Asmus wird im Examen gepufft und getreten und ist unzufrieden, aber
sehr glücklich.
Und so kam er denn mit allen Ehren und ohne Schaden durch das Examen,
wenn man von einigen blauen Flecken an seinem linken FuÃe und in der
linken Rippengegend absah. Diese Flecke rührten wieder von Seybold
her, von demselben Seybold, der ihn als »Schäflein« wegen seiner
»Inkollegialität« und seiner »AnmaÃung« so bieder gehaÃt hatte. Das
mathematische Examen hatte Seybold sehr glatt bestanden. Seybold
konnte nicht einmal ein Dreieck berechnen; aber während der
schriftlichen Prüfung wandelte einen Freund von ihm ein Bedürfnis an,
und der Freund ging hinunter und deponierte an einem dunklen Orte die
Lösung aller Aufgaben. Nach einer halben Stunde hatte Seybold
merkwürdigerweise auch ein Bedürfnis.
»Muà es denn sein?« fragte argwöhnisch der die Aufsicht führende Herr
Rothgrün.
»Ja, ich habân Durchfall,« erklärte Seybold.
»Aber damit hättâ es ja noch Zeit gehabt,« schmunzelte Herr Rothgrün
wohlwollend. »Nun, gehen Sie nur.«
Seybold ging hinunter, »fand die Lösung«, dachte »Heureka«,
beantwortete solchermaÃen durch Vorspiegelungen der Verdauungsorgane
Fragen, die eigentlich an das Gehirn gerichtet waren, und half sich
mittels eines Durchfalls durchs Examen. Zunächst durchs mathematische.
Bei den Klausuraufsätzen saà Seybold wieder neben Semper, und als
dieser gelegentlich einen Blick in die Papiere seines Nachbarn warf,
sah er, daà dieser wörtlich von ihm abschrieb.
»Mensch, bist du des Teufels?« flüsterte Asmus. »Das muà ja
herauskommen. Schreibâ wenigstens auch von anderen ab.«
Seybold sah das ein und schrieb die andere Hälfte der Arbeit von
seinem Vordermann ab; denn er hatte einen weiten Blick.
»Ein Lehrer muà jesunde Sinne haben,« hatte Korn gesagt.
Nur dies verdammte mündliche Examen! Da konnte man nicht sagen:
»Erlauben Sie, daà ich austrete!« Und wenn Asmus blind und taub
gewesen wäre, so würde er das Nahen des Examinators doch immer
rechtzeitig erfahren haben; denn wenn dieser noch drei Schüler weit
entfernt war, begann Seybold schon wie ein Räder-, Walzen- und
Kolbenwerk zu treten, zu puffen und zu zischen: »Sagâ mir zu! Sagâ mir
zu!« und so trug Asmus Semper Seyboldens Reifezeugnis auf dem Leibe
davon.
Auch Seybold bestand wiederum das Examen, und der ganze praktische
Unterschied bestand darin, daà er ein Anfangsgehalt von 1200 Mark,
Asmus aber ein solches von 1300 Mark erhielt, worin Seybold eine groÃe
Ungerechtigkeit erblickte.
1300 Mark! Insofern war Asmus sehr zufrieden; denn unbegrenzte
Möglichkeiten lagen in dieser Summe. Aber wenn er den verflossenen
Lebensabschnitt überblickte â was rechtfertigte eigentlich das
»glänzende Examen«, das er nach der allgemeinen Ansicht gemacht hatte?
Die Kollegen hatten ihm erzählt, was der Schulrat Korn vor einer
anderen Abteilung der Prüflinge über ihn gesagt hatte, und darüber
freute er sich zwar von Herzen; aber eigentlich war ihm alles das ein
groÃes Rätsel, ein Wunder: denn ihm waren diese verflossenen drei
Jahre eine zerstörte Illusion. Was hatte er sich von diesen Jahren
versprochen an geistigem Aufschwung! Und wie bitter-bitter-wenig hatte
er vor sich gebracht. Er hatte überhaupt nicht das Gefühl, daà er
geistig gewachsen wäre. Wiederum hatte er, wie schon öfter, die
Empfindung, daà die Menschen merkwürdig wenig von ihm verlangten,
viel, viel weniger, als er selbst von sich zu fordern pflegte.
Nur wenn er die beiden »Alten« betrachtete, war er _ganz_ glücklich.
Die solltens jetzt besser haben. Frau Rebekka lief mit ihren
sechzigjährigen Beinen wie ein Wiesel immer von einem Zimmer ins
andere und sang:
»Nach Sevilla, nach Sevilla!
Wo die letzten Häuser stehen,
Sich die Nachbarn freundlich grüÃen,
Mädchen aus dem Fenster sehen,
Ihre Blumen zu begieÃen,
Ach, da sehnt mein Herz sich hin!«
und wie in seiner früheren Kindheit sah Asmus bei dem Wort »Sevilla«
einen freien Platz mit Häusern, auf den eine unendlich goldene Sonne
und ein unendlich helles, unendlich stummes Feiertagsglück
herabschien.
Und dabei dachte Rebekkens Herz gar nicht an Sevilla, was schon daraus
hervorging, daà sie im nächsten Augenblick sang:
»Herr Junker, lat hee mit tofredân,
rudiridiridirallalla,
Ick mutt min Swin to freten geâm,
rudiridiridirallalla!
Das war nämlich das Bruchstück eines Liedes, in dem ein Junker seiner
Magd mit Liebesanträgen nachstellt, die diese dann mit der
einleuchtenden Begründung zurückweist, daà sie ihren Schweinen zu
fressen geben müsse. Die Schweine gehen vor, das muÃte der Junker
einsehen. Aber auch an Junker, Magd und Schweine dachte das singende
Herz der Rebekka nicht; es dachte an den Triumph des Sohnes, an den
leckeren Pfannkuchen, den sie ihm backen wollte, und an den besseren
Rock, den ihr Gatte nun bekommen sollte; denn es gab ihr einen Stich
ins Herz, wenn der stattliche Mann in abgetragenem Gewande ging. »Er
fragt ja nichts danach,« klagte sie kopfschüttelnd.
Aber auch Ludwig Semper wollte sich diesmal einen ExtragenuÃ
vergönnen. Heute war Dienstag, und am Freitag gab es »Lohengrin« im
Theater. Diesmal wollte er _wirklich_ hin.
»Aber nun tuâs auch!« riefen Asmus und Rebekka wie aus einem Munde.
»Ja, ja â natürlich!« beteuerte Ludwig.
Am Mittwoch sagten Asmus und seine Mutter wieder: »Geh nun aber auch
wirklich hin!«
»GewiÃ, gewiÃ!« sagte Ludwig.
Am Donnerstag sagten sie: »Wirst du nun auch nicht wieder sagen: âAch,
wozu soll ich hingehen?â«