»Na – zum Dank für die Einladung!«

Asmus brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Das könnte mir fehlen! Nein, mein Junge, ich bin sehr vergnügt und

feire das Fest ohne jeden Hintergedanken – aber auch noch »danke«

sagen –? Das mach du nur selber! Das heißt, wenn du’s tust, erschlage

ich dich!« fügte er schnell hinzu.

Und zu den hübschesten Dingen dieses Festes gehörte es, daß der erste

Trinkspruch, den der Präside ausbrachte, dem Direktor galt. Er hatte

sie auch bei dieser Gelegenheit nicht eben liebenswürdig behandelt;

aber sie liebten ihn alle; denn er hatte das eine, für das die Jugend

ein so besonders feines und lebhaftes Empfinden besitzt:

Gerechtigkeitsgefühl. Die Jugend versöhnt sich mit dem strengsten

Zuchtmeister, wenn er gerecht ist, und sie verachtet, sie haßt den

willfährigsten Lenker, wenn er das Recht beugt. Sie wußten es alle:

dieser #Dr.# Korn hatte ein Rückgrat nach oben und nach unten, und

wenn es in einem Konflikt zwischen Lehrer und Schüler zu entscheiden

galt, so waren sie ihm nicht Lehrer und Schüler, sondern Menschen. In

aller Gedächtnis strahlte mit unauslöschlichem Glanze ein

Richterspruch des »Alten«. Ein Religionslehrer hatte mit allerlei

verfänglichen Fragen einen verdächtigen Jüngling auf seine

Rechtgläubigkeit untersucht. Der Jüngling beschwerte sich bei dem

Direktor über diese Belästigungen, und Korn, als er beide Parteien

gehört hatte, sagte: »Herr Doktor, Sie haben sich aller

Jewissensfragen zu enthalten. Wir sind hier tolerant.«

Es war zu jener Zeit, als der leise schreitende Einfluß der

Geistlichkeit noch nicht überall war und die oberen Stellen nicht mit

den Günstlingen der Kirche, sondern mit den Günstlingen Minervens

besetzt wurden.

Von der orthodoxen Theologie war der Mann allerdings weit entfernt; er

war Philolog und Philosoph und liebte das Zeitalter der Aufklärung und

der Enzyklopädisten, das er mit sprühendem Geist, lebendig und groß

darzustellen wußte, so groß, daß Asmus, wenn ihm später der banale

Aufkläricht in seiner ganzen Schrecknis begegnete, nie mehr vergessen

konnte, wie die Gedanken, die klein sind in den kleinen Köpfen, groß

gewesen in den großen. Wenn er ein Kapitel des christlichen Glaubens

behandelte, etwa die Dreieinigkeit, so trug er es genau nach der

Dogmatik vor, ohne Kritik und ohne Polemik, und wenn er fertig war,

sagte er aufatmend:

»So. Das lehrt die Kirche. Was Sie davon jlauben wollen, steht bei

Ihnen.«

Diesen Grundsatz bewährte er nach jeder Richtung. Der Gläubige atmete

unter ihm so frei wie der Zweifler.

Und obwohl Asmus das Brandenburgisch-Preußische sonst nicht liebte, –

die Schleswig-Holsteiner sind keine Kommißnaturen, – so sagte er sich

doch, daß der Geist dieses Mannes das Beste am ganzen Seminar, ja, daß

er beinahe das einzige Gute an dieser Anstalt war. Sein goldener

Präparandentraum vom reich besetzten Tisch der Wissenschaften und

Künste hatte einer großen Ernüchterung Platz gemacht; aus der Hochzeit

des Kamacho, wo die Rinder, Hammel und Hasen und die Schläuche Weines

nicht zu zählen gewesen, war ein Gastmahl des Harpagon geworden. Von

einem, der studieren will, sagen die plattdeutschen Bauern: »he will

studeern leern« und sprechen damit, ohne es zu wissen, ein feines

Wort. In drei oder vier Jahren kann man nicht viel studieren; aber man

kann studieren _lernen_, und das ist viel mehr. Bei Korn lernte man

studieren. Nach seinen Vorträgen rief es in Asmus mit tausend

Begierden: Mehr! mehr! und ihm war, als müßte er mit Armen des Geistes

das ganze Firmament der Gedanken umspannen und in seine Brust

herabziehen. Nach den Stunden der andern hatte man immer genug, und

wußte doch, daß es nichts war. Sie gaben trockenes Brot, das schnell

satt macht, oder sie gaben Steine statt des Brotes, oder sie gaben

nicht einmal Steine. Ein Glück noch, wenn sie komisch waren, wie der

gute Mister Belly, und wenigstens auf solche Art die Jugendlust

lebendig erhielten.

Semper der Jüngling · 第 93 / 292 题