Nein, ich brauche kein Kindergartenmaterial mehr. Ich habe anfangs
meinen kleinen Vorrat von Perlen, Karten und Strohhalmen benutzt, weil
ich nicht wußte, was ich sonst tun sollte; aber die Zeit für sie ist
jetzt auf alle Fälle vorüber.
Ich beginne allen ausgeklügelten pädagogischen Systemen zu mißtrauen.
Sie scheinen mir auf der Voraussetzung aufgebaut zu sein, daß jedes
Kind eine Art Idiot ist und im Denken unterwiesen werden muß, während
es, wenn es sich selbst überlassen bleibt, mehr und besser denken
wird, wenn es auch nicht so in die Augen fällt. Laßt es nach seinem
Belieben gehen und kommen, laßt es reale Gegenstände berühren und
seine Eindrücke selbständig ordnen, anstatt daß es im Zimmer an einem
kleinen runden Tische sitzt, während eine Lehrerin mit sanfter Stimme
ihm sagt, es möge eine steinerne Mauer aus seinen Holzklötzchen bauen,
einen Regenbogen aus farbigen Papierstreifen herstellen oder Bäume aus
Strohhalmen in Blumentöpfe aus Perlen pflanzen. Solcherlei Unterricht
füllt den Geist mit künstlichen Assoziationen an, die erst ausgerottet
werden müssen, ehe das Kind seine Gedanken aus eigener Anschauung
entwickeln kann.
Helen lernt Adjektiva und Adverbien so leicht wie sie Substantiva
gelernt hat. Die Vorstellung geht stets dem Worte voran. Sie hatte
Zeichen für »klein« und »groß« lange, bevor ich zu ihr kam. Wollte sie
einen kleinen Gegenstand haben und wurde ihr ein großer gegeben, so
schüttelte sie den Kopf und hob ein Stückchen von der Haut ihrer einen
Hand zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen hoch. Wollte sie etwas
Großes bezeichnen, so spreizte sie die Finger beider Hände so weit wie
möglich und näherte die Hände einander, als wolle sie einen großen Ball
auffangen. Eines Tages ersetzte ich diese Zeichen durch die Wörter
~small~ und ~large~; sofort wendete sie die Wörter an und verschmähte
von nun ab die Zeichen. Ich kann ihr jetzt sagen: Bringe mir ein großes
Buch, einen kleinen Teller, gehe langsam die Treppe hinauf, laufe rasch
und gehe langsam. Heute morgen gebrauchte sie die Konjunktion ~and~
zum ersten Male. Ich befahl ihr, die Tür zuzumachen, und sie fügte
hinzu: ~and lock~.
Vor ein paar Minuten kam sie in großer Aufregung die Treppe
heraufgestürmt. Ich konnte mir zuerst gar nicht erklären, was geschehen
war. Sie buchstabierte immerwährend ~dog--baby~, indem sie dabei der
Reihe nach auf ihre fünf Finger deutete und an ihnen saugte. Mein
erster Gedanke war, einer von den Hunden habe Mildred verletzt, aber
Helens strahlendes Gesicht beschwichtigte meine Furcht. Es half nichts,
ich mußte mit ihr hinunter. Sie führte mich in einen Schuppen, und hier
in der Ecke lag einer von den Hühnerhunden mit fünf kleinen niedlichen
Jungen! Ich lehrte Helen das Wort ~puppy~, ließ sie die Hündchen
alle befühlen, während sie saugten, und buchstabierte ~puppies~. Sie
interessierte sich sehr für das Nährgeschäft und buchstabierte mehrmals
die Wörter ~mother-dog~ und ~baby~. Helen bemerkte, daß die Augen der
Hündchen geschlossen waren, und sagte ~Eyes--shut. Sleep--no~, womit
sie sagen wollte: Die Augen sind zwar geschlossen, aber die Hündchen
schlafen nicht. Sie deutete der Reihe nach auf jedes Hündchen und
dann auf ihre fünf Finger, und ich lehrte sie das Wort ~five~. Dann
hielt sie einen Finger in die Höhe und sagte: ~Baby~. Ich begriff,
daß sie von Mildred sprach, und buchstabierte: ~One baby and five
puppies~. Dann bemerkte sie, daß eins von den Hündchen kleiner war als
die anderen, und buchstabierte ~small~, indem sie zu gleicher Zeit
das entsprechende Zeichen machte; ich buchstabierte ~very small~.
Sie verstand augenscheinlich, daß ~very~ die Bezeichnung für den
neuen Begriff sei, der in ihren Kopf gelangt war, denn auf dem ganzen
Rückwege nach Hause gebrauchte sie das Wort ganz richtig. Ein Stein war
»~small~«, ein anderer »~very small~«. Als sie ihre kleine Schwester
anfaßte, sagte sie: ~Baby--small. Puppy--very small.~
Seit ich Helen keinen regelmäßigen Unterricht mehr erteile, finde
ich, daß sie viel rascher lernt. Ich bin überzeugt, daß die Zeit,
die ein Lehrer darauf verwendet, sich zu vergewissern, ob das Kind
seine Lektion auch behalten habe, so gut wie weggeworfen ist. Meines
Erachtens ist es viel richtiger, anzunehmen, daß das Kind tue, was in
seinen Kräften steht, und daß die ausgestreute Saat zur rechten Zeit
schon Frucht tragen wird.
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