Als Asmus ihn nach drei Tagen besuchen wollte, vernahm er, daà Alfred
Sturm »seit gestern« im Hamburger Krankenhause liege, und als Asmus
dorthin kam, durfte der Kranke nur ganz wenig und im leisesten
Flüstertone sprechen.
»Wie gehtâs?« fragte Asmus.
»Sehr gut, ich darf nur nicht sprechen,« flüsterte der Kranke. Und
Asmus erzählte von diesem und jenem, wie vernünftig es sei, ins
Krankenhaus zu gehen, wo die Pflege natürlich viel umfassender sein
könne als zu Hause, und wie sehr man den Freund in der »Treue«
vermisse; aber es schien ihm, als ob der Patient nur mit halber
Aufmerksamkeit zuhöre und als ob er um einen Entschluà kämpfe. Endlich
zog er unter der Bettdecke ein Blatt Papier hervor und hielt es dem
Freunde hin:
»Da â es ist natürlich Unsinn â aber ich wolltâ es dir doch geben â.«
Asmus nahm das Blatt und las:
»Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
Den müden Geist zu dichterischem Flug,
Und schon seit langem strebâ ich ernst genug,
Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen ..«
Es war ein Sonett, in dem der Verfasser den Freund mit aller
schwärmenden Begeisterung der Jugend pries.
»Ich habâ â âne ganze Nacht â daran gezimmert,« hauchte der Kranke mit
ironischem Lächeln. »Du wirst darüber lachen ....«
Die Wärterin erschien und mahnte mit einem Blick, der keinen
Widerspruch duldete, zum Aufbruch. Asmus ergriff die Hand des Freundes
und beugte sich über ihn, und sie hatten in diesem Augenblick beide
dasselbe Gefühl: der Freund kam ihm mit mühsam erhobenem Haupte
entgegen, und sie küÃten sich auf den Mund.
Das ist unter niederdeutschen Jünglingen etwas Seltenes und Heiliges.
Asmus pflegte nicht einmal seine Geschwister, nicht einmal seine
Eltern zu küssen; er hatte nicht einmal seine Brüder geküÃt, als sie
nach Amerika gingen. Die Menschen dieses Himmelsstrichs, wenn sie
Abschied nehmen, tun es mit einem Händedruck und mit dem Verlangen
nach einer Umarmung; aber sie geben diesem Verlangen keinen Ausdruck.
Schon am folgenden Tage erhielt Asmus die Todesnachricht.
Bei dem Begräbnis ging es ihm wie bisher bei fast allen Begräbnissen;
er konnte nicht andächtig und traurig sein. Dieses herkömmliche
Bestattungszeremoniell mit seinem zelotischen Pfaffengesicht (»Jetzt
haben wir dich, du Sünder«) mit seiner tristen Banalität war ihm so
unsäglich zuwider, daà er zu keinem reinen Gedanken an den Freund
kommen konnte. Erst zu Hause dehnte sich wieder das Herz. Er zog sich
in sein Zimmer zurück â für die wärmere Jahreszeit war er nun doch mit
seinen Studien aus der Zigarrenstube in das Wohnzimmer übergesiedelt â
und ging viele Stunden lang auf und ab; nur hin und wieder blieb er am
Fenster stehen und blickte nach der Richtung, wo sein Freund nun in
der Erde lag. Trauriger Wahn, dachte er, auch den toten Menschen noch
an die finstere Erde zu kerkern, statt ihn den freien, seligen Lüften
zu geben.
Von dem endlosen Wandern erschöpft, fiel er endlich aufs Sofa und
wuÃte nicht, warum er so erschöpft sei. Als er sich erholt hatte, zog
er die Lampe näher heran, desgleichen Tinte und Papier und begann zu
schreiben:
_An meinen toten Freund A. S._
»Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
Den müden Geist zu dichterischem Flug,
Und schon seit langem strebâ ich ernst genug,
Dir, teurer Freund, ein leidlich Lied zu singen.«
So schriebst Du jüngst nach qualerfülltem Ringen,
Als nächtens nach des Schlummers mildem Trug
Dein brennend Augâ umsonst Verlangen trug,
Und heute hörâ ichâs noch im Herzen klingen.
Begnüge Dich! Du trägst nach heiÃem Ringen
Ins Reich der Geister ungetrübt von hinnen
Die hehre Poesie der Herzensreinheit.
Auch ich erhöbe gern auf leichten Schwingen
Einst meinen Geist, wenn Raum und Zeit zerrinnen,
So frei und stolz zum Frieden der All-Einheit.
* * * * *
Auf Deinen Sarg fällt manche Träne nieder
Und bange Seufzer irren durch die Luft.
Ich starre trocknen Auges in die Gruft;
Kein warmer Tropfen quillt durch meine Lider.
Ich stehâ betäubt, von Schmerz gelähmt die Glieder,
Und faà es nicht, daà unter Glanz und Duft
So holder Blumen gähnt die düstre Kluft ...
Ich kann nicht weinen. Doch ich kehre wieder!
Wenn ich die Menschheit jammernd höre sagen:
»Die Besten müssen früh von hinnen gehen!«
Dann wird zu Dir mich die Erinnrung tragen.
An Deiner Gruft werdâ ich im Geiste stehen,
Und von der Menschheit angsterfülltem Klagen
Wird auch ein Hauch um diese Stätte wehen.
* * * * *
Aber tiefer und sehrender, als es aus diesen pathetischen
Jünglingsversen klang, wurde das Weh, als nun die Tage kamen und
gingen ohne den Freund und als er in der nächsten Versammlung der
»Treue« das Gesicht des Besten vergebens suchte. Er war einsilbig und
ernst und ging lange vor der gewohnten Zeit nach Hause.