Asmus erschrak. Gab es Kinder, die so über ihren Vater reden konnten?
»Gehâ nur zu,« sagte er. Das war ja selbstverständlich, daà man die
nicht aufschrieb. Er sah ihr nach und dachte daran, daà sie fror. Und
dachte, wie er als Junge gefroren, wenn ihm der Wind unter die dünne
Jacke fuhr.
Von nun an fragte er öfter nach dem Grunde der Verspätung, und er
notierte immer weniger. Und eines Tages sagte er sich: Entweder man
muà alle aufschreiben oder keinen. Und nun lieà er alle vorbeilaufen
und arbeitete an seiner ersten Ballade, die handelte von einem
Fischer, der aufs Meer fuhr, um seinen Sohn zu retten, und der dann
mit seinem Sohne ertrank. Das Schönste an dieser Ballade war eine
Refrainstrophe, die mit den Zeilen schloÃ:
»Drunten klingt verworrner Klang,
Tönt es nicht wie Grabgesang?«
Alles, was nach Grab und Unglück klang, das fand der glückliche Asmus
jener Tage ohne weiteres schön.
»Warum notieren Sie nicht die Zuspätkommenden?« fragte schlieÃlich der
Oberlehrer.
»Ich mag das nicht,« sagte Asmus verlegen.
»Ja, danach geht es nicht,« rief der Vorgesetzte. Aber bald darauf
wurde die ganze Einrichtung aufgehoben, und der Posten des
Kulturgendarmen wurde eingezogen.
Der Oberlehrer schätzte den jungen Semper wegen anderer Fähigkeiten.
Leider, dachte Asmus. Denn wenn die Wache am Portal vorüber war, muÃte
er im Amtszimmer des Schulleiters dickleibige Schülerregister anlegen
und auf dem Laufenden halten, Schulgeldrechnungen schreiben, sie mit
den Hebeprotokollen »kollationieren« und endlose Kolonnen von
Schulgeldern addieren. Auch das führte den Begierigen nicht in die
Tiefen der Kindesseele. Es waren fünf Präparanden da: zwei junge
Mädchen und drei junge »Männer«, sie alle muÃten Protokolle schreiben
und Rechnungen addieren. Unter den jungen Herren war aber einer,
dessen Handschrift man zunächst immer für hebräische Schriftzeichen
hielt; erst nach und nach kam man dahinter, daà es die bekannten
deutschen Buchstaben sein sollten. Da Claus Münz überdies ohne jedes
Schamgefühl addierte, so wurde er schon nach drei Tagen in die Klassen
zum Hospitieren geschickt. Asmus hingegen, weil er eine gute
Handschrift hatte, seine Rechnungen sogar mit einem gewissen
Schönheitsbedürfnis schrieb und es nicht über sich gewann, falsch zu
addieren, Asmus durfte im Bureau sitzen bleiben. Ihm fielen die
VerheiÃungen des Herrn Rösing, seines alten Lehrers ein, der jeden
Morgen gesagt hatte: »Jungens, schafft euch âne schöne Handschrift an;
wer âne schöne Handschrift hat, kommt überall fort!«
Freilich: sein Schönheitsbedürfnis hatte auch schon in den ersten
Tagen das Glück herausgefunden, das auch mit dieser Schreibstube
wieder verbunden war, und dieses Glück war eine der Präparandinnen,
die sehr hübsch war und noch obendrein brünett. Asmus schrieb und
addierte den ganzen Morgen mit einer selig-schmerzlichen Spannung in
der Brust, und der Schmerz kam daher, daà er sich sagte: Ich kann ja
noch lange nicht heiraten. Und wenn ich heiraten kann, hat sie ein
anderer geholt. Die andern beiden Jünglinge kokettierten in
unschuldiger, aber fleiÃiger Weise mit den beiden Mädchen. Asmus
dachte nicht daran, auch nur den Versuch zu wagen, weil er von seiner
vollkommenen Tölpelhaftigkeit in dieser Hinsicht durchaus überzeugt
war. Und eines Tages machte er dennoch den Versuch, zu imponieren. Das
Zimmer war überheizt, wie alle Schreibstuben, und man klagte darüber.
»Ja,« sagte Asmus, der nahe dem Ofen saÃ, »hier sitzt man wie die Sau
am SpieÃ; denn er hatte das Gefühl, daà eine kraftvolle Ausdrucksweise
den Mann verrate. Aber, o weh: die Damen fuhren wie wild mit den
Köpfen in ihre Arbeit und kicherten, wie nur Backfische kichern
können. Sie denken: das ist ein Bauerntölpel, sagte sich Asmus, und
fühlte, daà er von den Haarwurzeln bis unter den Halskragen erröte.
Und die männlichen Kollegen Asmussens, Herr Münz und Herr Morieux,
betrachteten ihn mit überlegen-mitleidigen Blicken, als wollten sie
sagen: Ist das ein ungebildeter Mensch. Aber als wenige Tage darauf
von Rousseaus »Emile« die Rede war, da zeigte sich, daà nur Asmus
wuÃte, was wirklich darin steht, und die Braune hielt ihre braunen
Augen so lange auf ihn gerichtet, als wenn sie ihn heute zum ersten
Male sehe.