Wie Asmus plötzlich eine glänzende Karriere machte und dabei auf den
Hund kam.
Zu diesen ganzen und halben Freunden gewann Asmus endlich eine ganze
Schar von kleinen Freunden. Als er im zweiten Jahre seines
Präparandentums eines Morgens in die Schule kam, lieà ihn der
Oberlehrer in sein Zimmer rufen. »Herr Dohrmann hat sich krank
gemeldet,« sagte er, »und wird voraussichtlich in acht Wochen nicht
kommen können. Ich habe Sie zu seiner Vertretung ausersehen.
Ãbernehmen Sie die Klasse. Ich bin überzeugt, daà Sie mein Vertrauen
rechtfertigen werden.« Asmus konnte vor Ãberraschung nicht sprechen;
er nickte nur stumm und verlieà das Zimmer.
Als er drauÃen stand, war sein erstes Gefühl ein wirbelnder Jubel.
Lehrer! Er sollte Lehrer sein! Einer ganzen Klasse sollte er
vorstehen, er ganz allein! Er wuÃte im nächsten Augenblick selbst
nicht, wie er die drei Treppen zum obersten Stockwerk hinaufgekommen
war. Und als er vor der Klassentür stand und die führerlosen Kinder
lärmen hörte, da stak ihm das Herz, das noch eben so hoch geflogen
war, tief unten in den Schuhen. Warum sollte er, der kleinste und
jüngste von den drei Präparanden, den kranken Lehrer vertreten? Warum
nicht Morieux, der ein ganzes Jahr länger an der Schule war als er?
Warum nicht Claus Münz, der GroÃe und Starke, der den Kindern gewiÃ
mehr imponierte als er? Er kannte ja nichts vom Unterrichten, rein gar
nichts. Ach ja, er wuÃte wohl: alle in der Schule hielten ihn für
auÃerordentlich ernst und gesetzt. Die Leiden, die Verfolgungen, die
er als Knabe erduldet, hatten seinem Gesicht, seinem ganzen Wesen
einen zusammengerafften, entschlossenen Ernst gegeben, und wer ihn
nicht in vertrauten Stunden gesehen, der konnte nicht wissen, daÃ
hinter den Wolken seiner Stirn die volle Sonne stand. Er hatte gerade
um jene Zeit auf Menschen solcher Art in schwerhinwandelnden Versen
ein schwerernstes Gedicht gemacht, das nannte er »Erscheinung«.
Eine düstre Wolke sehâ ich schwimmen
Durch den abendlichen Himmelsraum.
Nur um ihres Scheitels Zacken glimmen
Zarte Lichter wie ein Flockensaum.
Gleichwie starrgewaltâge Bergesschroffen
Ragt die Wolke hoch in den Azur,
Doch um ihre Stirne lichtgetroffen
Hängt des Alpenglühens Rosenflur.
Denn verborgen hinter jener Mauer
Strömt der Gnadenquell des Sonnenlichts,
Und die Wolke, uns ein Bild der Trauer,
Blickt nach dort verklärten Angesichts.
Also sah ich düstre Menschenstirnen
In den Grenzen dieser Erde auch:
Sie umfloà wie Glanz der Alpenfirnen
Eines fremden Lichtes leiser Hauch.
Augen sah ich, die dem Hier entrinnen,
Das mit Tränenschatten sie umhüllt;
Doch versunken war ihr Blick nach innen
Und von dort mit selâgem Glanz erfüllt. â
Er gab diesem Licht einen zum Himmel gewandten Blick, ein
überirdisches Angesicht, weil er das für erhabener hielt und er damals
gerade ein Dichter wie Klopstock und die Hainbündler werden wollte; in
Wirklichkeit aber sprang seine Fröhlichkeit wie diejenige Klopstockens
mit frischen Jugendbeinen auf der Erde umher. Das wuÃten die in der
Schule nicht. Sie schrieben ihm auch weit gröÃere Kenntnisse und
Fähigkeiten zu, als er besaÃ, und das machte ihm Unbehagen, weil es
ihm vorkam, als täuschte er sie, als müÃte er seine Kenntnisse einmal
alle aus dem Kopfe hervorholen und auf den Tisch legen, damit sie
sähen, wie wenig er wisse und könne. Vor neuen, gewichtigen Aufgaben
stand er stets mit einem ehrfurchtsvollen Gefühl der Unberufenheit.
Mit solchem Gefühl im Herzen drückte er endlich die Klassentür auf. Er
stand vor den Kindern.
Sie verstummten vor Ãberraschung. Was will _der_ denn, dachten sie.
Asmus gebot ihnen, ihre Sachen unter den Tisch zu legen und sich
ordentlich hinzusetzen. Sie gehorchten; aber einige duckten sich
hinter den Rücken des Vordermannes und kicherten, weil der kleine
Schreiber aus dem Zimmer des Oberlehrers Schulmeister sein wollte. Da
steckte Asmus von seinen ernsten Gesichtern das allerernsteste auf und
sah den Aufsässigen ruhig in die Augen â da saÃen sie still und ohne
Laut. Das fühlte er sofort, die Zügel in der Hand behalten, das war
nicht so schwer; aber das Unterrichten!
Ja, die Unkundigen halten Unterrichten für die einfachste Sache von
der Welt. Man sagt den Kindern, was sie wissen sollen, und dann wissen
sieâs ja! Aber man soll ihnen gar nichts sagen, das istâs ja gerade!
Alles sollen sie selber sagen, durch unaufhörliche Fragen soll manâs
aus ihnen herausholen; so verlangt es das »erotematische« oder
»katechetische« oder »heuristische« Lehrverfahren. Asmus kannte diese
gelehrten Vorschriften wohl; aber als er nun vor den sechzig
Gesichtern stand, wuÃte er nichts damit anzufangen. Ihm war, als solle
er den Kindern über ein meilenbreites Wasser die Hand reichen. Und
wenn ihm vorher das Herz in den Schuhen gesteckt hatte, so hatte er
jetzt zum mindesten vier Herzen, eines in den Schuhen, eines im Halse,
das ihn würgte, eines in der Brust, das ihm wehtat und eines in der
Darmgegend. Und nun kamen überdies noch Münz und Morieux herein; denn
es war Brauch, daÃ, wenn ein Präparand unterrichtete, die andern
zuhörten und hernach ihre Kritik übten. Wie ein Doppelbeckmesser
muÃten sie aufpassen, ob auch alle Fragen des Katecheten mit »#W#«
anfingen (denn so verlangt es das »System«), ob Asmus auch keine
»Wahlfragen« stellte, d. h. Fragen, auf die man nur mit Ja oder Nein
zu antworten brauchte, die also die Schüler zum Raten verleiteten, ob
er auch rechtzeitig zusammenfasse und wiederhole, ob er auch alle
Kinder gefragt habe, bevor er eins zum zweitenmal frage, ob er auch
tadle, wenn ein Schüler beim Fingerzeigen aus der Bank trete, ob er
auch bemerkt habe, daà Müller sich in vereinfachter Manier die Nase
geputzt habe usw.
Asmus sollte zunächst eine Anschauungsstunde geben, und er holte sich
aus dem kleinen Schulmuseum einen ausgestopften Fuchs, der aber dank
der Kunst des Ausstopfers den Hinterleib einer feisten Katze hatte.
»Was ist das?« fragte Asmus.
»Das ist ein Hund,« antwortete ein Schüler; denn die Stadtkinder
kannten keinen Fuchs.
Statt nun an diese nicht ganz unrichtige Antwort anzuknüpfen und den
Fuchs zunächst als Hund zu behandeln, oder aber mit Eleganz darüber
hinwegzugehen und einen anderen zu fragen, bià sich Asmus sofort in
diese Antwort fest.
»Nein, ein Hund ist das nicht,« sagte er, »woran sieht man, daà es
kein Hund ist?«
»Er hat gar keinen Maulkorb um!« rief ein kleiner Bursche.
»Haben denn alle Hunde Maulkörbe?« fragte der junge Präzeptor. (O weh,
eine »Wahlfrage!«)
»Nein,« riefen viele Kinder. (O weh, der Präzeptor duldete, daà die
Schüler im Chor antworteten, ohne es zu tadeln! Münz und Morieux
notierten eifrig in ihren Heften.)