1. Januar 1888.

Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen

auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß

die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht

mich stark und glücklich.

Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist

zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so

vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt

und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen

haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf

ihre Leistung.

Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten

einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über

den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen,

die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags

war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen

habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu

vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge

neuer Ausdrücke bereichert.

Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen,

lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch,

sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen

Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige

Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach

und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist

es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation«

zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend

und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und

dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts

mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen,

es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«,

»einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern

abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen

persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was

sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um

zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß

sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu

fehlen, so ergänze ich das Nötige, und so gelangen wir vollständig

zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele

Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit

aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.

Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest

freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf -- sogar zwei,

denn einen hätte Santa Claus übersehen können -- und lag lange Zeit

wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet

habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie

eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: ~He will

think, girl is asleep.~ Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie

zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und

als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie

ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam

zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und

geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen

und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt

hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des

Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für

sie gegeben, erwiderte sie: ~I do love Mrs. Hopkins.~ Sie hatte eine

Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: ~Now Nancy

will go to party.~ Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte,

sagte sie: ~I will write many letters, and I will thank Santa Claus

very much.~ Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann

Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser

glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines

Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als

wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller zu mir mit Tränen

in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens

dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so

recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann

Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein

Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit

und heiliger Freude.

Eines Tages stieß Helen auf das Wort ~grandfather~ in einer kleinen

Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: ~Where is grandfather?~ womit

sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete: ~He is dead.~

Helen fragte: ~Did father shoot him?~ und fügte hinzu: ~I will eat

grandfather for dinner.~ Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode

in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner,

Hirsche und anderes Wildbret schießt.

Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von ~carpenter~, und

diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde.

Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute

anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: ~Did carpenter make

me?~ und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: ~No, no,

photographer made me in Sheffield.~

In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir

fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte

die Hitze und fragte: ~Did the sun fall?~

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Die Geschichte meines Lebens · 第 61 / 70 题