Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück
weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich
Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und
zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn.
Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber
in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der
Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer
fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt?
Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das
Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist
wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die
Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller
Eifer alles, was sie gelernt hat.
Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf
einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes
hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich
bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben
zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an
ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches
Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den Dingen
aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung.
Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und
Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich
bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der
Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort,
manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen
oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen
Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus
dem Himmel und Erde geschaffen sind.
* * * * *
Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu
Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22.
Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und
Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große
Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate
her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das
Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines
lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch
mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu
leiten.
Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle
mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne;
nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein
Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn
ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer
genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das
Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und
Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen
muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen,
und dabei fällt mir ein -- wollen Sie die Freundlichkeit haben,
Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu
besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.
Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins
der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des
Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von
Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und
sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern
oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich
ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre
Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf
und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt,
sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu
kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer
kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen
Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder
hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen,
gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie
ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine
Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines
Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes
gefangen genommen hat.
Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und
am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu
zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert
sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar
eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist
in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages
hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht,
und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen
könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung
machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und
buchstabierte ihr in die Hand: ~No, no, Helen is naughty. Teacher is
sad~ -- und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen.
Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle
küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in
die Hand: ~Good Helen, teacher is happy~ -- und ließ sie das Lächeln
auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und
gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick
ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich
aufhellte, buchstabierte. ~Good Helen~ -- und verzog ihr Gesicht zu
einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe
hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie
seitdem nie wieder berührt.
* * * * *