Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas
sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in
ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen
hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu
wissen verlangt.
Die Wörter ~mug~ und ~milk~ machten Helen mehr Mühe als alle
übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum ~drink~.
Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß
sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie ~mug~ oder ~milk~
buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte sie die
Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas
zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir die Hand.
Ich buchstabierte ihr ~w--a--t--e--r~ in die Hand und dachte bis nach
Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel es mir ein,
daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den Unterschied
zwischen ~mug~ und ~milk~ ein- für allemal klarmachen könnte. Wir
gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Oeffnung
halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und
den Becher füllte, buchstabierte ich ihr ~w--a--t--e--r~ in die freie
Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten über
ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen.
Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz
neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort
~water~ zu verschiedenenmalen. Dann kauerte sie nieder, berührte die
Erde und fragte nach deren Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe
und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach
meinem Namen. Ich buchstabierte ihr »~teacher~« in die Hand. In diesem
Augenblick brachte die Amme Helens kleine Schwester an die Pumpe;
Helen buchstabierte »~baby~« und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen
Rückwege war sie im höchsten Grade aufgeregt und erkundigte sich nach
dem Namen jedes Gegenstandes, den sie berührte, sodaß sie im Laufe
weniger Stunden dreißig neue Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.
~P. S.~ Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post geben
und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute früh wie
eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen,
fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter
Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus eigenem
Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich glaubte,
mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.
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