aber das schien ihm denn doch zu deutlich, und er machte ein goldenes
Haar daraus; dann konnte sie das ganze Gedicht auch auf eine andere
beziehen. Daà man hübschen jungen Mädchen keine solchen Gedichte
schenkt, wenn sie sich auf andere beziehen, das fiel ihm nicht ein.
Seine geistige Begabung lag auf anderen Gebieten.
Als er den Briefumschlag mit der Zunge feuchtete, hielt er plötzlich
inne und starrte vor sich hin. War es nicht eigentlich unwürdig, ihr
das Gedicht so hinterrücks durch den Postboten zuzustellen? War es
nicht männlicher, einfach vor sie hinzutreten und zu sagen: Hier ist
das Gedicht!? Aber, wenn Sieâs dann las â nein, nein, nein, nein! Dann
war es noch männlicher, ihr ins Gesicht zu sagen: »Hilde Chavonne, ich
liebe dich!« und das konnte er eben nicht. War das Feigheit? O, wenn
es nicht Hilde, wenn es Drögemüller wäre, dann wollte er schon zeigen,
daà er offen und mutig die Stirn zeigen konnte. Aber Hilde â â wenn
das feige war, dann war es eben feige, daran war nichts zu ändern. Er
schloà den Brief und steckte ihn ein. Aber als er ihn fallen hörte, da
warâs ihm, als höre er auch sein Herz in den Kasten fallen. Es war
doch eine Riesenkühnheit. Wenn sie jetzt zürnte â nun, dann liebte sie
ihn nicht, dann war alle Hoffnung zu Ende.
Wenn sie ihm aber nicht zürnte â was war damit bewiesen?
Eigentlich nichts. â Nun, man würde ja sehen.