so rief auch Faust, â aber doch zog ihn das Lied vom Tod ins Leben
zurück.
Und die Nacht, die Asmus umgeben hatte, bei diesem Lied aus
Morgentagen hatte sie sich im Osten leise gelichtet. Und er sah, wie
das weite Feld, in dem er noch immer stand, ein wundersames Leben
erfüllte: er sah â undeutlich â menschliche Gestalten wie Nebelriesen
um düstre Lagerfeuer liegen und stehen, hörte Stampfen und Klirren und
sah Pferde den weiÃen Hauch in die Kühle des Herbstmorgens schnauben,
und von einem fernen Lagerfeuer her hörte er ein Lied wie Sieges- und
TodesgewiÃheit: Ein Morgen des Sieges wird kommen; aber wir werden
ihn nicht mehr sehen.
Erhebt euch von der Erde,
Ihr Schläfer, aus der Ruh!
Schon wiehern uns die Pferde
Den guten Morgen zu.
Die lieben Waffen glänzen
So hell im Morgenrot;
Man träumt von Siegeskränzen,
Man denkt auch an den Tod. â â
Ein Morgen soll noch kommen,
Ein Morgen mild und klar;
Sein harren alle Frommen,
Ihn schaut der Engel Schar.
Bald scheint er sonder Hülle
Auf jeden deutschen Mann:
O brich, du Tag der Fülle,
Du Freiheitstag, brich an!
Diese Zeit des deutschen Leides, wie groÃ, wie heilig und rein muÃte
sie gewesen sein! Und als nun von einem Lagerfeuer die Stimme Meister
Bruhns erklang:
»Nun, Semper, was wollen Sie uns denn heute vorspielen?« da schnellte
Asmus hoch, schob die Geige unters Kinn und strich die Saiten mit
Wucht und Sturm:
Freiheit, die ich meine,
Die mein Herz erfüllt,
Komm mit deinem Scheine,
SüÃes Engelsbild!
Magst du nie dich zeigen
Der bedrängten Welt?
Führest deinen Reigen
Nur am Sternenzelt?
Asmus Semper betete. Er wollte die Freiheit vom Himmel herabbeten:
aber er dachte unter Freiheit nicht nur die Erlösung von fremden und
heimischen Tyrannen, von Pfaffen und Geldsäcken; er dachte unter
Freiheit alles GroÃe und Herrliche, das sehnenden Menschenseelen in
künftigen Welten aufgehoben ist für jenen Tag, der kommen wird. Sein
Geigenspiel war ein Gebet aus bebendem, glühendem Herzen, und jener
Lederhändler, der die bei Tische nicht betenden Mitmenschen zu den
»Ãchslein und Eselein« stellte, würde seltsame Augen gemacht haben,
wenn er in diesem Augenblick in das semperische Herz geblickt hätte.
Im deutschen Liede sah er das deutsche Land. Er hatte ja mit
leiblichen Augen nichts davon gesehen als seine engere Heimat; aber â
o, was für ein Land muÃte das sein! Jahre, bevor er nach Amerika ging,
war sein Bruder Johannes durch Deutschland und die Schweiz gewandert,
hatte Briefe und Bilder von Burgen und Bergen und Trauben vom Rhein
geschickt; aber das Schönste, was er dann mit nach Hause gebracht, war
ein Lied gewesen, das Asmus damals noch nicht kannte.
An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.
Ihre Dächer sind zerfallen,
Und der Wind streicht durch die Hallen;
Wolken ziehen drüber hin.
Auch dieses Lied spielte Asmus; denn er hörte alles darin, was der
Deutsche ist oder was er von Herzen gern sein möchte: tapfer und mild,
erfindungsreich und träumerisch, zärtlich und gedankenvoll. Dies Lied
kam aus einem Land voll groÃer Geschichte und tiefsinniger Sage, aus
einem Land der singenden Wälder und klingenden Ströme. Daà man solch
ein Land liebte â nicht, wie Mutter oder Bruder, nicht wie ein Mädchen
â nein, mit einer Liebe, die es nur einmal gibt, die seltsam und ganz
eigen ist â das war ja selbstverständlich. Daà man für ein Land, dem
solche Lieder entblühen, freudig sterben kann, das war ihm
selbstverständlich.
Gewià waren andere Länder ebenso schön oder schöner; aber ein zweites
Deutschland gab es dennoch nicht. Gewià hatte kein Land solche
Weihnachtslieder wie Deutschland. Da war ein Lied, das war klein und
groÃ, wie eine deutsche Hütte, darin eine Mutter mit ihrem Kinde
liegt. Da kommen die Töne behutsam herein auf leisesten Sohlen und
knien wie Kinder vor der Wiege in stumm zitternder Seligkeit, und
halten den Atem, halten den Schlag des Herzens an, das zerspringen
will vor heiliger Erwartung, weil es das Kindlein sehen soll!
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,
Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
Der Vater im Himmel für Freude euch macht!
»Das ist doch eigentlich ein ziemlich triviales Lied,« meinte der
Seminarist Gärtner.
»Mein lieber Kärtner,« versetzte Meister Bruhn mit seinem
mild-ironischen Lächeln, »mein lieber Kärtner, wenn ich das Lied
kâmacht hätte, denn kucktâ ich Sie karnicht an!«
»Das ist das feinste, lieblichste Weihnachtslied, das ich kenne!« rief
Asmus begeistert.
»Ja, ja, mein lieber Semper, awer solche Sachen macht man heutzâtache
nich mehr.«
»Warum nicht?« forschte Asmus begierig.
»Weil man den Klauben haben muÃ, um so was machen zu können; die
jetzâche Zeit hat awer keinen Klauben mehr.«
»O!« machte Semper.
»Ja ja, lieber Freund, Se könnenâs mir klauben. In einer Zeit, wo
David Friedrich Strauà herrscht, da macht man solche Lieder nich.«
»Haben Sie Strauà gelesen?« rief Asmus.
»Nee, nee!« rief Bruhn ängstlich und flüchtete sich in die Musik,
indem er auf dem »Klafier« zu präludieren begann.
»Ja, David Strauà ist mein Mann!« rief Asmus.
Bruhn sah ihn erschrocken von der Seite an und präludierte
ängstlicher.
»Aber darum habâ ich doch all diese herrlichen Lieder gern, auch die
frommen, die wunderschönen Choräle, z. B. »Befiehl du deine Wege« und
»Ein feste Burg« und »Wachet auf, ruft uns die Stimme« und »In allen
meinen Taten« und »Allein Gott in der Höhâ sei Ehrâ«. Er hätte noch
lange fortfahren können; aber Bruhn starrte ihn immer hilfloser an und
spielte jetzt bereits #forte#. Aber dann brach er ab.
»Nee, lieber Semper, es ist so,« sprach er, »wenn der kalte,
mathematâsche Verstand dazukommt, denn is es mitâm Klauben und mit der
Kunst vorbei.«
»Das wäre ja schrecklich!« rief Asmus. »Aber es ist ja gar nicht so!
Der Verstand ist ja gar nicht kalt! Und die Mathematik ebensowenig!«
Er muÃte an die Stunden denken, da er zu Hause über mathematischen
Aufgaben gesessen hatte. Aufgesprungen war er oft, durchs Zimmer war
er getanzt und den Fensterpfosten hatte er umarmt, so wohl und warm
war ihm gewesen. Eine warme, fröhliche Sonnenklarheit war um ihn her
gewesen!
Er wurde immer eifriger, und er suchte nach Worten; denn was er
meinte, war schwer zu sagen. Plötzlich kam ihm ein rettender Gedanke.
»Das ist, wie ich es mal in einem Theater gesehen habe!« rief er. »Da
gingen immer neue Vorhänge hoch, immer einer nach dem andern, und es
wurde immer heller, und jedesmal bekam man Neues zu sehen, und das
Neue bildete mit dem Alten zusammen immer schönere Bilder. Nur daà es
auf dem Theater ein Ende hatte; in der Welt hat es kein Ende.«
Bruhn, der sich inzwischen wieder in ein #forte fortissimo#
hineingespielt hatte, brach wiederum ab und sah den Jüngling lange mit
forschenden Blicken an. Dann sagte er: »Nuâ ja, es mag ja sein â aber
nu müssen wir weiter.« Und der Unterricht nahm seinen Fortgang.
Auf dem ganzen Heimweg verlieà ihn das Problem nicht. Das hatte er nun
so oft gehört: ein ungehemmter, schrankenloser Gebrauch des Verstandes
vernichte die Blüten des Herzens. Und immer hatte ihn diese Behauptung
gequält, geschmerzt, geärgert, ja erzürnt; denn er hatte das Gegenteil
erfahren. Je mehr sich sein Wissen und sein Gedankenkreis erweitert
hatten, ein desto heiÃeres Glühen hatte sich in seiner Brust
entzündet. Wie, weil man alte Irrtümer und alte Dogmen überwand und
abtat, deshalb sollte das Herz veröden? Nein, und tausendmal nein!
Gedanken können Gedanken töten, niemals aber unsterbliche Lieder und
Gestalten. Und selbst wenn die Lieder und Träume vergangener Zeiten
erfrieren müÃten in der kalten Gipfelluft verwegenster Gedanken, das
Herz wird immer wieder blühen, sonst wärâ es kein Herz. Aber sie
erfrieren nicht, die alten Blüten und Früchte! Wie innig liebte er
diese alten, frommen Lieder mit ihrer lieblichen Einfalt, ihrem
rührenden Vertrauen, ihrem seligen Frieden. Warum sollte er sie nicht
lieben? Der Glaube vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte war so
schön und so köstlich wie aller Glaube kommender Zeiten, weil er
Glaube war. Warum sollte er ihn nicht lieben?
Durch ein anderes Erlebnis sollte seine Ãberzeugung bald darauf eine
tiefe Befestigung erfahren.