Da küÃte er sie unzählige Male und zog sie in das Weihnachtszimmer und
war, noch bevor er den WeiÃwein genossen hatte, so trunken, daà er die
Lichter des Tannenbaumes nicht doppelt, nein siebenfach, nein
hundertfach sah.
Rebekka Semper fand den Karpfen köstlich, fand überhaupt, daà Hilde
eine »geborâne Köchin« sei, und Ludwig Semper lächelte sein stillstes
und innigstes Lächeln, als habe er den Weg zurückgefunden zu den
strahlenden Tannenbäumen seines Elternhauses. Er sprach mit Asmus von
dessen Gedichten und nannte die, die ihm besonders gefallen hatten,
und obwohl eines Vaters Beifall zu den Werken seines Sohnes vor der
Welt keinen Klang hat, so wuÃte Asmus doch, daà ihm nie ein schönerer
Lorbeer gedeihen könne als dieses schweigsamen Mannes Lob und Lächeln.
Diesem groÃen und stillen Herzen zu gefallen, das war ein groÃer und
stiller Ruhm. Aber nur ein Semper konnte das wissen.
Ludwig Semper war aufgeräumt und gesprächig wie seit langem nicht; er
erzählte, wie Asmus einst mit kleinen Kinderschrittchen neben ihm über
die Wiese getrippelt sei und gerufen habe: »O Vater, hier ist es
gerade so wie dein Geburtstag!« wie der Kleine unzählige Male an
seinen Arbeitstisch gekommen sei und ihm nach Wunsch aus dem
»Freischütz«, aus der »Nachtwandlerin« und wohl aus zwanzig andern
Opern vorgeblasen, was er aufgefangen habe, ja, Ludwig Semper stieg
weit in die eigene Kindheit hinab und sprach von seinem Vater, dem
Kaufmann Carsten Semper, auf dessen Diele jeder Besucher Schinken
essen und Kornschnaps trinken konnte, ohne zu bezahlen, und von dem
Tage, da der Justizrat quer über die StraÃe auf seinen Vater
zugelaufen kam und rief: »Wissen Sie schon, Herr Semper, Goethe ist
tot!« Es war wie Sammlung und Rückblick in diesen Reden Ludwig
Sempers; aber die Seinen merkten es nicht. Wohl war ihnen aufgefallen,
daà er die Speisen kaum berührt hatte, selbst die Karpfen nicht; aber
da er ihre Besorgnis mit Lachen zurückwies, so hatten sie sich
beruhigt. Freilich hatte Frau Rebekka erklärt, daà er schon länger an
Appetitlosigkeit leide und daà sie ihn »natürlich« nicht zum Arzt
kriegen könne.
Als Asmus seine Eltern am Sylvestertage besuchte, hörte er, daà sein
Vater sich von der Weihnachtsfeier nur mit unsäglicher Mühe nach Hause
geschleppt habe. »Ich werde den Weg nicht wieder machen können,« sagte
Ludwig Semper mit wehmütigem Lächeln. »Ei was!« rief Asmus, »dann
holen wir euch einfach in der Droschke; wir habenâs ja!« Und er dachte
sich, welch eine Lust es sein werde, die »Alten« im Triumph
einzuholen, zu Wagen, wie ein Fürstenpaar! Und noch einmal ging er
beruhigt heim.
Beim nächsten Besuch fand er seinen Vater zum Schlimmen verändert. Er
konnte nicht mehr arbeiten, saà in seinem alten Lehnstuhl und mochte
nicht sprechen. Seine Gesichtsfarbe war grau geworden, und wie Frau
Rebekka mit Kümmernis erzählte, schlief er den gröÃten Teil des Tages.
Sein Appetit war nicht zurückgekehrt.
Mit Bangen im Herzen ging Asmus diesmal davon. Sollte das Schicksal â?
Nein, einen so harten Zoll konntâ es nicht fordern; so grausam konntâ
es sein Glück nicht verkürzen wollen! Ja, wenn es ein achtzig-,
neunzigjähriger Greis wäre, dann müÃte man sich mit der Notwendigkeit
versöhnen. Aber mit siebenundsechzig Jahren konnte das Schicksal
diesen Mann nicht hinraffen wollen, diesen Mann nicht! Selbst völlig
fremde Menschen muÃten dem Zauber dieses Mannes huldigen. Als Asmus
vor nicht langer Zeit im Lehrerverein geredet und die Kunst als
Erzieherin proklamiert hatte und auch sein Vater als Gast zugegen
gewesen war, da hatte die Versammlung dem Redner ein Hoch gebracht.
Gleich darauf aber hatte sich der Vorsitzende erhoben und gesprochen:
»Ich glaube, nicht fehlzugehen, wenn ich in dem ehrwürdigen Manne, der
unserm Semper zur Seite sitzt, seinen Vater vermute.« Und dann hatte
er mit kühner, launiger und geschickter Psychologie aus dem Wesen des
Sohnes ein Bild des Vaters konstruiert und hatte diesen Vater
gefeiert, und mit brausendem Hurra hatte die Versammlung ihm
zugestimmt. Asmus hatte heimlich nach seinem Vater geschielt und hatte
gesehen, wie er sich freute, und daà dieser Mann, der sein ganzes
reiches Pfund in Weltabgeschiedenheit vergraben hatte, nun doch einmal
vor aller Welt die Ehren genoÃ, die ihm gebührten, das war doch von
allen Erfolgen Asmussens der beglückendste gewesen.
Und sollte das die letzte groÃe Freude im Leben Ludwig Sempers gewesen
sein? Nein, nicht die letzte.
Als Asmus wieder nach Oldensund kam, waren Hilde und die kleine Isolde
mit ihm. Und als sie zu dem Vater ins Zimmer traten, saà er schlafend
im Lehnstuhl; er erwachte auch nicht von ihrem Eintritt. Bekümmerten
Herzens hörten sie, was Mutter Rebekka mit leisem Weinen berichtete.
Er schlafe fast den ganzen Tag, sei nicht zum Essen zu bewegen und
verstehe oft gar nicht, was man zu ihm sage. Während sie noch sprach,
öffnete der Kranke die Augen; immer weiter öffnete er sie, bis sie so
groà und freundlich waren wie in seinen besten Tagen.
»Wem gehört das allerliebste Kind?« fragte er leise, mit frohem
Staunen.
Sie sagten ihm, daà es ja Isolde sei, Asmussens und Hildens Kind und
seine eigene Enkelin.
Da verbreitete sich noch einmal von diesen Augen aus über das ganze
Gesicht des Leidenden das groÃe, unerschöpflich gütige Lächeln, das
über Asmussens ganzer Kindheit wie eine treulich wiederkehrende Sonne
geleuchtet hatte, und dann schlossen sich die Augen wieder, und der
Kranke war wieder entschlummert.
Die Besucher schlichen hinaus, und drauÃen nahm Asmus seine Mutter auf
die Seite und fragte: »Was sagt denn der Arzt?«
Da konnte sich Rebekka nicht mehr halten: laut jammernd rief sie: »Ach
Gott, der schreckliche Mensch sagt, es wäre vielleicht Magenkrebs, â
ich werdâ ja verrückt, wenn ich bloà daran denke!«
Das machte Asmus vom Kopf bis zu den FüÃen erstarren. Ãber all seine
Befürchtungen hatte immer wieder die Hoffnung gesiegt, es werde
vorübergehen. Dieser Schlag betäubte ihn. Aber nur für einen
Augenblick. Er schickte Hilden und das Kind nach Hause und rannte zum
Arzt.
»Ja,« sagte der, »alle Anzeichen sprechen dafür. Ich habe keine
Magensäure gefunden, das ist das sicherste Symptom.«
»Herr Doktor,« stammelte Asmus, »Sie dürfen mir nicht zürnen, â Sie
sind ja auch nur ein Mensch, â Sie müssen sich in meine Lage
versetzen, â es ist mein Vater, â würden Sie es mir übelnehmen, wenn
ich noch einen zweiten Arzt befragte?«
»Durchaus nicht,« versetzte der Arzt, »Sie machen sich freilich
unnötige Kosten; aber wenn es Sie beruhigt â«
Asmus eilte zu einem Altenberger Arzt, der ihm als besonders tüchtig
empfohlen war. Der lieà ihn kühl an. Wer denn seinen Vater behandle?
Der Doktor Soundso.
Ja, das sei ja ein sehr tüchtiger Arzt. Er wisse nicht, was er da
solle.
Asmus flehte ihn an, er möchte doch kommen.