Die neue Methode bewährt sich vorzüglich; Helen kennt jetzt die
Bedeutung von mehr als hundert Wörtern und lernt täglich neue hinzu,
ohne im geringsten auf die Vermutung zu kommen, sie verrichte eine
besondere Heldentat. Sie lernt, weil sie nicht anders kann, genau
wie der Vogel fliegen lernt. Doch dürfen Sie nicht glauben, daß sie
»fließend spricht«. Wie ihre kleine Cousine drückt sie ganze Sätze
durch einzelne Worte aus. „Milch“, mit einer Handbewegung bedeutet:
„Gib mir mehr Milch“; „Mutter“, begleitet von einem fragenden Blick,
bedeutet: „Wo ist Mutter?“ „Gehen“ bedeutet: „Ich möchte ausgehen.“
Buchstabiere ich ihr aber in die Hand: „Gib mir etwas Brot,“ so reicht
sie mir das Brot, und wenn ich ihr sage: „Hole deinen Hut, wir wollen
spazieren gehen,“ so gehorcht sie augenblicklich. Die beiden Worte:
„Hut“ und „spazieren gehen“ würden dieselbe Wirkung ausüben; wird aber
der ganze Satz mehrmals am Tage wiederholt, so muß er sich mit der Zeit
dem Gehirne einprägen, und Helen wird ihn allmählich selbst anwenden.
Wir beschäftigen uns mit einem kleinen Spiele, das nach meiner Meinung
für die Entwickelung des Intellekts höchst nützlich ist und zugleich
den Zweck einer Sprachlektion erfüllt. Es ist eine Art Versteckspiel.
Ich verstecke irgend etwas, einen Ball, eine Spule oder dergleichen,
und wir suchen danach. Als wir vor zwei bis drei Tagen mit dem Spiele
begannen, benahm sich Helen ziemlich ungeschickt. Sie suchte an
Stellen nach, wo es unmöglich gewesen wäre, den Ball oder die Spule zu
verstecken. Wenn ich z. B. den Ball versteckte, so suchte sie unter
ihrer Schreibtafel. Versteckte ich die Spule, so suchte sie in einer
Schachtel, die nicht länger als einen Zoll war. Sie gab auch bald
das Spiel auf. Jetzt kann ich ihr Interesse daran eine Stunde und
länger rege erhalten, und sie zeigt mehr Intelligenz und oft große
Geschicklichkeit beim Finden der Gegenstände. Heute früh versteckte
ich einen Zwieback. Helen suchte überall, ohne ihn finden zu können.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke, sie lief auf mich zu und öffnete meinen
Mund, um ihn gründlich zu untersuchen. Als sie hier nichts fand,
deutete sie auf meinen Magen und fragte: ~Eat~?, was bedeuten sollte:
Haben Sie ihn vielleicht gegessen?
Freitag begegnete uns ein Herr auf der Straße, der Helen einige
Bonbons gab, die sie aufaß bis auf ein kleines Stückchen, das sie in
ihr Schürzentäschchen steckte. Nach Hause gekommen, traf sie ihre
Mutter und sagte aus eigenem Antriebe: ~Give baby candy.~ Frau Keller
buchstabierte ihr in die Hand: ~No--baby eat--no.~ Helen näherte sich
der Wiege, faßte Mildred in den Mund und deutete auf ihre eigenen
Zähne. Frau Keller buchstabierte: ~Teeth~. Helen schüttelte den Kopf
und buchstabierte: ~Baby teeth--no, baby eat--no~, womit sie natürlich
sagen wollte: Schwesterchen kann nicht essen, weil es keine Zähne hat.
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