»Ich denke, im Juli oder August.«

Da küßte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und

war, noch bevor er den Weißwein genossen hatte, so trunken, daß er die

Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein

hundertfach sah.

Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daß Hilde

eine »gebor’ne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes

und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den

strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von

dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten,

und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der

Welt keinen Klang hat, so wußte Asmus doch, daß ihm nie ein schönerer

Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln.

Diesem großen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein großer und

stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen.

Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er

erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über

die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es

gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an

seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem

»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern

Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg

weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem

Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken

essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem

Tage, da der Justizrat quer über die Straße auf seinen Vater

zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist

tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig

Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen,

daß er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber

da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich

beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daß er schon länger an

Appetitlosigkeit leide und daß sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt

kriegen könne.

Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daß sein

Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause

geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte

Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann

holen wir euch einfach in der Droschke; wir haben’s ja!« Und er dachte

sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph

einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er

beruhigt heim.

Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er

konnte nicht mehr arbeiten, saß in seinem alten Lehnstuhl und mochte

nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau

Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den größten Teil des Tages.

Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.

Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal –?

Nein, einen so harten Zoll konnt’ es nicht fordern; so grausam konnt’

es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-,

neunzigjähriger Greis wäre, dann müßte man sich mit der Notwendigkeit

versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal

diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig

fremde Menschen mußten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus

vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als

Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen

gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht.

Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen:

»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der

unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte

er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des

Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater

gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm

zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte

gesehen, wie er sich freute, und daß dieser Mann, der sein ganzes

reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal

vor aller Welt die Ehren genoß, die ihm gebührten, das war doch von

allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.

Und sollte das die letzte große Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen

sein? Nein, nicht die letzte.

Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde

mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saß er schlafend

im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten

Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete.

Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und

verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach,

öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so

groß und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.

»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem

Staunen.

Sie sagten ihm, daß es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und

seine eigene Enkelin.

Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze

Gesicht des Leidenden das große, unerschöpflich gütige Lächeln, das

über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne

geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der

Kranke war wieder entschlummert.

Die Besucher schlichen hinaus, und draußen nahm Asmus seine Mutter auf

die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«

Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach

Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, –

ich werd’ ja verrückt, wenn ich bloß daran denke!«

Das machte Asmus vom Kopf bis zu den Füßen erstarren. Über all seine

Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde

vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen

Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum

Arzt.

»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine

Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«

»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, – Sie

sind ja auch nur ein Mensch, – Sie müssen sich in meine Lage

versetzen, – es ist mein Vater, – würden Sie es mir übelnehmen, wenn

ich noch einen zweiten Arzt befragte?«

»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich

unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt –«

Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig

empfohlen war. Der ließ ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?

Der Doktor Soundso.

Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da

solle.

Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.

Semper der Jüngling · 第 281 / 292 题