Wissen Sie, daß dies der letzte Brief ist, den ich Ihnen auf lange,
lange Zeit hinaus schreibe? Das nächste Wort, das Sie von mir erhalten,
wird ein Telegramm sein, das Ihnen meldet, wann wir in Boston
eintreffen. Ich bin zu glücklich, um Briefe zu schreiben; aber ich muß
Ihnen von unserem Besuche in Cincinnati erzählen.
Wir haben eine genußreiche Woche bei den »Doktoren« verlebt. ~Dr.~
Keller war uns bis Memphis entgegengefahren. Fast jedermann im Zuge
war ein Arzt, und ~Dr.~ Keller schien sie alle zu kennen. Als wir in
Cincinnati anlangten, fanden wir die Stadt mit Doktoren angefüllt. Es
befanden dich mehrere hervorragende Aerzte aus Boston unter ihnen. Wir
stiegen in Burnet House ab. Jedermann war von Helen entzückt. All die
gelehrten Herren bewunderten ihre Intelligenz und Heiterkeit. Sie hat
etwas an sich, was die Leute fesselt. Ich glaube, es ist ihr freudiges
Interesse, das sie an allem und an jedermann nimmt.
Wo wir auch waren, stets bildete sie den Mittelpunkt der Gesellschaft.
Sie war von dem Orchester im Hotel entzückt, und als das Konzert
begann, tanzte sie im ganzen Saale herum und herzte und küßte jeden,
der ihr in den Wurf kam. Ihre Fröhlichkeit steckte alle an; keinem
erschien sie bemitleidenswert. Ein Herr sagte zu ~Dr.~ Keller: Ich habe
lange gelebt und viele glückliche Gesichter gesehen, aber noch nie ein
so strahlendes wie das dieses Kindes. Ein anderer sagte: Weiß Gott,
ich würde alles, was ich auf der Welt besitze, darum geben, wenn ich
dieses kleine Mädchen beständig um mich haben könnte. ~Dr.~ Garcelon
holte uns eines Nachmittags zu einem Ausfluge ab und wollte Helen eine
Puppe kaufen; aber sie sagte: ~I do not like too many children. Nancy
is sick, and Adline is cross, and Ida is very bad.~ Wir lachten, daß
uns die Tränen in die Augen traten, so ernst sah sie dabei aus. Was
möchtest du denn sonst haben? fragte der Doktor. ~Some beautiful gloves
to talk with~, antwortete sie. Der Doktor war ganz erstaunt, da er noch
nie etwas von »sprechenden Handschuhen« gehört hatte; ich erklärte ihm
aber, Helen habe Handschuhe mit darauf gedrucktem Alphabet gesehen und
glaube offenbar, sie könnten gekauft werden. Ich sagte ihm, er könne
ein Paar Handschuhe kaufen, wenn er wolle, und ich würde dann das
Alphabet darauf pressen lassen.
Wir frühstückten mit Herrn Thayer (Ihrem früheren Seelsorger) und
seiner Gattin. Er fragte mich, in welcher Weise ich Helen die Adjektiva
und die Bezeichnungen für abstrakte Begriffe, wie Güte und Glück,
beigebracht hätte. Diese selben Fragen sind mir wohl hundertmal von
den gelehrten Doktoren vorgelegt worden. Es kommt mir sonderbar vor,
daß man sich über etwas wundert, was doch in der Tat so einfach ist.
Gewiß ist es ebenso leicht, dem Kinde die Bezeichnung für einen Begriff
beizubringen, der ihm klar vor der Seele steht, wie die Bezeichnung für
einen Gegenstand. Allerdings würde es eine Herkulesarbeit sein, Wörter
zu lehren, wenn die betreffenden Vorstellungen nicht schon in der Seele
des Kindes vorhanden wären. Wenn seine Erfahrungen und Beobachtungen
ihm nicht zu den Begriffen »groß«, »klein«, »gut«, »schlecht«, »süß«,
»sauer«, verholfen hätten, so würde es nichts mit diesen Wortgebilden
verbinden können.
Ich dummes Ding fand mich in die Lage versetzt, den aus Ost und West
versammelten Weisen so einfache Dinge wie die folgenden klarmachen zu
müssen: Wenn Sie einem Kinde etwas Süßes geben, und es seine Zunge
bewegt, sich die Lippen leckt und ein vergnügtes Gesicht macht, so hat
es eine ganz bestimmte Empfindung, und wenn es jedesmal, so oft es
diese Empfindung hat, das Wort »süß« hört oder in die Hand buchstabiert
bekommt, so wird es rasch diese willkürliche Bezeichnung für diese
Empfindung annehmen. Legen Sie ihm dagegen ein Stück Citrone auf die
Zunge, so wirft es die Lippen auf und versucht es auszuspucken, und
wenn es diese Erfahrung ein paarmal gemacht hat, so schließt es seinen
Mund und verzieht sein Gesicht, wenn man ihm eine Citrone zeigt, und
gibt dadurch deutlich zu verstehen, daß es sich der unangenehmen
Empfindung erinnert. Sie nennen diese »sauer«, und das Kind nimmt diese
Bezeichnung an. Hätten Sie diese Empfindungen »schwarz« und »weiß«
genannt, so würde das Kind diese Bezeichnungen ebensoleicht akzeptiert
haben; aber es würde unter »schwarz« und »weiß« genau dasselbe
verstehen, was es jetzt unter »süß« und »sauer« versteht. Auf diese
Weise lernt das Kind aus einer Reihe von Erfahrungen den Unterschied
seiner Empfindungen kennen, und wir benennen sie »gut«, »schlecht«,
»freundlich«, »rauh«, »froh«, »traurig«. Nicht das Wort, sondern das
Vermögen, sich der Empfindung bewußt zu werden, ist es, worauf es bei
der Erziehung ankommt.
* * * * *
Folgender Auszug aus einem von Fräulein Sullivans Briefen enthält
interessante pädagogische Betrachtungen:
Wir besuchten eine kleine Taubstummenschule. Wir wurden sehr freundlich
aufgenommen, und Helen freute sich, mit Kindern zusammenzusein.
Zwei von den Lehrern kannten das Fingeralphabet und sprachen ohne
Dolmetscher mit ihr. Sie waren erstaunt, in welchem Grade sie die
Sprache beherrschte. Kein einziges Kind in der Schule, versicherten
sie, besäße eine ähnliche Gewandtheit des Ausdrucks, und einige von
ihnen würden schon zwei bis drei Jahre unterrichtet. Ich wollte dies
zuerst nicht glauben; nachdem ich aber die Kinder ein paar Stunden bei
ihren Arbeiten beobachtet hatte, erkannte ich, daß man mir die Wahrheit
gesagt hatte, und ich wunderte mich nicht mehr darüber. In einem Zimmer
standen einige kleine Knirpse und bildeten im Schweiße ihres Angesichts
»einfache Sätze«. Ein kleines Mädchen hatte geschrieben: Ich habe ein
neues Kleid. Es ist ein hübsches Kleid. Meine Mama hat mein hübsches,
neues Kleid gemacht. Ich liebe Mama. -- Ein kleiner Knabe mit einem
Lockenkopf schrieb soeben: Ich habe einen großen Ball. Ich liebe es,
meinen großen Ball mit dem Fuße zu stoßen. -- Als wir in das Zimmer
traten, richtete sich die Aufmerksamkeit der Kinder auf Helen. Eins von
ihnen faßte mich am Aermel und sagte: Mädchen ist blind. Die Lehrerin
schrieb an die Wandtafel: Der Name des Mädchens ist Helen. Sie ist
taubstumm. Sie kann nicht sehen. Wir bedauern sie sehr. Ich fragte:
Warum schreiben Sie diese Sätze an die Tafel? Würden die Kinder es
nicht verstehen, wenn Sie zu ihnen über Helen sprächen? Die Lehrerin
sagte etwas über die Erlernung der richtigen Satzkonstruktion und fuhr
in ihrer schriftlichen Stilübung über Helen fort. Ich fragte sie, ob
das kleine Mädchen, das über das neue Kleid geschrieben hatte, sich
wirklich so besonders über ihr Kleid gefreut habe. -- Nein, antwortete
sie, ich glaube nicht, aber Kinder lernen besser, wenn sie über etwas
schreiben, was sie persönlich berührt. -- Es erschien mir alles so
mechanisch und schwer, das Herz tat mir beim Anblick dieser armen
Kinder weh. Niemand denkt daran, gleich zu Anfang ein hörendes Kind
sagen zu lassen: Ich habe ein hübsches neues Kleid. Diese Kinder waren
zwar älter an Jahren, als das Baby, das da lallt: Papa küß Baby --
hübsch -- und den Sinn seiner Rede ergänzt, indem es auf sein neues
Kleid deutet; aber ihre Gewandtheit im Verstehen und im Gebrauch der
Sprache war nicht größer.
Diesen selben Uebelstand bemerkte ich in dem ganzen Betriebe der
Schule. In jedem Klassenzimmer sah ich Sätze an der Wandtafel, die
augenscheinlich zur Erläuterung einer grammatischen Regel oder zum
Zwecke der Einübung von Wörtern hingeschrieben worden waren, die vorher
in derselben oder in einer anderen Verbindung vorgekommen waren. Derlei
mag für bestimmte Unterrichtsstufen angebracht sein; aber es ist
nicht der richtige Weg zur Erlernung der Sprache. Nichts, glaube ich,
unterdrückt den Trieb des Kindes, natürlich zu sprechen, mehr als diese
Uebungen an der Wandtafel. Das Schulzimmer ist nicht der geeignete
Raum, einem Kinde das Sprechen beizubringen, am allerwenigsten aber
einem taubstummen Kinde. Dieses darf sich ebensowenig wie ein hörendes
Kind der Tatsache bewußt werden, daß es Wörter lernt, und es sollte
ihm gestattet sein, sich mit Hilfe seiner Finger oder des Bleistiftes
verständlich zu machen, meinetwegen in einzelnen Silben, bis die Zeit
kommt, in der seine wachsende Intelligenz nach dem Satze verlangt.
Der Gedanke an die Sprache sollte in dem Geiste des Kindes nicht mit
der Erinnerung an endlose Schulstunden, an schwierig zu beantwortende
grammatische Fragen, oder an irgend etwas verknüpft sein, was der
Lebensfreude feindlich in den Weg tritt.
* * * * *
Fräulein Sullivans zweiter Beitrag für den Jahresbericht des
Perkinsschen Instituts reicht bis zum 1. Oktober 1888.
* * * * *
In dem vergangenen Jahre hat sich Helen einer ausgezeichneten
Gesundheit erfreut. Ihre Augen und Ohren sind von Spezialisten
untersucht worden, und diese sind der Meinung, daß sie nicht die
geringste Licht- oder Schallempfindung haben kann.
Es läßt sich unmöglich genau angeben, in welchem Umfange ihr der
Geruchs- und der Geschmackssinn beim Erkennen der natürlichen
Eigenschaften der Dinge behilflich sind; aber nach einer hervorragenden
Autorität üben diese Sinne einen großen Einfluß auf die geistige und
sittliche Entwicklung des Menschen aus. Helen schöpft aus diesen
Sinnestätigkeiten zweifellos einen hohen Genuß. Beim Eintritt in ein
Gewächshaus nimmt ihr Gesicht einen strahlenden Ausdruck an, und sie
benennt die Blumen, die ihr bekannt sind, nur nach dem Geruche. Ihre
Erinnerungen an Geruchsempfindungen sind sehr lebhaft. Sie freut sich
schon im voraus auf den Duft einer Rose oder eines Veilchens, und
wenn ihr ein Strauß dieser Blumen versprochen wird, so überfliegt ein
besonders glücklicher Ausdruck ihre Züge und beweist, daß sie in der
Phantasie deren Geruch empfindet und daß er ihr angenehm ist. Es kommt
häufig vor, daß der Duft einer Blume oder der Geruch einer Frucht ihr
irgend ein frohes Ereignis aus dem Familienleben oder ein heiteres
Geburtstagsfest vergegenwärtigt.
Ihr Gefühlssinn hat in diesem Jahre an Schärfe und Feinheit merklich
zugenommen. In der Tat ist ihr ganzer Körper so fein organisiert, daß
er ihr als Mittel zu dienen scheint, sich mit ihren Mitmenschen in
nähere Beziehungen zu setzen. Sie ist nicht nur imstande, die von den
verschiedenen Tönen und Bewegungen hervorgebrachten Schwingungen der
Luft und Erschütterungen des Bodens zu unterscheiden und ihre Freunde
und Bekannten sofort zu erkennen, wenn sie deren Hände oder Kleider
berührt, sondern sie erkennt auch die Gemütsstimmung der Personen ihrer
Umgebung. Es ist unmöglich für jemand, mit dem sich Helen unterhält,
besonders heiter oder traurig zu sein und ihr diesen Umstand verhehlen
zu wollen.
Sie bemerkt den leichtesten Nachdruck, der in der Unterhaltung auf ein
Wort gelegt wird und weiß jede Veränderung sowie das wechselvolle Spiel
der Handmuskeln zu deuten. Sie beantwortet rasch den leisen Druck der
Zuneigung, den kräftigen der Zustimmung, das Zucken der Ungeduld, die
feste Bewegung beim Befehl und die vielen anderen Verschiedenheiten
der fast unendlich reichen Sprache der Gefühle, -- und sie hat sich
eine solche Uebung in dem Verständnis dieser unbewußten Sprache der
Gemütserregungen erworben, daß sie oft imstande ist, unsere innersten
Gedanken zu erraten.
Als sie eines Tages mit ihrer Mutter und Herrn Anagnos spazieren
ging, warf ein Knabe eine Knallerbse vor ihnen auf den Boden, worüber
Frau Keller erschrak. Helen bemerkte sofort die Veränderung in den
Bewegungen ihrer Mutter und fragte: ~What are we afraid of?~ Als ich
einst mit ihr im Parke spazieren ging, sah ich, wie ein Polizeibeamter
einen Mann zur Wache brachte. Die Erregung, die ich empfand, brachte
eine deutlich bemerkbare körperliche Veränderung bei mir hervor; denn
Helen fragte aufgeregt: ~What do you see?~
Einen schlagenden Beweis für das Vorhandensein dieses auffallenden
Vermögens lieferte eine ärztliche Untersuchung von Helens Ohren in
Cincinnati: Es wurden verschiedene Versuche gemacht, um positiv
festzustellen, ob sie eine Schallempfindung habe oder nicht. Alle
Anwesenden waren erstaunt, als sie nicht allein einen Pfiff, sondern
auch den gewöhnlichen Klang der menschlichen Stimme zu vernehmen
schien. Sie wandte den Kopf um, lächelte und verhielt sich so, als ob
sie gehört hätte, was gesprochen worden war. Ich stand neben ihr und
hielt ihre Hand in der meinigen. Da ich glaubte, sie habe Eindrücke
durch mich erhalten, legte ich ihre Hände auf den Tisch und zog mich
nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers zurück. Die Ohrenärzte
nahmen nun ihre Versuche von neuem auf, aber mit ganz abweichenden
Ergebnissen. Helen blieb während der ganzen Dauer der Experimente
völlig teilnahmlos und verriet nicht im mindesten, daß sie etwas von
dem Gesprochenen verstand. Auf meinen Vorschlag faßte einer der Herren
sie bei der Hand, und die Anzeichen des Verständnisses wiederholten
sich. Diesmal veränderten sich ihre Züge, so oft sie angeredet wurde,
aber es trat kein so entschiedenes Aufleuchten ihres Antlitzes ein wie
vorher, als ich ihre Hände festhielt.
Einige Zeit nach dem obenerwähnten Besuch auf dem Kirchhofe (s. S.
253) interessierte sich Helen für ein Pferd, das sich infolge eines
Unfalls ein Bein schwer verletzt hatte, und ging täglich mit mir hin,
um es zu besuchen. Das verwundete Bein wurde bald so schlimm, daß
das Pferd an einem Balken aufgehängt werden mußte. Das Tier stöhnte
vor Schmerz, und Helen, die sein Stöhnen vernahm, wurde von Mitleid
erfüllt. Zuletzt wurde es nötig, das Pferd zu töten, und als sie es das
nächstemal besuchen wollte, sagte ich ihr, es sei +tot+. Dies war
das erstemal, daß sie das Wort hörte. Ich setzte ihr dann auseinander,
daß es erschossen worden sei, um von seinen Schmerzen erlöst zu werden,
und daß man es +begraben+ -- in die Erde gelegt habe. Ich bin
geneigt, zu glauben, daß die Vorstellung, es sei absichtlich erschossen
worden, keinen tiefen Eindruck auf sie machte; aber ich glaube, sie
begriff die Tatsache, daß das Leben in dem Pferde erstorben war,
wie bei den toten Vögeln oder anderen kleinen Tieren, von denen sie
schon vor meiner Ankunft in Tuscumbia eines oder das andere in der
Hand gehabt hatte, und ebenso daß das Pferd begraben worden war. Seit
diesem Vorfall habe ich das Wort +tot+ stets gebraucht, wann sich
die Gelegenheit dazu bot, ohne mich aber auf weitere Erläuterungen
einzulassen.
Während wir nun in Brewster in Massachusetts einen Besuch machten,
begleitete Helen eines Tages meine Freundin und mich auf den Kirchhof.
Sie untersuchte einen Stein nach dem anderen und schien sich zu freuen,
wenn sie einen Namen entziffern konnte. Sie roch an den Blumen,
zeigte aber kein Verlangen, sie zu pflücken, und als ich ihr einige
pflückte, wollte sie sich dieselben nicht anstecken lassen. Als ihre
Aufmerksamkeit von einer Marmorplatte, auf der der Name Florence in
erhabenen Buchstaben ausgemeißelt war, gefesselt wurde, kauerte sie
sich auf den Boden nieder, als suche sie etwas, wandte sich dann mit
ganz verstörtem Gesicht zu mir und fragte: ~Where is poor little
Florence?~ Dann setzte sie hinzu: ~I think she is very dead. Who
put her in big hole?~ Als sie mit diesen traurig stimmenden Fragen
fortfuhr, verließen wir den Kirchhof. Florence war die Tochter meiner
Freundin, die als erwachsenes junges Mädchen gestorben war; ich hatte
aber Helen nichts von ihr erzählt; ja, sie wußte nicht einmal, daß
meine Freundin eine Tochter gehabt hatte. Helen hatte ein Bett und
einen Wagen für ihre Puppen geschenkt bekommen, die sie benutzte wie
alle anderen Geschenke. Als wir vom Kirchhofe nach Hause kamen, lief
sie in das Zimmer, wo diese aufbewahrt wurden, und brachte sie meiner
Freundin mit den Worten: ~They are poor little Florence’s.~ Dies traf
zu, obgleich wir es nicht begriffen, wie sie dies hatte erraten können.
Ein Brief, den sie im Laufe der nächsten Woche an ihre Mutter schrieb,
schildert ihre Eindrücke mit ihren eigenen Worten:
Ich lege meine kleinen Kinder in Florences kleines Bett, und fahre sie
in ihrem Wagen umher. Die arme kleine Florence ist tot. Sie war sehr
krank und starb. Frau H. weinte laut um ihr liebes kleines Kind. Sie
ging in die Erde, und sie ist schmutzig, und sie friert (~She got in
the ground and she is very dirty, and she is cold~). Florence war sehr
hübsch wie Sadie, und Frau H. küßte und herzte sie oft. Florence ist
sehr traurig in dem großen Loche (~Florence is very sad in big hole~).
Doktor gab ihr Medizin, um sie gesund zu machen, aber die arme Florence
wurde nicht gesund. Als sie sehr krank war, hustete und stöhnte sie im
Bett. Frau H. will sie bald besuchen.
Trotz der großen Regsamkeit ihres Geistes ist Helen ein ganz
natürliches Kind. Sie liebt Scherz und Spiel und überhäuft andere
Kinder mit Zärtlichkeiten. Sie ist niemals heftig oder reizbar, und
ich habe sie nie ungeduldig gesehen, wenn ihre Spielgefährten sie
nicht verstanden. Sie kann stundenlang mit Kindern spielen, die
nicht ein einziges Wort von dem verstehen, was sie ihnen in die Hand
buchstabiert, und es ist rührend, ihre lebhaften Bewegungen und ihre
leidenschaftlichen Gesten zu beobachten, mittels deren sie ihre
Gedanken und Empfindungen auszudrücken sucht. Gelegentlich versucht ein
kleiner Knabe oder ein kleines Mädchen das Fingeralphabet zu erlernen.
Dann gewährt es einen hübschen Anblick, zu sehen, mit welcher Geduld,
Sanftmut und Ausdauer Helen sich bemüht, die ungelenken Finger ihrer
kleinen Freunde in die richtige Lage zu bringen.
Eines Tages, als Helen ein kleines Jackett trug, auf das sie sehr stolz
war, sagte ihre Mutter zu ihr: Es ist hier ein armes kleines Mädchen,
das keinen Mantel hat, um sich zu wärmen. Willst du ihr nicht den
deinen geben? Helen begann sofort ihr Jackett auszuziehen und sagte:
Ich muß es einem armen kleinen fremden Mädchen geben.
Für Kinder, die jünger sind als sie selbst, hegt sie eine große
Zuneigung, und ein Wiegenkind ruft stets alle mütterlichen Instinkte
ihrer Natur wach. Sie behandelt ein solches Kind so zärtlich, wie es
die sorgsamste Wärterin nicht besser tun könnte, und gibt allen seinen
Launen nach.
Obgleich sie im allgemeinen sehr geselligen Charakters ist, kann sie
sich doch, wenn sie allein ist, stundenlang mit Stricken oder Nähen die
Zeit vertreiben.
Sie liest viel. Sie beugt sich mit gespanntem Blick über ihr Buch, und
während der Zeigefinger ihrer linken Hand über die Zeilen hingleitet,
buchstabiert sie die Wörter mit der anderen Hand; oft sind aber ihre
Bewegungen so rasch, daß sie selbst für diejenigen unverständlich sind,
die daran gewöhnt sind, den schnellen Bewegungen ihrer Finger zu folgen.
Jede auch noch so leise Gefühlsregung findet in ihrem lebhaften
Mienenspiel ihren Ausdruck. Ihr Verhalten ist natürlich und
ungezwungen, und wegen ihrer Offenheit und augenscheinlichen
Aufrichtigkeit bezaubernd. Ihr Gemüt ist zu selbstlos und liebevoll,
als daß sie sich etwas von Unfreundlichkeit träumen ließe. Sie kann
sich nicht vorstellen, daß jemand anders als liebreich und gut sein
könnte. Sie ist sich keines Grundes bewußt, weswegen sie sich vor
irgend etwas fürchten sollte; infolgedessen sind ihre Bewegungen frei
und anmutig.
Zu allen lebenden Wesen im Hause hegt sie eine große Zuneigung und
will nicht, daß sie unfreundlich behandelt werden. Wenn sie im Wagen
ausfährt, so will sie dem Kutscher nicht erlauben, die Peitsche zu
gebrauchen, denn, sagt sie, „~poor horses will cry~“. Eines Morgens
war sie sehr betrübt, als sie fand, daß einem der Hunde ein großes
Stück Holz am Halsbande angebunden war. Wir erklärten ihr, dies sei
geschehen, damit Pearl nicht fortlaufe. Helen drückte tiefes Mitgefühl
dabei aus und suchte im Laufe des Tages bei jeder Gelegenheit Pearl
auf, um ihm die Last tragen zu helfen.
Ihr Vater schrieb ihr im vergangenen Sommer, daß die Vögel und Bienen
ihm alle seine Weintrauben auffräßen. Zuerst war sie ganz empört
darüber und meinte, die kleinen Tiere seien „~very wrong~“; sie
schien sich aber zu beruhigen, als ich ihr erklärte, die Vögel und
Bienen seien hungrig und wüßten nicht, daß es egoistisch sei, alle
Früchte aufzuzehren. In einem kurze Zeit darauf geschriebenen Briefe
wiederholte sie das von mir Gesagte fast wörtlich.
Sie macht immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache, je
umfassender ihre Kenntnisse werden. Als diese noch gering waren, blieb
ihr Wortschatz naturgemäß beschränkt; je mehr sie aber von der sie
umgebenden Welt kennen lernt, desto zutreffender wird ihr Urteil, desto
eindringender, lebhafter und schärfer ihr Verstand und desto fließender
und logischer die Sprache, in der sie ihre regen Gedanken ausdrückt.
Wenn wir reisen, so sitze ich neben ihr im Wagen und beschreibe
ihr, was ich vom Fenster aus sehe -- Hügel, Täler und Flüsse,
Baumwollplantagen und Gärten, in denen Erdbeeren, Pfirsiche, Birnen,
Melonen und Gemüse wachsen, Herden von Kühen und Pferden, die auf den
weiten Wiesen weiden, Schafe an den Berglehnen, die Städte mit ihren
Kirchen und Schulen, ihren Gasthöfen und Läden und die Beschäftigungen
der Einwohner.
Als sie das Fingeralphabet zu erlernen begann, hatte sie natürlich
zuerst große Neigung, von einem Satze nur die wichtigsten Wörter
zu gebrauchen. Sie sagte z. B.: ~Helen milk.~ Ich nahm die Milch,
um ihr zu zeigen, daß sie das richtige Wort gebraucht hatte, gab
ihr aber nicht eher zu trinken, als bis sie mit meiner Hilfe einen
vollständigen Satz gebildet hatte, wie z. B.: ~Give Helen some milk to
drink.~ Bei diesem ersten Unterricht ermunterte ich sie zu dem Gebrauch
verschiedener Ausdrucksformen für denselben Gedanken. Aß sie ein
Stückchen Zucker, so sagte ich: ~Will Helen please give teacher some
candy?~ oder ~teacher would like to eat some of Helen’s candy~, wobei
ich das ~’s~ besonders hervorhob. Sie begriff sehr bald, daß derselbe
Gedanke auf sehr verschiedene Weise ausgedrückt werden könne. Zwei bis
drei Monate nach meiner Ankunft in Tuscumbia sagte sie: ~Helen wants to
go to bed~ oder ~Helen is sleepy, and Helen will go to bed~.
Ich werde fortwährend gefragt: Wie machten Sie Ihrer Schülerin
die Bedeutung von Wörtern klar, die intellektuelle und moralische
Eigenschaften bezeichnen? Ich glaube, es geschah mehr auf dem Wege der
Assoziation und Wiederholung als durch eine Erläuterung meinerseits.
Namentlich gilt dies von den ersten Lektionen, als ihre Kenntnis der
Sprache noch so gering war, daß eine Erläuterung unmöglich war.
Ich habe es stets so gehalten, daß ich Wörter, die Gemütsbewegungen,
intellektuelle oder moralische Eigenschaften und Handlungen
bezeichneten, in Verbindung mit dem Umstande gebrauchte, der diese
Bezeichnung verdiente. Bald nach meiner Ankunft zerbrach Helen ihre
neue Puppe, die sie sehr liebte. Sie begann zu weinen. Ich sagte ihr:
~teacher is +sorry+~. Nach einigen Wiederholungen gelangte sie dahin,
daß sie das Wort mit dem Gefühl assoziierte.
Auf dieselbe Weise lernte die das Wort ~happy~, ebenso ~right~,
~wrong~, ~good~, ~bad~ und andere Adjektiva. Das Wort ~love~ lernte sie
wie andere Kinder -- durch die Verbindung mit Liebkosungen.
Eines Tages legte ich Helen eine einfache Frage vor, auf die sie
zerstreut antwortete. Ich schalt sie, und sie stand still, während
der Ausdruck ihres Gesichtes deutlich verriet, daß sie nachzudenken
versuchte. Ich berührte ihre Stirn und buchstabierte ~t--h--i--n--k~.
Das Wort, in dieser Weise mit der Handlung verbunden, schien sich
ihrem Geiste genau so einzuprägen, wie wenn ich ihre Hand auf einen
Gegenstand gelegt und dann seinen Namen buchstabiert hätte. Seit dieser
Zeit gebrauchte sie stets das Wort ~think~.
Später begann ich Wörter zu gebrauchen wie ~perhaps~, ~suppose~,
~expect~, ~forget~, ~remember~. Wenn Helen fragte: ~Where is mother
now?~ antwortete ich: ~I do not know.~ ~+Perhaps+ she is with Leila.~
Sie will stets die Namen der Leute wissen, die wir in der Pferdebahn
oder sonstwo treffen, und erfahren, wohin sie gehen und was sie zu tun
beabsichtigen. Unterhaltungen wie die folgende sind nichts Seltenes:
+Helen+. Wie heißt der kleine Knabe?
+Lehrerin+. Ich weiß es nicht, denn er ist ein kleiner Knabe, den ich
nicht kenne; aber +vielleicht+ heißt er Jack (~... but +perhaps+ his
name is Jack~).
+Helen+. Wo geht er hin?
+Lehrerin+. +Möglicherweise+ geht er nach dem Parke, um sich mit
anderen Knaben umherzutummeln (~He +may be+ going to the Common to have
fun with other boys~).
+Helen+. Was wird er spielen?
+Lehrerin+. Ich vermute, er wird Ball spielen (~I +suppose+, he will
play ball~).
+Helen+. Was tun die Knaben jetzt?
+Lehrerin+. +Vielleicht+ warten sie auf Jack. (~+Perhaps+ they are
expecting Jack.~)
Nachdem ihr die Worte vertraut geworden sind, wendet sie sie in
schriftlichen Ausarbeitungen an, wie das folgende Beispiel zeigt.
* * * * *