Von zweierlei Schulräten.
Als er am Abend mit Doktor Rumolt spazierte, zeigte er ihm die
Vorladung und erzählte, was vorhergegangen.
»Haha« â Rumolt lachte bitter auf, und dann fuhr er wehmütigen Tones
fort: »Das wird Ihnen noch oft begegnen, lieber Freund. Nirgends ist
der Fortschritt verhaÃter, nirgends werden neue Ideen feindseliger
befehdet als in der Pädagogik. Denken Sie z. B. an unsern braven
Valentin Ickelsamer. Der fand zu Luthers Zeiten, daà es ein Unsinn
sei, die Kinder nach Buchstabennamen lesen zu lehren, man müsse das
Wort in seine wirklichen Laute zerlegen und die Kinder lautierend
lesen lassen. Er machte das damals schon so klar, daà es ein
Schwachkopf begreifen konnte. Und in der zweiten Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts entschloà die Schule sich wirklich, diesen
einfachen und darum freilich genialen Gedanken zur Ausführung zu
bringen. Aber das ist ein Beispiel von fabelhafter Geschwindigkeit. In
den Klosterschulen des Mittelalters bildete man den Geist am
Griechischen und Lateinischen, weil man nichts Besseres hatte; heute
bildet man den Geist unserer Jugend am Griechischen und Lateinischen
mit der ernsten Gesichtes abgegebenen Versicherung, daà man nichts
Besseres habe. Der typische Scholarch weist jede ernste und gründliche
Neuerung mit einem durch die kommenden Jahrhunderte gestreckten Arme
von sich, und wenn er im Gegensatz zu einem Vorgänger den Aorist _vor_
dem Perfekt behandelt, hält er sich für einen Umstürzler. Ich habe ein
Buch erscheinen lassen âDas Recht des Schülersâ â«
»Ich kenne es,« sagte Asmus, »und freue mich, daà es so groÃen Anklang
gefunden hat.«
»Anklang, ja aber bei den Kollegen war der Anklang nur schwach, der
Widerspruch um so stärker. Das ist kein Unglück, soweit es offener und
durchdachter Widerspruch ist. Aber was muà ich erleben? Kaum ein Tag
vergeht, daà ich nicht im Konferenzzimmer, recht auffällig auf den
Tisch gelegt, irgend eine abfällige Kritik meines Buches finde, in der
die Kraftstellen mit roter Tinte angestrichen sind. Kein Gespräch
verläuft ohne hämische Seitenhiebe gegen mich und meine Ideen; keine
Wochenrede meines Direktors geht zu Ende ohne einige FuÃtritte, bei
denen die Schüler sich zuraunen: âDas geht auf Rumolt.â Die Herren
glauben, daà ihre Kritik mich verletze, und haben keine Ahnung, daà es
ihr Wesen ist, das mich verwundet. Ich habe keinen frohen Tag mehr,
und da ich von meinen Ideen und ihrer Verkündung nicht lassen kann, so
werde ich über kurz oder lang das Spiel verlaufen müssen.«
»Das ist traurig,« sagte Asmus gedankenvoll, »traurig und schrecklich.
Ich gestehe Ihnen offen, daà auch ich gegen Ihre Schrift manches
einzuwenden habe; aber das Ganze Ihrer Gedanken und Forderungen
erschien mir wahr und herrlich. Und sollten nun nicht die Menschen
jubelnd herbeieilen und rufen: Hier ist etwas Neues und Köstliches â
es ist noch nicht vollkommen â aber kommt alle herbei, es zu hegen und
zu fördern, etwa so wie die Verwandten sich fröhlich um eine Wiege
scharen und sich geloben, das Neugeborene zu schützen und zu pflegen,
daà es groà und stark werde?«
»Lassen Sie sich zur Antwort darauf erzählen, daà mein Direktor mich
seit Wochen an allen Ecken und Enden inspiziert und zurechtweist,
obwohl er ganz genau weiÃ, daà ich meine Pflicht tue. Er will mir zu
Gemüte führen, wie vermessen es von einem fehlbaren Menschen
gewesen, gegen den von Gott geoffenbarten Gymnasialunterricht zu
schreiben. Und gestern war auch richtig der Herr Regierungs- und
Schulrat da und hospitierte vier Stunden hintereinander bei mir.
âSuchet, so werdet Ihr finden,â sagt der rachsüchtige Gerichtsdiener
bei Hebbel. Und natürlich wurde was gefunden. âGebt mir zwei Worte
von einem Menschen, und ich will ihn an den Galgen bringen.â LaÃt
einen Schulmeister fünf Minuten unterrichten, und ich will ihm den
Hals brechen. Zwar den Hals konnte mir der Herr Regierungsrat nicht
brechen; aber hundert Nadelstiche erzielen ja mit der Zeit denselben
Effekt. âSie haben die und die Gesänge der Odyssee nicht behandelt.â
â âSie haben am 13. April das vorgeschriebene Extemporale ausfallen
lassen.â â âSie sind mit dem Geschichtspensum im Rückstandâ usw. usw. Es
stimmte alles. Und wenn der Mann gesagt hätte: Ihr ganzer Unterricht
taugt nichts, so würde er für jenen Tag gewià und vielleicht
überhaupt recht gehabt haben; denn wenn man in den Zwiespalt
zwischen Altem und Neuem gestellt ist, kann man nichts Ganzes
schaffen. Nach meinen Ideen _darf_ ich nicht arbeiten, und nach den
alten _kann_ ich nicht arbeiten, weil es gegen das Herz ist.«
»Aber forschte er denn nicht vor allen Dingen, ob Ihre Schüler geistig
frisch und lebendig seien, ob sie einen neuen Stoff mit Begierde und
Klarheit ergriffen, ob sie in sittlicher Hinsicht lauter, ehrlich,
wahrhaftig seien â«
»Vielleicht tat er das im stillen â ich sah ihn freilich keine
Anstrengungen machen. Dazu war er ja auch nicht geholt und geschickt.
âRumolt soll stranguliert werden,â flüsterten sich die Schüler zu.
Die Jugend hat jenes intuitive Auge, das durch die Hüllen dringt.«
Die Stimmung, mit der Asmus dem Besuch beim Schulrat entgegensah, war
durch das Gespräch nicht gehoben worden. Um so fester war er
entschlossen, sich nichts Unwürdiges bieten zu lassen.
Als er ins Amtszimmer des Schulrats gerufen wurde, saà Drögemüller
schon da. Asmus verbeugte sich vor dem Schulrat, und dieser rief: