Wie Asmus im Vorhof der Pädagogik weilen durfte, wie er eine andere
Religion bekam, auf den Spuren Aglaias wandelte und Herrn Rothgrün
nicht hinaustrampeln wollte.
Endlich, als einmal alle Rechnungen geschrieben waren und auch das
letzte Protokoll »auf dem Laufenden« war, durften auch die übrigen
Präparanden in die Klasse gehen und hospitieren. Welchâ ein Glück,
dachte Asmus, und mit weihevollem Herzen ging er der erhofften
Offenbarung entgegen. Aber zunächst kam er an einen Lehrer, der es
liebte, die Kinder so still zu beschäftigen, daà sie ihn möglichst wenig
belästigten, und der sich, während die Schüler schrieben und rechneten,
mit dem jungen Semper über Gehalts- und Anstellungsverhältnisse, über
seine Frau, über Bismarck, oder über den letzten Raubmord unterhielt.
Das war ja nun recht unterhaltend und wenig anstrengend; aber es war
nicht das, was Asmus gesucht hatte. Er kam zu einem andern Lehrer, der
hatte das ganze Einmaleins auf Reime und Bilder gebracht: die Bilder
hatte er auf die Wandtafel gezeichnet, und nun muÃten die Kinder die
zugehörigen Verse hersagen, z. B.:
6Ã6 sind 36
In die groÃe Schlackwurst beiÃâ ich
oder
8Ã9 sind 72
Dieser Knabe übergibt sich,
aber der gute Mann bedachte gar nicht, daà sich die Worte »beiÃâ ich«
ebensogut auf 32 wie auf 36 reimen, und wenn dann ein Schüler die
falsche Zahl nannte, so schalt ihn der Lehrer in komischer
Verwechslung einen Esel, zerrià sich vor Aufregung und lieà die
kunstreichen Verse bis zum vollkommenen Stumpfsinn wiederholen.
»Bei dem kann ich auch nichts lernen,« sagte Asmus zu jenem
Mitpräparanden mit der hebräischen Handschrift, und dieser sah ihn ob
solcher AnmaÃung mit grenzenloser Verwunderung an.
Und schlieÃlich fand Asmus doch einen, der auf manchen stillen Wegen
der Kindesseele heimisch war, der mit den Kindern in ihrer Sprache zu
reden verstand und sie, wenn auch nicht immer, so doch manchmal, aus
wirrer Dunkelheit den Weg zur Klarheit führen konnte. Er war kein
hoher und starker Geist, dieser Mann; aber er war sein Lebenlang mit
einem Fuà im Kinderlande stehen geblieben, und so verstand er
unbewuÃt die Regungen der Kindesseele. Hier befiel nun den Hospitanten
eine andere Not: er brannte vor Ungeduld, sich selbst vor den Kindern
zu versuchen; ja, manchmal schien es ihm, als wisse er einen Ausweg,
wenn der Lehrer in der Wirrnis des Kindergeistes stecken blieb. Aber
er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als vor diesem Manne
dergleichen laut werden zu lassen. Und alles Wippen von einem Fuà auf
den andern, wenn er am Fenster stand und horchte und nicht einmal
Finken und Apfelblüte seine Sinne nach auÃen zu locken vermochten,
alle Ungeduld half ihm nichts; er muÃte warten.
Inzwischen feierte er jeden Nachmittag und jeden Abend hohe Feste. Er
hatte ja in der Präparandenanstalt eines der herrlichsten Geschenke
seines Lebens empfangen: da war ein Religionslehrer, der sagte nicht:
Das muà man glauben, sonst ist man verdammt; der fragte überhaupt
nicht, was man glaube; der trug Stunde für Stunde vor, was die
Wissenschaft zu den Berichten der Bibel sagt. Gleich in der ersten
Stunde, im Schöpfungsbericht, trennte er die Erzählung des Jehovisten
von der des ersten Elohisten und von der des zweiten Elohisten, und
vor den Augen des jungen Semper zerrià ein vieljähriger Nebel. Also
hatte nicht Moses diese Dinge geschrieben, also war es nicht
unfehlbares Gotteswort. Sie hatten ihn bedrückt wie eine dumpfe Last,
hatten ihn gequält, geängstigt; aber er hatte keinen Ausweg gewuÃt.
Mit einem Male gab ihm dieser Mann eine Waffe und ein Licht. Und mit
solchem Licht und solcher Waffe durchwanderte der Mann die ganze
Bibel, festen Schrittes und unablenkbar; was nur die menschliche
Wissenschaft zur Bibel zu sagen wuÃte, das kannte er, und er trug es
frei aus dem Kopfe vor. So fest hing Asmus an seinen Lippen, daà er
kein Wort zu schreiben wagte, aus Furcht, es möchte ihm ein Wort des
Redenden entgehen. Und sieh: wenn er am Abend daheim saÃ, dann konnte
er den ganzen Vortrag von Anfang bis Ende niederschreiben; so fest
hing alles mit ehernen Klammern zusammen.
Ein merkwürdiger Mann, dieser Herr Stahmer. Er sprach auÃer seinen
Vorträgen kaum ein Wort zu seinen Schülern; er verlängerte fast jede
Stunde um die ganze folgende Erholungspause â ein Ding, das Schüler
nicht lieben â er verlangte viel und verschonte weder Trägheit noch
Dummheit. Aber er bedurfte keiner Disziplinarmittel. Von diesen jungen
Leuten, unter denen manch ein dreister Gelbschnabel war, hätte nicht
einer ein unehrerbietiges Wort gegen ihn gewagt; instinktiv verehrten
sie in ihm das lautere Gefäà einer groÃen Kraft. Während zweier Jahre
brauchte er wohl nie die Worte »Wahrheit« und »Gerechtigkeit«, und
doch war das die stumme Lehre seines ganzen Wirkens: Wer Wissenschaft
will, der muà wahrhaftig und gerecht sein, und wenn es das Leben
gilt. Kein Gottesdienst hatte je das Herz des Asmus erhoben wie
dieser.
Leider gab es davon nur zwei Stunden die Woche. In seiner Dorfschule
waren es wöchentlichen sieben bis acht Stunden gewesen. Und welchen
Erfolg hatten die gehabt? Mit einem leidenschaftlichen Haà gegen diese
sogenannte »Religion« hatte er die Schule verlassen. In dieser Schule
hatte die »Religion« die ganze Naturgeschichte aufgefressen. Ein
einziges Mal hatte Herr Cremer von den Giftpflanzen gesprochen und
Bilder dazu gezeigt, nicht etwa die Pflanzen selbst, und ein andres
Mal hatte ein anderer Lehrer ganz unmotiviert die Feigwurz behandelt.
Die Giftpflanzen und #Ranunculus ficaria# â das war die
Naturgeschichte, mit der Asmus Semper, ein Kind der darwinischen Zeit,
das Präparandeum bezog. Aber da stapfte nun zweimal wöchentlich mit
drolligen Koboldschritten der naturselige »Papa Hamann« herein; er
schleppte jedesmal eine Botanisierdose, die so groà war wie er selbst,
und sein Gesicht glänzte wie ein Pfannkuchen, wenn er mit anstoÃender
Zunge sagte: »Heute meine Herren, habâ ich Ihnen etwath[1] ganth
Bethondereth mitgebracht!«
[FuÃnote 1: th sprich wie das englische #th#.]
Und dann kramte er aus mit dem Gesicht eines Vaters, der seine Kinder
zur Weihnacht überrascht, und Asmus hörte zum erstenmal vom Bau und
vom Leben der Pflanze, und wenn man ihn sah, so konnte man glauben, er
wolle die Pflanzen im wörtlichsten Sinne verschlingen, so versessen
war er auf dies neue Erkennen. Freilich blieb die Wissenschaft des
guten Papas einigermaÃen an der Oberfläche; er sprach allerlei vom
Chlorophyll; aber was es für eine Bedeutung habe, wuÃte er eigentlich
selbst nicht. Für den ausgehungerten Geist des kleinen Semper aber war
alles, was er ihm bot, Gewinn, und überdies war die Lehrweise des
Alten so väterlich und fröhlich und mit so wundervollen Redeblumen
geschmückt!
»Eth mag wohl funfthehn Jahre thein,« sagte Papa Hamann zum Beispiel,
»dath ich dath Vergnügen hatte, den Schwanth eineth Walfischeth von
Angethicht zu Angethicht zu thehen!«
Oder wenn er zu den Damen von den Pflanzen einer bestimmten Familie
sprach, so sagte er:
»Einige von ihnen, meine Damen, thind ganth reitthende Pfläntthchen;
andere dagegen thind häthlich und widerlich!«
Und darin hatte er recht, einige von diesen Präparandinnen, die in
einer anstoÃenden StraÃe unterrichtet wurden, waren wirklich ganz
reizende Pflänzchen, und Asmus und ein paar Bürschchen mit ihm lieÃen
es sich nicht nehmen, dreien von ihnen, die auf gleichem Wege
heimwärts wandelten, an laulichen Abenden in respektvoller Entfernung
zu folgen und sich ihnen durch lautgesprochene Galanterien und
wundervolle Witze bemerklich zu machen. Bald schon taufte Asmus die
drei auf die Namen Aglaia, Euphrosyne und Thalia, und die eine von
ihnen â es war Aglaia â verehrte Asmus viele Monde hindurch, ohne
jemals ihre Vorderseite gesehen zu haben. Aber sie hatte einen
anmutsvollen Gang, und ein schöner Gang griff Asmussen ans Herz.
Auf andern Wegen schwärmten andre Herzen, und nach den drei Grazien zu
urteilen, schien den jungen Damen der schüchterne Kultus der Jünglinge
durchaus nicht zu miÃfallen; sie verfielen wenigstens aus einer
zeitweiligen entrüsteten Gangart immer wieder in Kichern, Lachen und
träumendes Hinschlendern; aber sei es nun, daà irgendwo ein Jüngling
dem Drange seines Busens zu weit nachgegeben hatte, sei es, daà sich
unter den verfolgten Unschulden ein strenges oder ein eifersüchtiges
Herz befand â eines Tages lief eine Klage beim Seminardirektor ein,
und dieser Mann hatte aus seinem heimischen PreuÃen und aus dem
französischen Kriege, in dem er als Reserveoffizier gefochten, einige
üble Gewohnheiten mitgebracht. Er hielt eine donnernde Standrede und
nannte die ritterlichen Präparanden »grüne Jungen«. Man war sich
sofort darüber einig, daà man sich das mit fünfzehn bis sechzehn
Jahren nicht mehr bieten lassen könne und daà der einmütige Austritt
aller aus der Anstalt die einzig würdige Antwort auf diese Roheit sei.
Am folgenden Tage dachte man milder über die Sache; man bedurfte ja
der Einwilligung der Eltern zum Austritt, und man hielt es im stillen
für möglich, daà die Eltern sich von der Auffassung des Direktors
nicht wesentlich entfernen möchten. Am dritten Tage endlich beschloÃ
man, die unqualifizierbare ÃuÃerung des Direktors auf dessen
preuÃische Unbildung zurückzuführen und ihn zu verachten.
Nur ein pathetisches Herz vermochte sich nicht zu bezwingen. Der
Träger dieses Herzens war ein gewandter Zeichner; er zeichnete an die
Wandtafel einen Pfahl, der einen preuÃischen Adler trug, und dazu eine
Kanone, die sich gegen das flügelspreizende Wappentier entlud. Der
Direktor kam, sah das Bild, kratzte sich lächelnd den schwarzweiÃen
Stachelbart, tickte dann mit den Fingern auf den Adler und sagte zur
Klasse: »Da können Se lange schieÃen, bis Se den runterkriegen ...«
und wandte sich seinen Geschäften zu.
Und als diese erledigt waren, trat in breiter Aufmachung Herr
Rothgrün, der Lehrer der Geschichte, herein. Wenn Herr Rothgrün
auftrat, so sah das immer aus wie: Jetzt beginnt eine neue Epoche der
Wissenschaft. Und Herr Rothgrün begann, Geschichtszahlen zu
repetieren. Er nannte das Ereignis, und der Schüler muÃte die Zahl
nennen: