5. April 1887.

Ich muß Ihnen heut morgen eine Zeile schreiben, denn es hat sich etwas

sehr Wichtiges zugetragen. Helen hat den zweiten großen Schritt in

ihrer Erziehung getan. Sie hat gelernt, daß jedes Ding einen Namen

hat und daß das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu

wissen verlangt.

Die Wörter ~mug~ und ~milk~ machten Helen mehr Mühe als alle

übrigen. Sie verwechselte die Substantiva mit dem Verbum ~drink~.

Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern half sich damit, daß

sie die Pantomime des Trinkens machte, so oft sie ~mug~ oder ~milk~

buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, wünschte sie die

Bezeichnung für Wasser zu erfahren. Wenn sie die Bezeichnung für etwas

zu wissen wünscht, so deutet sie darauf und streichelt mir die Hand.

Ich buchstabierte ihr ~w--a--t--e--r~ in die Hand und dachte bis nach

Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel es mir ein,

daß ich ihr vielleicht mit Hilfe dieses neuen Wortes den Unterschied

zwischen ~mug~ und ~milk~ ein- für allemal klarmachen könnte. Wir

gingen zu der Pumpe, wo ich Helen ihren Becher unter die Oeffnung

halten ließ, während ich pumpte. Als das kalte Wasser hervorschoß und

den Becher füllte, buchstabierte ich ihr ~w--a--t--e--r~ in die freie

Hand. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten über

ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen.

Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt da. Ein ganz

neuer Lichtschein verklärte ihre Züge. Sie buchstabierte das Wort

~water~ zu verschiedenenmalen. Dann kauerte sie nieder, berührte die

Erde und fragte nach deren Namen, ebenso deutete sie auf die Pumpe

und das Gitter. Dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach

meinem Namen. Ich buchstabierte ihr »~teacher~« in die Hand. In diesem

Augenblick brachte die Amme Helens kleine Schwester an die Pumpe;

Helen buchstabierte »~baby~« und deutete auf die Amme. Auf dem ganzen

Rückwege war sie im höchsten Grade aufgeregt und erkundigte sich nach

dem Namen jedes Gegenstandes, den sie berührte, sodaß sie im Laufe

weniger Stunden dreißig neue Wörter ihrem Wortschatz einverleibt hatte.

~P. S.~ Ich konnte meinen Brief gestern abend nicht mehr zur Post geben

und will daher noch eine Zeile hinzufügen. Helen stand heute früh wie

eine strahlende Fee auf. Sie flog von einem Gegenstande zum anderen,

fragte nach der Bezeichnung jedes Dinges und küßte mich vor lauter

Freude. Als ich gestern abend zu Bett ging, warf sich Helen aus eigenem

Antrieb in meine Arme und küßte mich zum ersten Male, und ich glaubte,

mein Herz müsse springen, so voll war es vor Freude.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 42 / 70 题