28. März 1887.

Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir

nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die

Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach

besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft

noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich

einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube,

»nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes

sind für Helen +so+ greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte

oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch

dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz

gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine

Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe

Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise

meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen

klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie

ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen,

daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach

seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin

von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen,

mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die

unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen

größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie.

Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches

kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen

Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn

und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet)

setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu

benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich

versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal

aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den

Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und

stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der

Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen

zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.

Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah

sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf

ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter

das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch

auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese

Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut

zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ,

ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig,

was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht

und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und

holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte

ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen

fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte,

wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies

sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte

ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf

sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals

hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug

sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem

Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand

in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem

Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und

griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei

sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen,

daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle,

und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr

erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 40 / 70 题