Liedtext:
#Je vais donc quitter pour jamais, mon doux pays, ma douce amie!#]
sang es in ihm. Dann hörte er seinen Bruder sprechen.
»Sobald ich drüben bin, schickâ ich meine Adresse; dann muÃt du mir
fleiÃig schreiben.«
»GewiÃ,« sagte Asmus.
»Schreib mir sobald als möglich, wie es Vater und Mutter geht â sie
werden allmählich alt.«
»Ja, ja,« sagte Asmus nachdenklich.
»Machâ ihnen nur recht viel Freude. Sowie ich etwas übrig habe,
schickâ ich auch Geld.«
»Aber überarbeite dich auch nicht,« fügte Johannes noch hinzu. Dann
schwiegen sie wieder. Und wieder hub in Asmus die sanfte, traurige
Weise an:
#Je vais donc quitter pour jamais
Mon doux pays# â â â
Endlich waren sie am Landungsplatz, und da griff der Anblick der
vielen Hunderte von Zwischendeckspassagieren wie mit Krallen in
Asmussens Herz. Er wuÃte ja von all diesen Leuten gar nicht, warum sie
auswanderten, ob sie es gern oder ungern taten, was sie erhofften und
was sie verlieÃen; aber er sah in dieser ganzen Masse von Männern,
Weibern und Kindern mit ihrer in Bündel geschnürten Habe nur ein
groÃes Elend, ein groÃes, bitteres Elend, und zum ersten Male in
diesen Tagen des Abschieds traten ihm heiÃe, reichliche Tränen ins
Auge. Er trocknete sie schnell; denn es galt, Abschied zu nehmen und
den Brüdern ein fröhliches, ermunterndes Gesicht zu zeigen. Der guten
Frau Rebekka wollte fast das Herz brechen, und sie empfahl ihren
Söhnen noch hundert Dinge, die sie nicht vergessen sollten; sie
knöpfte Alfred den Rock zu und knotete Johannes den Schal fester um
den Hals, um sie gegen die rauhe Seeluft zu schützen, die indessen von
Hamburg noch fünf Stunden weit entfernt ist. Endlich fuhr das Schiff
unter Hurrarufen und Winken der Zurückbleibenden davon.
Als Asmus wieder daheim war, ging er heimlich ins Schlafzimmer, wie er
von jeher getan, wenn er mit sich allein sein wollte. Er trat ans
Fenster und blickte nach Westen. Wo werden sie jetzt sein, dachte er.
#Je vais donc quitter â â â#
Die Melodie schlang sich wie ein Gewinde von Orangenblüten durch alle
seine Gedanken.
#Je vais donc quitter pour jamais
Mon doux pays, ma douce amie!
Loin dâeux je vais trainer ma vie
Dans les pleurs et dans les regrets.#
Das Lied paÃte ja eigentlich gar nicht so recht zu diesem Tage: es war
ein französisches Lied, und hier handelte es sich um eine deutsche
Heimat; auch der Sinn der Worte paÃte nur halb; aber die Töne, die
Töne sangen ein wunderbares Heimweh, und sie folgten ihm bis in den
Traum und bis in manchen folgenden Tag.
Viel Zeit war indessen für wehmütige Stimmungen und Gedankenspiele
nicht übrig; das Leben schickte sich an, unserm Seminaristen mit
realen Forderungen hart auf den Leib zu rücken. Mit den beiden Söhnen
hatten die alten Semper zwar zwei beträchtliche Esser, zugleich aber
einen für ihren Haushalt noch beträchtlicheren Geldzuschuà verloren.
Vorübergehende Arbeitslosigkeit kam hinzu, und die fetten Jahre der
dreihundertundsechzig Mark #pro anno# waren vorbei; im ersten
Seminarjahr gab es nur einhundertundzwanzig Mark Stipendien, im
zweiten zweihundert, im dritten zweihundertundvierzig. Aber wie
sollten nun die Semper ihren Studenten durch drei endlose Jahre
hindurchschleppen?!
Frau Rebekka verzagte an diesem Unternehmen. Durch den Spalt einer
angelehnten Tür belauschte Asmus eines Tages ein Gespräch seiner
Eltern.
»Dann muà er eben den Lehrer an den Nagel hängen und Zigarrenmacher
werden,« sagte die Mutter.
»Ach, Unsinn!« klang die Stimme Ludwig Sempers.
»Ja, Unsinn! WeiÃt du, woher das Geld kommen soll? Ich weià es nicht.
Wir riechen nach Geld wie die Gänse nach Franzbranntwein.«
»Na ja, das findet sich,« sagte Ludwig.
»Ja, das sagst du immer,« meinte Rebekka. »Wozu auch?« fuhr sie fort.
»Die anderen Kinder sind auch alle begabt und sind auch keine Lehrer
geworden.«
Sie sagte das nicht lieblos; sie sagte es mit jener Resignation des
Armen, der das Gefühl hat, daà das Talent für den Mittellosen ein
Unglück ist.
Aber obwohl sie das Wort nicht lieblos gesprochen hatte, ging es
Asmussen wie ein Messer durchâs Herz. Sie hatte Wahrheit gesprochen,
die Mutter. Seine Brüder waren wohl ebenso begabt wie er, vielleicht
begabter, und muÃten Zigarren drehen. Sollte er seinen Eltern, die
sich von Sorge zu Sorge schleppten, drei Jahre lang auf der Tasche
liegen? Nein.
Asmus beschloÃ, seinen Unterhalt durch Privatstunden selbst zu
verdienen. Dazu waren freilich nicht wenige solcher Stunden nötig.
Er ging dreimal in der Woche zu den Kindern eines Fettwarenhändlers,
drei allerliebsten, wohlerzogenen Kindern, zwei Mädeln und einem
Buben. Die Ãlteste war ein Lachtäubchen, und wenn Asmus über eine
seltsame Aufgabenlösung ein humoristisches Augenrollen vollführte,
wollte sie sich unter den Tisch kichern; nur wenn er die Frage an das
etwas »thumbe« Brüderlein richtete, machte sie ein bekümmertes
Muttergottesgesichtchen. Die Stunden wurden glänzend bezahlt, mit 75
Pfennigen, und jeden Monat zählte der blendend weià beschürzte Vater
mit verbindlichstem Dank und höflichen Komplimenten die blanken
Silberstücke auf die Ladenbank. Hier war alles warm und gut.
Auch mit dem einzigen Kinde des Gelehrten, zu dem er sechsmal die
Woche ging, lebte er gute und feine Stunden. Freilich nicht von Anfang
an. Als er bei dem sechsjährigen Bürschchen mit dem Unterricht
beginnen wollte, bemerkte er, daà es kaum die Entwicklung eines
Vierjährigen hatte. Infolge von Krankheit oder Verzärtelung war es so
zurückgeblieben, daà es fast gar nicht sprechen konnte, und wenn es
nach vielen Ermunterungen und Mühen endlich den Mund auftat, so sagte
es »trein« statt »klein« und »Josche« statt »Rose«. O, o, oh, dachte
Asmus, was fang ich da an. Zudem war der Kleine furchtsam wie ein
Häslein; er starrte seinen Lehrmeister nach Wochen noch an wie einen
bösen Mann und war durch die zündendsten »Witze« und die komischsten
Gesichter nicht ins Lachen zu bringen. Hundertmal, tausendmal sprach
ihm Asmus die richtigen Laute vergeblich vor â das konnte nicht immer
kurzweilig und fröhlich sein; dem Kleinen traten dicke Tränen ins
Auge, und dann war alles vorbei ... Dann muÃte Asmus aufspringen und
ein paarmal auf und ab gehen und sich sagen, daà er die Geschichte vom
Sisyphos bisher immer viel zu leichtfertig und teilnahmlos aufgefaÃt
habe. Endlich, nach sechs Wochen, sagte das Bübchen plötzlich ganz
richtig »klein« und »Klavier«. Asmus traute seinen Ohren nicht.