgesehen von vereinzelten Momenten, einfach nicht
vorhanden sind. Und sehen Sie, gerade diese sozusagen unvorhandenen
Dinge bilden die Hauptessenz unserer Bestrebungen. Im letzten und
tiefsten Sinne ist es die unergründliche Weltenbasis, welche die
Traumleute, -- so nennen sie sich --, keinen Augenblick ausser acht
lassen. Normalleben und Traumwelt sind vielleicht Gegensätze und
eben diese Verschiedenheit macht eine Verständigung so schwer. Auf
die Frage: Was geschieht eigentlich im Traumlande? Wie lebt man
dort? müsste ich schlechterdings schweigen. Ich könnte Ihnen nur die
Oberfläche schildern, aber zum Wesen des Traummenschen gehört es ja
gerade, dass er in die Tiefe strebt. Alles ist auf ein möglichst
durchgeistigtes Leben angelegt; Leid und Freud der Zeitgenossen
sind dem Träumer fremd. Sie müssen ihm von seinem ganz anderen
Wertungsmassstab aus natürlich fremd bleiben. Am ehesten dürfte noch,
wenigstens vergleichsweise, der Begriff ‚Stimmung‘ den Kern unserer
Sache treffen. Unsere Leute erleben nur Stimmungen, besser noch, +sie
leben nur in Stimmungen+; alles äussere Sein, das sie sich durch
möglichst ineinandergreifende Zusammenarbeit nach Wunsch gestalten,
gibt gewissermassen nur den Rohstoff. Dass dieser nicht ausgeht, dafür
ist selbstverständlich überreichlich gesorgt. Doch glaubt der Träumer
an nichts als an den Traum, -- +an seinen Traum+. Dieser wird bei uns
gehegt und entwickelt, ihn zu stören wäre unausdenkbarer Hochverrat.
Darum auch die strenge Sichtung der Personen, die eingeladen werden,
an diesem Gemeinwesen teilzunehmen. Um mich kurz zu fassen und zu Ende
zu kommen“ -- hier legte Gautsch seine Zigarette fort und blickte mir
ruhig ins Gesicht:
„+Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich
als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedelung in sein Land zu
überreichen.+“
Die letzten Worte sprach mein Besucher etwas lauter und sehr förmlich.
Und nun schwieg dieser Mensch und auch ich war vorerst still, was jeder
meiner Leser begreifen wird. Fast zwingend hatte sich mir nämlich der
Gedanke aufgedrängt, einem Irrsinnigen gegenüber zu sitzen. Es war
mir wahrhaftig recht schwer, meine Aufregung zu verbergen. Scheinbar
spielend rückte ich die Lampe aus dem unmittelbaren Bereich meines
Besuchers, zugleich entfernte ich geschickt einen Zirkel sowie ein
kleines Radiermesser, -- spitze, gefährliche Gegenstände --.
Die ganze Situation war entschieden äusserst peinlich. Beim Anfang
der Traumgeschichte hatte ich an einen Scherz gedacht, den sich
irgendein Bekannter mit mir erlauben wollte. Leider schwand dieser
Hoffnungsschimmer immer mehr, und seit zehn Minuten überlegte ich
krampfhaft meine Chancen. Zwar wusste ich, das beste bei Geisteskranken
sei immer, auf die fixen Ideen einzugehen. Aber trotzdem! ich bin
durchaus kein Riese, ich bin ein schüchterner, ein schwächlicher
Mensch im Grunde! Und da sitzt dieser schwere Gautsch, mit korrekter
Assessorenphysiognomie, Kneifer und blondem Spitzbart in meinem Zimmer!
So ungefähr waren damals meine Gedanken. Und sagen musste ich nun auch
etwas, mein Gegenüber wartete ja darauf. Bei einem Tobsuchtsanfall
konnte ich schlimmstenfalls immer noch die Lampe ausblasen und mich
leise aus dem mir wohlbekannten Raume stehlen.
„Gewiss, gewiss! ich bin begeistert! ich werde nur noch mit meiner
Frau Rücksprache nehmen. Morgen, Herr Gautsch, erhalten Sie dann meine
Antwort.“ Ich redete so in begütigendem Tone und erhob mich. Mein Gast
blieb aber ganz ruhig sitzen und sagte trocken:
„Sie missverstehen unsere gegenwärtige Lage, das finde ich begreiflich.
Höchst wahrscheinlich schenken Sie mir keinen Glauben, wenn nicht gar
Ihre mühsam zurückgehaltene Aufregung auf einen noch ärgeren Verdacht
mir gegenüber hindeutet. Ich versichere Sie, ich bin ganz gesund, so
gesund wie nur je irgendeiner. Was ich Ihnen mitteilte, ist vollster
Ernst; dass es merkwürdig, wunderbar klingt, nun ja, gebe ich gerne
zu. Vielleicht werden Sie ruhiger, sobald Sie sich +dieses+ angesehen
haben.“
Dabei zog er ein kleines Paket hervor und legte es vor mich auf den
Tisch. Ich las meine genaue Adresse, erbrach das Siegel, und hielt ein
glattes Lederetui von graugrüner Farbe in den Händen. Darin befand sich
eine kleine Miniature, ein auffallend charakteristisches Brustbild
eines jungen Mannes. Braune Locken umringelten ein Antlitz merkwürdig
antiker Prägung; gross, überhell, gerade aus dem Bilde heraus, starrten
mich die Augen an: -- das war unstreitig Claus Patera!..... In den
zwanzig Jahren, die wir uns nicht mehr gesehen, hatte ich kaum einmal
an diesen für mich verschollenen Schulfreund gedacht. Beim Anblick
seines sehr ähnlichen Porträts schrumpfte diese beträchtliche Zeitpause
in meinem Geist zusammen. Vor mir tauchten die langen, gelbgestrichenen
Korridore des Salzburger Gymnasiums auf, ich sah wieder den alten
Schuldiener mit dem würdigen Kropf, nur mühsam verdeckt durch eine
raffinierte Bartkultur. Ich sah mich wieder, mitten unter den Jungen,
und mitten drin auch Claus Patera, geschändet durch einen steifen
Filzhut, ein Zwangskleidungsstück, dem verworrenen Geschmack seiner
Ziehtante entsprungen.
„Woher haben Sie dieses Bild?“ rief ich, unwillkürlich von froher,
neugieriger Stimmung gepackt.
„Ich sagte es Ihnen doch!“ antwortete mir mein Gegenüber. „Und Ihre
Furcht scheint auch geschwunden zu sein“, fuhr er mit einem gutmütigen,
harmlosen Lächeln fort.
„Aber das ist ja ein Unsinn, ein Scherz, ein Schwindel!“ kam es mit
Lachen aus mir hervor. Herr Gautsch erschien mir nämlich in diesem
Moment als ein durchaus normaler und ehrbarer Mensch. Eben rührte
er bedächtig in seiner Teetasse. Sicher steckte irgendein Witz
hinter dieser Sache, später wollte ich das schon aufklären! Meine
Einbildungskraft hatte mir natürlich da wieder einen netten Streich
gespielt! Wie konnte man auch so schnell einen braven Mann für verrückt
halten, nur wegen einer solchen Geschichte? Früher hätte ich so etwas
mit gleichwertigem Humor pariert. Du lieber Gott, man wird also älter!
Ich war völlig heiter und aufgeräumt geworden.
„An das Bild glauben Sie aber wohl?“ sprach Gautsch. „Ihr Freund,
den es darstellt, hatte die verschiedensten Schicksale. Er machte
nur einige Klassen der Lateinschule in Salzburg durch; mit vierzehn
Jahren entlief er seiner Ziehtante und trieb sich in Gesellschaft von
Zigeunern in Ungarn und am Balkan herum. Zwei Jahre später gelangte
er nach Hamburg -- damals war er Tierbändiger -- vertauschte diesen
Beruf jedoch gegen den eines Seemannes, und liess sich als Schiffsjunge
von einem kleinen Kauffahrer heuern. So gelangte er schliesslich nach
China. Das Schiff lag mit vielen anderen in Kanton; man brachte Hirse
und Reis, um einer drohenden Teuerung zuvorzukommen. Nach gelöschter
Ladung musste das Fahrzeug noch einige Tage im Hafen bleiben, weil für
Europa bestimmte Güter -- menschliches Haar und eine neue Art feiner
Porzellanerde -- noch nicht versandbereit waren.
Diese Mussezeiten benützte Patera zu häufigen Ausflügen in das Land.
Bei einer solchen Gelegenheit rettete er eine vornehme Chinesin, eine
ältere Dame, vor dem Tode des Ertrinkens. Im Überschwemmungsschlamm
ausgeglitten, hätte die alte Frau in einem Seitenkanal des
Kantonflusses bestimmt ihr Ende gefunden. Anwesende Zopfträger --
sie können fast nie schwimmen -- rangen zwar die Hände und schrien,
wagten sich aber doch nicht in die braunen, trüben Fluten. Ihr
zufällig vorübergehender Freund -- ein Meister im Tauchen -- sprang
kurz entschlossen ins Wasser, und nach hartem Kampfe mit den Wellen
schleppte er die Bewusstlose ans Land. Die Frau wurde ins Leben
zurückgerufen. Sie war die Gattin eines der reichsten Männer der
Erde. Dieser, ein gebrechlicher Greis, den man in einer Sänfte rasch
herbeigetragen hatte, umarmte wortlos den jugendlichen Retter. Patera
wurde in ein grosses Landhaus geführt. Welche Verhandlungen dort
gepflogen worden sind, wissen wir nicht. Kurz Hi-Yöng, der selbst ohne
Nachkommen war, nahm den armen Schiffsjungen an Sohnes Statt an und
behielt ihn gleich bei sich im Hause. Nach weiteren drei Jahren, von
denen wir nur wissen, dass Reisen in die unbekannten, inneren Teile
Asiens unternommen wurden, sehen wir Patera um seine Adoptiveltern
trauern: Hi-Yöng und seine Frau waren am gleichen Tage gestorben. Der
Erbe befand sich nun im Alleinbesitze von unermesslichen, fabelhaften
Schätzen.“
„Und jetzt kommt wohl das Traumreich an die Reihe,“ warf ich immer
noch belustigt ein; „die Idee ist entschieden neu; wenn Sie erlauben,
so gebe ich sie einem literarischen Freunde, daraus liesse sich sicher
etwas ganz Hübsches machen. -- Darf ich bitten?“ Und ich offerierte
dem Fremden eine Zigarette. Mein Gast dankte, seufzte ein wenig
geschäftsmässig auf und bemerkte alsdann in vollkommen ruhigem, klarem
Tone:
„Wie schon gesagt, es leuchtet mir wohl ein, dass Sie mich für
irgendeinen Aufschneider oder Märchenerzähler halten. Aber schliesslich
bin ich nicht gekommen, um Sie von der Tatsache des Traumstaates
zu überzeugen, sondern um Sie im Namen eines höheren Auftraggebers
einzuladen. Ich habe meine Mission vorläufig erfüllt. Wenn Sie meinen
Darlegungen schon absolut keinen Glauben schenken wollen, kann ich
heute auch nichts dagegen machen. Auf jeden Fall bitte ich, mir eine
Bestätigung über den richtigen Empfang des Bildes zu geben. Es ist sehr
möglich, dass ich in allernächster Zeit für Sie weitere Aufträge zu
entrichten haben werde.“
Gautsch erhob sich mit einer leichten Verbeugung. Ich muss bekennen,
er erschien mir so in seiner Einfachheit durchaus nicht wie ein
Schwindler. Und das Etui hielt ich ja in den Händen. Beim nochmaligen
Öffnen fühlte ich eine vorher übersehene Lederklappe, darunter standen
auf einem Kartonblatt in Tinte die Worte: -- +Wenn du willst, so
komme+ --!
Und abermals durchzuckte mich ganz leise und traumhaft ein Bild aus
längst entschwundener Vergangenheit. So, so auseinanderstrebend,
zerfahren und gleichsam unbeholfen, zu gross, so, genau so war doch
die Schrift meines alten Schulkameraden gewesen -- „desperat“ nannte
sie einmal ein Lehrer. Gewiss waren diese fünf Worte in festeren Zügen
hingesetzt, doch der Schreiber war offenbar derselbe. Ein seltsames
Unbehagen erfasste mich jetzt, -- eiskalt starrte dieses schöne Gesicht
mich an. In diesen Augen konnte man sich verfangen, es war etwas
Katzenhaftes darin. -- -- -- Meine vorherige Lustigkeit war dahin,
fremd und unklar war mir zumute. Gautsch stand noch da und wartete, er
musste wohl meine innere Erregung bemerkt haben, denn er beobachtete
mich aufmerksam.
Wir schwiegen noch immer.