28. August 1887.

Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine

Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und

»Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft

eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge

von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im

allgemeinen. ~Where did Leila get new baby? How did doctor know where

to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where

did doctor find Guy and Prince~ (Hündchen)? ~Why is Elizabeth Evelyn’s

sister?~ u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen peinlich,

und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es für

Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht,

sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder

mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes

Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege

macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte

ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten

Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu

beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte

ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit

in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische

Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser

weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder

bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte.

Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf

loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich

keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches

Lehrbuch mit auf den Baum hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren,

und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens.

Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne,

die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe

Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen

Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die

Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark

genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie

atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen,

aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog

einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte

ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und

Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen

Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben

aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und

hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter

legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen

Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege

des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen

wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten,

sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine

Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht

Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu

existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber

die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg.

Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die

große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein

Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung

nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine

Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der

Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die

großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der

Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des

Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind

wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die

Erinnerungsbilder hervorbringt.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 54 / 70 题