Und jetzt – verlobt! –

Er war längst wieder aufgesprungen und hatte instinktiv zu seinem

Beruhigungsmittel gegriffen: zum Wandern. Auf und ab gehen, immer auf

und ab, dann hat man das Gefühl der Bewegung, das Gefühl: Es geht

vorüber – es geht vorüber.

Sie ist verlobt! Wie konnte sie ihm das antun! Haha – im selben

Augenblick mußte er laut auflachen. Hatte sie denn die geringste

Verpflichtung, auf ihn zu warten, auf _ihn_? Hatte er ihr das

geringste Zeichen gegeben, daß sie auf ihn warten solle? Hatte er

überhaupt ans Heiraten gedacht? Nein, er, der als Präparand alles

heiraten wollte, was ihm in den Weg kam, er hatte in den letzten

Jahren das Heiraten als ein Ding angesehen, das noch in weiter Ferne

liege; ja, es war ihm eine gewisse Beruhigung gewesen, daß es mit dem

Kniefall und mit der langen Liebeserklärung in Periodenform noch gute

Weile habe. Seine Arbeit, sein Beruf hatten sein ganzes Interesse

aufgesogen.

Jetzt, jetzt mit einem Male wußte er’s: Nur an Hilde hatte er gedacht,

wenn er überhaupt an eine Frau gedacht hatte. Wenn er sich das Weib an

sich gedacht hatte, das hehre Weib, das edle Weib, das holde Weib –

nur an Hilde Chavonne hatte er gedacht, nur an sie. Wenn er

Liebesgedichte gemacht hatte, platonisch-elegische Liebesgedichte in

weinenden Odenstrophen – hatte er an sie gedacht. Jetzt wußte er’s,

daß er sich nur eine als sein Weib denken konnte: Hilde – und er

begriff nicht, daß er das nicht gewußt hatte, bevor er diesen Brief

geöffnet. Er begriff es nicht, weil er sich seiner Unreife nicht

bewußt war. In ehrlicher Gedankenarbeit war sein Hirn über seine Jahre

gereift; aber sein Herz war noch unreif wie ein Apfel im Frühling, und

unreif wie der Same in solch einem Apfel war die Liebe in diesem

Herzen. Jetzt, da das Schicksal einen tiefen Schnitt in dieses Herz

getan hatte, entdeckte er die Liebe darinnen.

So fühlte er nicht den rasenden Schmerz des Betrogenen,

Zurückgestoßenen; denn er hatte nicht die rasende Lust des Liebenden

und Hoffenden gefühlt; er empfand die Wehmut eines Mannes, der eines

Morgens ein zartes Bäumchen seines Gartens erfroren findet und

erkennt, daß es sein schönstes Bäumchen gewesen; er empfand eine

Trauer, wie sie junge Eltern empfinden, denen ein kaum Geborenes

gestorben ist; er empfand den dumpfen, unbefreiten Schmerz um ein

Werdendes, das, zu großer Schönheit bestimmt, im Keime vernichtet war.

Mechanisch griff er nach dem zweiten Briefe; mechanisch öffnete er ihn

– er war von Rumolt – mechanisch überflog er die ersten Zeilen, aber

nur die ersten.

»Mein lieber Freund!

Von Ihnen hätte ich mündlich Abschied nehmen mögen. Aber es durfte

nicht sein; denn Sie würden versucht haben, mich zurückzuhalten. Sie

sind von festerem Stoff als ich und werden, das weiß ich, den Kampf

besser bestehen, den Kampf gegen der Menschen Stumpfsinn, Trägheit und

Niedrigkeit. Meiner Hand entsinken die Waffen. Damit Sie es nicht in

gehässiger Entstellung hören, was mich zu meinem Scheiden veranlaßt,

will ich es Ihnen selbst sagen. Ich habe einem meiner Schüler – ich

glaube, ich habe Ihnen von ihm gesprochen – einem Untersekundaner, der

zum zweiten Male hoffnungslos vor dem Examen stand und dessen Qualen

ich nicht mehr mit ansehen mochte, in unerlaubter Weise geholfen, habe

ihm die Examenaufgaben vorher mitgeteilt. In seiner Freude hat es der

Junge nachher selbst ausgeplaudert. So bracht’ die Sonn’ es an den

Tag. Hätte er das Examen nicht bestanden, wär’ er aus der Welt

gegangen; nun gehe ich, und das ist besser. Leben Sie wohl, teurer

Freund; unsere Freundschaft war kurz, aber wahr. Ich danke Ihnen

schöne Stunden, von denen ich dort erzählen will, wohin ich gehe.

Semper der Jüngling · 第 185 / 292 题