Es ist etwas Großes, das Bewußtsein zu haben, daß man einigen Nutzen
auf der Welt stiftet, daß man jemand notwendig ist. Der Umstand, daß
die Sorge für Helen fast in jeder Hinsicht auf mir allein ruht, macht
mich stark und glücklich.
Die Weihnachtswoche war auch hier eine sehr geschäftige. Helen ist
zu allen Kindergesellschaften eingeladen, und ich begleite sie zu so
vielen, wie ich irgend kann. Ich wünsche, daß sie Kinder kennen lernt
und möglichst viel mit ihnen verkehrt. Verschiedene kleine Mädchen
haben das Buchstabieren mit den Fingern erlernt und sind sehr stolz auf
ihre Leistung.
Sonnabend begann es nach dem Mittagessen zu schneien; wir machten
einen fröhlichen Spaziergang durch den Garten und sprachen viel über
den Schnee. Sonntag morgen war die ganze Gegend verschneit, und Helen,
die Kinder der Köchin und ich warfen uns mit Schneebällen. Nachmittags
war alles geschmolzen. Es war der erste Schnee, den ich hier gesehen
habe, und er erregte mir etwas Heimweh. Die Weihnachtszeit hat Stoff zu
vielen Lektionen geliefert und Helens Wortschatz um eine große Menge
neuer Ausdrücke bereichert.
Wochenlang taten wir nichts, als daß wir über Weihnachten sprachen,
lasen und Geschichten erzählten. Natürlich mache ich keinen Versuch,
sämtliche neuen Wörter zu erklären; auch versteht Helen die kleinen
Geschichten, die ich ihr erzähle, nicht ganz; aber die beständige
Wiederholung prägt die Wörter und Sätze dem Gedächtnis ein, und nach
und nach wird ihr der Sinn schon klar werden. Meines Erachtens ist
es widersinnig, zum Zwecke des Erlernens der Sprache »Konversation«
zu treiben. Dies wirkt auf Schüler und Lehrer gleich verdummend
und geisttötend. Das Sprechen soll natürlich vor sich gehen und
dem Gedankenaustausch dienen. Hat das Kind aus sich selbst nichts
mitzuteilen, so erscheint es nicht der Mühe wert, von ihm zu verlangen,
es solle abgerissene trockene Sätze über »die Katze«, »den Vogel«,
»einen Hund« an die Wandtafel schreiben oder mit seinen Fingern
abbuchstabieren. Es ist von Anfang an mein Bestreben gewesen, mit Helen
persönlich zu sprechen und sie anzuhalten, mir nur das zu erzählen, was
sie wirklich interessiert, und Fragen nur zu dem Zwecke zu stellen, um
zu erfahren, was sie wirklich zu wissen wünscht. Wenn ich bemerke, daß
sie mir gern etwas erzählen möchte, daß ihr aber die nötigen Worte dazu
fehlen, so ergänze ich das Nötige, und so gelangen wir vollständig
zu unserem Ziele. Helens Eifer und Interesse helfen ihr über viele
Hindernisse hinweg, die unübersteiglich sein würden, wenn wir uns damit
aufhielten, alles zu erklären und zu definieren.
Es war rührend, zu sehen, wie sich Helen über ihr erstes Weihnachtsfest
freute. Selbstverständlich hängte sie ihren Strumpf auf -- sogar zwei,
denn einen hätte Santa Claus übersehen können -- und lag lange Zeit
wach, stand auch mehrere Male auf, um zu sehen, ob sich nichts ereignet
habe. Als ich ihr erklärte, Santa Claus käme nicht eher, als bis sie
eingeschlafen sei, schloß sie ihre Augen und erwiderte: ~He will
think, girl is asleep.~ Am Morgen wachte sie von der ganzen Familie
zuerst auf und lief zum Kamine, um nach ihren Strümpfen zu sehen, und
als sie fand, daß Santa Claus beide Strümpfe gefüllt habe, tanzte sie
ein Weilchen vor Freude herum; dann aber wurde sie ganz still und kam
zu mir, um mich zu fragen, ob Santa Claus sich auch nicht geirrt und
geglaubt habe, es seien zwei kleine Mädchen da, und ob er wiederkommen
und die Geschenke wieder abholen würde, wenn er seinen Irrtum erkannt
hätte. Der Ring, den Sie ihr geschickt haben, steckte in der Spitze des
Strumpfes, und als ich ihr erzählte, Sie hätten ihn Santa Claus für
sie gegeben, erwiderte sie: ~I do love Mrs. Hopkins.~ Sie hatte eine
Truhe und Kleider für Nancy bekommen und erklärte sofort: ~Now Nancy
will go to party.~ Als sie den Braillegriffel und das Papier entdeckte,
sagte sie: ~I will write many letters, and I will thank Santa Claus
very much.~ Offenbar war jedermann, namentlich Herr und Frau Hauptmann
Keller, tief bewegt bei dem Gedanken an den Unterschied zwischen dieser
glücklichen Weihnachtsfeier und der im vorigen Jahre, da ihr kleines
Mädchen noch keinen bewußten Anteil an dem Feste genommen hatte. Als
wir die Treppe herunterkamen, sagte Frau Keller zu mir mit Tränen
in den Augen: Fräulein Annie, ich danke Gott jeden Tag meines Lebens
dafür, daß er Sie uns gesandt hat; aber erst heute früh habe ich so
recht erkannt, was für ein Segen Sie für uns geworden sind. Hauptmann
Keller ergriff meine Hand, vermochte aber nicht zu sprechen. Aber sein
Schweigen war beredter als Worte. Auch mein Herz war voller Dankbarkeit
und heiliger Freude.
Eines Tages stieß Helen auf das Wort ~grandfather~ in einer kleinen
Geschichte, und sie fragte ihre Mutter: ~Where is grandfather?~ womit
sie ihren Großvater meinte. Frau Keller antwortete: ~He is dead.~
Helen fragte: ~Did father shoot him?~ und fügte hinzu: ~I will eat
grandfather for dinner.~ Bis jetzt steht ihre einzige Kenntnis vom Tode
in Verbindung mit eßbaren Dingen. Sie weiß, daß ihr Vater Rebhühner,
Hirsche und anderes Wildbret schießt.
Heute morgen fragte sie mich nach der Bedeutung von ~carpenter~, und
diese Frage lieferte uns den Stoff für unsere Unterrichtsstunde.
Nachdem wir über die verschiedenen Gegenstände, die die Zimmerleute
anfertigen, gesprochen hatten, fragte sie mich: ~Did carpenter make
me?~ und buchstabierte rasch, ehe ich antworten konnte: ~No, no,
photographer made me in Sheffield.~
In Sheffield war einer der großen Hochöfen angeblasen worden, und wir
fuhren eines Abends hinüber, um uns einen Guß anzusehen. Helen fühlte
die Hitze und fragte: ~Did the sun fall?~
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