Helen und ich sind gestern nach Hause gekommen. Ich bedauere, daß wir
nicht noch eine Woche bleiben durften; aber ich glaube, ich habe die
Gelegenheit, die mir in den letzten vierzehn Tagen geboten war, nach
besten Kräften ausgenützt, und hoffe nicht, mit Helen in Zukunft
noch ernstliche Mühe zu haben. Die größten Hindernisse, die sich
einem Fortschreiten in den Weg stellten, sind gebrochen. Ich glaube,
»nein« und »ja«, begleitet von einem Schütteln oder Nicken des Kopfes
sind für Helen +so+ greifbare Tatsachen geworden wie Wärme und Kälte
oder der Unterschied zwischen Schmerz und Behagen. Und ich werde auch
dafür sorgen, daß die Lektion, die sie unter soviel Kummer und Schmerz
gelernt hat, nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich zwischen meine
Schülerin und die übergroße Nachsicht ihrer Eltern stellen. Ich habe
Herrn und Frau Hauptmann Keller erklärt, sie dürften in keinerlei Weise
meine Anordnungen durchkreuzen. Ich habe mein Bestes getan, um ihnen
klarzumachen, wie furchtbar sie sich an Helen versündigten, wenn sie
ihr in allen Dingen ihren Willen ließen, und habe darauf hingewiesen,
daß die Versuche, dem Kinde beizubringen, es könne nicht alles nach
seinem Willen gehen, notwendig für dieses selbst wie für seine Lehrerin
von schmerzlichen Empfindungen begleitet seien. Sie versprachen,
mir freie Hand zu lassen und mich nach Kräften zu unterstützen. Die
unverkennbaren Fortschritte, die ihr Kind gemacht hat, haben ihnen
größeres Vertrauen zu mir eingeflößt. Natürlich ist es hart für sie.
Ich begreife, daß es ihnen wehtut, zu sehen, wie ihr unglückliches
kleines Kind bestraft und gezwungen wird, gewisse Dinge gegen seinen
Willen zu tun. Nur wenige Stunden nach meiner Unterredung mit Herrn
und Frau Hauptmann Keller (und sie hatten mir in allem beigepflichtet)
setzte sich Helen bei Tisch in den Kopf, die Serviette nicht zu
benutzen. Offenbar wollte sie probieren, was nun geschehen würde. Ich
versuchte mehrmals, ihr die Serviette um den Hals zu legen, jedesmal
aber riß sie sich das Tuch ab, warf es zur Erde und begann endlich den
Tisch mit den Füßen zu bearbeiten. Ich nahm ihr den Teller weg und
stand auf, um sie aus dem Zimmer zu führen; da aber schlug sich der
Hauptmann ins Mittel und erklärte, er werde es unter keinen Umständen
zugeben, daß eins seiner Kinder nichts zu essen bekäme.
Nach dem Abendessen kam Helen nicht mehr in mein Zimmer, und ich sah
sie vor dem Frühstück am nächsten Morgen nicht wieder. Sie saß auf
ihrem Platze, als ich herunterkam. Sie hatte sich ihre Serviette unter
das Kinn gesteckt, anstatt, wie es ihre Gewohnheit war, sich das Tuch
auf dem Rücken festzustecken, und lenkte meine Aufmerksamkeit auf diese
Neuerung; als ich keine Einsprache dagegen erhob, schien sie erfreut
zu sein und streichelte sich selbst. Als sie das Eßzimmer verließ,
ergriff sie meine Hand und streichelte sie ebenfalls. Ich war begierig,
was sie zu tun beabsichtigte, und beschloß, der Gewöhnung an Zucht
und Sitte etwas nachzuhelfen. Ich ging nach dem Eßzimmer zurück und
holte mir eine Serviette. Als Helen zum Unterricht heraufkam, legte
ich alle Gegenstände in gewohnter Weise auf den Tisch; nur der Kuchen
fehlte, von dem ich ihr ein Stückchen zur Belohnung zu geben pflegte,
wenn sie ein Wort recht rasch buchstabiert hatte. Helen bemerkte dies
sofort und machte das entsprechende Zeichen für »Kuchen«. Ich zeigte
ihr die Serviette, band sie ihr um den Hals, riß sie dann ab und warf
sie zur Erde und schüttelte dabei den Kopf. Dies tat ich mehrmals
hintereinander. Helen verstand mich vortrefflich, denn sie schlug
sich ein paarmal derb auf die Hand und schüttelte gleichfalls mit dem
Kopfe. Inzwischen begann der Unterricht. Ich gab ihr einen Gegenstand
in die Hand, und Helen buchstabierte das betreffende Wort. Mit einem
Male hielt sie inne, als ob ihr ein Gedanke durch den Kopf schösse, und
griff nach der Serviette, die sie sich rasch um den Hals knüpfte, wobei
sie ihr Zeichen für »Kuchen« machte. Ich nahm dies für ein Versprechen,
daß, wenn ich ihr etwas Kuchen gebe, sie ein artiges Kind sein wolle,
und gab ihr ein größeres Stück als gewöhnlich; Helen war darüber sehr
erfreut und klopfte und streichelte sich selbst voller Befriedigung.
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