»Sie sind ein Philosoph, mein junger Freund; ich habe Ihre Arbeit mit
herzlicher Freude gelesen; ich danke Ihnen.«
Im übrigen ging es ihm wie »auf der Fortuna ihrem Schiff«, will sagen:
auf und ab. In der Lehrprobe vergriff er sich. Er sollte Ãgypten
behandeln, dasselbe Ãgypten, das er als kleiner Junge für eine Wiese
mit Störchen gehalten hatte. Und er verfuhr ganz nach der Regel:
Geographische Lage, Grenzen, Gestalt, GröÃe, Einwohnerzahl usw. usw.
Zum Nil kam er in der halben Stunde des praktischen Examens überhaupt
nicht. Als er fertig war, nahm ihn Murow, der Riese, beiseite.
»Nun, meâin lieber Samper, wann man Ãjüpten behandeln will, womit
fängt man dann wohl am basten an?«
Da wuÃte erâs sofort. »Mit dem Nil,« sagte er. Und er hätte sich
ohrfeigen mögen, daà er, der die Schablone haÃte, sich ihr so
gedankenlos und träge unterworfen hatte. Der Nil! das war der
Schöpfer des Landes, war eigentlich das Land selbst; der Nil war die
Individualität Ãgyptens, von der man ausgehen muÃte, wenn man sich
rühmte, ein Jünger Pestalozzis zu sein! Er empfand eine tiefe Scham
darüber, daà er so ahnungslos in Ketten ging, deren er gespottet
hatte.
Und im schriftlichen Chemie-Examen hatte er eine Arbeit von grotesker
Unzulänglichkeit geliefert. Er hatte einst die Chemie mit allem Feuer
der Jugend geliebt; aber Herrn Quasebarths Chemie hatte darin
bestanden, daà er aus einem ehrwürdigen Heft ablas, dessen verblaÃte
Schrift er zuweilen selbst nicht mehr entziffern konnte. »Man nehme
einen Probierzylinder und fülle ihn zur Hälfte mit Braunstein â« las
Herr Quasebarth; aber er nahm keinen. Stelling, der Skrupellose, hatte
ihm eines Tages einen furchtbaren Limburger Käse unter den Pultdeckel
gelegt, so daà seine Nase jedesmal, wenn sie ins Heft tauchen wollte,
entsetzt zurückfuhr. Nachdem er sich wiederholt vergeblich erkundigt
hatte, woher der »abscheuliche Geruch« stamme, und Stelling bemerkt
hatte, daà er ihn sich auch nicht erklären könne, »da hier doch nie
experimentiert werde«, entdeckte er schlieÃlich die Ursache; aber er
ging ungeheilt von dannen.
So hatte denn Asmus seit langem nicht mehr zugehört, in der
Chemiestunde lieber Gedichte gemacht und beim Examen einen fast
unberührten weiÃen Bogen abgeliefert. Das war aber Herrn Quasebarth
in die Glieder gefahren; denn er sagte sich, daà der chemische
Durchfall eines Schülers wie Asmus Semper vom Prüfungs-Kollegium als
ein Durchfall des Herrn Quasebarth empfunden werden müsse. Er beschwor
also Sempern in einer vertraulichen Unterredung, doch ja bis zum
mündlichen Examen noch »tüchtig zu repetieren«, damit er die Scharte
auswetze. Semper genierte diese Scharte gar nicht; denn er hatte sich
längst vorgenommen, später auf eigene Hand Chemie zu treiben; aber er
versprach sein Möglichstes.
Und wiederum hob ihn das Schiff der Fortuna in der Mathematik so hoch,
daà er die erste Zensur erwischte, während Mollwitz, der Magister
Matheseos, oder, wie er gewöhnlich genannt wurde: »das einseitige
Prisma«, durch einen reinen Zufall nur den zweiten Grad errang. Dieses
Erfolges konnte Asmus nicht recht froh werden; denn die Sache war
nicht ganz in der Ordnung. Daà Glücksgüter vom Zufall verteilt wurden,
das wuÃte er; aber auch geistige Ehren? Kam das auch sonst im Leben
vor? Das _sollte_ nicht vorkommen.
Aber er sollte noch was ganz anderes erleben. Am Abend vor der
mündlichen Prüfung entschloà er sich nach schwerem Zögern, ein
Lehrbuch der Chemie zur Hand zu nehmen, damit Quasebarth nicht wieder
durchfalle. Er las auch das Kapitel von der Methylwasserstoffreihe,
dann aber griff er energisch nach Zolas Conquête de Plassans, die er
wesentlich anziehender fand. Denn sich ein Wortwissen ohne Anschauung
und Ãbung in den Kopf zu pfropfen, das war ihm von jeher ein Greuel
gewesen.
Die Stunde der chemischen Prüfung kam und mit ihr Herr Quasebarth, der
an Leib und Seele immer denselben grauen Rock trug.
»Na, mein lieber Semper,« sagte er mit einem lockenden Lächeln,
»erzählen Sie uns mal, was sie von den Methylwasserstoffen wissen!«
Und siehe da: Asmus Semper redete wie ein junger Liebig; denn heute
wuÃte er noch sehr gut, was er gestern gelesen hatte.