Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.
Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als
Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung
amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen
Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den
Religionsunterricht erteilte.
Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich
Strauà und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was
Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wuÃte. Er
plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen
Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen
hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch
so geschwinde Fangball spielen, daà man nicht mehr weiÃ, was Teller,
was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen
Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die
abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für
Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und
Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften
Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz
und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der
dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daà man
beschloÃ, sich einen Spaà zu machen und auf die Fragen des Mannes
immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«.
Das geschah denn auch und paÃte fast immer, und wenn es nicht paÃte,
so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines
frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils
verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und
Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil
allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle
Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des
heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es
Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er:
»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer,
tendenziöser Zusatz?«
»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert.
»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer
Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daà nur
den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch
ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle
Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des
zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da
undenkbar, daà die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen
zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des
ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein
späterer Zusatz sein; sie ...«
»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief
Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!«
Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein
Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre
Ãberzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und
forschte. Er lieà einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das
Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte«
noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die
Sache humoristisch und lieà die Sermones des jungen Mannes über sich
ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil
ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder
»Die Liebe!!«
Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der
war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie
hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja,
Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und
zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die
Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit
und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende
Bewandtnis.
Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen
Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert
hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und
dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden
hatten, regelmäÃig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er
ordnete deshalb an, daà alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der
Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente
wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ãngstlichkeit,
auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn
nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief
schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen
Taschentüchern den TodesschweiÃ.
»Nu sehân Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind
der Einzâche! Sie sind der einzâche ZuverläÃâche von der kanzen
Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«
Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das
is immer so: dieâs _nich_ nötâch haben, die kommen; aber dieâs nötâch
haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper
und sagte:
»Mein lieber Semper, klauben Sieâs mir: darauf kommtâs an im Leben:
auf ZuverläÃâchkeit. Sie sind ä zuverläÃâcher Mensch.«
Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den
Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen
natürlich vernommen hatte, daà Asmus Semper zu den Begabteren gehöre,
so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn
pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der
Antwort selbst zu geben, etwa so: