20. März 1887.

Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet.

Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings

aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.

Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein

artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit

heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange

Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche

nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die

Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte,

so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer

Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und

setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen

Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt,

-- der Schritt, auf den es ankommt -- ist geschehen. Die kleine Wilde

hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz

ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne

Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten

und zu bilden.

Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen

ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn

er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte

horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie

ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man

stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich.

Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der

ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause

nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht

einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr

bald verlassen müssen.

Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen

Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies

machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor

Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und

ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang,

sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen

Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.

Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund,

auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten

Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und

bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den

leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob

sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu

haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist

mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund

war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern

begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte.

Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den

Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an

sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen

Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick

ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die

Buchstaben ~d--o--l--l~ mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie

Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.

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Die Geschichte meines Lebens · 第 39 / 70 题