»Was? Schiller –?«

Asmus wollte aufspringen; aber jener andere Herr legte ihm die Hand

auf die Schulter und sagte: »Ich werde Ihnen mal Rousseaus

»Bekenntnisse« leihen; die werden Sie interessieren.«

»O ja! Herzlichen Dank!« rief Asmus, und am nächsten Tage stürzte er

sich in die »Bekenntnisse«.

Das war Öl ins Feuer. Den Kopf in beide Hände vergraben, las er

stundenlang mit heißen und heißeren Wangen. Da plötzlich sprang er

auf, warf die Arme nach beiden Seiten und rief ganz laut: »O Gott – o

Gott!« Er hatte die Stelle gelesen, wo Rousseau sich vor dem Leser zu

jenem Diebstahl bekennt, den er hartnäckig geleugnet hat. Wohl eine

Stunde lang stürmte Asmus im Zimmer auf und ab, oder er warf sich ins

Sofa, vergrub das Gesicht in beide Hände und atmete schwer. Welch ein

Mut, welch ein Wahrheitsmut! Welch eine erschütternde Liebe zur

Wahrheit! Asmus wollte weiterlesen; aber kaum hatte er das Buch

berührt, so schlug er es heftig zu. Er konnte nicht weiterlesen; eine

geheimnisvolle Macht verwehrte ihm, die heiligste, größte Stunde

seiner Jugend selbst zu töten. Er lief ins Freie, rannte durch Felder

und Wiesen und sah von Feldern und Wiesen nichts; er füllte nur eine

unaufhörliche Brandung gegen die Wände seines Herzens schlagen. Gegen

Abend kehrte er ruhiger nach Hause zurück. Wieder schlug er das Buch

auf, und langsam, zärtlich, mit ferngewandtem Blick machte er es

wieder zu. Wie der Bergwanderer, der einen höchsten Grat erstiegen und

nun die freie und reine Herrlichkeit der Täler und Gipfel erschaut,

sich nicht entschließen kann, wieder dort hinabzusteigen, wo alles das

ihm entschwinden wird, so konnte es Asmus nicht über sich gewinnen,

die Höhe zu verlassen, wo himmlische Luft sein Herz durchbraust hatte.

Und zu diesem Rousseau würde nun bald im Seminar Pestalozzi kommen und

Comenius und die Alten: Plato, Aristoteles, die Kirchenväter – er

hatte Einblick in den Lehrplan des Seminars bekommen – ach: was gab es

da nicht alles in der Psychologie, in der Logik, in der Methodik, in

Literatur und Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften – ihm

lief das Wasser im Munde zusammen wie einem Schlemmer, der vom

Gastmahl des Trimalchion liest, von einem jener römischen Gelage, wo

ganze Ochsen und Eber auf goldenen Wagen herangefahren wurden und

Speisen und Getränke aus der Decke, aus den Wänden und aus dem Boden

hervorkamen. Das alles, was da in dem Lehrplan stand, sollte er

studieren dürfen, bis in die tiefsten Schachte der Wissenschaft

hinein, und zu Hause würde er noch Zeit haben, noch ebensoviel dazu zu

lernen –

»O Erd’, o Sonne,

O Glück, o Lust!«

das war der tägliche Text seines Herzschlages, die immer

wiederkehrende Melodie seines Gedankenreigens. Was sich draußen golden

und grün über Felder und Hecken breitete und was sich golden und grün

über unendliche Fluren in seinem Herzen dehnte: es war derselbe

Frühling, derselbe lerchenfrohe Lebensmorgen.

Der alte Moor fiel ihm ein, der, seines Erstgeborenen gedenkend,

erzählt: »Da ihn die Wehmutter mir brachte, hub ich ihn gen Himmel und

rief: Bin ich nicht ein glücklicher Mann?«

Im Übermute seines Herzens mußte er es still in sich hineinrufen: Bin

ich nicht ein glücklicher Mann?

Freilich: der alte Moor war dann nichts weniger als glücklich

geworden.

»Aber ich bin glücklich!« rief Asmus in sich hinein »und ich werde

glücklich sein, ich weiß es.«

Mit solchen Empfindungen überschritt er an einem Aprilmorgen zum

ersten Male die Schwelle des Seminars.

Er hörte nicht die Schere klingen, die Schere des Gärtners, der

herankam, sein Glück zu beschneiden.

Semper der Jüngling · 第 49 / 292 题