X. Kapitel.

Asmus als Königsmörder und Galeerensträfling, als Gallo und Petrarca.

Er erneuert eine gewisse, für die Folge nicht unwichtige

Bekanntschaft.

Ob er den Freund in seinem andern Mithospitanten, jenem Jüngling mit

der hebräischen Handschrift finden sollte, der seit einiger Zeit mit

ihm denselben Weg zur Schule ging? Claus Münz war ein guter Kerl; aber

er redete zu viel von seinen Muskeln. Er war nämlich vierschrötig und

starkknochig wie ein Arbeitspferd, und wenn er Sempern die Hand gab,

drückte er sie zum Beweise seiner Heldennatur so stark, daß Asmus das

Gesicht verzog, und dann wieherte Claus Münz aus vollem Halse wie ein

Roß. Er entblößte täglich einmal seinen Arm, um den Bizeps zu zeigen,

und hatte den sehnlichen Wunsch, einmal mit einem Athleten vom

Spezialitätentheater ringen zu dürfen. Es sei ein Jammer, sagte er,

daß er als Schulmeister nur sechs Wochen dienen könne, sonst würde er

zu den Gardehusaren kommen, und dann hätte er vielleicht einmal

tüchtig in die Franzosen einhauen können. Er hatte als Knabe jenen

Geschichtsunterricht empfangen, nach dem die Franzosen Lumpenhunde

sind, die Deutschen hingegen bieder und treu. Asmus machte sich

anfangs ein Vergnügen daraus, die Franzosen auf jede Weise

herauszustreichen; aber bald ward ihm dieser Streit zu dumm. Claus

Münz war auch in allen Muskeln und Knochen königstreu; Asmus hingegen

war überzeugter Tyrannenmörder. Zwar konnte er kein Tier, geschweige

denn einen Menschen leiden sehen, und sein schlimmster Feind hörte

auf, sein Feind zu sein, sobald er litt; aber so sehr er Cäsarn

bewunderte und liebte, an den Iden des März und bei Philippi hatte

er’s mit Brutus gehalten, sein Herz hatte den Möros, den Harmodius und

Aristogeiton, den Tell und ihren Genossen gehört. Nun war es

geschehen, daß ein Mann namens Nobiling auf den Kaiser Wilhelm

geschossen und ihn verwundet hatte. Claus Münz war außer sich vor

Entrüstung. Asmus, der in der Arbeitsstube der Zigarrenmacher den

ersten Wilhelm kaum anders als »Kartätschenprinz« hatte nennen hören,

hatte ein lebhaftes Mitgefühl mit dem alten Manne, wenn er ihn sich

auf seinem Schmerzenslager dachte, und beklagte die Tat des Mörders;

aber er ersuchte doch auch den mit allen Muskeln wütenden Freund,

gefälligst nicht zu vergessen, daß Wilhelm I. und Bismarck Tyrannen

seien. Er war der Meinung, daß es Fürsten und Minister, Herrschende

und Besitzende durchaus in der Hand hätten, dem Volke Brot und

Freiheit zu geben, und daß nur Herrschsucht und Habsucht sie daran

hinderten. Die Erkenntnis, daß wir alle unter dem Zwange der

Notwendigkeit stehen und daß es keine abhängigeren Menschen gibt als

die Herrschenden, daß wir alle an Händen und Füßen, die Herrschenden

aber an jedem Finger und jedem Haar von Fäden gezogen und geleitet

werden, die aus dem Unendlichen kommen, es sollte noch lange währen,

bis ihm diese Erkenntnis aufging. Die Geschichtsstunden des Herrn

Stahmer hatten wohl ein leises Ahnen von der ehernen Verkettung der

Dinge in ihm erweckt; aber dieser Unterricht war zu kurz gewesen und

hätte wohl auch, wenn er länger gewährt, aus den jungen Keimen einer

Jünglingsseele – einer Kindesseele fast – keine Bäume machen können.

Die Geisteskräfte des guten Claus Münz aber waren vollends nicht dazu

geschaffen, den jungen Semper zu überwältigen; dieser gab es sogar

vollständig auf, zu streiten, weil Claus Münz immer nur muskulöse

Behauptungen vorbrachte, und Asmus schleppte geduldig, aber gemartert,

jeden Morgen den Geist des Claus Münz hinter sich her wie die Kugel

eines Galeerensträflings.

Aber wie schon oft, so sollte er auch jetzt Erquickung und Trost

finden bei den Frauen. Die Schule, an der er jeden Morgen hospitierte,

hatte sich vergrößert und unter anderen Lehrkräften auch drei neue

Lehrerinnen bekommen. Unter diesen war eine musikalische Dame von

einer weichen und sanften Schönheit, und es dauerte natürlich keine

zwei Tage, bis Asmus sie heimlich besang und in seinem Gedicht

versicherte, daß die heilige Cäcilie unter den Irdischen wandle. Sie

hatte oft eine Gefährtin bei sich, der Asmus eines Tages »die

bezauberte Rose« von Ernst Schulze lieh, die ihm das Buch aber schon

am folgenden Tage zurückgab, weil sie es nicht lesen könne, so fromm

und tugendsam war sie. Asmus war empört und schwärmte ihr nun recht

zum Trotz von Rousseau und Voltaire. Morieux hatte den beiden Damen

mit Grimassen und schlenkernden Armen verraten, daß Semper Gedichte

mache, »wunderbare, großartige Gedichte!« Und nun, wenn die Schule

vorüber war, saßen die beiden Damen auf dem Pult wie auf einem Thron,

und Morieux und Semper saßen auf den Kinderbänken zu ihren Füßen;

Morieux geigte und Asmus las, fremde Gedichte und eigene; er hatte der

Ballade vom ertrunkenen Fischer noch eine Ballade von einer

gespenstischen Burgruine hinzugefügt, und Asmus dachte: So war es am

Musenhof zu Ferrara oder Avignon.

Noch einen stärkeren Widerhall aber fand Asmus bei einer Frauenseele,

von der man kaum begriff, daß sie in ihrem Körper Platz habe. Das war

die Seele des Fräulein Wieselin, einer 38jährigen Jungfrau, Lehrerin

und Dichterin. Sie war so klein und dünn, daß sie sozusagen nur eine

Nadel war, in die der Herrgott einen Lebensfaden gezogen hatte, und

diese Nadel fuhr unablässig auf und ab und verarbeitete ihren

Lebensfaden mit einem rührenden Eifer und Opfersinn. Im Gesicht sah

sie aus wie ein Geheimrat, der immer in einem überheizten Zimmer

gesessen hat und darum etwas eingetrocknet ist. Tausend Mark Gehalt

erhielt sie im Jahr, und davon ernährte sie sich und ihre Mutter und

unterstützte sie die Familie eines kranken Bruders. Sie war damals

schon fünfzehn Jahre Lehrerin und war es noch zwanzig Jahre hinterher,

und Jahr für Jahr übernahm sie die Kleinsten der Kleinen; die

Kleinsten zu lehren ist aber größte Mühe und größte Kunst. Die Bücher,

die sie las, mußte sie sich leihen; denn kaufen konnte sie sich keine;

aber als sie nach fünfunddreißig Jahren der Mühsal ihr Ende nahen

fühlte, da sagte sie: »Ich kann ja zufrieden sterben; ich habe ja ein

reiches Leben gehabt.«

In ihren seltenen Mußestunden machte sie auch Verse, kleine,

unbedeutende Gelegenheitssächlein; aber da Asmus sie nicht loben

konnte, so sprach er nie von ihren Dichtungen. Sie dagegen sprach viel

von den seinigen, rühmte sie und sprach ihre Verwunderung darüber aus,

daß er gleich mit epischen Gedichten anfange, während die jungen Leute

sonst immer mit allgemeinen Gefühlsergüssen anfingen, was auch viel

leichter sei. Und sie schloß gewöhnlich mit den Worten: »Ich habe

immer das Gefühl, daß Sie kein Lehrer werden, daß wir Sie noch ’mal

auf ganz anderen Pfaden wandeln sehen!«

»Vielleicht heirate ich auch die!« dachte Asmus.

Die dritte der neuangestellten Damen hieß Hilde Chavonne, war eine

schlanke Brünette mit großen, schmachtenden braunen Augen und einem

sanften Stolz der Bewegungen und trotz alledem eine Hamburgerin. Sie

und Asmus schenkten einander zu Anfang nur wenig Beachtung,

unvergleichlich viel weniger als später. Aber doch mußte er darüber

nachdenken, wo er sie schon einmal gesehen habe. Richtig, das war die

»Dame in Trauer«, die Seminaristin, die einmal ganz zu Beginn seiner

Präparandenzeit mit ihm und einem Bekannten ein Stück Weges zusammen

gegangen war. Daß er ihr schon viel, viel früher einmal begegnet war,

das konnte er nicht mehr wissen.

Semper der Jüngling · 第 39 / 292 题