auszusprechen[28]: ~a, ä, â, ē, ĭ, ô, c~ (weich wie ~s~ und hart
wie ~k~), ~g~ (hart), ~b, l, n, m, t, p, s, u, k, f~ und ~d~. Die
Aussprache mehrerer miteinander verbundener harter Konsonanten in
demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft unterdrückt sie den
einen und verändert den anderen, und manchmal ersetzt sie beide durch
einen ähnlichen Laut mit einer sanften Aspiration. Anfangs machte sich
die Verwechselung von ~l~ und ~r~ bei ihrem Sprechen recht bemerkbar.
Wiederholt wollte sie den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die
große Schwierigkeit in der Aussprache des ~r~ machte diesen Laut zu
einem der letzten, die sie bemeisterte. Auch das ~ch~, ~sh~ und ~g~
verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht
deutlich aus.
Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines
Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort
sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher
nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren.
Ihr Interesse erlahmte keinen Augenblick, und in ihrem Eifer, die
Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg
stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in
elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“ --
* * * * *
Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt
jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem
singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen
laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne
herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie
hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige
von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine
Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet
ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen.
Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene
Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt,
welches eine feierliche Geschichte erzählt.
Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der
Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem
Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes
Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen
zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie
jedes Wort für sich aussprechen.
Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund,
Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet
ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl
mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr
Französisch viel verständlicher als ihr Englisch. Wenn sie englisch
spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt
nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre
Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden.
Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest
und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen
hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese
Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen,
sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie
sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was
nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen
Absolvierung ihrer Studien zusammenhing.
Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte
sich ~Dr.~ Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die
+Aussprache+, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an.
Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu
verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht.
Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen,
daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer,
sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame,
wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den
Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes
in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als
die meisten Tauben.
Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt,
wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und
umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen,
was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand
anders, der sich auf das Fingeralphabet versteht, zugegen ist, um
Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren.
Präsident Roosevelt hatte im Frühjahr 1902 wenig Schwierigkeit, sich
Fräulein Keller verständlich zu machen; sie verstand jedes Wort, denn
des Präsidenten Sprache ist äußerst deutlich.
Man darf nicht vergessen, daß das Sprechen in keiner Weise etwas
zu Fräulein Kellers erster Erziehung beitrug, obgleich sie ohne
Sprachfertigkeit schwerlich imstande gewesen wäre, die höheren Schulen
und die Universität zu besuchen. Aber sie weiß besser als sonst
jemand, was für einen unermeßlichen Wert die Sprache für sie hat. Das
beredteste Zeugnis dafür legt die Ansprache ab, die Helen am 8. Juli
1896 bei der fünften Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur
Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« in Mt. Airy bei
Philadelphia gehalten hat. Sie lautet folgendermaßen:
* * * * *
Wüßten Sie, welche Freude mich beseelt, daß ich imstande bin, heute
zu Ihnen zu sprechen, so würden Sie, glaube ich, einen Begriff von
dem Werte der Sprache für die Tauben erhalten und verstehen, weshalb
ich es wünsche, daß jedes taubstumme Kind auf dieser ganzen großen
Welt Gelegenheit fände, sprechen zu lernen. Ich weiß, daß über diesen
Gegenstand viel gesprochen und geschrieben worden ist und daß in Bezug
auf den mündlichen Unterricht eine große Meinungsverschiedenheit
zwischen den Taubstummenlehrern herrscht. Es erscheint mir äußerst
seltsam, daß hier überhaupt von einer Meinungsverschiedenheit die Rede
sein kann; ich kann nicht verstehen, wie jemand, der sich für unsere
Erziehung interessiert, uns die Genugtuung nicht soll nachfühlen
können, die wir empfinden, wenn wir imstande sind, unsere Gedanken in
lebendigen Worten auszudrücken. Ich für meine Person wenigstens pflege
beständig zu sprechen, und ich weiß nicht, wie ich Ihnen den Genuß
schildern soll, den mir dieses gewährt. Natürlich weiß ich, daß es für
Fremde nicht immer leicht ist, mich zu verstehen, aber auch das wird
sich nach und nach ändern, und inzwischen habe ich das unaussprechliche
Glück, zu wissen, daß meine Angehörigen und Freunde sich über meine
Fähigkeit zu sprechen freuen. Meine kleine Schwester und mein kleiner
Bruder haben es gern, wenn ich ihnen an den langen Sommerabenden
Geschichten erzähle, und meine Mutter und meine Lehrerin bitten mich
oft, ihnen aus meinen Lieblingsbüchern vorzulesen. Ebenso bespreche
ich politische Dinge mit meinem geliebten Vater, und wir entscheiden
die verwickeltsten Fragen gerade so befriedigend für uns, wie wenn ich
sehen und hören könnte. So sehen Sie, was die Sprache für ein Segen
für mich ist. Sie bringt mich in engere und zärtlichere Beziehungen
zu denen, die ich liebe, und ermöglicht es mir, mich der trauten
Gesellschaft einer großen Zahl von Menschen zu erfreuen, von der ich
völlig abgeschnitten sein würde, wenn ich nicht sprechen könnte.
Ich kann mich noch der Zeit entsinnen, bevor ich sprechen lernte,
und wie ich mich bemühte, meine Gedanken mittels des Fingeralphabets
auszudrücken -- wie meine Gedanken fortwährend gegen meine
Fingerspitzen schlugen wie kleine Vögel, die nach Freiheit strebten,
bis eines Tages Fräulein Fuller ihnen die Kerkertür weit öffnete und
sie entfliehen ließ. Ich möchte wohl wissen, ob sie sich noch daran
erinnert, wie munter und fröhlich sie ihre Schwingen entfalteten und
davonflatterten. Natürlich fiel ihnen das Fliegen anfangs ziemlich
schwer. Die Sprachschwingen waren schwach und gebrochen und hatten alle
Anmut und Schönheit verloren, die sie einst besessen hatten; es war
in der Tat nichts übriggeblieben als der Trieb, zu fliegen; aber dies
war immerhin schon etwas. Wer den Trieb zum Schweben in sich fühlt,
kann nie mehr mit dem Kriechen zufrieden sein. Nichtsdestoweniger
aber kam es mir bisweilen vor, als würde ich meine Sprachschwingen
nie so gebrauchen können, wie ich sie nach Gottes Ratschluß benutzen
sollte; es stellten sich mir so viele Hindernisse in den Weg, ich
mußte so viele Enttäuschungen erfahren; aber ich ermüdete nicht, da
ich wohl wußte, daß Geduld und Ausdauer am Ende den Sieg erringen. Und
während ich unausgesetzt an mir arbeitete, baute ich die schönsten
Luftschlösser und gab mich den entzückendsten Träumen hin, daß einst
eine Zeit kommen würde, da ich so sprechen würde wie andere Menschen,
und der Gedanke an die Freude, die meine Mutter empfinden würde, wenn
sie noch einmal meine Stimme hören könnte, versüßte mir jede Mühe und
machte jeden Fehlschlag zu einem Ansporn, mich das nächstemal noch
mehr anzustrengen. Daher möchte ich zu denen, die sprechen lernen, und
ebenso zu denen, die diese sprechen lehren, sagen: Seid gutes Mutes!
Denkt nicht an die Fehlschläge von heute, sondern an den Erfolg, der
morgen kommen wird. Ihr habt euch eine schwierige Aufgabe gestellt,
aber ihr werdet euer Ziel erreichen, wenn ihr Ausdauer besitzet und
ihr werdet Freude am Ueberwinden von Schwierigkeiten, Genuß am Begehen
rauher Pfade finden -- eine Genugtuung, die euch vielleicht nie
zuteil würde, wenn ihr nicht ab und zu rückwärts glittet, wenn die
Straße stets eben und glatt wäre. Beherziget die Wahrheit, daß keine
Anstrengung, die wir machen, um ein herrliches Ziel zu erreichen, je
verloren geht. Einst, irgendwo, irgendwie werden wir finden, was wir
suchen. Ja, wir werden sprechen und auch singen, wie wir nach Gottes
Ratschluß sprechen und singen +sollen+.
[28] Die Buchstaben bezeichnen +englische+ Laute!
Helen Keller als Schriftstellerin.
Helen Kellers hervorragende stilistische Begabung und deren Pflege.
-- Gute Lektüre. -- Unausgesetzte Kontrolle der Stilübungen Helens
durch Fräulein Sullivan. -- Fräulein Sullivans Darstellung der
Episode mit dem »Frostkönig«. -- Gegenüberstellung der beiden
Fassungen des Märchens. -- Fräulein Canbys Aeußerungen über den
Zwischenfall. -- Allgemeine Betrachtungen über den »Frostkönig«. --
Kleinerer Aufsatz Helens über ihr Traumleben.
Niemand kann Fräulein Kellers Selbstbiographie lesen, ohne die
Empfindung zu haben, daß sie ein außergewöhnlich gutes Englisch
schreibt. Jeder Aufsatzlehrer weiß, daß er seine Schüler dahin bringen
kann, ohne syntaktische und phraseologische Fehler zu schreiben. Eben
diese Korrektheit ist es, die sich Fräulein Kellers früheste Erziehung
als ein Ziel gesteckt hat, das jedes gesunde Kind erreichen kann, für
die aber auch die Analysis dieser Erziehung eine Erklärung bietet.
Diejenigen, die Helen zu einer Ausnahme stempeln möchten, die sich
durch keinerlei Analyse ihrer ersten Erziehung erklären ließe, berufen
sich zur Unterstützung ihrer Behauptung auf die außerordentliche
Gewandtheit, mit der sie schon als Kind die Sprache handhabte.
Diese Berufung ist bis zu einem gewissen Grade gerechtfertigt, denn in
der Tat sind der Wohllaut der Sprache und die Schönheit der Gedanken,
die den vollendeten Stil ausmachen, freie Gaben der Götter. Kein Lehrer
hätte Helen für die Schönheiten der Sprache und das feinere Herüber-
und Hinüberspielen der Gedanken empfänglich machen können, das seinen
Ausdruck in wohlklingenden Wortzusammenstellungen sucht.
Andererseits kann aber die angeborene stilistische Begabung unterdrückt
oder gepflegt werden. Kein Genie vermag aus sich selbst heraus eine
schöne Sprache zu schaffen. Der Stoff, aus welchem sich der gute
Stil bildet, muß dem Geiste in guter Form von außen her zugeführt
werden. Kein noch so begabtes Kind wird ein gutes Englisch schreiben
können, wenn es nicht von Jugend auf gutes Englisch gehört hat. In
diesem Punkte, wie in allen anderen, hat sich Fräulein Sullivan als
weise Lehrerin bewährt. Hätte sie kein Gefühl und keine Begeisterung
für gutes Englisch besessen, so würde Helen Keller unter dem Einfluß
der »Jugendliteratur« aufgewachsen sein, die unter dem Vorwande
eines für Kinder berechneten einfachen Stils das Niveau der Sprache
herunterdrückt, als ob Kinderbücher nicht auch in gutem Stile abgefaßt
sein könnten, wie z. B. Robinson Crusoe.
Schriebe Fräulein Sullivan ein gewähltes Englisch, so ließe sich die
Schönheit von Helen Kellers Stil zum Teil unmittelbar erklären. Aber
die mitgeteilten Auszüge aus Fräulein Sullivans Briefen und Berichten
weisen, obgleich sie klar und deutlich sind, nicht die Schönheit
auf, durch die sich Helen Kellers Englisch auszeichnet. Was sie als
Lehrerin des Englischen geleistet hat, darf nicht nach ihrer eigenen
stilistischen Gewandtheit bemessen werden. Der Grund, weswegen sie
ihrer Schülerin so viele gute Bücher vorlas, liegt zum Teil darin,
daß sie erst vor kurzem ihr Augenlicht wieder erlangt hatte. Als sie
Helen Kellers Lehrerin wurde, war sie eben erst zum Bewußtsein der in
den Büchern ruhenden Schätze erwacht, von denen sie während der langen
Jahre ihrer Blindheit ausgeschlossen gewesen war.
In Hauptmann Kellers Bibliothek fand sie ausgezeichnete
Bücher vor: Lambs »~Tales from Shakespeare~« und die noch
vortrefflicheren Schriften von Montaigne. Nach Ablauf des ersten, dem
Elementarunterricht gewidmeten Jahres betrachtete sie ihre Schülerin
als mit ihr auf demselben Standpunkt stehend, und nun lasen beide die
guten Bücher zusammen, und erfreuten sich an ihnen.
Außer der Wahl guter Bücher gibt es noch einen anderen Grund für
Fräulein Kellers ausgezeichnete schriftstellerische Leistungen,
der Fräulein Sullivans ausschließliches Verdienst ist. Es ist die
unermüdliche und unablässige Kontrolle, die sie in ihrer gesamten
Tätigkeit kundgibt. Sie gestattete ihrer Schülerin niemals, einen Brief
abzuschicken, der Verstöße gegen den guten Geschmack enthielt, sondern
ließ sie ihn immer und immer wieder abschreiben, bis er nicht nur
fehlerlos, sondern auch gut stilisiert war.
Ein weiterer Umstand, der zu Helen Kellers meisterhafter Beherrschung
der englischen Sprache beigetragen hat, besteht gerade darin, daß
sie des Gesichts und Gehörs beraubt ist. Die Nachteile der Taubheit
und Blindheit waren überwunden worden, und die Vorteile blieben. Sie
zeichnet sich vor anderen Tauben aus, weil sie unterrichtet wurde, als
wäre sie normal. Andererseits veranlaßt sie der spezielle Wert, den
die Sprache für sie hat (während die Vollsinnigen diese als ebenso
selbstverständlich betrachten wie den Gebrauch ihrer rechten Hand), zum
Nachdenken über die Sprache und zu deren Wertschätzung. Die Sprache war
Helens Befreierin, die sie vom ersten Augenblick an liebte.
Den besten Beweis für Helens frühzeitige Gewandtheit im Gebrauche der
englischen Sprache liefert der Zwischenfall mit dem »Frostkönig«. Zu
der Darstellung, welche Fräulein Keller selbst davon gibt,[29] tritt
ergänzend ein Brief Fräulein Sullivans an den Leiter des »Volta-Bureau«
John Hitz in Washington. Es heißt darin unter anderem:
„Vielleicht entsinnen Sie sich, daß in meinem Aufsatz,[30] in
dem ich Helens ungewöhnliches Gedächtnis erwähne, sich auch die
Bemerkung findet, daß sie in ihrem Geist viele Ausdrucksformen zu
bewahren scheint, die sie zu der Zeit, als sie ihr mitgeteilt wurden,
wahrscheinlich noch nicht verstand, daß aber mit fortschreitender
Entwickelung die in ihrem Gedächtnis aufbewahrte Sprache ganz
oder teilweise ihren Ausdruck in Helens Unterhaltung oder ihren
schriftlichen Aeußerungen findet, je nachdem sich diese Ausdrucksformen
mehr oder weniger ihren neuen Erfahrungen anpassen.[31] Zweifellos ist
dies bei jedem intelligenten Kinde der Fall und verdient vielleicht
bei Helen nur von dem Gesichtspunkte aus besondere Erwähnung, daß
man von einem des Gesichts und Gehörs beraubten Kinde nicht eine so
bedeutende geistige Begabung erwartet, wie sie dieses kleine Mädchen
tatsächlich zeigt. Es ist daher auch sehr leicht möglich, daß wir
geneigt sind, vieles, was wir in Helens Entwickelung entdecken, als
wunderbar zu betrachten, was aber in der Tat eine solche Bezeichnung
gar nicht verdient.
Ich möchte hinzufügen, daß, während ich nie verkannt habe, daß Helen
vielfach Gebrauch von solchen Schilderungen und Vergleichen machte, wie
sie ihrer lebhaften Phantasie und feinen poetischen Natur entsprachen,
mich neuere Beobachtungen davon überzeugt haben, daß ich früher noch
nicht in vollem Maße erkannt habe, bis zu welchem Grade sie sich die
Sprache ihrer Lieblingsschriftsteller zu eigen macht. In den ersten
Jahren ihrer Erziehung hatte ich volle Kenntnis von allen Büchern, die
sie las, und von nahezu allen Erzählungen, die wir ihr vorlasen, und
konnte ohne Schwierigkeit die Quelle aller Anlehnungen feststellen,
die ich in ihren schriftlichen Aeußerungen oder ihrer Unterhaltung
bemerkte, und ich habe mich immer recht gefreut, zu beobachten, wie
angemessen sie die Ausdrücke eines Lieblingsschriftstellers in ihren
eigenen Ausarbeitungen anwendet.
Die folgenden Auszüge aus einigen ihrer veröffentlichten Briefe
beweisen, wie stark dieses Vermögen, eine schöne Sprache im Gedächtnis
zu bewahren, bei ihr ausgebildet ist. An einem schönen sonnigen Tage
zu Beginn des Frühlings, den wir im Norden zubrachten, schien die
balsamische Atmosphäre in ihr die Empfindung geweckt zu haben, die
Longfellow im »Hiawatha« ausspricht, und sie singt beinahe mit dem
Dichter: Die Erde erzitterte unter dem Jubel des neuerwachenden Lebens.
Mein Herz sang vor lauter Freude. Ich dachte an mein teures Vaterhaus.
Ich wußte, daß in jenem sonnigen Lande der Lenz schon in all seiner
Pracht erschienen war, mit all seinen Vögeln und all seinen Blüten, all
seinen Blumen und seinen Gräsern. --
Um dieselbe Zeit gibt sie in einem Briefe an eine Freundin, in dem
sie ihrer südlichen Heimat gedenkt, eine so genaue Umschreibung eines
Gedichtes eines ihrer Lieblingsschrifststeller, daß ich die Auszüge aus
Helens Brief und dem Gedichte selbst nebeneinanderstellen möchte.
Aus dem »Spring« betitelten
Aus Helens Brief. Gedichte von Oliver Wendell
Holmes.
~The blue-bird with his ~The blue-bird, breathing from
azure plumes, the thrush his azure plumes
clad all in brown, the robin The fragrance borrowed from
jerking his spasmodic throat, the myrtle blooms;
the oriole drifting like a flake The thrush, poor wanderer,
of fire, the jolly bobolink and dropping meekly down,
his happy mate, the mockingbird Clad in his remnant of
imitating the notes of autumnal brown;
all, the red-bird with his The oriole, drifting like a
one sweet trill, and the busy flake of fire
little wren, are all making Rent by a whirlwind from
the trees in our front yard a blazing spire;
ring with their glad songs.~ The robin, jerking his
spasmodic throat,
Repeats imperious, his
staccato note;
The crack-brained bobolink
courts his crazy mate,
Poised on a bullrush tipsy
with his weight:
Nay, in his cage the lone
canary sings,
Feels the soft air, and
spreads his idle wings.~
In einem Briefe an eine Freundin im Perkinsschen Institute vom 17. Mai
1889 gibt sie eine Nachbildung eines Andersenschen Märchens, das ich
ihr kurz zuvor vorgelesen hatte.[32]
Ihre Bewunderung für die eindrucksvollen Belehrungen, die Bischof
Brooks ihr über die Vaterliebe Gottes erteilt hatte, war sehr groß.
In einem seiner Briefe spricht er davon, wie Gott uns in allen Dingen
von seiner Liebe predigt, und sagt: Er schreibt auf alle Wände des
großen Hauses der Natur, in dem wir leben, daß er unser Vater ist. Im
darauffolgenden Jahre sagte sie in Andover: Die Welt scheint mir voller
Güte, Schönheit und Liebe zu sein, und wie dankbar müssen wir unserem
himmlischen Vater sein, der uns so viel Veranlassung zur Freude gegeben
hat! Seine Liebe und Treue stehen mit großen Lettern auf allen Wänden
der Natur geschrieben. --
Später, als Helen mit so vielen Menschen in Berührung kam, die sich
ungezwungen mit ihr unterhalten konnten, wurde sie mit manchen Werken
bekannt, von denen ich nichts wußte; auch fand sie in Hochdruckbüchern,
bei deren Lektüre ich ihr nicht folgen konnte, viel Material zur
Ausbildung ihres Geschmackes an poetischen Schilderungen. Die Blätter
des Buches, das sie liest, werden ihr zu Gemälden, denen ihre Phantasie
Leben und Farbe verleiht. Die Bilder, die die Sprache des Buches in
ihrem Gedächtnis zurückläßt, scheinen einen unauslöschlichen Eindruck
auf sie zu machen, und oft, wenn sie einer ähnlichen Situation
gegenübersteht, strömt dieselbe Sprache mit wunderbarer Genauigkeit
wieder hervor.
Helens Geist ist so geartet, daß die leiseste Anregung genügt, ihr
die denkbar größte Fülle äußerer Eindrücke zu vermitteln. Als wir
eines Tages in Alabama in der Nähe der Quellen an den Hügelabhängen
Feldblumen pflückten, schien sie gleich beim ersten Male zu begreifen,
daß die Quellen von Bergen umgeben seien, und rief aus: Die Berge
drängen sich um die Quellen, um ihr eigenes schönes Spiegelbild zu
betrachten. -- Ich weiß nicht, woher sie diese Ausdrücke hatte; doch
ist soviel klar, daß sie ihr von außen zugeflossen sein müssen, da
es für ein des Gesichtes beraubtes Kind wohl schwerlich möglich sein
dürfte, von selbst auf eine solche Vorstellung zu verfallen. In der
Schilderung eines Ausflugs nach Lexington schreibt sie: -- Während wir
weiterfuhren, konnten wir sehen, wie die Herrscher des Waldes ihre
stolzen Wipfel zu den kleinen Kindern des Waldbodens niederbeugten,
um den Geheimnissen zu lauschen, die diese ihnen zuflüsterten. Die
Anemone, das wilde Veilchen, das Leberblümchen und die komischen
kleinen aufgerollten Farne schauten uns alle unter den braunen Blättern
hervor an. -- Sie schließt ihren Brief mit den Worten: Ich muß zu Bett
gehen, denn Morpheus hat meine Augenlider mit seinem goldenen Stabe
berührt. --
Schon zwei Jahre vor dem Zwischenfall mit dem »Frostkönig« hatte Helen
in einem Briefe an Herrn Anagnos (vom 2. und 3. Februar 1890) den
wesentlichen Inhalt eines anderen Märchens von Fräulein Canby, »~The
Rose Fairies~« als einen Traum erzählt, den sie vor langer Zeit
gehabt habe.[33]
Es mögen nun die beiden Fassungen der Frostmärchen einander
gegenübergestellt werden.
Die Frostelfen. Der Frostkönig.
(Aus »Birdie und seine Freunde,
die Elfen«) von Von Helen A. Keller.
Margaret T. Canby.
König Frost oder Jack Frost, König Frost wohnt in einem
wie er mitunter genannt wird, schönen Palast fern im Norden,
wohnt in einem kalten Lande in dem Lande des ewigem
fern im Norden; aber jedes Schnees. Der Palast, der über
Jahr unternimmt er eine Reise alle Beschreibung prächtig ist,
über die ganze Erde in einem war schon vor Jahrhunderten,
Wagen von goldenen Wolken, unter der Regierung des Königs
der von einem starken, Gletscher, erbaut. In geringer
pfeilschnellen Rosse, »Nordwind« Entfernung von dem Palaste
mit Namen, gezogen wird. könnten wir ihn leicht für ein
Wohin ihn auch sein Weg Gebirge halten, dessen Gipfel
führt, überall verrichtet er viele sich zum Himmel erheben, um
wunderbare Dinge: er schlägt den letzten Kuß des scheidenden
Brücken über jeden Strom, Tages zu empfangen. Wenn
die so durchsichtig wie Glas wir aber näher kommen, so
und dabei doch so fest wie Eisen werden wir bald unseren Irrtum
sind; er schläfert die Blumen bemerken. Was wir für
und Kräuter durch eine bloße Bergesspitzen hielten, sind in
Berührung mit seiner Hand Wahrheit Tausende von weithin
ein, und sie beugen sich alle glänzenden Türmen. Nichts kann
nieder und versinken in die schöner sein als die Architektur
warme Erde, bis der Frühling dieses Eispalastes. Die
zurückkehrt; dann zaubert Wände sind merkwürdigerweise
er, damit wir um die Blumen aus massiven Eisblöcken
nicht weinen, an unseren erbaut, die in klippenartige
Fensterscheiben liebliche Ranken Türme auslaufen. Das Portal
und Zweige seiner weißen des Palastes liegt am Ende
nordischen Blumen oder zarte eines überwölbten Ganges und
kleine Wälder von Elfentannen wird Tag und Nacht durch
hin, schlohweiß und gar prächtig zwölf grimmig aussehende Eisbären
anzusehen. Doch sein wunderbarstes bewacht.
Werk ist die Bemalung
der Bäume, die nach Vollendung
der Arbeit aussehen, als Doch, Kinder, ihr müßt
wären sie mit dem glänzendsten dem König Frost bei der ersten
Gold und den funkelndsten Gelegenheit, die sich euch biet
Rubinen überzogen, und schön einen Besuch abstatten und euch
genug sind, um uns über die diesen wundervollen Palast
Flucht des Sommers zu trösten. selber ansehen. Der alte König
wird euch freundlich willkommen
Ich will euch nun erzählen, heißen, denn er liebt
wie König Frost zuerst auf den die Kinder, und es ist sein
Gedanken an eine solche Arbeit Hauptvergnügen, ihnen Freude
kam, denn es ist eine sonderbare zu bereiten.
Geschichte. Ihr müßt
wissen, daß dieser König wie
alle andern Könige große Ihr müßt wissen, daß König Frost
Schätze von Gold und Edelsteinen wie alle anderen Könige große
in seinem Palaste hatte; Schätze von Gold und Edelsteinen
da er aber ein gutmütiger besitzt: da er aber ein
alter Mann ist, hält er seine freigebiger alter Fürst ist so
Reichtümer nicht für immer so er bestrebt, einen richtigen
verschlossen, sondern sucht mit Gebrauch von seinen Reichtümern
ihrer Hilfe Gutes zu tun und zu machen. So verrichtet er,
andere glücklich zu machen. wohin ihn auch sein Weg führt,
Er hat zwei Nachbarn, die viele wunderbare Dinge; er
noch weiter nördlich wohnen; schlägt Brücken über jeden
der eine ist König Winter, ein Strom, so durchsichtig wie Glas
rauher, unfreundlicher alter und doch oft so fest wie Eisen;
Fürst, der so hart und grausam er schüttelt die Waldbäume, bis
ist, daß er sich freut, wenn die reifen Nüsse lachenden
er den Armen wehe tun und Kindern in den Schoß fallen;
sie zum Weinen bringen kann. er schläfert mit einer
Der andere Nachbar aber ist Berührung seiner Hand ein, und
Santa Claus, ein stattlicher, damit wir uns nicht nach den
gutherziger, lustiger alter strahlenden Blumengesichtern
Mann, der gern Gutes tut sehnen, bemalt er das Laub
und den Armen sowie den artigen mit Gold-, Purpur- und
Kindern zu Weihnachten Smaragdfarben, und wenn er mit
Geschenke bringt. seiner Arbeit fertig ist, so
sind die Bäume so schön, daß
Nun, eines Tages dachte wir uns über die Flucht
König Frost darüber nach, was des Sommers trösten. Ich will
er wohl mit seinem Schatze euch erzählen, wie König Frost
gutes stiften könne, und entschloß auf den Gedanken verfallen
sich einen Teil seinem ist, das Laub zu bemalen,
freundlichen Nachbar Santa denn es ist eine sonderbare
Claus zum Einkauf von Geschichte.
Lebensmitteln und Kleidern für
die Armen zu schicken, damit
diese nicht so viel zu leiden Eines Tages dachte König
hätten, wenn König Winter Frost, während er sein großes
sich ihren Häusern näherte. Vermögen einer Durchsicht
So rief er seine lustigen kleinen unterzog und überlegte, was
Elfen zusammen, zeigte ihnen er damit wohl Gutes stiften
eine Anzahl von Gefäßen und könne, mit einem Male an
Vasen voller Gold und Edelsteine seinen freundlichen alten
und befahl ihnen, diese Nachbar Santa Claus. Ich will
sorgsam nach dem Palaste meine Schätze an Santa Claus
Santa Claus’ zu tragen und senden, sagte der König zu sich
sie ihm mit Empfehlungen von selber. Er ist der richtige Mann
König Frost zu übergeben. Er dazu, sie gut zu verwenden,
wird schon wissen, wie er den denn er weiß, wo die Armen
Schatz am besten verwenden und Unglücklichen wohnen, und
soll, setzte Jack Frost hinzu; sein gütiges altes Herz steckt
dann befahl er den Elfen, sich immer voller Pläne, sie zu
unterwegs nicht aufzuhalten, unterstützen. So rief er denn
sondern sein Gebot rasch die lustigen kleinen Elfen
auszuführen. seines Hofstaates zusammen,
zeigte ihnen die Gefäße und,
Die Elfen versprachen Gehorsam Vasen, die seine Schätze
und machten sich bald enthielten, und befahl ihnen,
auf den Weg, indem sie die sie so rasch wie möglich nach
großen gläsernen Gefäße und Santa Claus’ Palaste zu tragen.
Vasen nachschleppten, so gut Die Elfen versprachen Gehorsam
sie konnten, und ab und zu ein und waren im Nu auf und davon,
wenig über die schwere Arbeit indem sie die schweren Gefäße
brummten; denn es waren und Vasen hinter sich
faule Elfen, die lieber spielten herschleppten, so gut sie
als arbeiteten. Schließlich konnten, und ab und zu
gelangten sie in einen großen ein wenig über die schwere
Wald, und da sie ganz ermüdet Arbeit brummten; denn es waren
waren, beschlossen sie, faule Elfen, die lieber spielten
ein wenig zu rasten und sich als arbeiteten. Nach einiger
nach Nüssen umzusehen, bevor Zeit kamen sie in einen großen
sie ihre Wanderung fortsetzten. Wald, und da sie müde und
Damit aber der Schatz nicht hungrig waren, beschlossen sie
gestohlen werden sollte, ein wenig zu rasten und sich
versteckten sie die Gefäße unter nach Nüssen umzusehen, ehe
das dichte Laub der Bäume, sie ihre Wanderung weiter
indem sie die einen hoch oben fortsetzten. Da sie aber
in der Nähe der Wipfel, glaubten, ihr Schatz könne ihnen
andere an verschiedenen Stellen inzwischen gestohlen werden, so
der Bäume unterbrachten, bis verbargen sie die Gefäße in
sie glaubten, niemand könne dem dichten grünen Laub der
sie mehr finden. verschiedenen Bäume und
waren sicher, daß niemand sie
Dann begannen sie, finden könne. Dann begannen
umherzustreifen nach Nüssen zu sie lustig umherzustreifen, um
suchen und auf die Bäume sich Nüsse zu suchen, auf die
zu klettern, um die Früchte Bäume zu klettern, neugierig
herunterzuschütteln, und in die leeren Vogelnester zu
arbeiteten zu ihrem eigenen schauen und hinter den Bäumen
Vergnügen viel angestrengter, Verstecken zu spielen. Diese
als sie es je auf das Geheiß unartigen Elfen waren nun bei
ihres Herrn getan hatten; denn ihrem Herumtollen so geschäftig
es ist eine sonderbare Tatsache, und so lustig, daß sie ihren
daß Elfen und Kinder Auftrag und ihres Herrn Befehl,
sich niemals über Mühe und sich zu beeilen, ganz vergaßen,
Arbeit beschweren, wenn sie aber bald entdeckten sie zu
dabei ihre eigene Belustigung ihrem Verdruß, warum ihnen
im Auge haben, während sie Eile anbefohlen worden war,
oft brummen, wenn von ihnen denn obgleich sie ihrer Meinung
eine Arbeit zum besten anderer nach den Schatz sorgfältig
verlangt wird. versteckt hatten, so hatten die
strahlenden Augen der Königin
Die Frostelfen waren bei Sonne doch die Gefäße zwischen
ihrem Nüssesammeln so geschäftig dem Laube erspäht, und da sie
und ausgelassen, daß und König Frost sich über die
sie bald ihren Auftrag und beste Art, der Welt Gutes zu
den Befehl des Königs, sich zu tun, nie einigen konnten, so
beeilen, vergaßen; als es aber war sie froh, eine gute
bei ihrem Spiele Mittag wurde, Gelegenheit zu haben, ihrem ein
sahen sie endlich den Grund wenig rauhen Nebenbuhler
ein, weshalb ihnen Eile einen Streich zu spielen.
anbefohlen worden war; denn, Königin Sonne lachte still vor
obgleich sie ihrer Meinung sich hin, als die zarten Gefäße
nach den Schatz sehr sorgfältig zu schmelzen und zu zerbrechen
versteckt hatten, so hatten sie begannen. Schließlich waren
ihn doch nicht vor der Gewalt alle Gefäße und Vasen gesprungen
der Frau Sonne geschützt, die oder entzweigegangen,
eine Feindin Jack Frosts war und ebenso schmolzen die
und sich freute, wenn sie ihm in ihnen enthaltenen Edelsteine
einen Schabernack spielen und und rannen in kleinen Strömen
Schaden zufügen konnte. über die Bäume und Sträuche
des Waldes.
Ihre strahlenden Augen
entdeckten bald die Gefäße mit
dem Schatze auf den Bäumen, Noch bemerkten die faulen
und da die faulen Elfen sie Elfen nicht, was sich ereignete,
bis zur Mittagsstunde, wenn denn sie hatten sich in das Gras
Frau Sonne am stärksten ist, gelagert, und es dauerte lange,
hier gelassen hatten, so begann ehe der wunderbare Schatzregen
das zarte Glas zu schmelzen sie erreichte; schließlich
und zu zerbrechen, und in aber hörten sie deutlich, wie
kurzer Zeit waren alle Gefäße die Tropfen gleich einem Regen
und Vasen gesprungen oder im ganzen Walde herabfielen
entzwei gegangen, und ebenso und von einem Blatt zum
schmolzen die in ihnen enthaltenen anderen glitten, bis sie auf
kostbaren Schätze und die kleinen Sträucher, neben
rannen in Strömen von Gold denen die Elfen saßen,
und Purpur langsam über die herabklatschten. Jetzt
Bäume und Sträucher des entdeckten sie zu ihrem
Waldes. Erstaunen, daß die Regentropfen
geschmolzene Rubine waren, die
Eine Zeitlang bemerkten auf den Blättern erstarrten und
die Frostelfen dieses sonderbare sie augenblicklich mit Purpur
Ereignis nicht, denn sie hatten und Gold überzogen. Dann sahen
sich in das Gras gelagert, so sie, als sie sich genauer
weit von den Wipfeln der umblickten, daß ein großer Teil
Bäume entfernt, daß es lange des Schatzes bereits geschmolzen
dauerte, ehe der wunderbare war, denn die Eichen- und
Schatzregen sie erreichte; endlich Ahornbäume waren in prächtige
aber sagte der eine von Gewänder von Gold-,
ihnen: Horch, ich glaube, es Purpur- und Smaragdfarbe
regnet; ich höre die gehüllt. Es gewährte einen sehr
niederfallenden Tropfen. Die schönen Anblick; aber die
anderen lachten und erklärten ihm, ungehorsamen Elfen waren zu sehr
es regne selten, wenn die Sonne erschrocken, als daß sie die
scheine; als sie aber genauer Schönheit der Bäume hätten
aufpaßten, hörten sie deutlich, wahrnehmen können. Sie
wie im ganzen Walde die fürchteten, König Frost könne
Tropfen von den Bäumen kommen und sie strafen. So
herabfielen und von einem versteckten sie sich denn
Blatt zum anderen glitten, bis zwischen den Sträuchern und
sie auf die Brombeersträucher, warteten schweigend auf das, was
neben denen die Elfen saßen, sich ereignen würde. Ihre
herabklatschten. Jetzt entdeckten Befürchtungen waren
sie zu ihrem großen Verdruß, wohlbegründet, denn ihre lange
daß die Regentropfen Abwesenheit hatte den König
geschmolzene Rubinen waren, beunruhigt, er bestieg den
die auf den Blättern erstarrten Nordwind und ritt aus, um
und sie augenblicklich mit seine säumigen Boten zu suchen.
leuchtendem Rot überzogen. Als Natürlich war er noch nicht
sie sich dann die Bäume ringsum weit gekommen, als er das
genauer ansahen, bemerkten Glänzen des Laubes bemerkte,
sie, daß der gesamte Schatz und er erriet rasch die Ursache
wegschmolz und daß sich ein davon, als er die zerbrochenen
großer Teil davon bereits über Gefäße bemerkte, aus denen
die Blätter der Eichen und der Schatz noch immer herunter
Ahornbäume ergossen hatte, tropfte. Zuerst war König
die in ihrem prächtigen Gewande Frost sehr zornig, und die Elfen
von Gold und Bronze, zitterten und duckten sich noch
Purpur und Smaragd weithin tiefer in ihre Verstecke, und
leuchteten. Es gewährte einen ich weiß nicht, was geschehen,
sehr schönen Anblick; aber die wäre, wenn nicht gerade in
faulen Elfen waren über das diesem Augenblick eine Schar
Unglück, das ihr Ungehorsam von Knaben und Mädchen den
verschuldet hatte, zu sehr, Wald betreten hätte. Als die
erschricken, als daß sie die Kinder die Bäume alle in den
Schönheit des Waldes hätten herrlichen Farben schimmern
bewundern können, und im Nu sahen, klatschten sie in die
suchten sie sich in dem Gebüsch Hände, stießen ein
zu verstecken, damit König Freudengeschrei aus und begannen
Frost sie nicht finden und sofort große Sträuße zu
strafen könne. pflücken, um sie mit nach Hause
zu nehmen. Die Blätter sind so
Ihre Befürchtungen waren hübsch wie die Blumen! riefen
wohlbegründet, denn ihre lange sie in ihrem Entzücken. Ihre
Abwesenheit hatte den König Freude verscheuchte den Zorn aus
beunruhigt, und er hatte sich König Frosts Herzen und glättete
aufgemacht, um nach seinen seine gerunzelten Augenbrauen,
lässigen Dienern zu sehen, und und auch er begann die bemalten
eben, als sie sich alle versteckt Bäume zu bewundern. Er
hatten, kam er langsam sagte zu sich selber: Meine
einhergeschritten und sah sich Schätze sind nicht verloren,
überall nach den Elfen um. wenn sie kleine Kinder glücklich
Natürlich bemerkte er bald das machen. Meine faulen
Glänzen des Laubes und entdeckte Elfen und meine grimmige
auch deren Ursache, als er die Feindin haben mich eine neue
zerbrochenen Gefäße und Vasen Art, Gutes zu tun, gelehrt.
erblickte, aus denen der
geschmolzene Schatz noch immer
heruntertropfte. Und als er Als die Elfen dies hörten,
zu den Nußbäumen kam und wurde es ihnen bedeutend
die von den faulen Elfen leichter ums Herz, und sie kamen
zurückgelassenen Schalen und die aus ihren Verstecken hervor,
Spuren ihres Umhertollens gestanden ihre Schuld ein und
bemerkte, wußte er sofort, was baten ihren Herrn um Verzeihung.
sie angestellt hatten und daß
sie ihm ungehorsam gewesen
waren, indem sie bei ihrer Seit dieser Zeit hat es
Wanderung durch den Wald König Frost stets großes
gespielt und die Zeit versäumt Vergnügen gemacht, die Blätter
hatten. mit den glühenden Farben,
die wir im Herbste erblicken,
König Frost runzelte die zu bemalen, und wenn sie nicht
Stirn und machte zuerst ein mit Gold und Edelsteinen bedeckt
sehr böses Gesicht, und seine sind, so kann ich mir nicht
Elfen zitterten vor Furcht und denken, was sie so glänzend
duckten sich noch tiefer in ihre macht; könnt ihr es euch
Verstecke. In diesem Augenblick vielleicht denken?
aber kamen zwei kleine
Kinder daher gehüpft, und
obgleich sie den König Frost und
die Elfen nicht sehen konnten,
bemerkten sie doch die prächtige
Färbung des Laubes, lachten
vor Entzücken und begannen
große Sträuße für ihre Mutter
zu pflücken. Die Blätter sind
so schön wie Blumen, sagten
sie, nannten die gelben
»Butternäpfchen« und die roten
»Rosen« und waren sehr fröhlich,
als sie singend durch den Wald
weiter zogen.
Ihre Freude besänftigte
König Frosts Zorn; auch er
begann die bemalten Bäume
zu bewundern und sagte
schließlich zu sich selber:
Meine Schätze sind nicht
verloren, wenn sie kleine Kinder
glücklich machen. Ich will
meinen faulen, gedankenlosen
Elfen nicht zürnen, denn sie
haben mich eine neue Art, Gutes
zu tun, gelehrt. Als die
Frostelfen diese Worte hörten,
krochen sie einer nach dem
anderen aus ihren Verstecken
hervor, knieten vor ihrem
Herrn nieder, gestanden ihre
Schuld ein und baten ihn um
Verzeihung. Er war zwar noch
eine Weile ungehalten und schalt
sie tüchtig aus; bald aber wurde
er milder und erklärte, er wolle
ihnen diesmal noch verzeihen;
ihre einzige Strafe solle darin
bestehen, daß sie noch mehr
Schätze in den Wald tragen und
in den Bäumen verstecken
sollten, bis das gesamte Laub
mit Hilfe der Frau Sonne mit
Gold- und Purpurfarben bedeckt
sei.
Die Elfen dankten ihm für
seine Verzeihung und
versprachen, recht angestrengt
zu arbeiten, um seine Huld
wiederzugewinnen, und der
gutherzige König nahm sie alle
auf seine Arme und trug sie
sicher heim in seinen Palast.
Von dieser Zeit an, glaube ich,
ist es ein Teil von Jack Frosts
Aufgaben, die Bäume mit den
glühenden Farben, die wir im
Herbste erblicken, zu bemalen,
und wenn sie nicht mit Gold
und Edelsteinen bedeckt sind,
so weiß ich nicht, auf welche
Weise er sie so glänzend macht;
wißt ihr es vielleicht?
* * * * *
Wenn das Märchen von den »Frostelfen«, bemerkt Fräulein Sullivan zu den
beiden Erzählungen, Helen im Sommer 1888 vorgelesen wurde, so konnte
sie damals noch nicht viel davon verstanden haben, denn sie hatte erst
seit dem März 1887 Unterricht gehabt.
Ist es möglich, daß die Sprache des Märchens in ihrem Geiste
schlummernd gelegen hat, bis meine Schilderung von der Schönheit
der Herbstlandschaft sie ihr im Jahre 1891 wieder lebendig vor ihr
geistiges Auge brachte?
Noch eine andere Tatsache ist in diesem Zusammenhange von großer
Bedeutung. Das Märchen »Die Rosenelfen« war in demselben Bande
erschienen wie »Die Frostelfen« und somit Helen wahrscheinlich um
dieselbe Zeit wie dieses vorgelesen worden.
Nun spricht Helen in ihrem Briefe vom Februar 1890 (s. oben S. 328),
von diesem Märchen Fräulein Canbys als +von einem Traume, den sie
vor sehr langer Zeit als ganz kleines Kind gehabt habe+. Sicherlich
werden anderthalb Jahre einem kleinen Mädchen wie Helen als »sehr lange
Zeit« erscheinen; wir haben daher Veranlassung zu der Annahme, daß die
Märchen ihr spätestens im Sommer 1888 vorgelesen worden sein müssen.
* * * * *
Helen Keller erwähnt (S. 68) einen freundlichen Brief, den ihr Fräulein
Canby geschrieben habe. Auch mit Fräulein Sullivan trat die genannte
Dame in Briefwechsel. So schrieb sie ihr z. B. am 9. März 1892 unter
anderem: „Was für einen wunderbar regen Geist und was für ein treues
Gedächtnis muß dieses begabte Kind besitzen! Hätte sich Helen eines
kurzen Märchens erinnert und es niedergeschrieben, kurz nachdem sie
es gehört hatte, so würde dies schon ein Wunder gewesen sein; aber
das Märchen ein einzigesmal vor drei Jahren gehört zu haben und noch
dazu auf eine Weise, daß weder ihre Eltern noch ihre Lehrerin darauf
zurückkommen und die Erinnerung daran auffrischen konnten, und dann
imstande gewesen zu sein, es so lebendig wiederzugeben und sogar noch
einige selbständige Striche hinzuzufügen, die in völligem Einklang mit
dem übrigen stehen und das Original in der Tat verbessern -- das ist
etwas, was sehr wenige Mädchen reiferen Alters, die im Besitze aller
Vorteile des Sehens, Hörens und selbst großer schriftstellerischer
Begabung sind, so gut geleistet hätten, wenn sie überhaupt dazu
imstande gewesen wären. Unter diesen Umständen sehe ich nicht ein,
wie irgendjemand so lieblos sein kann, dies ein Plagiat zu nennen;
es ist eine wunderbare Leistung des Gedächtnisses und steht einzig
in seiner Art da. Ich habe viele Kinder gekannt, habe mein ganzes
Leben in ihrer Mitte zugebracht und kenne keinen größeren Genuß, als
mich mit ihnen zu unterhalten, sie zu erheitern und ihre Geistes-
und Charakterzüge ruhig zu beobachten; aber ich entsinne mich keines
Mädchens von Helens Alter, das den gleichen Wissensdurst gehabt und
über dieselbe Fülle literarischer und allgemeiner Bildung sowie über
dieselbe schriftstellerische Begabung verfügt hätte wie Helen. Sie ist
in der Tat ein Wunderkind. Vielen Dank für Helens Tagebuch! Es läßt
mich klarer als zuvor die große Enttäuschung erkennen, die das liebe
Kind zu erdulden gehabt hat. Bitte, sagen Sie ihr, wie sehr ich sie in
mein Herz geschlossen habe und daß sie sich keine Gedanken mehr darüber
machen soll. Niemand darf sagen, sie habe unrecht getan, und eines
Tages wird sie eine große schöne Erzählung oder ein Gedicht schreiben,
das vielen Menschen Freude machen wird. Sagen Sie ihr, ein paar bittere
Tropfen seien in jedermanns Lebenskelch enthalten, und es bleibe uns
nichts anderes übrig, als die bitteren geduldig, und die süßen dankbar
hinzunehmen.“
* * * * *
Der Zwischenfall hatte, wie aus Helens eigener Darstellung hervorgeht,
auf sie und auf Fräulein Sullivan eine geradezu vernichtende Wirkung.
Letztere fürchtete, der Neigung zur Nachahmung, die in Wirklichkeit
Fräulein Keller zur Schriftstellerin gemacht hat, allzugroßen
Spielraum gelassen zu haben. Aber jetzt, da sie auf der Universität
zusammen mit ihrem Zögling in die Geheimnisse des geistigen Schaffens
eingedrungen ist, weiß sie, daß der Stil jedes Schriftstellers und
in der Tat jedes Menschen, mag er gebildet oder ungebildet sein,
eine Erinnerung ist, die sich aus allem, was er gelesen und gehört
hat, zusammensetzt. Der Quellen seines Wortschatzes ist er sich
größtenteils so wenig bewußt wie des Augenblickes, in dem er die
Nahrung zu sich nahm, die einen Teil seines Daumennagels bilden sollte.
Bei der Mehrzahl von uns kreuzen und vermischen sich die Zuflüsse
aus den verschiedensten Quellen. Ein Kind, dem nur wenige Quellen
zur Verfügung stehen, kann das, was es aus jeder einzelnen zieht,
getrennt halten. In dieser Lage war Helen Keller, die den Wortlaut
einer Geschichte, die sie zu der Zeit, als sie ihr vorgelesen wurde,
noch nicht ganz verstand, fast unverändert und ohne Vermischung mit
anderen Vorstellungen in ihrem Geiste bewahrte. Die Bedeutung dieses
Umstandes kann nicht hoch genug bewertet werden. Er liefert den
Beweis dafür, daß der Geist des Kindes Worte in sich aufspeichert,
die es gehört hat, und daß diese hier gleichsam auf der Lauer liegen,
stets bereit, hervorzutreten, wenn der äußere Anreiz dazu eintritt.
Der Grund, weswegen wir diesen Prozeß bei normalen Kindern nicht
wahrnehmen, liegt darin, daß wir sie selten als Ganzes beobachten, und
daß sie ihre geistige Nahrung aus so vielen Quellen beziehen, daß die
Erinnerungsbilder verworren sind und sich gegenseitig aufheben. Das
Märchen vom »Frostkönig« trat jedoch nicht unverändert aus Helens Geist
hervor, sondern war durch die Eigenart des Kindes umgeformt worden
und hatte sich in Worte gekleidet, die aus anderen Quellen stammten.
Der Stil von Helens Fassung ist sogar in manchen Beziehungen besser
als der von Fräulein Canbys Erzählung. Sie weist die naive Phantasie
eines echten Volksmärchens auf, während Fräulein Canbys Erzählung
ersichtlich für Kinder von einer älteren Person geschrieben ist, die
die Art und Weise eines Feenmärchens annimmt und didaktische Wendungen
nicht immer vermeidet. Helens Märchen ist in demselben Sinne ein
Original, wie die dichterische Bearbeitung einer alten Sage ein solches
ist.
Aller Sprachgebrauch beruht auf Nachahmung, und jemandes Stil ist ein
Ausfluß aller Stilarten, die ihm vorgekommen sind.
Der einzige Weg, ein gutes Englisch schreiben zu lernen, ist der, es zu
lesen und zu hören. Daher kommt es, daß man jedes Kind ein korrektes
Englisch lehren kann, wenn man es kein anderes lesen oder hören läßt.
Bei einem Kinde ist die Scheidung des Besseren von dem Schlechteren
nicht bewußt; es ist der Sklave seiner sprachlichen Erfahrung.
Der gewöhnliche Mensch wird sich nie von der irrigen Auffassung
losmachen können, daß die Worte dem Gedanken gehorchen, daß man zuerst
denkt und das Gedachte dann in Worte kleidet. Es muß allerdings zuerst
die Absicht, der Wunsch vorhanden sein, etwas auszusprechen, aber der
Gedanke nimmt meistenteils erst dann feste Form an, wenn er in Worte
gekleidet ist; auf jeden Fall wird der Gedanke dadurch, daß er in
Worten ausgedrückt wird, ein selbständiges Gebilde. Worte rufen oft
Gedankengänge hervor, und wer das Wort beherrscht, wird Bedeutenderes
sagen, als er sonst vermöchte. Als Helen Keller den »Frostkönig«
schrieb, sagte sie mehr, als sie selbst glaubte.
Wer einen Satz aus Wörtern bildet, spricht nicht seine Weisheit aus,
sondern die Weisheit des Volkes, dessen Leben in den Worten enthalten
ist, selbst wenn sie vorher noch nie in dieser bestimmten Weise
zusammengesetzt worden sind. Wer Geschichten schreiben kann, denkt an
zu schreibende Geschichten. Das Medium der Sprache ruft den Gedanken
hervor, den es begleitet, und je bedeutender das Medium ist, desto
tiefer sind die Gedanken.
Gebildet ist der, dessen Ausdrucksweise gebildet ist. Der Träger des
Denkens ist die Sprache, und im Gebrauch der Sprache muß das taube Kind
so gut wie jedes andere unterrichtet werden. Gebt ihm die Sprache,
und es erhält mit ihr das Material, aus dem die Sprache gebildet ist,
das Denken und die Erfahrungen seines Volkes. Die Sprache muß eine
von einem Volke gebrauchte sein, nicht ein Kunstprodukt. Volapük ist
ein Unsinn. Das taube Kind, das nur die Gebärdensprache kennt, bleibt
bei allen Völkern ein Fremdling; seine Gedanken sind nicht die eines
Engländers, eines Deutschen oder eines Franzosen. Das Vaterunser in der
Zeichensprache ist nicht das Vaterunser im Englischen.
De Quincey sagt in seiner Abhandlung über den Stil, das beste Englisch
finde sich in den Briefen der gebildeten vornehmen Engländerinnen,
weil diese nur einige gute Bücher gelesen haben und nicht durch den
Zeitungsstil, den Jargon der Straße, des Marktes und der öffentlichen
Versammlungen verdorben worden sind.
Genau diese selben äußeren Umstände kommen für Helen Kellers Englisch
in Betracht. In den ersten Jahren ihrer Erziehung bekam sie nur
gute Sachen zum Lesen; einiges darunter war allerdings trivial und
zeichnete sich auch nicht besonders durch seinen Stil aus, aber
nichts war nach Form oder Inhalt geradezu schlecht. Diese glücklichen
Verhältnisse haben ihr ganzes bisheriges Leben lang angedauert. Sie hat
sich an Werken der Phantasie genährt und aus diesen den Stil großer
Schriftsteller in ihr starkes, zähes Gedächtnis aufgenommen. Als sie
zwölf Jahre alt war, wurde sie gefragt, was für ein Buch sie auf eine
lange Eisenbahnfahrt mitnehmen wolle. »Das verlorene Paradies«, war
ihre Antwort, und sie las das Werk im Zuge.
In den Tagen, als Helen den ersten Entwurf ihrer Lebensgeschichte
für den »Youth’s Companion« verfaßte,[34] schrieb ihr ~Dr.~
Holmes: „Ich bin entzückt über den Stil Ihrer Briefe. Es ist nichts
Affektiertes in ihnen enthalten, und da sie Ihnen unmittelbar von
Herzen kommen, so gehen sie auch mir unmittelbar zu Herzen.“
In den Jahren des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau verlor Helens
Stil seine frühere Schlichtheit und wurde steif und, wie sie sich
selbst ausdrückte, gedrechselt. Damals wurde Fräulein Sullivan oft
von der Furcht befallen, daß die Fortschritte ihrer Schülerin mit dem
Ende der Kindheit aufhören würden. Zuweilen schien es Fräulein Keller
an Geschmeidigkeit zu gebrechen; ihr Gedankengang bewegte sich in
herkömmlichen Redewendungen, und sie schien nicht die Kraft zu haben,
diese zu ändern oder in neue Bahnen zu lenken, und erst als sie die
Kunst des Ausdrucks zum Gegenstand eines bewußten Studiums gemacht hat,
hat sie aufgehört, das Opfer der Phrase zu sein. Charles T. Copeland,
der lange Jahre hindurch Professor der englischen Sprache und Literatur
an der Harvard- und der Radcliffe-Universität gewesen ist, erklärte
einst: „In einigen ihrer Arbeiten hat sie gezeigt, daß sie besser
schreiben kann, als irgend ein Schüler oder eine Schülerin, die ich je
gehabt habe. Sie besitzt ein ausgezeichnetes »Ohr« für den Fluß der
Perioden.“ --
In allem, was Fräulein Keller geschrieben hat, zeigt sich, wie bei den
meisten großen englischen Schriftstellern, unverkennbar der Einfluß
des Stils der Bibel. In ihrer Selbstbiographie finden sich viele
Zitate aus der Bibel, entweder als gesonderte Einfügungen in den
Text oder in diesen hineinverwoben, während das Ganze ein durchaus
selbständiges Gepräge trägt. Ihr Wortschatz umfaßt alle Ausdrücke, die
andere gebrauchen, und die Erklärung dieser Erscheinung und zugleich
das Vernunftmäßige, das darin liegt, muß jedermann einleuchten. Es
liegt kein Grund vor, warum sie alle Wörter, die einen Gehörs- oder
Gesichtseindruck bezeichnen, aus ihrem Wörterbuche streichen sollte.
Solange sie die Wörter richtig gebraucht, sollte man ihr das Recht
einräumen, sie nach freiem Ermessen zu verwenden und dürfte von ihr
nicht verlangen, daß sie sich auf einen Wortschatz beschränke, der
ihrem Mangel an Seh- und Hörvermögen entspreche. In Bezug auf die
Form sowohl wie den Inhalt ihres Buches müssen wir der Künstlerin
zugestehen, was wir der Autobiographin versagen. Dazu kommt, daß für
»wahrnehmen« von den Blinden die Ausdrücke »blicken« und »sehen«
und von den Tauben »hören« gebraucht werden; es sind allgemein
verständliche und gebräuchlichere Wörter. Nur ein Wortklauber könnte
daran denken, den Blinden auf den Terminus »wahrnehmen« festnageln
zu wollen, wenn »sehen« und »blicken« um so viel natürlicher sind
und außerdem allgemein sowohl die Bedeutung des geistigen wie des
sinnlichen Erkennens haben. Wenn Fräulein Keller eine Statue befühlt,
so sagt sie in ihrer natürlichen Ausdrucksweise, während ihre Finger
über den Marmor gleiten: Sie sieht aus wie ein Kopf der Flora. --
Andererseits ist es richtig, daß sie in ihren Schilderungen das
künstlerisch Beste dann leistet, wenn sie sich streng an ihre eigenen
sinnlichen Wahrnehmungen hält, und genau dasselbe gilt von allen
Künstlern.
Infolge des Unterrichts in der letzten Zeit hat sie gelernt, ein gut
Teil ihrer herkömmlichen Ausdrucksweise über Bord zu werfen und über
Erfahrungen ihres Lebens zu schreiben, die sie selbst gewonnen hat. Sie
hat mehr und mehr begonnen, den Stil aufzugeben, den sie aus Büchern
entlehnte und den sie zu gebrauchen suchte, weil sie wie andere
Menschen zu schreiben wünschte; sie hat gelernt, daß sie das Beste
gibt, wenn sie »fühlt«, wie die Lilien hin- und herschwanken, sich die
Rosen in die Hand drücken läßt und von der Hitze spricht, die für sie
Licht bedeutet.
Fräulein Kellers Selbstbiographie umfaßt nahezu alles, was sie zu
veröffentlichen beabsichtigte.[35] Es existieren jedoch noch einige
kleinere Aufsätze, die weder so formlos wie ihre Briefe noch so
sorgfältig abgefaßt sind wie ihre Lebensgeschichte. Einer von diesen
enthält Mitteilungen über ihr Traumleben, die bei einer Blinden von
doppeltem Interesse sind; wir lassen ihn daher noch in Uebersetzung
folgen.
* * * * *
„O, die Streiche, die die Nixe von Traumland uns während des Schlafes
spielen! Ich glaube, es sind die Spaßmacher des himmlischen Hofhalts.
Oft nehmen sie die Gestalt von Aufsatzthemen an, um mich zu verspotten,
sie stolzieren auf der Bühne des Schlafes wie die törichten Jungfrauen
einher, nur daß sie anstatt der leeren Lampen saubere Kollegienhefte
in ihren Händen halten. Ein andermal examinieren sie mich kreuz und
quer in allen Fächern, die ich je studiert habe, und stellen Fragen an
mich, die so leicht zu beantworten sind, wie die folgende: Wie hieß
die erste Maus, über die sich Hippopotamos, der Satrap von Cambridge
unter Astyages, dem Großvater Kyros’ des Großen, ärgerte? Ich wache vor
Entsetzen auf, während mir noch die Worte in den Ohren klingen: Eine
Antwort oder das Leben!
Solchergestalt sind die verzerrten Phantasien, die durch die Seele
eines Mädchens ziehen, das die Universität besucht und, wie ich
es tue, in einer Atmosphäre von Ideen und Begriffen lebt, die halb
Gedanken, halb Gefühle sind, die sich gegenseitig drängen und jagen,
bis man beinahe verrückt wird. Ich habe selten Träume, die nicht im
Zusammenhange mit dem stehen, was ich wirklich denke und fühle; aber
eines Nachts schien sich meine ganze Natur verwandelt zu haben, und
ich stand als mächtiger, furchtbarer Mann vor den Augen der Welt da.
Selbstverständlich liebe ich den Frieden und hasse den Krieg nebst
allem, was zum Kriege gehört; in der blutbefleckten Laufbahn Napoleons
erblicke ich nichts Bewundernswertes, abgesehen von seinem Ende.
Nichtsdestoweniger war in jener Nacht der Geist jenes mitleidslosen
Menschenschlächters in mich gefahren! Ich werde es nie vergessen,
wie die Kampfeswut in meinen Adern tobte -- es schien, als wolle das
stürmische Schlagen meines Herzens mir den Atem nehmen. Ich ritt einen
feurigen Renner -- ich kann noch jetzt das ungeduldige Emporwerfen
seines Kopfes und den Schauer fühlen, der beim ersten Kanonendonner
durch seinen Körper rann.
Von dem Gipfel des Hügels aus, auf dem ich stand, sah ich meine Truppen
über eine sonnenbeschienene Ebene anstürmen wie zornige Wellen,
und als sie sich bewegten, erblickte ich das Grün der Felder, das
aussah wie die kühlen Täler zwischen den Wogen. Trompeten erklangen
mitten in den unaufhörlichen Trommelwirbel und den Massenschritt der
heranmarschierenden Bataillone hinein. Ich spornte mein schnaubendes
Roß, schwang mein Schwert in die Höhe und rief: Ich komme! Blickt auf
mich, Krieger -- Europa! Ich stürzte mich in die heranbrausenden Wogen
wie ein starker Schwimmer in die Brandung taucht und stieß -- ach, es
ist die Wahrheit! -- gegen den Bettpfosten.
Jetzt schlafe ich selten, ohne zu träumen; bevor aber Fräulein Sullivan
zu mir kam, waren meine Träume selten und mit Ausnahme derer von rein
physischer Natur, gedankenarm und zusammenhanglos. In meinen Träumen
fiel stets etwas plötzlich und schwer herab, und mitunter schien mich
meine Wärterin für mein unfreundliches Benehmen, das ich im Laufe des
Tages gegen sie gezeigt hatte, zu züchtigen und mir meine Fußtritte und
mein Kneifen mit Wucherzinsen heimzuzahlen. Ich fuhr aus meinem Schlafe
empor unter verzweifelten Anstrengungen, meiner Peinigerin zu entgehen.
Ich aß sehr gern Bananen und eines Nachts träumte mir, ich fände eine
lange Schnur mit diesen Früchten in dem Speisezimmer, in der Nähe des
Buffets, alle geschält und von köstlicher Reife, und alles, was ich zu
tun hatte, war, daß ich mich unter die Schnur stellte und aß, soviel
ich konnte.
Nachdem Fräulein Sullivan zu mir gekommen war, träumte ich umso öfter,
je mehr ich lernte; aber mit dem Erwachen meines Geistes stellten
sich oft schreckhafte Phantasien und unbestimmte Furchtanwandlungen
ein, die meinen Schlaf lange Zeit zu einem sehr unruhigen machten.
Ich fürchtete mich vor der Dunkelheit und liebte das Kaminfeuer.
Sein warmer Hauch kam mir wie die Liebkosung einer Menschenhand vor,
ich glaubte wirklich, es sei ein beseeltes Wesen, imstande, mich zu
lieben und zu beschützen. An einem kalten Winterabend war ich allein
in meinem Zimmer. Fräulein Sullivan hatte das Licht gelöscht und war
fortgegangen, in der Meinung, ich schliefe schon. Mit einem Male fühlte
ich mein Bett erzittern, und es war mir, als spränge ein Wolf auf mich
zu und heulte mich an. Es war nur ein Traum, aber ich hielt ihn für
Wirklichkeit und geriet in das größte Entsetzen. Ich wagte nicht zu
schreien, aber ich wagte auch nicht im Bett zu bleiben. Vielleicht war
der Traum eine verworrene Erinnerung an das Märchen vom Rotkäppchen,
das ich vor kurzem gehört hatte. Jedenfalls schlüpfte ich aus dem
Bett und kauerte mich dicht neben dem Feuer nieder, das noch nicht
ausgebrannt war. Sobald ich seine Wärme fühlte, war ich beruhigt, und
ich saß lange Zeit da und sah es in leuchtenden Wogen höher und immer
höher steigen. Schließlich übermannte mich der Schlaf, und als Fräulein
Sullivan zurückkehrte, fand sie mich in eine Decke gehüllt am Herde
liegen.
Oft, wenn ich träume, ziehen Gedanken durch meinen Sinn wie vermummte
Schatten, schweigend und in weiter Ferne, und verschwinden dann.
Vielleicht sind es die Geister von Gedanken, die einst den Geist eines
Vorfahren von mir bevölkerten. Zu anderen Zeiten fallen die Dinge,
die ich gelernt habe, und die, in denen ich unterrichtet worden bin,
von mir ab, wie die Eidechse ihre Haut abstreift, und ich erblicke
dann meine Seele so, wie Gott sie sieht. Es gibt auch schöne, seltene
Augenblicke, in denen ich im Traumland sehe und höre. Wie, wenn in
meinen wachen Stunden ein Ton durch die schweigenden Hallen des Gehörs
erklänge? Wie, wenn ein Strahl des Lichtes durch die dunklen Gemächer
meiner Seele blitzte? Was würde sich dann ereignen? frage ich mich
immer und immer wieder. Würde die allzustraff gespannte Saite des
Lebens springen? Würde das Herz, überwältigt von freudigem Schreck,
infolge des Uebermaßes von Glück aufhören zu schlagen?
[29] Vergl. S. 62 ff.
[30] Gemeint ist der Beitrag Fräulein Sullivans zu dem von dem
genannten Bureau herausgegebenen »Souvenir Helen Keller« (vergl.
S. 205).
[31] Fräulein Sullivan führt in ihrem Aufsatze folgendes an: Im
Laufe des Winters (1891/92) ging ich mit Helen einmal während
eines leichten Schneegestöbers in den Hof und ließ sie die
herunterfallenden Flocken befühlen. Sie schien sich darüber
sehr zu freuen. Als wir wieder hineingingen, äußerte sie
folgende Worte: ~Out of the cloud-folds of his garments Winter
shakes the snow~. Ich fragte sie, wo sie dies gelesen habe, sie
erwiderte, sie könne sich nicht erinnern, es gelesen zu haben,
und schien sich auch nicht zu entsinnen, daß ihr die Worte von
irgend jemand mitgeteilt worden seien. Da ich selbst diese Worte
nie gehört hatte, fragte ich mehrere meiner Bekannten, ob sie
sich ihrer erinnern könnten; doch schien dies bei niemand von
ihnen der Fall zu sein. Die Lehrer des Instituts versicherten,
daß diese Stelle sich in keinem in Hochdruck hergestellten
Buche der Bibliothek befinde; aber eine Dame, Fräulein Marret,
unterzog sich der Aufgabe, mit gewöhnlichen Typen gedruckte
Gedichtsammlungen durchzusehen, ihre Mühe wurde auch belohnt,
sie fand in einem der kleinen Gedachte Longfellows mit dem
Titel: »~Snow-flakes~« folgende Verse:
~Out of the bosom of the air,
Out of the cloud-folds of her garments shaken,
Over the woodlands brown and bare,
Over the harvest-fields forsaken,
Silent, and soft, and slow,
Descends the snow.~
Es scheint, daß irgendjemand Helen diese Verse des Dichters
einmal mitgeteilt hat und daß sie ihr im Gedächtnis haften
geblieben sind bis sie sich heute früh bei dem Schneetreiben
ihrer wieder erinnerte.
[32] S. 157 ff.
[33] Vergl. S. 337.
[34] Siehe S. 73 ff.
[35] Im Jahre 1905 erschien ein größerer Essay von ihr, »~Optimism~«.