Asmus wird stutzig und entsagt der sündigen Gewohnheit, aber mit MaÃ.
Er erfährt eine überraschende Neuigkeit.
Wohl kam ihm in besinnlicheren Augenblicken der Gedanke, ob dies
verwegene Spiel mit seiner Kraft auch gesund sei; aber dann zog er
einfach einen Zettel aus der Tasche und schrieb darauf:
»Was wären wir, wenn wir immer unserer Gesundheit lebten! Nicht einmal
gesund!« und dann war diese Angelegenheit einstweilen erledigt. Auch
erwog er öfters den Gedanken, ob es nicht köstlicher, lohnender,
vernünftiger sei, langsam und fröhlich zu verlumpen, als in dieser
Welt zu wirken und zu streben.
»Ich fuhr einmal auf einer Rutschbahn,« schrieb er, »und das sausende
Fahrzeug glitt zuletzt in die hochaufschäumenden Wasser eines Sees. So
köstlich ist der Leichtsinn: die Sinne schwindeltâs, die Gedanken
vergehen, und hochauf spritzen und schäumen die Fluten des Lebens!«
Und wenn das Fahrzeug ein biÃchen zu tief eintauchte und umschlug â
warâs denn schlimm? Er sah seinen toten Bruder vor sich, seinen
Bruder Leonhard, der an seinem Leichtsinn zugrunde gegangen war. Aber
gewià hatte er auch manche schäumende, tanzende, wirbelnde Stunde
genossen! Es kam darauf an, was das Gescheitere war. »Sehen Sie, das
ist so verschieden,« hatte eines Morgens ein Mann in einem verruchten
Nachtlokal zu ihm gesagt, »der eine iÃt gern Rebhühner und der andere
möchte gern ein Ehrenmann sein.« Der Mann, der das sagte, war ihm
freilich zuwider gewesen.
Im Geschlecht der Semper tauchte hie und da ein Hang zur Verschwendung
auf. Wie wärâs, wenn man sich selbst verschwendete! Sich selbst mit
BewuÃtsein langsam zerstören und mit forschenden Augen alle Schauer
und Schönheit, alle Tollheit und Tragik des eigenen Unterganges
kosten! Da müÃte man in sich und in den andern Dinge sehen, die auf
der HauptstraÃe des Lebens nicht gezeigt wurden. Es machen wie jener
Zöllner, den er bei seinem Freunde Diepenbrock auf dem Sofa hatte
liegen sehen: wochenlang immer trinken und sinken, trinken und sinken
ins Bodenlose hinab, und dann wieder emporsteigen zu Goethe,
Shakespeare und Dante! Hinabsteigen in alle Tiefen des Lumpentums; mit
Laster und Verbrechen auf du und du stehen und im Innersten doch der
bleiben, der man war, bis zum Tod! Das müÃte sein wie eine
Entdeckungsfahrt von gefahrumwitterter Romantik. Das waren seine
Gedanken, wenn er durchs Kneipenfenster in die aufzuckende Morgenröte
starrte und immer noch ein neues Glas bestellte. Und im Graus des
Sinkens und Untergehens zuweilen an _sie_ denken, die er vor kurzem am
Arm ihres Verlobten lachend über die StraÃe hatte gehen sehen! Dann
mischte sich Morgengrauen und Morgenröte, wie in der traurigen Freude
dieser Morgenstunden, wenn er zurückgelehnten Hauptes in den Himmel
starrte. Mit der steigenden Sonne aber überfiel ihn oft ein
plötzliches Frösteln, dann fühlte er sich namenlos elend, und einmal
in solch einer Stunde machte ein Gedanke ihn stutzig. Im Rausch fühlte
er sich glücklich, stolz, von Kraft geschwellt und leicht wie auf
Schwingen, zu jeder groÃen Tat bereit und zu jedem herrlichen Werke
geschickt. Wenn er sich aber am nachfolgenden Tage die Freuden seines
Rausches erinnernd zurückrufen wollte, so fehlte ihm jede Vorstellung,
jede Freude an der Freude; die Stunden des Rausches waren ihm eine
leere, tote Zeit. Er wuÃte wohl, daà er sich gefreut hatte an dem
Kaleidoskop seiner Phantasien; aber er konnte diese Freude nicht
zurückrufen. Warum war das nicht so mit andern Freuden, mit den
Freuden der Kindheitsspiele, des Studierzimmers, der Kunst, der
Wanderung in Feld und Flur? Da war jede Freude ein anderer Genius mit
anderem Angesicht, mit Augen, die schöner werden mit jeder Erinnerung,
da war jede Freude ein unverlierbarer, ein wachsender Besitz! Und
nachdenklich zog er die Rechnung, auf der seine Zeche stand, aus der
Tasche und schrieb auf die Rückseite:
»Der Rausch ist ein liebloser Gastfreund; er spendet nicht das
Gastgeschenk der Erinnerung.«
Und als er bald darauf eines Morgens unmittelbar von der Schenke in
die Schule ging â er blieb immer Herr seines Handelns und gab nach
solchen Nächten oft seine besten Stunden â aber als er nun mit einem
aus Hohlheit und Ãbersättigung gemachten Gefühle vor den Kindern stand
und in rotwangige Gesichter, in klare Augen sah, die in der Schönheit
und Hoffnung des jungen Morgens zu ihm kamen, da sagte er leise, aber
ihm selbst hörbar, vor sich hin: