4. September 1887.

Helen bekam heute morgen einen Brief von ihrem Onkel, dem ~Dr.~ Keller.

Er lud sie ein, ihn einmal in Hot Springs zu besuchen. Der Name Hot

Springs interessierte sie, und sie stellte mehrere Fragen, die darauf

Bezug hatten. Sie kannte kalte Quellen, deren es mehrere in der Nähe

von Tuscumbia gibt; unter ihnen befindet sich eine sehr starke, von

der die Stadt ihren Namen hat. Tuscumbia bedeutet in der Sprache der

Indianer »Starker Quell«. Aber sie war darüber erstaunt, daß heißes

Wasser aus der Erde kommen sollte. Sie wünschte zu wissen, wer unter

der Erde Feuer angemacht habe, ob es wie das Feuer in den Oefen sei und

ob es die Wurzeln der Pflanzen und Bäume verbrenne.

Sie war über den Brief sehr erfreut, und nachdem sie alle erdenklichen

Fragen an mich gerichtet hatte, nahm sie ihn mit zu ihrer Mutter, die

nähend in der Vorhalle des Hauses saß, und las ihn ihr vor. Es war

spaßhaft, sie zu sehen, wie sie den Brief vor ihre Augen hielt und die

Sätze mit ihren Fingern herbuchstabierte, genau wie ich es getan hatte.

Später versuchte sie ihn Belle (dem Hunde) und Mildred vorzulesen. Frau

Keller und ich beobachteten diese Bemutterungskomödie von der Tür aus.

Belle war schläfrig und Mildred unaufmerksam. Helen sah sehr ernst aus

und zog ein paarmal, wenn Mildred versuchte, ihr den Brief wegzunehmen,

die Hand ungeduldig zurück. Endlich stand Belle auf, schüttelte sich

und wollte fortgehen, aber Helen packte sie am Nacken und nötigte sie,

sich wieder hinzulegen. Inzwischen hatte Mildred den Brief ergriffen

und kroch mit ihm davon. Helen fühlte auf dem Fußboden nach ihm; als

sie ihn aber nicht fand, hatte sie augenscheinlich Mildred im Verdacht;

denn sie stieß den leisen Ton aus, mit dem sie ihr Schwesterchen zu

rufen pflegt. Dann erhob sie sich und stand eine Weile ganz still, als

lausche sie mit ihren Füßen auf Mildreds »tapp, tapp«. Als sie erkannt

hatte, aus welcher Richtung das Geräusch kam, eilte sie rasch auf die

kleine Uebeltäterin zu und fand sie, wie sie an dem kostbaren Briefe

herumkaute! Das war zuviel für Helen. Sie riß ihr den Brief weg und

schlug ihr auf die Händchen, daß es nur so klatschte. Frau Keller nahm

das Kind auf den Arm, und als es ihr gelungen war, es zu beruhigen,

fragte ich Helen: Was hast du Baby getan? Sie sah ganz verlegen aus und

zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Dann sagte sie: ~Wrong girl

did eat letter. Helen did slap very wrong girl.~ Ich erwiderte ihr,

Mildred sei noch sehr klein und wisse nicht, daß es unrecht sei, den

Brief in den Mund zu stecken.

~I did tell baby, no, no, much times~, lautete Helens Antwort.

Ich entgegnete: Mildred versteht deine Finger nicht, und wir müssen

sehr liebevoll mit ihr sein.

Sie schüttelte den Kopf. ~Baby -- not think. Helen will give baby

pretty letter~, und damit lief sie die Treppe hinauf und brachte einen

sauber zusammengefalteten Braillebogen mit, auf den sie einige Worte

geschrieben hatte, und gab ihn Mildred mit den Worten: ~Baby can eat

all words.~

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Die Geschichte meines Lebens · 第 55 / 70 题