Asmus hört eine feierliche Messe und zieht mit den Juden durch die
Wüste, und Rebekka Semper hält Kant für überflüssig.
Doch im letzten Seminarjahr bekam Asmus einen anderen Direktor;
#Dr.# Korn war zum Schulrat ernannt worden â »ich habe mich nie um ein
Amt beworben,« konnte er mit Stolz in seiner Abschiedsrede sagen â und
an seine Stelle war Herr Murow getreten, ein breiter, hünenhafter Mann
und liberaler Theologe, der in seiner Antrittsrede seine Heimat sehr
deutlich verriet, als er erklärte, daà »das Wark des Lahrers nur
jädeâihen könne, wenn das Harz dabei wäre.«
Murow und Semper waren nach wenigen Wochen Freunde, und eines Morgens
winkte der Direktor den Jüngling mit heimlichem Lächeln auf die Seite.
»Hier habâ ich ân Konzartbillet â #Missa solemnis# von Cherubini â
sahr jute Musik â haben Sie Lust?« Und er reichte ihm die Karte hin.
Ob Asmus Lust hatte! Er wuÃte gar nicht, was er sagen sollte, und
stammelte etwas hervor, was ein Dank sein sollte.
Am Abend saà er in der Petrikirche in Hamburg, auf einem Platze, wo er
weder Sänger, noch Orgel, noch Orchester sehen konnte. Das warâs, was
er brauchte. Denn seine Musik kam von andern Orten her, als dorther,
wo sie erzeugt wurde. Sein Theater und sein Konzert war immer noch
anderswo als auf der Bühne und auf dem Podium â über einem Baumwipfel
des Hintergrundes, in einem Winkel des Saales, im Lichtkreis einer
einsamen Lampe sah er weit hinter dem Geschehen der Bühne, hörte er
hoch über den Klängen der Musik Erlebtes und â nie Erlebtes, fühlte er
ein Leben â ach, das man nur in solchen Stunden erleben kann, das man
nie in Wirklichkeit erleben wird. Wo, in welchen nie geahnten Kammern
seiner Seele hatten diese Bilder geschlummert, die für Sekunden
erwachten und dann verschwanden, um niemals wieder zu erscheinen?
Waren es Erinnerungen aus einem vergangenen Leben â Ahnungen eines
künftigen Seins? War es das Unentwickelte, Unerwachte, das in der Welt
ist und das aus dem Traume sprach? .....
Und es kam ein Orgelbrausen und ein Frauengesang, der ging über alle
Winkel und Lichter der Kirchenhalle hinaus, das war ein Strom, für den
die Gewölbe des Hauses zu niedrig waren; wie ein ungeheurer
Flammenstrom fuhr er durch alle Schranken von Stein und Erz hinauf in
den unendlichen Himmel. Da betete Asmus Semper abermals. Er betete,
daà er einst, wenn er wirklich ein Dichter werde, eine Dichtung
schaffen wolle, deren Held ein König des Verstandes sein solle. Vor
der klaren Schärfe seines Verstandes sollte verjährter Wahn und Glaube
zergehen wie Nebel vor der Sonne. Und die Menge sollte ihn hassen,
verfolgen, ihn steinigen, weil er ihre Welt entgöttert habe. Und das
würde das tragische Schicksal dieses Zertrümmerers sein: die andern
würden nicht wissen, nicht ahnen, daà er ein Mensch war, der beim
Klingen einer Quelle lachen und weinen konnte, daà seine Brust ein Dom
war, der von tausend Orgel- und Engelstimmen klang und hinter dessen
bunten Fenstern alle süÃen Farben und alle heiligen Dämmerungen des
Lebens wohnten; niemand sollte es verstehen, daà er das zarteste Herz
von allen besaÃ.
Als Asmus unter einem klaren, sternenreichen Winterhimmel nach Hause
ging, war er sich klar darüber, daà es nichts sei mit Meister Bruhns
Anschauungen über Verstand und Gemüt. Aber trotz dieser und noch weit
gröÃer Meinungsverschiedenheiten schauten sie einander doch mit
Freundschaft und Liebe in die Augen an jenen wahren Sonnabenden, da
die Sonne des Abends aufs Klavier schien und der Meister zu Asmussens
Geige die Begleitung spielte oder â die strenge Pflicht auf eine Weile
vergessend â ganz von selbst in einen Beethoven oder Bach überging.
Der Weg nach Hause führte Asmus regelmäÃig durch einen Stadtteil, der
stark, wenn nicht vorwiegend von Juden bewohnt war, und wenn er nun
von den sonnabendlichen Feierstunden bei Meister Bruhn heimkehrte,
paÃte es immer sonderlich gut zu seiner Stimmung, wenn ihm die Juden
in Festtagskleidung begegneten und in ihrem Gang und ihren Mienen den
Sabbath erkennen lieÃen. Er fand es schön, den Feiertag am Abend zu
beginnen mit dem Blick in ein heiliges »Morgen«; auch sein Sonntag
begann immer am Samstagabend, begann oft schon in der Musikstunde,
wenn er deutsche Lieder hörte, begann manchmal schon mit der Vorfreude
auf diese Stunde. Aber nicht fand er es schön, wie es die Juden taten,
den Feiertag auch am Abend mit Sonnenuntergang zu beschlieÃen. Er
wenigstens konnte aus den heiligen Geheimnissen des Sabbats nicht
zurückfinden in den Alltag, wenn nicht ein langer, tiefer Schlaf
dazwischen lag. Immer und immer riefen ihm diese festlich gekleideten
Juden die Kindheit zurück, die unvergeÃliche Zeit, da er mitten im
verschneiten Winter das sonnige Land Abrahams gesehen und mit Elieser
um Rebekka geworben hatte, am Brunnen der Stadt Nahors. Wenn er sie
aber gar am Laubhüttenfest mit dem Paradiesapfel und mit Myrten,
Palmen und Weiden nach der Synagoge wandeln sah, dann verwandelte
sich der Weg nach Oldensund in die vierzigjährige Wüstenwanderung vom
bitteren Wasser zu Mara und der Oase Elim bis zu dem Tage, da Jericho
fiel unterm Hall der Posaunen, dann sah er die ährensammelnde Ruth auf
dem Acker des Boas und sah die Harfe Israels hangen an den Weiden
Babylons.
Schön wie die Kindheit war nun nach allen Sorgen und Kämpfen die Zeit
des Seminarbesuchs geworden, als sie sich ihrem Ende zuneigte. Ludwig
Sempers Verdienst hatte sich ein wenig erhöht; Asmussens Stipendium
war auf zweihundertundvierzig Mark im Jahre gestiegen; ein paar gute
Privatstunden taten ein übriges, eine Zeitschrift hatte ein paar
Gedichte von Asmus Semper angenommen, und aus Amerika kamen gute
Nachrichten.
Aber unter alledem war noch nicht das Beste. Das, was die ganze Welt
so heilig und schön machte, war das Studium. Nicht das Studium fürs
Seminar; bei dem war immer noch nicht viel Freude zu holen. Nein, das
Studium, das niemand von ihm verlangte als er selbst. Und darum war
der Sonnabend so unaussprechlich schön, weil er nun den ganzen Sonntag
über studieren konnte, was er wollte. Freilich hatte Frau Rebekka ihre
Bedenken. Das Examen nahte wieder heran, und ob Kant und Spinoza und
Gedichtemachen und Hamletdeklamieren dazu nötig sei, darüber hegte sie
schüchterne Zweifel. Sie gab diesen Zweifeln auch Ausdruck und
meinte, ob er sich nicht zu sehr zersplittere.
»Ich habâ da neulich in soân Buch von Kant hineingeguckt, â das ist
jaân fürchterlicher Schnack; daraus wird ja kein Deubel klug.«
»Ja, mitunter ist es sehr schwer,« sagte Asmus.