Asmus nannte eine lange Reihe.
»Haben Sie Jean Paul jelesen?« Doktor Korn hatte ein ganz sonniges
Gesicht bekommen. Das war sein Liebling.
Asmus nannte ein paar Romane Jean Pauls.
»Na, Sie haben ja âne janze Masse jelesen. Dabei haben Sâ sich wohl
die Augen verdorben?«
»Die Augen?« wollte Asmus schon verwundert fragen; da fiel sein Blick
noch rechtzeitig auf das Attest. Er blieb stumm und errötete tief; so
viel Freundlichkeit konnte er nicht mit offenen Augen anlügen.
»âs is jut. Sie können jehen,« sagte der Herr Direktor. Und Asmus
betrat das Holzmagazin niemals wieder. Der Direktor mochte eine Ahnung
haben von den Schrecken jenes Hungerturms, wo der Geist an einen Klotz
geschmiedet und mit Gips ernährt wurde.
Viktoria! Nun konnte er wöchentlich noch zwei Stunden länger in
seinem Arbeitszimmer sitzen und sich immer tiefer in den Kuchenberg
des Weltalls hineinessen. Ja, das Weltall war ein Kuchenberg,
nahrhaft und süÃ, und das Leben ein Schlaraffenland und sein
Arbeitszimmer eine heilige Halle, obwohl es eigentlich kein Zimmer,
sondern ein Tisch mit zwei Beinen war, den man mit der einen Seite
an die Wand genagelt hatte. Dieser Tisch stand in der allgemeinen
Arbeitsstube, wo der Tabak zubereitet und die Zigarren gemacht
wurden; denn im Winter durfte der Sparsamkeit halber nur ein Raum
geheizt werden, und als der Sommer kam, war es Asmussen eine liebe
Gewohnheit geworden, unter den schwatzenden, lachenden und sich
streitenden Arbeitern seine Quadratwurzeln auszuziehen, Vokabeln zu
lernen und Aufsätze zu schreiben. In diesem bescheidenen Raume saÃen
Ludwig Semper, der Vater, Johannes, sein Sohn und Gehilfe, zwei
andere Gehilfen, ein Tabakzurichter, gewöhnlich auch Rebekka, die
Mutter, beim Tabak helfend oder mit einer häuslichen Verrichtung
beschäftigt, und endlich der Präparand Semper. Das war der
Personenstand in ruhigen Zeiten. Aber das Arbeitszimmer der Semper
war ein Taubenschlag, wo es von seltsamem Geflügel immer aus- und
einflog. Da kamen sozialdemokratische Parteihäupter, die mit
Johannes Semper wichtige Dinge von aufgelösten und anzumeldenden
Versammlungen zu beraten hatten. Da kam der Kontrolleur des
Fabrikanten, der nachschauen muÃte, ob die Zigarren gut und nicht zu
schwer gemacht würden, ein ernster, steifer Mann, der aber jedesmal
warm wurde, wenn Ludwig Semper mit ihm vom Theater sprach, und der
diesem angelegentlichst empfahl, er möchte sich doch einmal den
»Lohengrin« anhören. Ludwig Semper faÃte denn auch um diese Zeit zum
ersten Male den EntschluÃ, in den »Lohengrin« zu gehen.
Da kam schrecklicherweise auch der Barbier Ludwig Sempers, der drei
Minuten rasierte und dann zwei Stunden schwatzte; er glich in Miene
und Gestalt, in seiner Stimme und seiner Schwatzhaftigkeit einem alten
Weibe; nur seine Hand und sein Messer lasteten schwer auf der Wange
seiner Opfer wie die Keule des Herkules.
»Ein schrecklicher Zwirnbeutel,« sagte Ludwig Semper, wenn er gegangen
war, und das war ein treffender Vergleich. Wie man aus dem Nähbeutel
einer unordentlichen alten Dame, in dem sich die Garnknäuel vieler
Generationen verwirrt und verfitzt haben, nur nach stundenlanger Mühe
einen Faden hervorholt, so holte er aus seinem Erinnerungssack seine
zwirndünnen Geschichten hervor; jede auftretende Person verfolgte er
bis in ihre entferntesten Verwandtschaften; er entwickelte die
Genealogien der unbekanntesten Milchleute und der gleichgültigsten
Grünwarenhändler.
»Und geschnitten hat er mich auch wieder,« pflegte Ludwig nach solchen
Besuchen zu sagen.
»Ja, mein Gott,« rief Frau Rebekka erregt, »warum schaffst du ihn denn
nicht ab!«
»Ach, das mag ich nicht,« sagte Ludwig lächelnd, »er schneidet mich
nun schon so viele Jahre.«
Nicht der Geringste aber von allen, die da kamen, war Heinrich
Moldenhuber, genannt der »Wolkenschieber«, weil er lieber Wolken schob
als Zigarren machte und lieber hoch oben auf der Galerie des
Stadttheaters saà als in der Tabakstube. Wie ein Komet schoà er von
Zeit zu Zeit in die Arbeitsstube der Semper, und in der Tat, für Asmus
war dieser Mann wie ein Stern der Kinderzeit; er erinnerte ihn an
manche Feierstunde voll Gedanken und Träume, und jedesmal muÃte er
nach den hinteren Rocktaschen des Wolkenschiebers blicken, aus denen
er einmal einen Apfel und ein Bilderbuch hatte hervorholen dürfen.
Aber wenn er wollte, so konnte er auch im zehnten Teil einer Sekunde
eine hundert Fuà dicke und tausend Fuà hohe Mauer um sich aufrichten,
durch die kein Ton und Bild der Kommenden und Gehenden, der
Plappernden und Klappernden hindurchdrang. Wenn er wollte, so konnte
er jeden Augenblick allein sein, ganz allein, wie in einem Grabe.
Aber wahrlich nicht wie in einem Grabe war es in dieser Stille. Es war
wie in einer wuchernden Waldwildnis voll wirren Gezweigs, voll Blätter
und Blumen, voll Duft und tropfenden Lichts, voll jenes ewigen
Summens, das aus dem inneren Getriebe der Welt zu kommen scheint. Wie
er sich als Knabe in das innerste Dickicht eines Gehölzes verkrochen
und dort stundenlang gehockt und nur geschaut und gehorcht hatte, als
müssâ er eines Tages etwas vernehmen wie den _Atem der Welt_, so
konnte er sich in die innerste Einsamkeit seiner Seele zurückziehen
und selig sein. Aber freilich: schöner noch als am Alltag war es am
Sonntag, wenn die Arbeit der andern ruhte und nur sein Vater,
schweigend und nimmermüde, den Tabak für die kommende Woche
vorbereitete. Dann war Sonntag auÃen und innen, Sonntag lag in allen
Büchern, wo man sie auch aufschlug, selbst die Logarithmen hatten
Sonntag, und, wenn erâs auch gar nicht sah, Asmus wuÃtâ es immer, wann
die warmen Augen seines Vaters auf ihm ruhten, und er war glücklich
unter dem Glanz dieser Sterne.