»Gibt es nicht einen Verein, der solche Kinder mit Stiefeln versorgt?«

»Gewiß!« versetzte der Hauptlehrer; »ich könnte ihm ein Paar Stiefel

anweisen; aber seine Mutter, das ist eine ganz Renitente. Als ich ihr

sagte, sie solle den Jungen doch taufen lassen – getauft ist er

nämlich auch nicht – da sagte sie, das täte ihr Mann nicht, und was

ihr Mann wolle, daß wolle sie auch.«

»Hm,« machte Asmus. Ein Pestalozzi war dieser Mann nicht, das war

schon festgestellt.

Er unterschied sich insofern vorteilhaft von dem »Schulmeister von

Stanz«, als er sauber und ordentlich gekleidet war; aber es war

Ordnung ohne Geschmack und Gefälligkeit, eine Ordnung mit

schlechtsitzenden Hosen und kreuzweis geknoteten Bindeschlipsen, und

als Asmus wie hypnotisiert die Karrees des grauen Rockes betrachtete,

da las er unaufhörlich 1 × 1 × 1 × 1 × 1 × 1 ....

Nein, ein Dichter, wie der unordentliche Verfasser von »Lienhard und

Gertrud« war dieser Mann gewiß nicht, »Abendstunden eines Einsiedlers«

träumte er sicherlich nicht; aber das konnte man auch schließlich

nicht verlangen, und als er die Papiere des ihm von der Behörde

zugewiesenen Jünglings eingesehen hatte, bemerkte er sogar

liebenswürdig, er beglückwünsche sich, einen Mann von solchen

Fähigkeiten gerade an der »ihm unterstellten« Schule angestellt zu

sehen.

Wie ganz anders ward Asmussen ums Herz, als er sich wenige Tage später

mitten in einen Garten von sechzig jungen Menschenpflanzen gestellt

sah, wo sechzig lebendige Brünnlein aus roten Lippen sprangen. In

einem Punkte freilich hinkte der Vergleich mit einem Garten

bedenklich: die Pflanzen haben die gute Gewohnheit, ihren Ort nicht

willkürlich zu verändern; diese Menge von Kindern aber war in ihren

Bewegungen höchst willkürlich, und Asmussen kam es vor, als habe er

einen Topf voll Mäuse zu hüten und müsse aufpassen, daß keine über den

Rand springe. Einige zwar saßen bang und verschüchtert da; sie mochten

ein unerhört Neues, ein fürchterlich Geheimnisvolles erwarten und

waren vielleicht mit der Vorstellung gekommen, daß der Bakel

unaufhörlich durch die Schulstube sause wie die Sense des Mähers übers

Feld; denn es gibt Eltern, die die Arbeit des Lehrers liebevoll

vorbereiten, indem sie Kindern, die sie nicht bändigen können, mit der

Aussicht drohen: »Na, warte nur, wenn du zur Schule kommst! Der Lehrer

wird dich schon bläuen.« Aber sobald diese Beklommenen merkten, daß

der »Herr Lerrer« kein Menschenfresser sei und sogar großartigen

»Spaß« mache, zogen gerade sie die weitesten Konsequenzen und gingen

über Tisch und Bänke. Und sieh, da schritt schon einer festen

Schrittes auf die Tür zu.

»Wohin?« fragte Asmus.

»Ich will’n büschen ’raus!« versetzte das Bürschchen unbefangen.

Semper der Jüngling · 第 134 / 292 题