2. Juni 1887.

Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir

sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt.

Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es

ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen

wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald

sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht

mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und

unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.

Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische

Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren

Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß

die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie

wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der

Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr

manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte

sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift

schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung

davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen,

den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen

Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: ~Frank--letter~.

Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete:

~Much words. Puppy motherdog--five. Baby--cry. Hot. Helen walk--no.

Sunfire--bad. Frank--come. Helen--kiss Frank. Strawberries--very

good.~--

Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie

versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr

unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.

Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen,

während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte

offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten

Morgen danach fragte, antwortete sie: ~Book--cry~ und ergänzte dies

durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort

~afraid~, und sie sagte: ~Helen is not afraid. Book is afraid. Book

will sleep with girl.~ Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht

fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »~girl~« nicht

im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff

offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.

Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist.

Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unternehmen über alles

Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht

einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade

unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben,

Helens Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit ~Dr.~ Howes

Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende

Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln

und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich

zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine

Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im

Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es

weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich

aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel.

Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens

individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.

Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie

sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein

außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer

Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir

recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder

schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles

berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir

versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll

nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 47 / 70 题