22. März 1888.

Herr Anagnos besuchte mich am Donnerstag. Ich war froh, ihn herzen

und küssen zu können. Er sorgt für sechzig kleine blinde Mädchen und

siebzig kleine blinde Knaben. Ich liebe sie. Kleine blinde Mädchen

schickten mir einen hübschen Arbeitskorb. Ich fand darin Schere

und Zwirn und Nadelbuch mit vielen Nadeln darin und Häkelhaken und

Fingerhut und Schachtel und Zentimetermaß und Knöpfe und Nadelkissen.

Ich will kleinen blinden Mädchen einen Brief schreiben, um ihnen zu

danken. Ich will hübsche Kleider für Nancy und Adeline und Allie

machen. Im Mai will ich nach Cincinnati gehen und ein anderes Kind

kaufen. Dann werde ich vier Kinder haben. Der Name des neuen Kindes

ist Harry. Herr Wilson und Herr Mitchell besuchten uns am Sonntag.

Herr Anagnos ging am Montag nach Louisville, um kleine blinde Kinder

zu besuchen. Mutter ging nach Huntsville. Ich schlief bei Vater und

Mildred bei Lehrerin. Ich lernte über »heiter«. Es bedeutet ruhig und

froh (~I did learn about calm. It does mean quiet and happy~). Onkel

Morrie schickte mir hübsche Geschichten. Ich lese über Vögel. Die

Wachtel legt fünfzehn bis zwanzig Eier, und sie sind weiß. Sie baut

ihr Nest auf den Erdboden. Der Eisvogel baut sein Nest in einen hohlen

Baum, und seine Eier sind blau. Die Eier des Rotkehlchens sind grün.

Ich lernte ein Liedchen über Frühling. März, April, Mai sind Frühling.

~Now melts the snow,

The warm winds blow

The waters flow

And robin dear,

Is come to show

That Spring is here.~

* * * * *

James tötete Schnepfen zum Frühstück. Kleine Hühnchen wurden sehr

kalt und starben. Ich bin traurig. Lehrerin und ich fuhren auf dem

Tennesseeflusse in einem Boote. Ich sah Herrn Wilson und James mit

Rudern rudern. Boot glitt schnell dahin und ich steckte Hand in Wasser

und fühlte es fließen.

Ich fing Fisch mit Haken und Leine und Rute. Wir kletterten auf hohen

Berg, und Lehrerin fiel und zerschlug ihren Kopf. Ich aß sehr kleinen

Fisch zum Abendbrot. Ich las über Kuh und Kalb. Die Kuh liebt Gras zu

essen wie Mädchen Brot und Butter und Milch. Kleines Kalb springt und

läuft ins Feld. Es liebt zu hüpfen und zu spielen, denn es ist froh,

wenn die Sonne hell und warm ist. Kleiner Knabe liebte sein Kalb. Und

er sagte: Ich will dich küssen, kleines Kalb, und er legte seine Arme

um des Kalbes Hals und küßte es. Das Kalb leckte gutes Knaben Gesicht

mit langer rauher Zunge. Kalb braucht Mund nicht weit zu öffnen, um

zu küssen. Ich bin müde, und Lehrerin wünscht nicht, daß ich länger

schreibe.

* * * * *

Im Herbst besuchte Helen einen Zirkus (vergl. S. 253 f.). Während

wir vor den Käfigen standen, brüllte der Löwe, und Helen fühlte

die Erschütterung der Luft so deutlich, daß sie den Ton ganz genau

nachahmen konnte.

Ich versuchte ihr das Aussehen eines Kamels zu beschreiben; da wir

aber das Tier nicht berühren durften, fürchtete ich, sie hätte keine

richtige Vorstellung von seiner Gestalt bekommen. Ein paar Tage später

hörte ich jedoch eine Bewegung im Unterrichtszimmer, und als ich

eintrat, fand ich Helen auf allen vieren mit einem Kissen auf ihrem

Rücken, das so befestigt war, daß es in der Mitte eine Vertiefung und

auf jeder Seite einen Höcker bildete. Zwischen diese Höcker hatte sie

ihre Puppe gesetzt, die sie nun auf sich im Zimmer herumreiten ließ.

Ich beobachtete sie längere Zeit, während sie sich herumbewegte und

lange Schritte zu machen versuchte, um den Gang des Kamels, wie ich ihn

ihr beschrieben hatte, getreu nachzuahmen. Als ich sie fragte, was sie

denn da mache, antwortete sie: ~I am a very funny camel.~

Als eines Tages Helens Pony und Esel nebeneinander standen, ging sie

von einem zum anderen und untersuchte beide Tiere genau. Endlich legte

sie ihre Hand auf Neddys Kopf und sprach zu ihm: Ja, lieber Neddy, es

ist wahr, daß du nicht so schön wie Black Beauty bist. Dein Körper ist

nicht so schön gebildet, dein Auge blickt nicht so stolz, und dein Hals

wölbt sich nicht. Außerdem siehst du mit deinen langen Ohren etwas

komisch aus. Natürlich kannst du nichts dafür, und ich liebe dich genau

so, als wenn du das schönste Geschöpf von der Welt wärest. -- Helen

hatte an der Geschichte von »Black Beauty« großes Gefallen gefunden.

Wie rasch ihre Auffassungsgabe und ihr Assoziationsvermögen sind, geht

am besten aus dem folgenden hervor. Ich hatte ihr den Abschnitt der

Geschichte vorgelesen, in dem es heißt:

„Das Pferd war ein alter, abgetriebener Brauner mit struppigem Fell und

Knochen, die überall hervorstanden; die Kniee waren eingeknickt, und

die Vorderbeine zitterten heftig. Ich fraß soeben etwas Heu, und der

Wind trieb ein kleines Häufchen davon fort; das arme Geschöpf streckte

seinen langen, mageren Hals aus, um es aufzunehmen, wandte sich

dann um und suchte umher, ob es nicht noch etwas fände. Es lag ein

hoffnungsloser Ausdruck in den trüben Augen, den ich nicht umhinkonnte,

zu bemerken, und als ich dann nachdachte, wo ich dieses Pferd wohl

schon gesehen haben könnte, sah es mich voll an und fragte: Black

Beauty, bist du es?“

Als ich soweit gekommen war, preßte Helen meine Hand zusammen, zum

Zeichen, daß ich nicht weiterlesen solle. Sie schluchzte krampfhaft.

„Es war der arme Ginger,“ -- war alles, was sie anfangs sagen konnte.

Später, als sie imstande war, über die Erzählung zu sprechen, sagte

sie: „Armer Ginger! Die Worte zauberten mir ein deutliches Bild vor die

Seele. Ich sah den armen Ginger leibhaftig vor mir; all seine Schönheit

war dahin, sein herrlich geschwungener Nacken war gesenkt, aller Mut

aus seinem feurigen Auge, alle Anmut aus seiner Haltung verschwunden.

O wie schrecklich war das! Ich hatte vorher noch nie gewußt, daß eine

solche Veränderung mit einem Geschöpfe vor sich gehen könnte. Der arme

Ginger hatte wenig Freude und viel Trauriges erlebt.“ -- Nach einem

Weilchen fuhr sie bekümmert fort: „Ich fürchte, vielen Menschen ergeht

es genau so wie Ginger.“ --

Heut früh las Helen zum ersten Male Bryants Gedicht: »~Oh, mother of a

mighty race!~« Ich sagte zu ihr: Wenn du das Gedicht ausgelesen hast,

so sage mir, wer nach deiner Ansicht die Mutter ist. -- Als sie bis zu

dem Verse gelangte: »~There’s freedom at thy gates, and rest~«, rief

sie aus: „Es ist Amerika. Das Tor ist, glaube ich, die Stadt New York,

und unter der »Freiheit« ist die große Statue der Freiheitsgöttin zu

verstehen.“ -- Als sie das Gedicht »~The Battlefield~« von demselben

Verfasser gelesen hatte, fragte ich sie, welche Strophe sie für die

schönste halte. Sie antwortete: Am bestem gefällt mir folgende:

~Truth crushed to earth shall rise again;

The eternal years of God are hers;

But Error, wounded, writhes with pain,

And dies among his worshipers.~

Sie kann sich mit einem Schlage in den Mittelpunkt der Begebenheiten

einer Erzählung versetzen. Sie freut sich, wenn die Gerechtigkeit

siegt, sie ist traurig, wenn die Tugend unterliegt, und ihr Antlitz

strahlt vor Bewunderung und Ehrfurcht, wenn Heldentaten geschildert

werden. Sie dringt sogar in den Geist der Schlacht ein, und sagt: „Ich

glaube, es ist die Pflicht der Männer, gegen Uebeltäter und Tyrannen zu

kämpfen.“

* * * * *

Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht

des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen:

* * * * *

Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte

in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor

normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von

ihren Studien ablenkt.

Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein;

die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so

geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet,

sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht.

Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre,

eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um

etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe

bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es

würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“ --

Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen

wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand erklären. Ich sagte: „Nein,

das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ -- Sie schwieg einen

Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß

ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen

bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig

um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden

zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem

Gesagten.“ -- Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen,

sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in

Aufregung gerät.

Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus

ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung

etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum

Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich

fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte

ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war

fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden

arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf,

wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich

ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit

vollendet da.

Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens

Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten

beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem

fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie

sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es

unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen.

Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß

ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären,

wenn die Beantwortung der fortwährend auftauchenden Fragen bis nach

der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller

Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und

eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem

Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das

beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte,

klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand

Bezug haben oder nicht.

Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte

Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen.

Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann

multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die

Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten

Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr

Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir

oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze

Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei

der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung

ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe

großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu

machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte

aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich

liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden

-- und sie tat es.

Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren

gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache

und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu

erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige.

Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter

lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände.

Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter

kennenzulernen: ~phenomenon~, ~comprise~, ~energy~, ~reproduction~,

~extraordinary~, ~perpetual~ und ~mystery~. Einige dieser Wörter haben

mehrere Bedeutungen, die, von einfacheren beginnend, allmählich zu

abstrakteren emporsteigen. Es würde ein aussichtsloses Unternehmen

gewesen sein, Helen die feineren Bedeutungen des Wortes ~mystery~

klarzumachen, aber sie begriff mit leichter Mühe, daß es etwas

Verborgenes oder Verstecktes bedeute, und wenn sie erst größere

Fortschritte gemacht hat, wird sie die feinen Bedeutungen des Wortes

ebenso leicht auffassen wie jetzt die einfacheren. Bei der Behandlung

eines Themas läßt es sich gar nicht vermeiden daß anfangs Wörter und

Konstruktionen vorkommen, die nicht eher voll verstanden werden können,

als bis der Schüler einen bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe

es jedoch für das beste gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache

Erläuterungen zu geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas

unbestimmt und unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß

das, was heut unklar ist, morgen klar sein wird.

Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen,

dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen.

Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und

hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten.

Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde,

antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne

Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr

unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr

schon bekannt sind.

Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug

auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest

nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres

Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt

leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht

war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie

sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die

Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden;

aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines

Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens

Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze

anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß

sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von

dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze

in dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der

Kiste. Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen.

Die Katze möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht

fangen! Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas

Kuchen bekommen.“ Das Wort »~the~« war ihr unbekannt, und sie wollte

es natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer

Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so

machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren

Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln

erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste

saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der

übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des

zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine

Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger mit einem

Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die

Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen

die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens

verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit

auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat

und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes. Sie

nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie zugleich

den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze die Maus

nicht fangen!“ (~Do not let the cat get the mouse!~), bemerkte sie die

Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß die Katze die Maus

nicht fangen dürfe. ~Get~ und ~let~ waren ihr unbekannt. Die Wörter des

letzten Satzes waren ihr bekannt, und sie war entzückt, als sie die

Erlaubnis erhielt, sie in die Tat umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie

machte, entnahm ich, daß sie eine neue Geschichte wünschte, und ich gab

ihr ein Buch mit ganz kurzen und in der einfachsten Sprache gehaltenen

Erzählungen. Sie ließ ihre Finger über die Zeilen gleiten, fand die

Wörter heraus, die sie kannte, und erriet die Bedeutung der übrigen --

alles in einer Weise, die auch den konservativsten Pädagogen zu der

Ueberzeugung bringen würde, daß ein kleines taubstummes Kind, wenn

ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, ebenso leicht und auf ebenso

natürlichem Wege lesen lernt wie normale Kinder.

Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck

großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei

bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur

widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen,

erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach

der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wir immer

sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ -- lautete

ihre Antwort.

Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst:

Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht

sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie

die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen

wünsche. --

Als wir Dickens’ »~Child’s History of England~« lasen, kamen wir an

den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich fragte,

was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich glaube,

es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß die

Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr zu

vertreiben wünschten.“ -- Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die

einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn

der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen

Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger

zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen

sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ --

Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet,

daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum

zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General

hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden

sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert

hatten.“ --

Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln,

Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber

sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die

Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn

auch bis jetzt noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von

nicht ganz einem Monat hinter sich hat.

Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das

Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem

Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden

antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei

der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden,

daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn

sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es

mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den

Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr

mitzuteilen habe.

Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte

Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte

angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische

Fragen, die von ~Dr.~ Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden

waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten

nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman

eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten

der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer,

mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte

eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem

Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen

hätte.

Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen

beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen

Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen

Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf

verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken,

die für jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen

tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger

zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.

„Woher bin ich gekommen?“ -- und „Wohin werde ich gehen, wenn ich

sterbe?“ -- waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt

war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren

unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist

seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und

Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen

zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte

nach der Ursache der Dinge.

Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr

Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre

eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken

und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit

der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht,

die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend

Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben

müsse.

Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht,

deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.

Durch Charles Kingsley’s »~Greek Heroes~« war sie mit den schönen Sagen

über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und die

Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke

mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.

Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie

eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889

hatte niemand zu ihr von Gott gesprochen. Zu jener Zeit versuchte

eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen

von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte,

die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese

Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach,

sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt,

Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz

sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“

-- und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und

lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt,

Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand

denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen

drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich

Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich

weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ --

Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte

zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es

sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger

geworden sei.

Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur«

gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten

die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn

sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet

den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die

Blumen wachsen können.“ --

Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein,

und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die

liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ -- antwortete sie.

Als sie gefragt wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele

Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume

und Winde.“ --

„In welcher Weise sorgt denn Mutter Natur für die Blumen?“ -- fragte

ich. „Sie sendet den Sonnenschein und den Regen, damit sie wachsen

können,“ -- antwortete sie, und nach einem Weilchen fuhr sie fort: „Ich

denke mir, der Sonnenschein ist Mutter Naturs warmes Lächeln, und die

Regentropfen sind ihre Tränen.“ --

Später sagte sie: „Ich weiß nicht, ob Mutter Natur mich erschaffen

hat. Ich denke mir, meine Mutter erhielt mich vom Himmel her, aber

ich weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich weiß, daß Tausendschönchen und

Stiefmütterchen aus Samenkörnern kommen, die in die Erde gelegt worden

sind; aber Kinder wachsen nicht aus der Erde hervor, das weiß ich ganz

bestimmt. Ich habe noch nie eine Kindespflanze gesehen. Aber ich kann

mir nicht vorstellen, wer die Mutter Natur geschaffen hat, können

Sie es? Ich liebe den schönen Frühling, weil die knospenden Bäume,

die blühenden Blumen und das zarte grüne Laub mein Herz mit Freude

erfüllen. Ich muß jetzt in meinen Garten gehen. Die Tausendschönchen

und Stiefmütterchen werden glauben, ich habe sie vergessen.“ --

Seit dem Mai 1890 war es mir klar, daß ihre Entwickelung soweit

fortgeschritten war, daß die religiösen Anschauungen der Personen ihrer

Umgebung ihr nicht länger vorenthalten werden konnten. Sie bestürmte

mich förmlich mit Fragen, die der Ausfluß ihrer regen Intelligenz waren.

Anfang Mai schrieb sie folgende Fragen in ihr Notizbuch: „Ich möchte

über Dinge schreiben, die ich nicht verstehe. Wer schuf die Erde und

die Meere und alles? Was macht die Sonne heiß? Wo war ich, ehe ich

zu Mutter kam? Ich weiß, daß Pflanzen aus Samenkörnern emporwachsen,

die in der Erde liegen, aber ich bin fest überzeugt, daß Menschen

nicht auf diese Weise entstehen. Ich habe noch nie eine Kindespflanze

gesehen. Kleine Vögel und Hühnchen kommen aus Eiern. Ich habe sie

gesehen. Was war das Ei, ehe es ein Ei war? Warum fällt die Erde nicht,

da sie doch so groß und schwer ist? Sagen Sie mir etwas, was Vater

Natur tut. Kann ich das Buch, die Bibel genannt, lesen? Bitte, sagen

Sie Ihrer kleinen Schülerin viele Dinge, wenn Sie viele Zeit haben.“ --

Kann man, wenn man diese Fragen gelesen hat, daran zweifeln, daß das

Kind, das imstande war, sie zu stellen, auch imstande war, wenigstens

die einfachsten Antworten auf dieselben zu verstehen? Während Helens

ganzer Erziehung habe ich unverrückbar daran festgehalten, daß sie

verstehen kann, was sie zu wissen wünscht. Hätte freilich in Helens

Geist kein solcher Denkprozeß stattgefunden wie der, von dem diese

Fragen Zeugnis ablegen, so würde jegliche Erklärung dieser Punkte für

sie unverständlich gewesen sein. Ohne jenes Maß geistiger Entwickelung

und Regsamkeit, durch das man befähigt wird, die Notwendigkeit einer

übermenschlichen schöpferischen Kraft einzusehen, ist keine Erklärung

von Naturerscheinungen möglich.

Nachdem es ihr gelungen war, die Ideen, die langsam in ihrem Geist

herangewachsen waren, in Worte zu fassen, schienen sie plötzlich all

ihr Denken in Anspruch zu nehmen, und sie wollte durchaus alles erklärt

haben. Als wir kurze Zeit, nachdem sie diese Fragen niedergeschrieben

hatte, an einem großen Globus vorüberkamen, blieb sie vor ihm stehen

und fragte: „Wer hat die +wirkliche+ Welt geschaffen?“ -- Ich

antwortete: „Niemand weiß es, wie die Erde, die Sonne und alle die

Weltkörper, die wir Sterne nennen, entstanden sind; aber ich will dir

erzählen, wie kluge Männer es versucht haben, sich deren Entstehung

klarzumachen und die großen, geheimnisvollen Kräfte der Natur zu

enthüllen.“ --

Sie wußte, daß die Griechen viele Götter hatten, denen sie verschiedene

Kräfte beilegten, weil sie glaubten, die Sonne, der Blitz und hundert

andere Naturkräfte seien unabhängige, übermenschliche Wesen. Aber nach

vielem Nachdenken und Forschen, sagte ich ihr, seien die Menschen

zu der Ueberzeugung gelangt, daß all diese Kräfte nur Offenbarungen

einer einzigen Macht seien, und dieser Macht hätten sie den Namen Gott

gegeben.

Ein paar Minuten war sie still und dachte offenbar angestrengt nach.

Dann fragte sie: „Wer hat Gott geschaffen?“ -- Ich war genötigt, diese

Frage ausweichend zu beantworten, denn ich konnte ihr das Geheimnis

eines durch sich selbst existierenden Wesens nicht erklären. In der Tat

würden viele ihrer eifrigen Fragen eine viel klügere Person, als ich

bin, in Verwirrung gesetzt haben. Hier sind einige von ihnen: „Woraus

machte Gott die neuen Welten? Woher nahm er die Erde, das Wasser,

die Samenkörner und die ersten Tiere? Wo ist Gott? Haben Sie Gott je

gesehen?“ -- Ich sagte ihr, Gott sei allgegenwärtig, und sie dürfe

sich ihn nicht als Person denken, sondern als das Leben, den Geist,

die Seele aller Dinge. Sie unterbrach mich: „Nicht alle Dinge haben

Leben. Die Felsen haben kein Leben und können nicht denken.“ -- Man

muß sie oft daran erinnern, daß es unendlich viele Dinge gibt, die die

weisesten Leute auf der Welt nicht zu erklären vermögen.

Helen hat nie Unterricht über Dogmen oder Glaubensbekenntnisse

erhalten, noch ist je ein Versuch gemacht worden, ihre Aufmerksamkeit

mit Gewalt auf religiöse Lehrmeinungen zu lenken. Da ich mir meiner

eigenen Unfähigkeit voll bewußt war, ihr irgendwelche zulängliche

Erklärung von den Geheimnissen zu geben, die mit den Begriffen Gott,

Seele, Unsterblichkeit verbunden sind, so hielt ich es stets für meine

Pflicht, so wenig wie möglich mit meiner Schülerin über religiöse Dinge

zu sprechen. Der hochwürdige Herr Philips Brooks[27] hat ihr die

Vaterliebe Gottes in ergreifender Weise dargelegt.

Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht

weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen

Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits

in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und

seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie

sie zum ersten Male hörte.

Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu

fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht

finden konnten?“ -- Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem

Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um

seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt

nicht +wandelte+, sondern +schwamm+.“ -- Als ich ihr davon erzählte,

daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das

glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ --

Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der

Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ -- Ich lehrte sie

das Wort unsichtbar (~invisible~) und erwiderte ihr: „Wir können Gott

nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere

Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir

ihm dann ähnlicher sind.“ --

Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ -- „Niemand weiß, was

die Seele ist,“ -- entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht

der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und

hofft und der, wie die Christen glauben, weiterleben wird, wenn der

Körper tot ist.“ -- Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele

getrennt vom Körper denken?“ -- „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte

vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist

-- meine Seele, verbesserte sie sich -- in Athen, aber mein Körper

war hier im Unterrichtszimmer.“ -- In diesem Augenblicke schien ihr

ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu:

„Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ -- Ich erklärte ihr,

daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich

wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine

Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte

sind dann ihr Körper.“

Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert

Jahre leben.“ -- Auf die Frage, ob sie nicht +für immer+ in einem

schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst:

„Wo liegt der Himmel?“ -- Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen,

äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein

Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit

haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ -- und

fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ -- Es

verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie

dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte:

„Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über

den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ -- Ich erklärte

ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel

geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand -- die Erfüllung des

Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei

überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt

werde.

Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder

zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch

gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum

muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ -- Ein andermal

fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher

sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ -- „Nein,“ entgegnete

ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden

Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben

könnte.“ -- „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte

Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine

erschaffen hat.“ --

Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die

unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen

Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ --

Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen

mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns

ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung

auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene

Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren

werden?“ -- Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen,

die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem

Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl

sehr geräuschvoll zugehen.“ -- Sie besitzt einen scharfen Blick für

das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise

in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu

wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.

Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos, stutzte

sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. -- „Hat sie Füße? Kann

sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung

des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.

Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie

nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des

Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange

Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren,

und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher

Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß

die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte

ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine

Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen

und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein

des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die

man ihr eingeprägt hatte.

Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ -- Als ihr dies

bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine

Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg

zerschlagen hat?“ -- Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und

Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See

erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie

fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun

vermag?“

Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden

Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen

Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit

unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält

die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für

bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine

Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.

* * * * *

Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden

sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua

abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung

der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt

darin unter anderem:

Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz

der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken,

daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre

geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus

Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend

schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer

uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen

und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente,

sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr

angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte.

Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre

Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause

gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben

üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und

Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert

ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist

die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.

Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen

hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer.

Sie hatte in einer Welt gelebt, die sie nicht erkennen konnte.

Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie

stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im

Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus

und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß

jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen

mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können,

ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen

sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen.

Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu

Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als

eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der

Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in

vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man

spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man

gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die

Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem

Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht

gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im

Innern anderer Menschen vorgeht.

Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten

Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten

interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion,

mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen

hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre

ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben

an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man

schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung.

Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist

muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße

und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu

häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man

lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden

schreiben, weil sie nicht anders können.

Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als

durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer

verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen

war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache

dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht

wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren

Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise

hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen.

Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich

es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen

und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung

weniger von mir abhängig gewesen sein.

Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften

verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den

richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen

unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren

Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik

wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die

Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von

deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den

ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur

zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen

von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten.

Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie

bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.

Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand

beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch

das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens

natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen

Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der

beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für

ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind

jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und

Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben

werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich

auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem

Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von

selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen

anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie

zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft

in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig

urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die

Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein

ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung

durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die

besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und

ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte

Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines

Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden.

Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen ermuntert werden.

Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die

der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst

sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre

Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher

und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene

aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben.

Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares

Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des

künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere

und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der

Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr

Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so

erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie

schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.

* * * * *

Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo ~Dr.~ Howe

aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber

das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische

Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche,

durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf den

praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu lehren.

Nach dieser »natürlichen Methode« hatte ~Dr.~ Howe gesucht, sich aber

nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes

Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf,

sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von

Wörtern, die es nicht versteht, beigebracht werden muß. Und hierin

besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch

vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan

unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen

Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt,

dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht,

und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden,

in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände,

Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei

Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse

gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der

Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen

und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan

bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar

formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.

Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist

natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge

zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten

Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die

Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels

geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen

verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde

umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge

gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim

Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?

Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen,

für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen

stellt, niemals den Mund zu verbieten, sondern seine Fragen so gut

wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen

weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der

Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen

natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken

mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte

Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach

der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«,

»sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser

ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.

So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und

so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher

die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob

wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan

nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren

Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein

normales Kind behandeln.

Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis

von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet,

ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht

gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte,

anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie

kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den

Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten

Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und

jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine

Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt

wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern

dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht, und deren es

sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes

Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die

natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt

werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel

einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. S. 287 f.). Helen Keller

soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen,

sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe

für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für

sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach

für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das

sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.

Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im

Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und

versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik

wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die

Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der

Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine

fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik

zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie

nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer

Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes

immer und immer wieder überlas -- ein Spiel, das sie für sich selbst

trieb.

Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule,

schreibt über Helen:

Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer

Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen

das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie

ihren Finger langsam über die Zeilen von Molières Lustspiel »~Le

Médecin malgré lui~« gleiten ließ und bei den komischen Situationen

und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals war

ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter

Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter

zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das

Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf

weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst

heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas

erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor

und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern

nur eine ihrer Erholungen. --

So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten

geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den

die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.

Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer

natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode

zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und

wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre

Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn

sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun

gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch

wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem

entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an,

namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.

Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen

Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt,

nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker

selbständiger Geist hat viel von seiner Spannkraft auf ihre

Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller

sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es

wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand

sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf

die Frage, was ihr fehle, antwortete: ~I am preparing to assert my

independence.~ Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in

völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines

Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat

vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan,

was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie

hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der

wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit

mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem

ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu

allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der

Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen

ist.

Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan,

was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere

Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden,

müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes

und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen

anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine

Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling

zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden

Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen

anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für

nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen

Anlagen und jung genug sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen.

Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund

ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen,

sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz

wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste

bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige

Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das,

worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was

andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als

Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob

und mit Helen darüber sprach (s. S. 236), so erteilte sie eine Art von

Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.

Augenscheinlich befindet sich ~Dr.~ Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein

Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines

taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und

herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.

Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie

während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte.

Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie

von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte

ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller

äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und

jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld

daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit,

als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens

Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen

konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem,

was um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten,

sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite

gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung

vor ihr Gesicht (s. S. 14). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein

unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die

Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.

So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer

solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner

Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein

Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit

anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte.

Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich

begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin

und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich

gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.

[23] Vergl. „~The life and Education of Laura Dewey Bridgman~“ von

Mary Swift Lamson. -- Jerusalem, Laura Bridgman. Eine

psychologische Studie.

[24] Vergl. auch S. 62 ff.

[25] Vergl. S. 148.

[26] Vergl. S. 149.

[27] Siehe S. 135.

Helen Kellers Sprache.

Fräulein Sullivans Bericht über Helens Unterricht in der Lautsprache.

-- Eigentümlichkeiten von Helens Aussprache. -- Ansprache Helens in

Mt. Airy bei Philadelphia.

Fräulein Keller hat selbst erzählt, in welcher Weise sie sprechen

gelernt hat (s. S. 57 ff.). Eine wichtige Ergänzung zu dieser

Darstellung bieten die Mitteilungen Fräulein Sullivans in dem

Jahresbericht des Perkinsschen Instituts für 1891. Es heißt darin unter

anderem:

„Ich wußte, daß Laura Bridgman dasselbe instinktive Verlangen wie

Helen gezeigt hatte, Töne hervorzubringen, und sogar etliche einfache

Wörter auszusprechen gelernt hatte, die zu gebrauchen ihr großes

Vergnügen machte, und ich zweifelte nicht im geringsten, daß Helen

mindestens soviel wie sie erreichen könne. Ich glaubte jedoch, daß der

Vorteil, der ihr daraus erwachsen würde, in keinem Verhältnis zu dem

Aufwande an Zeit und Mühe stehen werde, den ein solches Experiment

erfordert hätte.

Außerdem macht der Mangel an Kontrolle durch das Gehör die Stimme

eintönig und oft sehr unangenehm, und eine solche Sprache ist in der

Regel, außer für die näheren Bekannten des Sprechenden, unverständlich.

Die Aneignung der Sprache durch taube Kinder, die noch keinen sonstigen

Unterricht genossen haben, geht langsam und oft mühevoll vor sich.

Es wird, wie es mir scheint, häufig zuviel Wert auf die Unterweisung

eines tauben Kindes in der Lautsprache gelegt -- ein Umstand, der für

die geistige Entwickelung des Zöglings von Nachteil sein kann. In der

Tat ist die Lautsprache ein ungenügendes Erziehungsmittel, während

der Gebrauch des Fingeralphabets die geistige Regsamkeit fördert

und kräftigt, da durch dieses das Kind in nahe Berührung mit seiner

Muttersprache gebracht wird und die höchsten und abstraktesten Ideen

seinem Geiste leicht und vollständig vermittelt werden können. Helens

Beispiel beweist, daß es auch für die Aneignung der Lautsprache ein

Hilfsmittel von unschätzbarem Werte ist. Sie war mit den Wörtern

und der Konstruktion der Sätze schon vollständig vertraut und hatte

nur noch mechanische Schwierigkeiten zu überwinden. Außerdem wußte

sie, was die Sprache ihr für einen Genuß gewähren würde, und diese

genaue Erkenntnis des Zieles ihres Strebens bereitete ihr schon eine

Vorfreude, die alle Mühsal leicht machte. Das unterrichtete taube Kind,

das zum Artikulieren angehalten wird, kennt sein Ziel nicht, und die

Unterweisung im Sprechen ist ihm lange Zeit lästig und bedeutungslos.

Ehe ich die Art und Weise schildere, in der Helen sprechen lernte,

dürfte es angebracht sein, kurz zu erwähnen, in welchem Maße sie

ihre Stimmorgane gebraucht hatte, ehe sie regelmäßigen Unterricht im

Artikulieren erhielt. Als sie im Alter von neunzehn Monaten von der

Krankheit befallen wurde, die den Verlust des Gesichts und Gehörs

herbeiführte, begann sie gerade sprechen zu lernen. Das bedeutungsleere

Stammeln des kleinen Kindes wurde von Tag zu Tage immer mehr zu

bewußten, willkürlichen Zeichen für das, was es fühlte und dachte.

Aber die Krankheit hemmte ihre Fortschritte in der Aneignung der

Lautsprache, und als ihre körperliche Gesundheit zurückkehrte, fand

es sich, daß sie aufgehört hatte, verständlich zu sprechen, weil sie

keinen Laut mehr hörte. Sie fuhr fort, ihre Stimmorgane mechanisch zu

gebrauchen, wie es die Kinder in der Regel tun. Ihr Weinen und Lachen

sowie der Klang ihrer Stimme, wenn sie einzelne Wortelemente aussprach,

waren vollkommen natürlich, aber das Kind verband offenbar keinen

Sinn mit ihnen, und mit einer einzigen Ausnahme brachte es dieselben

nicht in der Absicht hervor, sich mit seiner Umgebung zu verständigen,

sondern aus dem bloßen Bedürfnisse, sein angeborenes, organisches,

ererbtes Ausdrucksvermögen zu üben. Mit dem Worte ~water~, das eines

der ersten war, die ihre kleinen Lippen bilden lernten, verband Helen

jedoch stets einen Sinn, und es war dies das einzige Wort, das sie auch

nach dem Verluste ihres Gehörs zu gebrauchen fortfuhr. Ihre Aussprache

des Wortes wurde jedoch allmählich undeutlich, und als ich sie

kennen lernte, war nur noch ein eigentümliches Geräusch davon übrig.

Nichtsdestoweniger war es das einzige Zeichen, das sie stets für Wasser

gebrauchte, und sie vergaß das gesprochene Symbol nicht eher, als sie

das Wort mit ihren Fingern buchstabieren gelernt hatte. Das Wort

~water~ und die Gebärde, die dem Worte »Lebewohl« entspricht, schienen

alles zu sein, was das Kind von den natürlichen und erworbenen Zeichen

behalten hatte, mit denen es vor seiner Krankheit vertraut geworden war.

Als sie durch den Gefühlssinn (ich gebrauche das Wort in dem

umfassendsten Sinne, sodaß es alle Tasteindrücke einschließt) mit ihrer

Umgebung bekannt wurde, empfand sie immer dringender das Bedürfnis,

sich mit derselben zu verständigen. Ihre Händchen befühlten jeden

Gegenstand und beobachteten jede Bewegung der Personen, mit denen sie

zusammenkam, und sie ahmte diese Bewegungen rasch nach.

Als ich in Tuscumbia eintraf, hatte sie sich über sechzig Zeichen

zurechtgemacht, die alle nachahmender Natur waren und von ihren

Bekannten leicht verstanden wurden. So oft sie etwas sehr dringend

verlangte, gestikulierte sie auf höchst ausdrucksvolle Art. Gelang

es ihr nicht, sich verständlich zu machen, so wurde sie heftig. In

den Jahren ihrer geistigen Kerkerhaft war sie gänzlich auf Zeichen

angewiesen und konnte sich selbst keinerlei Art Lautsprache schaffen,

die imstande gewesen wäre, Gedanken auszudrücken. Es scheint jedoch,

daß sie noch während ihrer Leidenszeit die Lippenbewegungen ihrer

Mutter verfolgte.

Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus

und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich

habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones

Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand

die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des

Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges

Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie

irgend jemand, der sich in ihrer Nähe befand, auf den Mund, um sich

zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln

entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum

Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum

Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und

enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie

vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte,

waren ~papa~, ~mamma~, ~baby~, ~sister~. Diese Wörter hatte sie ohne

besondere Unterweisung ihren Bekannten von den Lippen abgelesen. Man

sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs konsonantische Elemente,

und diese bildeten die Grundlage für ihren ersten wirklichen Unterricht

im Sprechen.

Die Geschichte meines Lebens · 第 68 / 70 题