Ich wünschte, es würde nichts Neues mehr geboren. Kleine Hunde, kleine
Kälber und kleine Kinder erhalten Helens Interesse an dem »Warum« und
»Wozu« der Dinge auf dem Siedepunkte. Die eines Tages erfolgte Ankunft
eines neugeborenen Kindes in Ivy Green bot Gelegenheit zu einer Unmenge
von Fragen über die Herkunft der Kinder und der lebenden Wesen im
allgemeinen. ~Where did Leila get new baby? How did doctor know where
to find baby? Did Leila tell doctor to get very small new baby? Where
did doctor find Guy and Prince~ (Hündchen)? ~Why is Elizabeth Evelyn’s
sister?~ u. s. w., u. s. w. Diese Fragen wurden zuweilen peinlich,
und es war mir klar, daß irgend etwas geschehen müsse. War es für
Helen natürlich, solche Fragen zu stellen, so war es meine Pflicht,
sie zu beantworten. Es ist meines Erachtens ein großer Fehler, Kinder
mit falschen Angaben und Unsinn abzuspeisen, wenn ihr zunehmendes
Beobachtungs- und Unterscheidungsvermögen in ihnen den Wunsch rege
macht, Auskunft über gewisse Dinge zu erhalten. Von Anfang an hatte
ich es mir zum Prinzip gemacht, alle Fragen Helens nach meinem besten
Wissen in einer ihr verständlichen Weise und dabei wahrheitsgemäß zu
beantworten. Warum sollte ich diese Fragen abweichend behandeln? fragte
ich mich. Ich konnte, abgesehen von meiner kläglichen Unwissenheit
in betreff der großen Tatsachen, auf welchen unsere physische
Existenz beruht, keinen Grund dafür erblicken. Es gibt in dieser
weltabgeschiedenen Gegend keine lebende Seele, die ich hierbei oder
bei einer anderen pädagogischen Schwierigkeit um Rat fragen könnte.
Das einzige, was ich in solchen Fällen tun kann, ist frisch darauf
loszugehen und aus meinen Mißgriffen zu lernen. Aber hier glaube ich
keinen Mißgriff begangen zu haben. Ich nahm Helen und mein botanisches
Lehrbuch mit auf den Baum hinauf, auf dem wir oft lesen und studieren,
und erzählte ihr in einfachen Worten die Geschichte des Pflanzenlebens.
Ich erinnerte sie an das Getreide, die Bohnen, die Wassermelonenkerne,
die sie im Frühjahr eingepflanzt hatte, und sagte ihr, daß das hohe
Korn im Garten, die Bohnen und die Wassermelonenranken aus diesen
Samenkörnern entstanden seien. Ich erklärte ihr, wie die Erde die
Samenkörner warm und feucht erhält, bis die kleinen Blättchen stark
genug sind, um sich an das Licht und an die Luft zu drängen, wo sie
atmen und wachsen und blühen und weitere Samenkörner hervorbringen,
aus denen wiederum andere Pflanzen, ihre Kinder, emporwachsen. Ich zog
einen Vergleich zwischen dem Pflanzen- und dem Tierleben und sagte
ihr, die Samenkörner seien genau solche Eier wie die Hühnereier und
Vogeleier, die die Mutterhenne warm und trocken erhält, bis die kleinen
Hühnchen ausschlüpfen. Ich machte ihr verständlich, daß alles Leben
aus einem Ei komme. Die Vogelmutter legt ihre Eier in ein Nest und
hält sie warm, bis die kleinen Vögelchen auskriechen. Die Fischmutter
legt ihre Eier dorthin, wo sie feucht und sicher sind, bis die kleinen
Fische ausschlüpfen. Ich erklärte ihr, sie könne das Ei als die Wiege
des Lebens bezeichnen. Dann erzählte ich ihr, daß andere lebende Wesen
wie der Hund und die Kuh und auch die Menschen ihre Eier nicht legten,
sondern ihre Kinder in ihrem eigenen Leibe ernährten. Ich hatte keine
Schwierigkeit, ihr klarzumachen, daß, wenn Pflanzen und Tiere nicht
Nachkommen derselben Art hervorbrächten, sie bald aufhören würden zu
existieren und daß dann bald alles in der Welt aussterben würde. Ueber
die geschlechtlichen Funktionen ging ich so leicht wie möglich hinweg.
Ich suchte ihr jedoch einen Begriff davon zu geben, daß die Liebe die
große Fortpflanzerin des Lebens sei. Das Thema war schwierig und mein
Wissen unzulänglich; aber ich freue mich, vor meiner Verantwortung
nicht zurückgeschreckt zu sein, denn so stockend und unzureichend meine
Erklärung auch gewesen sein mag, sie berührte verwandte Saiten in der
Seele meines kleinen Zöglings, und die Leichtigkeit, mit der Helen die
großen Tatsachen des physischen Lebens begriff, bestärkte mich in der
Meinung, daß im Kinde bei seiner Geburt die gesamten Erfahrungen des
Menschengeschlechts schlummernd vorhanden sind. Diese Erfahrungen sind
wie photographische Negativs, bis die Sprache sie entwickelt und die
Erinnerungsbilder hervorbringt.
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