Wennâs kommt, dann kommtâs in Haufen.
Was wird nun kommen? dachte Asmus. Denn er glaubte an sein
heimatliches Sprichwort: »Wennât kummt, denn kummtât in Hupen.«
Und ein drittes Unglück kam, aber nicht von auÃen, sondern ganz
heimtückisch aus dem tiefsten Innern richtete es sich auf wie eine
Natter aus dunklem Dickicht. Ihm kamen Zweifel am Wert seines Berufes.
Mit dem jähen Optimismus der Jugend war er an diesen Beruf
herangetreten. Jeder Jüngling, auch der bescheidenste, hat, wenn auch
kaum bewuÃt, das Gefühl: Wenn ich in die Welt eingreife, wird es
anders, wird es schneller vorwärtsgehen â wie ein ungestümer
Reisender, dem der Zug zu langsam fährt, das Gefühl hat: Könntâ ich
aussteigen und nachschieben!
»Hättâ ich tausend Arme zu rühren!
Könntâ ich brausend die Räder führen!
Könntâ ich wehen durch die Haine!
Könntâ ich drehen alle Steine!«
und wenn er sich auch sagt, daà vor und mit ihm Bessere und Stärkere
wirken und gewirkt haben â er glaubt nicht, daà einer so viel Lust und
Mut gehabt wie er, vor allem nicht, daà einer so viel Glück gehabt,
wie _er_ haben wird!
Und nun erreichte er nicht mehr als die andern! Nun ja, er leistete
vielleicht etwas mehr als dieser und jener, und seine Kollegen und
Freunde rühmten zuweilen seine Leistungen; aber ganz etwas anderes
hatte er gehofft, ganz etwas anderes! Er wuÃte ja freilich von früher
her, daà Unterrichten kein ununterbrochener Sieges- und Eroberungszug
sei; aber doch hatte er sich Erziehung und Unterricht im stillen als
eine Fleischwerdung des Lehrwortes gedacht. Aber das Wort ward _nicht_
Fleisch: Seine Jungen konnten am Ende des Jahres etwas mehr als zu
Anfang; aber sie waren dieselben Menschen geblieben, wenigsten merkte
er keine Ãnderung. Die Guten, Offenen, Zarten waren zwar offen, zart
und gut geblieben; aber die Rohen, Hinterhältigen, Unwahrhaftigen
waren sich nicht minder treu geblieben. Es schien ihm auch, daà die
Klugen zwar klug blieben, die Dummen aber auch dumm. Und gerade die
Dummen waren das ewige Ziel seiner Mühen; zu ihnen kehrte er, wie
magnetisch gezogen, immer wieder zurück; denn daà die Klugen etwas
begriffen hatten, bedeutete ihm nichts, solange die Dummen im Dunkel
saÃen. Das schien ihm die furchtbarste Ungleichheit und
Ungerechtigkeit der Welt, daà die einen spielend und lachend
erhaschten, was die andern mit Ãngsten und Mühen nicht erringen
konnten. Und die Welt kommt nicht vorwärts, wenn die Dummen nicht
mitkommen, dachte er. Und er machte es sich zur tollkühnen Aufgabe,
aus den Dummen Kluge zu machen; alle sollten alles lernen; in seiner
Schar sollte keiner zurückbleiben. Herr Drögemüller hielt ihm vor, daÃ
er im Pensum zurück sei, und das war deshalb, weil es ihn immer wieder
zu den Schwächsten hinzog, weil ihn immer wieder dies wunderbare
Geheimnis der Dummheit lockte. Er konnte sich Viertelstunden, halbe
Stunden lang mit solch einem verschlossenen Geiste einkapseln und das
verworrene, zerrissene Gespinst seiner Vorstellungen mit langsam
tastenden Fragen zu ordnen und zu entwirren suchen; er gab in einer
Oberklasse den geographischen Unterricht, und er setzte sich vor,
nicht zu ruhen, bis alle die Entstehung der Jahreszeiten aus der
Stellung der Erdachse zur Ekliptik begriffen hätten, und zuweilen
sprang plötzlich aus solch einem leeren Auge ein Funke wie aus einem
toten Stein, und dann kam aus Asmussens Augen ein Strahl, und Licht
floà zusammen mit Licht und machte die Erde selig und schön â aber
wenn das Hirn sich dem einen erschlossen hatte, verschloà es sich dem
andern um so fester, und ob Asmus auch mit zusammengebissenen Zähnen
rang und bohrte â er muÃte daran zweifeln, allen seinen Schülern den
auf- und abschwebenden Jahresreigen von Licht und Schatten
verständlich zu machen.
Dabei quälte ihn mit Recht der Gedanke, daà er über den Schwachen die
Starken vernachlässige und sie durch den langsamen Gang des
Unterrichts langweilen und unlustig machen müsse. Aber konnte er sich
denn überhaupt allen so hingeben, wie es geschehen müÃte, wenn man ihm
fünfzig, ja sechzig Menschenkinder auf den Hals lud? Es konnte ja
alles nur oberflächliche Husch- und Pfuscharbeit, nur äuÃerlicher
Bildungsaufputz werden. Es bemächtigte sich seiner das Gefühl, daÃ
überhaupt alles töricht und falsch sei, was er da treibe, und zwar von
der Wurzel aus falsch; von einem tieferen Grunde her müsse alles
anders angefaÃt, müsse auch ganz anderes erstrebt werden. Er erinnerte
sich, daà sein bestes Lernen immer ein Erleben gewesen sei. Aber dies
Lernen in der Schule, wie er es nach dem herrschenden Formalismus
betreiben muÃte, war kein Erleben. Es drang nicht zum Innersten und
Tiefsten des Menschen hinab. Und er dachte sich einen Menschen, mitten
in den Kampf des Lebens gestellt. Was er da brauchte â gab ihm das die
Schule? #Non scholae sed vitae#! hatte es im Seminar geheiÃen. Leerer
Schall! Das Meiste, was er den Kindern geben muÃte, war nicht
Lebensbrot, waren nicht Lebensworte, nicht Lebenswerte.
So hoch ihn sein Optimismus getragen hatte, so tief versank er jetzt
in MiÃmut und Verzagen, und Melancholie bog seinen Mut »wie eine junge
Weide bis an den Rand des Lebens«. Jene unversiegliche Federkraft aus
tiefstem Lebensgrunde â nun schien sie dennoch versiegt.
Ãfter als sonst bezog er in Gemeinschaft mit Heide, Goers und
Stockelsdorf die Akademie des Herrn Kuhlmann und war dann nicht selten
der Ausgelassenste von allen; aber seine Scherze hatten eine
Bitterkeit und Schärfe, die die Freunde oft erstaunt und befremdet
aufblicken lieÃ. Manchmal verstummte er mitten in der tollsten
Lustigkeit, mitten im eifrigsten Diskurs und sprach dann den ganzen
Abend kein Wort mehr. Dann hatte ihn das Gefühl überfallen: Was soll
der ganze Unsinn? Darum ging er auch noch öfter allein ins Wirtshaus.
Er hatte ein abgelegenes Hotel entdeckt, in dessen Speisesaal er ganz
allein den Abend verbringen konnte. Das liebte er jetzt: ganz allein
mit einer Flasche in einem möglichst groÃen Saale sitzen und sinnen
und träumen. Nur wenn der Kellner kam, unterhielt er sich gern eine
Weile mit ihm. Es hatte ihn immer schwer geärgert, wenn er einen
Kellner schlecht und geringschätzig behandelt sah, wie es ihm
überhaupt so schien, als wenn die Menschen diejenigen, die ihnen die
härtesten und lästigsten Arbeiten abnahmen, am verächtlichsten
behandelten. Er suchte, es an seinem Teile gutzumachen, behandelt die
Kellner nun extra als Gentlemen und gab ihnen so reichliche
Trinkgelder, daà einige, allerdings wenige von ihnen zuweilen eine
abwehrende Gebärde machten und sagten: »Ooh â lassen Sie doch â ich
habe ja erst vorher bekommen!« Sie nahmen es aber immer.