16. Mai 1887.

Wir unternehmen jetzt jeden Morgen unmittelbar nach dem Frühstück

weite Spaziergänge. Auf dem ganzen Wege stellt Helen unaufhörlich

Fragen an mich. Wir machen auf Schmetterlinge Jagd und fangen ab und

zu einen. Dann setzen wir uns unter einen Baum und sprechen über ihn.

Später lassen wir ihn frei, falls er die Lektion überlebt hat; aber

in der Regel werden sein Leben und seine Schönheit auf dem Altar der

Lernbegierde geopfert, obgleich er in einem anderen Sinne für immer

fortlebt; denn hat er sich nicht in lebendige Gedanken verwandelt?

Es ist wunderbar, wie Wörter Gedanken erzeugen! Jedes neue Wort, das

Helen lernt, scheint das Bedürfnis nach weiteren zu erwecken. Ihr Geist

wächst infolge seiner rastlosen Tätigkeit. Gewöhnlich gehen wir um die

Zeit des Mittagessens nach Hause, und Helen erzählt ihrer Mutter voller

Eifer alles, was sie gelernt hat.

Dieser Wunsch, zu wiederholen, was ihr gesagt worden ist, deutet auf

einen unverkennbaren Fortschritt in der Entwickelung ihres Intellektes

hin und ist ein unschätzbarer Ansporn zur Aneignung der Sprache. Ich

bitte alle ihre Bekannten, sie zu Mitteilungen über ihr Tun und Treiben

zu ermuntern und soviel Teilnahme und Vergnügen wie nur möglich an

ihren kleinen Erlebnissen zu zeigen. Dies befriedigt ihr kindliches

Bedürfnis nach Anerkennung und hält ihr Interesse an den Dingen

aufrecht. Ebenso bildet es die Grundlage der wirklichen Unterhaltung.

Helen macht zwar noch manche Fehler und verwechselt Wörter und

Redensarten miteinander; aber dies tut auch ein hörendes Kind. Ich

bin sicher, diese Schwierigkeiten werden sich von selbst geben. Der

Antrieb zum Sprechen ist das wichtigste. Ich füge hier und da ein Wort,

manchmal einen Satz ein und erinnere sie an das, was sie ausgelassen

oder vergessen hat. So nimmt ihr Wortschatz rasch zu, und die neuen

Wörter bringen neue Vorstellungen hervor, und diese sind der Stoff, aus

dem Himmel und Erde geschaffen sind.

* * * * *

Meine Aufgabe nimmt alle meine Kräfte und mein Interesse von Tag zu

Tag ausschließlicher in Anspruch, schreibt Fräulein Sullivan am 22.

Mai 1887. Helen ist ein wunderbares Kind, so voller Lernbegierde und

Lerneifer. Sie kennt jetzt gegen dreihundert Wörter und eine große

Menge alltäglicher Redensarten, und es sind noch nicht drei Monate

her, seit sie ihr erstes Wort lernte. Es ist ein seltenes Glück, das

Entstehen, das Wachsen und die ersten schwachen Betätigungen eines

lebenden Geistes zu beobachten; ich genieße dieses Glück, und noch

mehr, es ist mir vergönnt, diesen herrlichen Intellekt zu wecken und zu

leiten.

Wenn ich mich für diese große Aufgabe nur besser eignete! Ich fühle

mich ihr täglich weniger gewachsen. Mein Geist steckt voller Pläne;

nur kann ich sie leider nicht in die Tat umsetzen. Sie sehen, mein

Geist ist undiszipliniert, ich irre plan- und ziellos umher. O wenn

ich nur jemand hätte, der mir helfen könnte! Ich brauche einen Lehrer

genau so gut wie Helen. Ich weiß, daß die Erziehung dieses Kindes das

Hauptereignis meines Lebens sein wird, wenn ich nur die Kraft und

Ausdauer habe, sie zu vollenden. Eins ist mir klar geworden: Helen

muß Bücher benutzen lernen, wir müssen sie beide benutzen lernen,

und dabei fällt mir ein -- wollen Sie die Freundlichkeit haben,

Herrn Anagnos zu bitten, mir die Psychologien von Perez und Sully zu

besorgen? Ich glaube, sie werden mir nützlich sein können.

Wir halten jetzt jeden Tag Leseübungen ab. In der Regel nehmen wir eins

der kleinen Lesebücher mit auf einen hohen Baum, der in der Nähe des

Hauses steht, und verwenden eine bis zwei Stunden auf das Aufsuchen von

Wörtern, die Helen schon kennt. Wir betreiben es als eine Art Spiel und

sehen zu, wer die Wörter rascher finden kann, Helen mit ihren Fingern

oder ich mit meinen Augen, und sie lernt soviel neue Wörter, wie ich

ihr mit Hilfe der ihr bereits bekannten erklären kann. Gleiten ihre

Finger über Wörter, die sie kennt, so schreit sie vor Vergnügen auf

und herzt und küßt mich voller Freuden, namentlich wenn sie glaubt,

sie sei die Siegerin. Später setze ich die neuen Wörter im Rahmen zu

kleinen Sätzen zusammen, und manchmal ist es möglich, sie zu einer

kleinen Geschichte von einer Biene, einer Katze oder einem kleinen

Knaben zu gestalten. Ich kann sie jetzt heißen die Treppe herauf- oder

hinuntergehen, Gegenstände wegtragen oder bringen, sitzen, stehen,

gehen, laufen, liegen, kriechen, sich herumwälzen oder klettern; sie

ist über Tätigkeitswörter entzückt; daher macht es überhaupt keine

Mühe, ihr die Verben beizubringen. Sie ist auf die Aneignung eines

Satzes so stolz wie ein Feldherr, der die Streitkraft des Feindes

gefangen genommen hat.

Eine von Helens alten Gewohnheiten, die am festesten gewurzelt und

am schwersten zu bekämpfen ist, ist ihre Sucht, Gegenstände zu

zertrümmern. Wenn sie irgend etwas auf ihrem Wege findet, so schleudert

sie es zur Erde, gleichviel, was es ist: ein Glas, ein Krug oder gar

eine Lampe. Sie besitzt eine große Menge Puppen, und jede von ihnen ist

in einem Anfall von Wut oder Langeweile zerbrochen worden. Eines Tages

hatte ihr ein bekannter Herr eine neue Puppe aus Memphis mitgebracht,

und ich wollte versuchen, ob ich es nicht Helen begreiflich machen

könnte, daß sie sie nicht zerbrechen dürfe. Ich ließ sie die Bewegung

machen, als schlüge sie den Kopf der Puppe auf den Tisch auf, und

buchstabierte ihr in die Hand: ~No, no, Helen is naughty. Teacher is

sad~ -- und ließ sie den bekümmerten Ausdruck meines Gesichtes fühlen.

Dann ließ ich sie die Puppe liebkosen, auf die getroffene Stelle

küssen und zärtlich in ihren Armen wiegen, buchstabierte ihr dabei in

die Hand: ~Good Helen, teacher is happy~ -- und ließ sie das Lächeln

auf meinem Gesichte fühlen. Sie machte diese Bewegungen mehrmals und

gab dabei auf jede Kleinigkeit acht; dann stand sie einen Augenblick

ganz still mit bekümmertem Gesichtsausdruck, der sich aber plötzlich

aufhellte, buchstabierte. ~Good Helen~ -- und verzog ihr Gesicht zu

einem breiten, künstlichen Lächeln. Dann trug sie die Puppe die Treppe

hinauf, legte die in das oberste Fach des Kleiderschrankes und hat sie

seitdem nie wieder berührt.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 46 / 70 题