Ob der Mensch schlafen muà oder nicht. Von stummer Liebe und von
stygischen Gewässern.
Der Präparand hatte ein kindliches Vergnügen daran, wenn die Bücher
sich neben ihm aufhäuften. An Faust muÃte er denken, der hatte auch
»über Büchern und Papier« gesessen. Faust hatte alle Fakultäten
durchstudiert und sagte dann, er sei so klug als wie zuvor. Aber das
war im 16. Jahrhundert! Jetzt war die Sache schon anders. Asmus wollte
auch alles studieren, alles! Und dann wollte er doch sehen! Er wolltâ
es schon herausbekommen,
»was die Welt
Im Innersten zusammenhält«!
Und er konnte dem Famulus eigentlich nicht so unwirsch begegnen, wie
es Faust tat. Freilich:
»Man sieht sich bald an Wald und Feldern satt;
Des Vogels Fittig werdâ ich nie beneiden«
das war natürlich Torheit, oder, wie Asmus in jugendlicher Kraft
sagte: »Blödsinn«; aber was dann folgte, das war doch wahr und schön!
»Wie anders tragen uns des Geistes Freuden
Von Buch zu Buch, von Blatt zu Blatt!
Da werden Winternächte hold und schön,
Ein selig Leben wärmet alle Glieder â«
Ja, ja, ja, so war es, da hatte der »trockne Schleicher« dennoch
recht! Und zuweilen fragte sich Asmus, ob es nicht das schönste Leben
wäre, immer am Tische zu sitzen, links Bücher und rechts Bücher, vor
sich Bücher und hinter sich Bücher, und gar nicht wieder aufzustehen
und niemals schlafen zu gehen. Wenn Ludwig Semper ihm mit leisem
Finger auf die Schulter klopfte und sagte: »Du muÃt zu Bett gehen,«
dann fragte sich Asmus immer: »Warum geht man eigentlich schlafen? Ich
werde noch einmal beweisen, daà man überhaupt nicht zu schlafen
braucht.«
Er hatte den Gang und die Haltung seines Vaters geerbt; sein Vater
aber ging mit groÃen Schritten und mit gesenktem Kopf.
»Jungâ, gehâ doch grade!« rief seine Mutter; »grad auf wie ich, sagte
der schiefe Tanzmeister,« so rief sie viele hundert Male, und dann
richtete Asmus den Kopf empor und trug ihn über eine Minute lang hoch in
den Lüften; dann aber sank er langsam, langsam wieder hinab, dem Tal der
Träume zu.
Wer aber nun gefürchtet hätte, daà Asmus Semper ein Bücherwurm und
Stubenhocker werden könnte, der würde doch nur den vierten Teil seines
Wesens gekannt haben. Wie er als Knabe zu seinen Einkaufgängen immer
mehr Zeit gebraucht hatte, als der Weg eigentlich erforderte, so fand
er noch immer auf seinen Schul- und Heimwegen an diesem wunderbaren,
ewig sich wandelnden Panorama der Welt ein unermeÃliches Vergnügen. Da
war zum Beispiel ein hübsches Mädchen, das ihm jeden Morgen begegnete.
Sie war sehr einfach, aber ordentlich gekleidet und schien eine etwas
bessere Stellung in einer Fabrik zu haben. Eines Morgens trafen sich
ihre Blicke. Und von da ab traf es sich jeden Morgen, daà sie ihm in
die Augen sah und er ihr. Das traf sich wohl monatelang so. Zuletzt
fanden sich ihre Blicke schon ganz von weitem, auf zwanzig Schritte,
und blieben so lange ineinander haften, bis die beiden Morgenwanderer
aneinander vorbei waren. Und eines Morgens â war es möglich? war es
denkbar? â eines Morgens schien sie leise zu nicken. Asmus griff an
den Hut; aber weil er so verwirrt war, tat er es erst, als sie schon
vorüber war. Dann fragte er sich auch, ob es nicht eine kolossale
Dreistigkeit wäre, sie zu grüÃen. Aber am nächsten Morgen nickte sie
schon ganz deutlich, und tief zog Asmus den Hut, als wäre sie die
Königin Semiramis. Und nach und nach nickte sie immer deutlicher und
lächelte dabei, und Asmus zog den Hut und lächelte ebenfalls. Er muÃte
an Don Juan denken, der auch mit allen Mädchen angebunden hatte. Als
aber nun die Semper auf Frau Rebekkas Betreiben wieder einmal
umgezogen waren und Asmus einen andern Weg zur Schule nehmen muÃte,
da hörten die Begegnungen auf. Es wuÃte wohl keiner vom andern, wer er
sei, und ob ihm ein Glück vorübergegangen oder ein Unglück. Langsam,
wie der Regenbogen aus dem Grau hervorgetreten war, ward er wieder
aufgesogen vom Grau.
Er ging durch manche graue StraÃe und manchen grauen Tag; denn der
Himmel Hamburgs verhüllt sich oft wochenlang. Aber immer war er
erstaunt, wenn er die andern seufzen hörte: »Nun haben wir in drei
Wochen die Sonne nicht gesehen!« Brauchte man denn die Sonne? GewiÃ,
wenn sie am Himmel stand, dann war die Welt über alles Begreifen
schön; aber konnte man nicht auch ohne Sonne fröhlich, glücklich und
begeistert sein? »Drei Wochen keine Sonne?« fragte er ungläubig. Er
hatte sie nicht vermiÃt. Ihm war es, als wäre eben noch Sonnenschein
gewesen. Unter seiner Hirnschale wölbte sich ein ewig heiterer Himmel.
Aber merkwürdigerweise sah man ihm das nicht an. Er schaute meistens
mit einem ernsten Gesicht in die Welt, wohl darum, weil er sie über
alles Erwarten schön fand.
Und in warmem Behagen stapfte er durch den tagelangen, wochenlangen
Nebel und den »fisselnden« Regen Hamburgs und schaute mit Behagen in
die grauen Kanäle und mit Behagen empor an den altersgrauen Häusern
der ehrwürdigen Stadt. Jedes dieser Häuser sah anders aus und guckte
einen an wie ein Mensch und sagte: »Hier ist sicheres und behagliches
Wohnen.« Und seltsam, obwohl die StraÃen schmal und dunkel waren,
glaubte manâs doch, während man drauÃen durch die neuen Viertel seines
heiÃgeliebten Oldensund, wo die wachsende Industrie eine Mietskaserne
nach der andern aufwarf, nur mit Ekel und Grauen ging. Asmus Semper
hatte sich nie eine Vorstellung von der Hölle machen können; seitdem
er diese neuen Arbeiterviertel, diese rauchbeschmutzten
Kasernenreihen, diese Kolumbarien, diese vierstöckigen Hundehütten â
nein, Hundehütten waren gewöhnlich hübscher â seitdem er die freche
Prosa, die schamlose HäÃlichkeit dieser Zementkisten gesehen hatte,
seitdem konnte er sich ein Bild machen von einem Ort der ewigen
Verdammnis. Seine Seele hatte ja Millionen von Saugfäden, die selbst
aus dem ärmsten und dunkelsten Winkel noch Schönheit und Freude sogen;
auch in seiner Tabak- und Studierstube fand er noch Schönheit und
Freude; aber vor dem gemeinen Blick dieser Häuser zogen sich alle
Fäden seiner Seele schaudernd zurück, und nie empfand er ein
grimmigeres Mitleid mit den Armen, als wenn er durch diese StraÃen
ging.
O, wie hatte erâs dagegen wieder gut getroffen mit seiner neuen
Wohnung in der roten Twiete. Diesmal hatte die quecksilberne Frau
Rebekka einen guten Griff getan, und sie triumphierte in hellen Tönen.
Das Haus selbst war freilich auch nur eine Mietskaserne; aber
gegenüber lag ein Park mit uralten Bäumen, und davor stand eine
unbewohnte, strohbedeckte Hütte, und neben dem Park öffnete sich unter
hohen Baumkronen, schmal und schattenheimlich, wie ein Weg zur
Unterwelt, der Philosophenweg. O nein, es fiel dem Präparanden Semper
gar nicht ein, um der Bücher willen solche Dinge stehen und liegen zu
lassen; er durchkostete den Park bis in seine fernsten, zartesten
Wipfel, wenn auch nur mit den Augen â denn im Klettern hatte erâs
niemals weit gebracht â er bevölkerte die Strohdachhütte mit den
Gestalten Pestalozzis und Jeremias Gotthelfs, Berthold Auerbachs und
Fritz Reuters; am Eingange des Philosophenweges aber sah er den
Laertiaden Odysseus die Opferbräuche vollziehen, die den Schatten des
Teiresias dem Hades entlocken sollten. Er war schon hundertmal durch
diesen Philosophenweg gegangen und wuÃte ganz genau, daà nur ein
kümmerliches Rinnsal ihn begleitete und daà er auf eine
Goldleistenfabrik mündete â aber wenn er von seinem Bett aus durchs
Fenster nach dem Eingang des Weges sah, dann war es der Ort,
»Wo in den Acheron sich der Pyriphlegethon stürzet
Und der Strom Kokytos, ein Arm der stygischen Wasser.«
daran hätten siebzigtausend Goldleistenfabriken nichts zu ändern
vermocht.