XXVII. Kapitel.

Handelt von würdigen und unwürdigen Kollegen Mister Bellys.

Es gab an diesem Seminar wohl Lehrer, die noch untauglicher waren als

Mr. Belly; aber sie waren höchstens für eine satirische Beleuchtung

amüsant. Zu einer solchen Betrachtung zwang Asmussen wider seinen

Willen der Herr Pastor Dinnebeil, der eine Zeitlang den

Religionsunterricht erteilte.

Einstmals Stahmer und jetzt Dinnebeil! Das war wie David Friedrich

Strauß und Hengstenberg. Nur war Hengstenberg ein Gelehrter, was

Dinnebeil, wenn er es war, geschickt zu verbergen wußte. Er

plätscherte unaufhörlich im laulichen Wasser jener fürchterlichen

Traktätchen-Terminologie, die in drei Sekunden mit sieben Synonymen

hantiert, nach Art der Jongleure, die mit Teller, Ei und Schnupftuch

so geschwinde Fangball spielen, daß man nicht mehr weiß, was Teller,

was Ei und was Schnupftuch ist. Diesen Hamburger Jünglingen, diesen

Schülern des vortrefflichen Herrn Stahmer, wollte Pastor Dinnebeil die

abgelagertsten Dogmen einreden, wollte er eine Art Christentum für

Papuas beibringen. Er versuchte es in einem Tone, der aus Huld und

Würde lieblich gemenget war. Anfangs hörten die verblüfften

Seminaristen diesem Phrasenschwall, der wie ein Landregen von Schmalz

und Honig niederging, mit offenem Munde zu; aber schon nach der

dritten Stunde war die Langeweile so ins Unendliche gewachsen, daß man

beschloß, sich einen Spaß zu machen und auf die Fragen des Mannes

immer abwechselnd zu antworten: »Der Glaube« und »Die Liebe«.

Das geschah denn auch und paßte fast immer, und wenn es nicht paßte,

so nahm es Pastor Dinnebeil doch wohlwollend hin als das Zeugnis eines

frommen Sinnes. Nur zwei machten sich dem Späherauge Dinnebeils

verdächtig: Stelling und Semper. Asmus hatte schon tausend Zweifel und

Einwürfe ins Dunkel seiner Brust hinabgeduckt; als aber Dinnebeil

allen Ernstes die Worte im Matthäus 28, 19: »Gehet hin und lehret alle

Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des

heiligen Geistes« als Beweis für die Dreieinigkeit ausgab, da hielt es

Asmussen doch nicht länger, und als er gerade am Wort war, sprach er:

»Verzeihung, Herr Pastor, aber ist das nicht ein späterer,

tendenziöser Zusatz?«

»Was? Wieso?« fragte Hochwürden indigniert.

»Nun, die Jünger vertraten doch noch auf dem Jerusalemer

Apostel-Konvent im Jahre 52 Paulus gegenüber den Grundsatz, daß nur

den Juden das Evangelium gepredigt werden dürfe; das wäre doch

ausgeschlossen, wenn Christus denselben Jüngern befohlen hätte, alle

Völker zu seinen Jüngern zu machen. Ferner wurde bis zur Mitte des

zweiten Jahrhunderts doch nur auf den Namen Jesu getauft; es ist da

undenkbar, daß die Jünger den Befehl empfangen hätten, auf drei Namen

zu taufen. Und da das Evangelium nach Matthäus im letzten Viertel des

ersten Jahrhunderts geschrieben wurde, so werden die Worte 28, 19 ein

späterer Zusatz sein; sie ...«

»Ach was, klauben Sie mir nicht immer an der Bibel herum!« rief

Dinnebeil sittlich entrüstet. »Fahren Sie fort, Seybold!«

Asmus war wirklich erschrocken. Er hatte bis dahin geglaubt, ein

Lehrer müsse sich freuen, wenn es seinen Schülern ernst sei um ihre

Überzeugung; aber dieser wurde gereizt, wenn man nachdachte und

forschte. Er ließ einfach »fortfahren«. Fortfahren war allerdings das

Leichteste. Von nun an »klaubte« Asmus nicht mehr; aber er »glaubte«

noch weniger, zum mindesten dem Herrn Dinnebeil. Er nahm nun auch die

Sache humoristisch und ließ die Sermones des jungen Mannes über sich

ergehen wie das Geräusch einer Wasserleitung, und wenn Herr Dinnebeil

ihn durch eine Frage aufschreckte, so rief er: »Der Glaube!!« oder

»Die Liebe!!«

Ach, was war da Meister Bruhn, der Musiklehrer, ein anderer Mann! Der

war auch fromm, köhlerfromm, sozusagen; aber er war ein Mensch. Sie

hatten einer am andern einen Narren gefressen, Bruhn und Semper, ja,

Meister Bruhn begegnete dem Jüngling mit einer Art von Verehrung, und

zu dieser Verehrung war Asmus so billig wie nur möglich gekommen. Die

Hochachtung des Lehrers gründete sich auf Asmussens Zuverlässigkeit

und auf sein Wissen. Mit der Zuverlässigkeit hatte es folgende

Bewandtnis.

Alljährlich veranstalteten die Seminaristen mit hohem direktorialen

Privilegio eine Konzert- und Theater-Aufführung, und vor dem Konzert

hatte Meister Bruhn, der mit Johannes Brahms zusammen studiert und

dessen Kompositionen Liszt und Rubinstein zu spielen für wert gefunden

hatten, regelmäßig ein Lampenfieber von mindestens vierzig Grad. Er

ordnete deshalb an, daß alle Mitspielenden zwei Stunden vor Beginn der

Aufführung da sein möchten, damit er selbst alle Instrumente

wiederholt durchstimmen könne. Man lächelte über diese Ängstlichkeit,

auch Asmus lächelte; aber weil er den alten Herrn lieb hatte und ihn

nicht ängstigen wollte, ging er rechtzeitig hin. Meister Bruhn lief

schon erregt auf und ab und trocknete sich mit immer neuen

Taschentüchern den Todesschweiß.

»Nu seh’n Se, lieber Semper!« rief er, »die Uhr is sechs und Sie sind

der Einz’che! Sie sind der einz’che Zuverläß’che von der kanzen

Kesellschaft! Keben Se her die Cheiche.«

Er fuhr mit dem Bogen darüber und sagte: »Nu ja, se stimmt. Aber das

is immer so: die’s _nich_ nöt’ch haben, die kommen; aber die’s nöt’ch

haben, die kommen _nich_.« Und er legte väterlich den Arm um Semper

und sagte:

»Mein lieber Semper, klauben Sie’s mir: darauf kommt’s an im Leben:

auf Zuverläß’chkeit. Sie sind ä zuverläß’cher Mensch.«

Das war also billig. Aber noch viel billiger war es, bei Bruhn in den

Ruf der Gelehrsamkeit zu kommen, und da er in den Konferenzen

natürlich vernommen hatte, daß Asmus Semper zu den Begabteren gehöre,

so hielt er ihn für eine Art Casaubon oder Leibniz. Meister Bruhn

pflegte, wenn er eine Frage stellte, gleich die schwierige Hälfte der

Antwort selbst zu geben, etwa so:

Semper der Jüngling · 第 104 / 292 题