»’n Bilderbuch!«

»Nein. In diesem Schrank hab’ ich einen Vogel; wenn man den

streichelt, dann singt er.«

»Oooh – laß ihn mal ’raus!« riefen einige.

»Ja, ich will ihn mal herauslassen.« Er öffnete den Schrank und nahm

einen Geigenkasten heraus.

»O, ich weiß, Herr Lehrer, ich weiß!« riefen ein paar Gescheite.

»Pst! Nichts verraten! Das ist das Vogelbauer. Paßt gut auf, daß er

nicht herausfliegt,« sagte er zu den Nächsten, und sie spreizten die

Händchen und öffneten die Mäulchen, als wollten sie den Flüchtling mit

Mund und Händen auffangen. Die Hintensitzenden stiegen auf die Tische

und reckten die Hälse. Asmus öffnete den Kasten und nahm Geige und

Bogen heraus.

»Hurra – hallo,« schrien sie alle; aber dann wurden sie noch stiller

als zuvor, und nun hatten alle die Schnäbel offen.

Asmus setzte den Bogen an und spielte einen raschen Lauf vom kleinen #g#

bis zum dreigestrichenen.

Da waren sie plötzlich wie »voll süßen Weins«, sie gingen über Tisch

und Bänke, hopsten, sprangen und faßten sich an und tanzten.

»Was soll ich nun ’mal spielen« fragte Asmus.

Ach, was mußte er da für Erfahrungen machen! Einige nannten ein paar

Spiellieder, die sie in einem Kindergarten gelernt hatten; die meisten

aber nannten Gassenhauer und Operettenmelodien, die auf die Drehorgel

gekommen waren. Ein rechtes, gutes Volkslied nannte nicht einer; denn

das deutsche Volkslied wird im deutschen Hause nicht mehr gesungen.

Asmus erzählte ihnen von dem Häslein, das der Jäger totschießen

wollte, und dann sang er:

Als der Mond schien helle,

Kam ein Häslein schnelle,

Suchte sich sein Abendbrot,

Hu, ein Jäger schoß mit Schrot.

Er sang, wie das Häslein den Mond bat, sein Licht auszulöschen, und

wie es dem Jäger entkam.

Häslein ging zur Ruhe,

Zog aus Rock und Schuhe,

Legte sich ins weiche Moos,

Schlief wie auf der Mutter Schoß.

und die Lieblichkeit von Wort und Weise, die Unschuld der Kindertage,

da er sie zuerst gesungen, die Schönheit der Stunden, da er sie bei

Meister Bruhn gehört und gegeigt, und die saugende Andacht all dieser

reinen Augen, die durstig an seinen Lippen hingen, überströmten sein

Herz mit einem so überschwenglichen Glück, daß ihm die Augen feucht

wurden.

»Nun will ich’s einmal spielen,« sprach er und spielte das Lied.

Semper der Jüngling · 第 147 / 292 题