»Wiederum tanzt eine Salome: wiederum heischt sie das Haupt des
Johannes.« Johannes Chrysostomos
Als die beiden Männer in das Wohnzimmer traten, fanden sie Frau
Mansfeld mit einer Handarbeit, Fräulein Chavonne mit den
Vorbereitungen zum Unterricht des folgenden Tages beschäftigt. Die
junge Dame saà mit dem Rücken gegen das Licht; aber gleichwohl glaubte
Asmus zu bemerken, daà sie erschrecke und erblasse. Zwar lächelte sie,
als sie ihm dann die Hand gab; er zweifelte aber doch nicht daran, daÃ
er ihr unangenehm und unwillkommen sei. Mansfeld holte sein Bild
hervor, und Asmus nahm es in Augenschein; wäre er verpflichtetes
Mitglied einer Jury gewesen, so würde der gute Mansfeld wohl nicht
allzuviel Schmeichelhaftes zu hören bekommen haben; aber abgesehen
davon, daà Asmus sich durchaus nicht als Kenner fühlte, gehörte er
nicht zu jenen »unentwegten« Bekennern, die die Wahrheit auch dann
sagen, wenn sie nur verletzt und keinem nützt; er machte also dem
harmlosen Dilettantismus Mansfeldens neben einigen Ausstellungen ein
paar balsamische Komplimente.
Nach dem Abendessen sagte Mansfeld: »Ich habe Sie so lange nicht
gehört â möchten Sie nicht ein Gedicht sprechen?«
Asmus, ohne sich zu zieren, stand auf und sprach, zwar in Hinblick auf
die Anwesenheit der Damen mit einiger Befangenheit, »Des Sängers
Fluch«. Frau Mansfeld war eine überaus fleiÃige und praktische Frau
und lieà auch während des furchtbarsten Fluches die Häkelnadel nicht
ruhen; Hilde aber, die inzwischen zu einer Stickerei gegriffen hatte,
lieà schon nach den ersten Versen die Hände in den Schoà sinken und
horchte mit groÃen Augen. Nun schlug Mansfeld vor, man möchte doch
jede Woche einmal zusammenkommen und etwas Gutes lesen, namentlich
Dramatisches; er komme fast nie ins Theater, und Asmus setzte für
nächsten Mittwoch »Emilia Galotti« aufs Repertoire. Frau Mansfeld
indessen, die die Claudia lesen sollte, lehnte jede Beteiligung
entschieden ab; sie wollte mit dem Theater nichts zu tun haben. Sie
konnte sich nicht verstellen; sie war Frau Mansfeld aus Hamburg und
nicht Claudia Galotti aus Italien, und überdies wuÃte sie ganz gut,
daà in dem Stück ein junges Mädchen verführt werden sollte. So etwas
paÃte sich nicht für eine Lehrersfrau, und im Grunde ihres Herzens
mochte sie es etwas »frei« von dem Fräulein Chavonne finden, daà es
sich auf Asmussens Bitte bereit erklärte, sogar das zu verführende
Mädchen selbst zu verkörpern. Asmus las den Prinzen und Appiani,
Mansfeld den Marinelli und den Odoardo; aber es ging doch nicht.
Dieser las nämlich den Marinelli wie einen stellungsuchenden
Schneidergesellen, und sein Odoardo wäre durch ein gutes Glas Bier mit
Leichtigkeit zu besänftigen gewesen. Er sah das auch selbst ein, und
Asmus widersprach seiner Selbstkritik mit keinem Wort. Einig waren
alle darin, daà Fräulein Chavonne die Angst Emiliens und die
Eifersucht der Gräfin Orfina vorzüglich gelesen habe. Asmus war
überrascht: hatte sie schon einmal Eifersucht empfunden? Es war etwas
Echtes und Elementares in ihrem Vortrag gewesen.
Von nun an muÃte Asmus allein lesen, und als man dahinter gekommen
war, daà er plattdeutsch reden könne wie ein Oldensunder Bauernjunge
und wie ein Hamburger Ewerführer, da muÃte er Groth und Reuter lesen.
Und als er die nun las, da machte er eine wundersame Entdeckung: Hilde
Chavonne konnte lachen! Natürlich hatte er sie auch sonst schon lachen
sehen; aber immer hatte nur ein Teil ihres Wesens gelacht, und nur ein
kleinerer Teil; der tiefe, fast traurige Ernst ihres Wesens hatte
immer das Ãbergewicht behalten; es war immer ein Lachen mit ernstem
Grundton gewesen, nicht jenes Lachen des ganzen Menschen, das aus dem
Mittelpunkt unseres Wesens elementar hervorbricht und alle unsere
Seelen- und Körperteile kräftig durcheinander zu schütteln scheint.
Und sie selbst schien beseligt, berauscht von der Entdeckung dieser
Kraft wie ein Kind, dem man zur Weihnacht beschert; wenn er den Blick
vom Buche erhob und in ihr lachendes Gesicht sah, dann glühten ihn
zwei jauchzende Augen an, und niemand hätte sagen können, ob es Lust
oder Dankbarkeit sei, was ihnen den feuchten Schimmer gab. Wenn er
aber von traurigen Dingen las und â anfangs zufällig, bald mit Absicht
â die Augen über den Rand des Buches hinausgehen lieÃ, dann sah er
ihre Augen auf sich ruhen, als wäre es _sein_ Leid und _sein_ Kummer,
von dem er gelesen. Und obgleich die beiden Mansfeld ein dankbares
Publikum waren, dachte er bald bei allem, was er las, nur das eine:
Wie wird es _ihr_ in die Seele klingen? fühlte er bei jedem Wort den
unhörbaren Widerhall _ihres_ Herzens.
Es ist klar, daà ein Ereignis oder eine Erwägung, die ihn von den
Mittwoch-Besuchen hätte zurückhalten können, bald zu den undenkbaren
Dingen gehörte. Zu Hause und unter den Freunden, in Konzert und Theater,
in Wissenschaft und Kunst gab es keine Freuden, und am allerwenigsten
gab es unter dem himmlischen Gezelte Naturerscheinungen, die ihn hätten
hindern können, am Mittwoch nachmittag nach dem ländlichen Vororte
hinauszupilgern, in dem die Mansfelds wohnten. Die altgeheiligte
Ordnung des Wochenreigens hatte sich verkehrt; der Mittwoch war zum
Sonntag geworden. Sehr schlau bemerkte Frau Rebekka eines Tages mit dem
Scharfblick des Weibes und der Mutter: »Da bei den Mansfelds, da muà ein
Magnet sein.«
Mit dem Magnet hatte es seine Richtigkeit. Wenn der Sommernachmittag
gar zu verlockend ins Fenster lachte, lieÃen sie Bücher Bücher sein,
wanderten zu vieren hinaus nach Eppendorf, Lokstedt oder Niendorf und
ergaben sich auf einer Wiese dem Reifenspiel. Von den Freundinnen
Hildes hatte er gehört, daà ihr Turnlehrer sie immer vor allen gerühmt
habe wegen ihrer Anmut; eines Tages, als sie sich zu schwach gefühlt
und sich von der kaum erfaÃten Reckstange wieder hatte fallen lassen,
da hatte der Lehrer gerufen: »Fräulein Chavonne fällt sogar mit Grazie
vom Reck!« Asmus konnte dem Manne nur von ganzem Herzen recht geben,
und wie der »Magnet« beim Lesen seine Blicke, seine Stimme, seine
Gedanken anzog, so flogen ihm jetzt die meisten der Reifen zu, die
Asmus zu versenden hatte, wenn er auch galant genug war, sich hin und
wieder der gnädigen Frau zu erinnern.
Ein Spiel auf grünem Rasen in heller Sommerluft, das war nun ohnehin
für das Herz des Asmus ein ununterbrochener Freudentanz; als er nun
aber auch noch das liebliche Mädchen mit seinen schmalen FüÃen, in
flatterndem Gewande über den sonnengrünen Teppich hüpfen sah, da
schien ihm, daà die Welt wohl überhaupt schön sei, daà sie aber noch
nie so schön gewesen sei wie an diesem Tage. Anmut der Bewegung und
körperliche Geschicklichkeit waren nicht seine Stärke; aber mit dem,
was er konnte, kokettierte er redlich, und er hatte das Gefühl, daà er
plötzlich mehr könne, als er sich zugetraut. Freilich, bei einem
unparteiischen Zuschauer würde auch Hilde Chavonne den Verdacht
erweckt haben, daà ihr der Eindruck ihrer Sprünge und Tanzschrittchen
nicht gleichgültig sei, und daà sie wie jedes junge, schöne, tanzende
Weib um den Kopf eines Mannes tanze.
Und gewià hätte Asmus ihr lieber seinen Kopf auf einer Schüssel
entgegengetragen, als ihr von Liebe zu sprechen. Wenn es sich auf dem
Heimwege traf, daà sie allein nebeneinander gingen, dann begann wieder
jenes wunderlich-närrische Doppelspiel von Lippen und Herzen, das sie
schon damals, nach Asmussens einmaligem Auftreten als König getrieben
hatten. Sie sprachen über einen Roman oder über eine Schulverordnung
oder über ein Sonnentaugewächs, das sie gefunden, oder über eine
Wolkenbildung, und mit allem, was sie sagten, meinten sie: »Ich liebe
dich â ich liebe dich!« Es war eine Chiffresprache, die sie redeten.
»Dieser Weg führt nach Bahrenfeld,« bedeutete soviel wie: »Du bist
ein entzückendes Geschöpf!« »Die Linden haben ausgeblüht« sollte
heiÃen: »Ich möchte dich küssen;« aber keiner hatte den Schlüssel zur
Sprache des andern. Das Herz des Asmus drängte, raunte, flüsterte ihm
zu wie ein eifriger Souffleur: »Sagâ es ihr, sagâ es ihr, tu den Mund
auf â es ist gar nicht schwer â und sag: »SüÃe Hilde, ich habâ dich
lieb!« â »Wie kann ich denn âduâ zu ihr sagen!« erwiderte Asmus.
»Meinetwegen sagâ âSieâ«, entgegnete das Herz, »aber sagâ etwas!«, und
dann tat Asmus wirklich den Mund auf und sagte: »Jetzt wird ja auch
bald der neue Bahnhof eröffnet.« Sie war doch zu hoch, zu heilig; sie
_konnte_ sich an einem Menschen wie ihm nicht genügen lassen. Sie
hatte es ja auch bewiesen, als sie sich verlobte. An ihm war sie
vorbeigegangen.
Endlich, endlich kam eine prächtige Gelegenheit, dem Herzen Luft zu
machen. Mansfeld hatte mit seinen Schülern einen Ferien-Ausflug
unternommen, und Asmus und die Damen hatten sich angeschlossen. In
einer hübschen Gartenwirtschaft, die den freundlichen Namen »Zum
Morgenstern« führte, hielt man Rast, und Hilde hatte sich daran
gemacht, die gepflückten Feldblumen zu einem StrauÃe zu ordnen, als
Asmus zu ihr trat. Mansfeld und Frau waren abseits mit den Kindern
beschäftigt.