8. Mai 1887.

Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs

meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil

ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte; aber die Zeit für sie ist

jetzt auf alle Fälle vorüber.

Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen.

Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes

Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während

es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken

wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem

Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und

seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem

kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme

ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen,

einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus

Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht

füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet

werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung

entwickeln kann.

Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva

gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte

Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie

einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so

schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen

Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas

Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie

möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball

auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter

~small~ und ~large~; sofort wendete sie die Wörter an und verschmähte

von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe mir ein großes

Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe hinauf, laufe rasch

und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie die Konjunktion ~and~

zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür zuzumachen, und sie fügte

hinzu: ~and lock~.

Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe

heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen

war. Sie buchstabierte immerwährend ~dog--baby~, indem sie dabei der

Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. Mein

erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, aber

Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half nichts,

ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, und hier

in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen niedlichen

Jungen! Ich lehrte Helen das Wort ~puppy~, ließ sie die Hündchen

alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte ~puppies~. Sie

interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und buchstabierte mehrmals

die Wörter ~mother-dog~ und ~baby~. Helen bemerkte, daß die Augen der

Hündchen geschlossen waren, und sagte ~Eyes--shut. Sleep--no~, womit

sie sagen wollte: Die Augen sind zwar geschlossen, aber die Hündchen

schlafen nicht. Sie deutete der Reihe nach auf jedes Hündchen und

dann auf ihre fünf Finger, und ich lehrte sie das Wort ~five~. Dann

hielt sie einen Finger in die Höhe und sagte: ~Baby~. Ich begriff,

daß sie von Mildred sprach, und buchstabierte: ~One baby and five

puppies~. Dann bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als

die anderen, und buchstabierte ~small~, indem sie zu gleicher Zeit

das entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte ~very small~.

Sie verstand augenscheinlich, daß ~very~ die Bezeichnung für den

neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen

Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war

»~small~«, ein anderer »~very small~«. Als sie ihre kleine Schwester

anfaßte, sagte sie: ~Baby--small. Puppy--very small.~

Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde

ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit,

die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind

seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines

Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in

seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit

schon Frucht tragen wird.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 45 / 70 题