Das Wetter ist drückend heiß. Wir schmachten förmlich nach Regen. Wir
sind alle in großer Sorge um Helen. Sie ist sehr nervös und aufgeregt.
Sie kann des Nachts nicht schlafen und leidet an Appetitlosigkeit. Es
ist schwer zu raten. Der Arzt sagt, ihr Geist sei zu rege; wie sollen
wir sie aber vom Denken abhalten? Sie beginnt zu buchstabieren, sobald
sie aufwacht, und fährt damit den ganzen Tag lang fort. Wenn ich nicht
mit ihr sprechen will, so buchstabiert sie in ihre eigene Hand und
unterhält sich augenscheinlich auf das lebhafteste mit sich selbst.
Ich gab ihr meinen Braillestift in der Meinung, das mechanische
Einstechen von Löchern in das Papier würde sie zerstreuen und ihren
Geist beruhigen. Wie groß war aber mein Erstaunen, als ich fand, daß
die kleine Hexe Briefe schrieb! Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie
wußte, was überhaupt ein Brief sei. Sie ist öfters mit mir nach der
Post gegangen, wenn ich Briefe besorgte, und ich glaube, ich habe ihr
manches aus dem Inhalt meiner Briefe an Sie mitgeteilt. Auch wußte
sie, daß ich ab und zu »Briefe an blinde Mädchen« mit dem Braillestift
schrieb, aber ich glaubte nicht, daß sie irgend eine klare Vorstellung
davon habe, was ein Brief sei. Eines Tages brachte sie mir einen Bogen,
den sie über und über mit Löchern bedeckt hatte, wollte ihn in einen
Umschlag stecken und nach der Post tragen. Sie sagte: ~Frank--letter~.
Ich fragte sie, was sie denn an Frank geschrieben habe. Sie entgegnete:
~Much words. Puppy motherdog--five. Baby--cry. Hot. Helen walk--no.
Sunfire--bad. Frank--come. Helen--kiss Frank. Strawberries--very
good.~--
Helen liest fast ebenso eifrig, wie sie spricht. Ich finde, sie
versteht den Inhalt ganzer Sätze, indem sie die Bedeutung der ihr
unbekannten Wörter aus dem Zusammenhang errät.
Als ich eines Abends zu Bette ging, fand ich Helen fest eingeschlafen,
während sie ein großes Buch fest in ihren Armen hielt. Sie hatte
offenbar gelesen und war dabei eingeschlafen. Als ich sie am nächsten
Morgen danach fragte, antwortete sie: ~Book--cry~ und ergänzte dies
durch Zittern und andere Zeichen von Furcht. Ich lehrte sie das Wort
~afraid~, und sie sagte: ~Helen is not afraid. Book is afraid. Book
will sleep with girl.~ Ich erklärte ihr, daß sich das Buch nicht
fürchte und in seinem Schranke schlafen müsse und daß »~girl~« nicht
im Bett lesen dürfe. Sie sah mich ganz verschmitzt an und begriff
offenbar, daß ich ihre List durchschaut hatte.
Und nun zum Schluß noch eins, das nur für Ihre Ohren bestimmt ist.
Eine innere Stimme sagt mir, daß mein Unternehmen über alles
Wünschen und Träumen hinaus von Erfolg gekrönt sein wird. Wären nicht
einige Umstände dabei, die einen solchen Gedanken im höchsten Grade
unwahrscheinlich, ja widersinnig machen, so möchte ich glauben,
Helens Erziehung werde an Interesse und Wunderbarkeit ~Dr.~ Howes
Leistung übertreffen. Ich weiß, meine Schülerin besitzt bedeutende
Anlagen, und ich glaube, daß ich imstande bin, sie zu entwickeln
und auszubilden. Ich kann Ihnen nicht angeben, auf welche Weise ich
zu dieser Ueberzeugung gelangt bin. Ich hatte kurz zuvor noch keine
Ahnung, wie ich zu Werke gehen sollte; ich tappte vollständig im
Dunkeln umher; aber nunmehr weiß ich es, und ich weiß, daß ich es
weiß. Ich kann mir keine klare Rechenschaft darüber ablegen; wenn sich
aber Schwierigkeiten erheben, so bin ich weder ratlos noch im Zweifel.
Ich weiß, wie ich ihnen entgegenzutreten habe; ich scheine Helens
individuelle Bedürfnisse zu ahnen. Es ist wunderbar.
Schon erregt Helen die allgemeine Aufmerksamkeit. Niemand kann sie
sehen, ohne einen tiefen Eindruck von ihr zu erhalten. Sie ist ein
außergewöhnliches Kind, und das Interesse der Oeffentlichkeit an ihrer
Erziehung wird ebenfalls ein außergewöhnliches sein. Daher wollen wir
recht vorsichtig in Bezug auf alles sein, was wir über sie sagen oder
schreiben. Ich will Ihnen ohne jeden Rückhalt schreiben und Ihnen alles
berichten, aber nur unter einer Bedingung, nämlich der, daß Sie mir
versprechen, meine Briefe niemand zu zeigen. Meine herrliche Helen soll
nicht zu einem Wunderkinde gemacht werden, sofern ich es verhüten kann.
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