Mein Herz jauchzt heute vor Freude. Ein Wunder hat sich ereignet.
Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meines kleinen Zöglings
aufgegangen, und siehe da, alles hat ein verändertes Ansehen gewonnen.
Das kleine wilde Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein
artiges Kind umgewandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, mit
heiterem und fröhlichem Gesichte neben mir und häkelt eine lange
Spitze aus roter schottischer Wolle. Sie hat in vergangener Woche
nähen gelernt und ist sehr stolz auf ihre Fertigkeit. Als sie die
Spitze so lang gemacht hatte, daß sie über das Zimmer hinwegreichte,
so klopfte sie sich selbst auf den Arm und legte das erste Werk ihrer
Hände zärtlich an ihre Wange. Sie läßt sich jetzt von mir küssen und
setzt sich, wenn sie besonders guter Laune ist, kurze Zeit auf meinen
Schoß, erwidert aber meine Liebkosungen noch nicht. Der große Schritt,
-- der Schritt, auf den es ankommt -- ist geschehen. Die kleine Wilde
hat ihre erste Lektion gehorsam genommen und findet die Sache ganz
ergötzlich. Es entsteht für mich jetzt die dankbare Aufgabe, die schöne
Intelligenz, die sich in der Kindesseele zu regen beginnt, zu leiten
und zu bilden.
Auch andere bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen
ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und jeden Abend und ruft, wenn
er sie ihre Perlen eifrig aneinanderreihen oder auf ihrer Nähkarte
horizontale Stichreihen machen sieht, voller Verwunderung aus: Wie
ruhig sie ist! Als ich kam, waren ihre Bewegungen so unstet, daß man
stets fühlte, sie habe etwas Abnormes, ja beinahe Krankhaftes an sich.
Auch habe ich bemerkt, daß sie viel weniger ißt, ein Umstand, der
ihren Vater so sehr beunruhigt, daß er sie durchaus wieder nach Hause
nehmen will. Er behauptet, sie leide an Heimweh. Ich bin damit nicht
einverstanden, doch fürchte ich, wir werden unser kleines Bauer sehr
bald verlassen müssen.
Gestern ließ ich während der Unterrichtsstunde einen kleinen
Negerknaben hereinkommen, und zeigte auch ihm die Buchstaben. Dies
machte Helen großes Vergnügen und stachelte ihren Ehrgeiz an, sich vor
Percy hervorzutun. Sie freute sich, wenn er einen Fehler machte, und
ließ ihn den Buchstaben mehrere Male wiederholen. Wenn es ihm gelang,
sie zufriedenzustellen, klopfte sie ihm so kräftig auf seinen wolligen
Kopf, daß ich glaubte, er habe die Fehler absichtlich gemacht.
Hauptmann Keller brachte eines Tages »Belle« mit, einen Hühnerhund,
auf den er sehr stolz ist. Er war begierig, ob Helen ihren alten
Spielkameraden wiedererkennen würde. Helen badete Nancy gerade und
bemerkte anfangs den Hund gar nicht. Für gewöhnlich fühlt sie den
leisesten Schritt und streckt die Arme aus, um sich zu vergewissern, ob
sich jemand in ihrer Nähe befindet. Belle schien es nicht sehr eilig zu
haben, Helens Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich glaube, sie ist
mitunter von ihrer kleinen Herrin recht rauh behandelt worden. Der Hund
war aber kaum eine halbe Minute im Zimmer, als Helen herumzuschnobern
begann, die Puppe in die Badewanne warf und im Zimmer umherfühlte.
Sie stolperte über Belle, die am Fenster lag. Sie erkannte sofort den
Hund, denn sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte ihn an
sich. Dann setzte sich Helen neben das Tier und begann sich an seinen
Pfoten zu schaffen zu machen. Wir konnten uns für den ersten Augenblick
ihr Verhalten nicht erklären; als wir aber bemerkten, daß sie die
Buchstaben ~d--o--l--l~ mit ihren Fingern bildete, wußten wir daß sie
Belle das Buchstabieren beizubringen suchte.
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