Mister Belly und der geheimnisvolle Zimmermann.
Mister Bellys Stunden waren freilich in einer gewissen Hinsicht lauter
Feste. Mister Belly war eines jener Wunderkinder gewesen, die schon
mit drei Jahren Englisch sprechen, weil sie in England geboren sind,
und das war sein Hauptverdienst. Zu diesem Englisch hatte er nur noch
zweierlei hinzugelernt: ein Französisch mit englischer Aussprache und
Betonung und ein für einen Ausländer recht passables Deutsch. Auf
weitere Anforderungen aber reagierte er nicht. Es ist nie ans Licht
gekommen, ob er von Goethe, Schiller und Lessing irgend etwas kannte;
das aber stand fest, daà er von der nachgoethischen Literatur nur den
»Königsleutnant« von Gutzkow kannte. Ein Engländer gesteht dergleichen
ganz kaltblütig ein und hält es für NationalbewuÃtsein. Von Zeit zu
Zeit fragten ihn die Seminaristen:
»Mister Belly, wie heiÃt noch das deutsche Drama, das Sie kennen?« und
dann antwortete er mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt:
»Also mal »The Kingâs Lieutenant«, denn er leitete jeden Satz mit den
Worten »also mal« ein.
Wenn nun aber auch Mr. Belly recht gut deutsch sprach, so sprachen es
die deutschen Seminaristen doch besser, und als Lehrer ohne
imponierende Kräfte unter übermütige Kinder einer fremden Sprache
versetzt sein, das ist gerade so schön, wie als Taubstummer unter
Kannibalen geraten. Da beim englischen Unterricht eine Grammatik von
Gurcke gebraucht wurde, so sagte der unglückliche Belly eines Tages:
»Bringen Sie zur nächsten Stunde Ihre Gurke mit« und an solchen und
ähnlichen Gurken hatte der Gute natürlich lange zu kauen. Unter der
gütigen Leitung Mr. Bellys muÃte unser Asmus etwa hundertmal die
Geschichte von Robin Hood lesen (Mr. Belly wollte auf solche Weise bei
seinen Schülern eine gute Aussprache erzielen); aber dennoch brachte
jede Stunde eine Abwechslung. Heute war es ein Hampelmann, der hinter
Mr. Belly an der Wand hing und durch einen dünnen, bei dem
Seminaristen Stelling endigenden Faden dirigiert wurde, morgen war es
ein Seminarist, der in den Kartenschrank eingesperrt wurde und dort
während der Stunde gespenstische Geräusche hervorbringen muÃte,
übermorgen ein Seminarist, der aus Turnjacken, Turnhosen, Turnschuhen
und einer Mütze hergestellt, dann in ein kleines Kabinett gesetzt und
für »eingeschlafen« erklärt wurde, so daà Mr. Belly hinging, um ihn
zu wecken, und so mit und ohne Grazie ins Unendliche. Ein Rouleau, das
hochgezogen werden sollte, entwickelte sich regelmäÃig zu einer ganzen
komischen Oper; denn natürlich fiel der Vorhang, wenn er endlich nach
langen Mühen aufgewickelt war, mit furchtbarem Gerassel wieder herab,
und je mehr hilfreiche Hände herbeikamen, desto unmöglicher erschien
natürlich die Bändigung des heimtückischen Vorhangs. Der eigentliche
Belly-Spezialist aber war jener Stelling.
Stelling war ein glänzend begabter Bursche, der aber am Unterricht
eigentlich nur als wohlwollender Zuhörer teilnahm und eine
unüberwindliche Abneigung gegen Bücher und Hefte hegte. Was er an
solchen Dingen mit sich führte, beschränkte sich für gewöhnlich auf
ein kleines Heftchen, das er, um seine ganze Verachtung des Buchstaben
zu zeigen, zusammengerollt in der hinteren Hosentasche trug. Kraft
seiner vorzüglichen Anlagen war er trotzdem immer so ziemlich auf dem
Laufenden; nur in der »Charakterbildung« schien er sich auf der Stufe
des »groÃen Jungen« so wohl zu fühlen, daà er an einen Fortschritt
nicht dachte.
Eines drückend heiÃen Sommertages brachte der nämliche Stelling einen
Hammer mit in die Klasse, und gerade las ein Schüler mit halb
entschlummerter Stimme die erschütternden Verse:
#»Here underneath this little stone
Lies Robert Earl of Huntingdone;
Neâer archer was as he so good,
And people called him Robin Hood ...#
als in der Gegend Stellings ein ungemein rhythmisches Klopfen ertönte.
»Also mal: was ist das?« fragte Mr. Belly.
Stelling trat an das offene Fenster, neben dem er saÃ, und sagte
trocken: