XLVIII. Kapitel.

»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des

Johannes.« Johannes Chrysostomos

Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau

Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den

Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die

junge Dame saß mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte

Asmus zu bemerken, daß sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie,

als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daß

er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild

hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes

Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht

allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen

davon, daß Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er

nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann

sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem

harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein

paar balsamische Komplimente.

Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht

gehört – möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?«

Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf

die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers

Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleißige und praktische Frau

und ließ auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht

ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte,

ließ schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoß sinken und

horchte mit großen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch

jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich

Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für

nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld

indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung

entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie

konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und

nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wußte sie ganz gut,

daß in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas

paßte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens

mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daß es

sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende

Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani,

Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht.

Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden

Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit

Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und

Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren

alle darin, daß Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die

Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war

überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas

Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen.

Von nun an mußte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen

war, daß er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge

und wie ein Hamburger Ewerführer, da mußte er Groth und Reuter lesen.

Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde

Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen

sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein

kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte

immer das Übergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem

Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem

Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere

Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint.

Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser

Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick

vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn

zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust

oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er

aber von traurigen Dingen las und – anfangs zufällig, bald mit Absicht

– die Augen über den Rand des Buches hinausgehen ließ, dann sah er

ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer,

von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares

Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine:

Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den

unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens.

Es ist klar, daß ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den

Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren

Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater,

in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten

gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten

hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte

hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte

Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum

Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem

Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muß ein

Magnet sein.«

Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag

gar zu verlockend ins Fenster lachte, ließen sie Bücher Bücher sein,

wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und

ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen

Hildes hatte er gehört, daß ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt

habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt

und sich von der kaum erfaßten Reckstange wieder hatte fallen lassen,

da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie

vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben,

und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine

Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die

Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und

wieder der gnädigen Frau zu erinnern.

Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin

für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun

aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen Füßen, in

flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da

schien ihm, daß die Welt wohl überhaupt schön sei, daß sie aber noch

nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und

körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem,

was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daß er

plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem

unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht

erweckt haben, daß ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen

nicht gleichgültig sei, und daß sie wie jedes junge, schöne, tanzende

Weib um den Kopf eines Mannes tanze.

Und gewiß hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel

entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem

Heimwege traf, daß sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder

jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie

schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben

hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung

oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine

Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe

dich – ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten.

»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist

ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte

heißen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur

Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm

zu wie ein eifriger Souffleur: »Sag’ es ihr, sag’ es ihr, tu den Mund

auf – es ist gar nicht schwer – und sag: »Süße Hilde, ich hab’ dich

lieb!« – »Wie kann ich denn ‘du’ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus.

»Meinetwegen sag’ ‘Sie’«, entgegnete das Herz, »aber sag’ etwas!«, und

dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch

bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie

_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie

hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie

vorbeigegangen.

Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu

machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug

unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In

einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum

Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran

gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem Strauße zu ordnen, als

Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern

beschäftigt.

Semper der Jüngling · 第 201 / 292 题