»Warum?« fragte Hilde erstaunt. »Durfte sie sie nicht zeigen?«

»Aber ich bitte Sie! Diesen Schund! Diesen Unsinn! Das ist ja

törichtes, kindisches Zeug –.«

Hilde schüttelte nachdenklich den Kopf. »Das glaube ich nicht,« sagte

sie. »Unreif mögen diese Gedichte sein, – aber es ist etwas drin.«

Als ein Tänzer kam und sich vor Hilde verbeugte, lehnte sie ab. Sie

lehnte auch alle folgenden Einladungen ab, und bis zum Ende des Balles

saßen sie beide an demselben Tisch und plauderten. Er fühlte sich wohl

und glücklich; aber er merkte nichts.

Und als das ganze »Künstlervolk« mit seinem Anhang nach dem letzten

Tanze in ein Café schwärmte, – morgens um vier Uhr in ein Café! Asmus

kam sich wie ein Roué vor, als er sich eine Schokolade bestellte, – da

schienen es beide selbstverständlich zu finden, daß sie wieder

beieinander saßen. Es war etwas Seltsames um ihre Unterhaltung. Sie

sagten natürlich »Sie« zueinander und »Herr Semper« und »Fräulein

Chavonne« (denn das »gnädige Fräulein« war damals noch nicht Mode),

und was sie sprachen, hatte die höfliche und respektvolle Form, die

unter wenig Bekannten zweierlei Geschlechts gebräuchlich ist; aber in

ihren Herzen war ein Glauben und Vertrauen, von dem sie selbst noch

nichts wußten; ihre Herzen sagten »Lieber Herr Semper« und »Liebes

Fräulein Chavonne«, ohne daß sie selber es hörten, und dieser

Gegensatz zwischen fremden Worten und vertrauter Meinung erfüllte

Asmussens Herz mit jener wohligen Spannung, wie sie in frühen Knospen

sein mag. Aber so dunkel, so wenig bewußt war dieses Gefühl, daß er

sich keinen Augenblick nach seiner Ursache fragte, es vielmehr ohne

Nachdenken genoß wie die Sonne eines Maientags.

Als er früh gegen sechs eine Stunde weit nach Hause ging, fühlte er

nicht die leiseste Ermüdung; denn er war jung und war König. Aber als

er die ruhigen Atemzüge seiner schlafenden Eltern hörte, und als er

die Ärmlichkeit des elterlichen Hausrats betrachtete, da fiel es ihm

schwer aufs Herz, daß er Schauspieler werden sollte.

Gleichwohl sprach er davon zu seinem Vater. Obwohl Ludwig Semper seit

längerem wieder von seinem alten asthmatischen Leiden geplagt wurde,

war doch seit Monaten Heiterkeit in all seinem Reden und Tun, ja

selbst in seinen Hustenanfällen und Atemängsten gewesen; denn nun war

seine zärtlichste Hoffnung der Erfüllung nah; in kurzem sollte Asmus

Lehrer sein und das Geschlecht der Semper sollte wieder emporkommen.

Wie die lächelnde Wehmut eines Sonnenunterganges ging es über Ludwig

Sempers Gesicht, als er hörte, daß Asmus, nahe dem Ziele seiner Bahn,

einen ganz neuen Weg voll jahrelangen Mühens betreten solle, und

obwohl er fühlte, daß er dann den Aufstieg seines Sohnes nicht erleben

werde, sagte er lächelnd:

»Ja, – wenn Du meinst, daß Du Schauspieler werden mußt, – ich habe

nichts dagegen.«

Und in dem Lächeln des schönen Angesichts war ein Scheiden vom

Liebsten und Letzten. Das Herz flog Asmus in den Hals, und er hatte

Mühe, die Tränen zurückzudrängen, als er rief:

»Nicht doch, Vater, nicht doch! Ich werde ja nicht darauf eingehen!

Ich denke ja nicht daran!«

Seiner Mutter sprach er nicht erst davon. Er mußte lächeln, wenn er

sich ihr ökonomisches Entsetzen ausmalte. Und sie hatte ja recht.

Am Nachmittage sagte er es Dr. Kieselberg, seinem Wirte: »Meine Eltern

haben mich fünf Jahre lang unter den größten Sorgen und Mühen

erhalten, wenigstens zum großen Teil erhalten; jetzt ist es höchste

Zeit, daß ich sie unterstütze. Als Lehrer bekomme ich ein Gehalt von

1200 oder 1300 Mark, dann kann ich ihnen helfen; als Schauspieler

verdiente ich vorläufig wenig oder nichts. Ich würde die Hoffnung

meiner Eltern vernichten, und das ist ausgeschlossen.«

»Nun, dagegen kann ich natürlich nichts sagen,« erwiderte Kieselberg.

»Ich hatte das Gefühl einer Pflicht; ich glaubte ein Unrecht zu

begehen, wenn ich Sie nicht auf den Weg zur Bühne wiese; aber wenn die

Dinge so stehen – das ist natürlich etwas anderes.«

Als Asmus durch die wunderschönen Alleen vor dem Dammtor nach Hause

ging, war der Bühnentraum erloschen; das Schloß aus Rampenlicht und

Lorbeerduft war versunken, und an seiner Stelle ragte schon ein

anderes. Ein Wort seines Lehrers hatte ihn gestern befremdet. Er hatte

gesagt:

Semper der Jüngling · 第 120 / 292 题