Erinnerungen nach meiner südlichen Heimat zurück. So oft ich mir
diesen Besuch im Norden ins Gedächtnis zurückrufe, erfüllt er meine
Seele immer von neuem mit Bewunderung über die reichen, mannigfaltigen
Erfahrungen, die sich mit ihm verbinden. Er scheint mir der
Ausgangspunkt meiner ganzen künftigen Entwickelung gewesen zu sein.
Die Schätze einer neuen, schönen Welt wurden mir zu Füßen gelegt, und
bei jedem Ausgange empfing ich erheiternde und belehrende Eindrücke.
Ich lebte selbst in allen Dingen mit. Ich saß keinen Augenblick still;
mein Leben war so voller Bewegung wie das jener kleinen Insekten, deren
ganzes Dasein sich im Laufe eines kurzen Tages abspielt. Ich begegnete
vielen Menschen, die sich mit mir unterhielten, indem sie die Worte in
meine Hand buchstabierten, und in fröhlicher Wechselwirkung stiegen
Gedanken auf, um sich mit Gedanken anderer zu kreuzen, und siehe da!
es geschah ein Wunder! Die öden Strecken, die meinen Geist von dem
meiner Mitmenschen getrennt hatten, bedeckten sich mit Blüten wie ein
Rosenstrauch.
Die Herbstmonate brachte ich mit meiner Familie in unserem
Sommerlandhause zu, das auf einem Berge ungefähr vierzehn Meilen von
Tuscumbia entfernt lag. Es hieß Fern Quarry weil sich in seiner Nähe
ein jetzt längst aufgegebener Kalkbruch befunden hatte. Drei muntere,
in den Felsen oberhalb entspringende Bäche, durchströmten den Bruch,
hier ruhig fließend, dort in sprudelnden Kaskaden schäumend, wo die
Felsen ihnen den Weg zu versperren suchten. Der Eingang war mit
Farnen bedeckt, die die Kalksteinschichten vollständig überwucherten.
Der übrige Teil des Berges war dicht bewaldet. Hier wuchsen hohe
Eichen und mächtige Tannen mit Stämmen, gleich moosigen Säulen, von
deren Zweigen Gewinde von Efeu und Mistel herniederhingen, ebenso
Persimonbäume, deren Wohlgeruch jeden Winkel des Waldes durchdrang
-- ein verlockendes, duftendes Etwas, das das Herz fröhlich machte.
Stellenweise zogen sich wilde Weinreben von Baum zu Baum und bildeten
Lauben, die der Lieblingsaufenthalt von Schmetterlingen und summenden
Insekten waren. Es war köstlich, sich am späten Nachmittag unter den
grünen Gewölben und in den Irrgängen jenes Waldes zu verlieren und den
kühlen erquickenden Duft einzuatmen, der bei Sonnenuntergang aus der
Erde emporstieg.
Unser Landhaus war eine Art Jagdhütte, schön gelegen auf dem Gipfel des
Berges zwischen Eichen und Fichten. Die kleinen Zimmer befanden sich
zu beiden Seiten einer langen, offenen Halle. Rings um das Haus dehnte
sich ein weiter Platz aus, zu dem die Bergeswinde alle Wohlgerüche des
Waldes herübertrugen. Auf diesem Platze brachten wir den größten Teil
des Tages zu -- hier arbeiteten, aßen und spielten wir. An der hinteren
Tür des Hauses erhob sich ein mächtiger Nußbaum, um den herum Stufen
führten, und vorn standen die Bäume so nahe, daß ich sie berühren und
fühlen konnte, wenn der Wind ihre Zweige hin und her bewegte, oder das
Laub in den Herbststürmen zu Boden wirbelte.
Wir hatten viel Besuch in Fern Quarry. Abends spielten die Männer am
Lagerfeuer Karten und vertrieben sich die Zeit mit Gesprächen und
körperlichen Uebungen. Sie erzählten Wunderdinge von ihren Jagden
auf Hühner, Fische und allerlei Wild -- wie viele wilde Enten und
Truthühner sie geschossen, was für Forellen sie gefangen und wie die
die schlauesten Füchse und die klügsten Opossums überlistet und die
schnellsten Hirsche eingeholt hatten, bis ich der Ueberzeugung war,
daß sicherlich Löwen, Tiger, Bären und die übrigen reißenden Tiere
allesamt diesen verschlagenen Jägern keinen Widerstand leisten könnten.
Auf morgen zur Jagd! lautete ihr Gutenachtgruß, wenn sich der Kreis der
lustigen Freunde bei Einbruch der Nacht auflöste. Die Männer schliefen
in der Halle vor der Haustür, und ich konnte das tiefe Atmen der Hunde
und Jäger spüren, wenn sie auf ihren improvisierten Betten lagen.
Bei Tagesanbruch wurde ich durch den Geruch von Kaffee, das Klirren
von Gewehren und die schweren Tritte der Männer geweckt, die jetzt
umhergingen voll froher Hoffnung auf einen glücklichen Jagderfolg.
Ebenso konnte ich das Stampfen ihrer Pferde spüren, die unter den
Bäumen angebunden waren, wo sie die ganze Nacht über gestanden hatten,
laut wiehernd und ungeduldig das Loskoppeln erwartend. Endlich stiegen
die Herren zu Pferde, und „fort trabten“, wie es in alten Liedern
heißt, „die Rosse, mit klirrendem Zaumzeug, unter Peitschengeknall
und Hundegebell“, und „fort trabten die Jäger mit lauten Hussa- und
Hallorufen“.
Im Laufe des Vormittags trafen wir die Vorbereitungen für das
Jagdessen. Ein Feuer wurde auf dem Boden eines tiefen Loches, das in
die Erde gegraben war, angezündet, große Scheite wurden kreuzweise
darüber gelegt und die Fleischstücke an diesen aufgehängt oder an
Spießen gebraten. Um das Feuer herum kauerten Neger und verscheuchten
die Fliegen mit langen Zweigen. Der würzige Duft des Fleisches machte
mich hungrig, lange bevor die Tische gedeckt waren.
Hatte das aufgeregte Treiben seinen Höhepunkt erreicht, so kehrten
die Teilnehmer an der Jagd zurück und erschienen in Gruppen von zwei
oder drei, die Männer heiß und müde, die Pferde mit Schaum bedeckt,
die abgehetzten Hunde keuchend und niedergeschlagen -- und kein Stück
Jagdbeute! Jedermann erklärte, er habe wenigstens einen Hirsch gesehen
und das Tier sei ihm auch ganz nahe gekommen; so eifrig aber auch die
Hunde das Wild verfolgten, so genau die Schützen zielen mochten --
beim Abfeuern des Gewehres war kein Hirsch mehr zu erblicken. Man war
so glücklich gewesen wie der kleine Junge, der da erklärte, er habe
+beinahe+ ein Kaninchen gesehen -- denn er sah dessen Fährte. Die
Gesellschaft vergaß aber bald ihre Enttäuschung, und wir setzten uns
zu Tische, freilich nicht zum Wildbretschmause, wohl aber zu einem
zahmeren Mahle von Kalb- und geröstetem Schweinefleisch.
Eines Sommers hatte ich mein Pony mit nach Fern Quarry genommen. Ich
nannte ihn dort Black Beauty, da ich soeben das Buch mit diesem Titel
gelesen hatte, und er glich seinem Namensvetter in jeder Hinsicht, von
seinem glänzenden schwarzen Felle bis zu der Blässe auf seiner Stirn.
Ich brachte viele meiner glücklichsten Stunden auf seinem Rücken zu.
Gelegentlich, wenn es durchaus keine Gefahr hatte, ließ meine Lehrerin
den Leitzügel los, und dann ging der Pony gemächlich weiter oder machte
nach Belieben Halt, um Gras abzurupfen oder das Laub der an der Seite
des schmalen Weges stehenden Bäume zu benagen.
An den Vormittagen, an denen ich keine Lust hatte, auszureiten, machten
meine Lehrerin und ich nach dem Frühstück einen Spaziergang in die
Wälder und verloren uns gern inmitten der Bäume und Weinranken, ohne
einen anderen Weg unter unseren Füßen zu haben, als die von Kühen und
Pferden getretenen Pfade. Oft kamen wir an undurchdringliche Dickichte,
die uns zwangen, sie im Bogen zu umgehen. Stets kehrten wir zu dem
Landhause mit einer Last von wildem Lorbeer, Goldregen, Farnen und
prächtigen Wasserlilien zurück, wie sie nur im Süden gedeihen.
Bisweilen ging ich mit Mildred und meinen kleinen Vettern fort, um
Persimonpflaumen zu suchen. Ich aß die nicht, liebte aber ihren Duft
und freute mich, wenn ich sie unter Laub und Gras entdeckte. Auch Nüsse
sammelten wir, und ich half beim Aushülsen der Haselnüsse, sowie beim
Zerschlagen der Schalen der Hickory- und Walnüsse -- der großen, süßen
Walnüsse.
Am Fuße des Berges lief eine Eisenbahn entlang, und die Kinder
beobachteten das Vorbeifahren der Züge. Mitunter schreckte uns ein
fürchterliches Pfeifen empor, dann erzählte mir Mildred in großer
Aufregung, daß sich eine Kuh oder ein Pferd auf die Schienen verirrt
habe. In der Entfernung von ungefähr einer Meile befand sich eine
Eisenbahnbrücke, die einen tiefen Abgrund überspannte. Es war sehr
schwierig, hinüberzugehen; die Bohlen standen weit auseinander und
waren so schmal, daß man die Empfindung hatte, als ginge man auf
Messerschneiden. Ich hatte die Brücke nie benutzt, bis eines Tages
Mildred, Fräulein Sullivan und ich uns in den Wäldern verirrt hatten
und stundenlang umherwanderten, ohne einen Pfad zu finden.
Plötzlich streckte Mildred ihre kleine Hand aus und rief: Dort ist die
Brücke! Wir hätten noch einen anderen Weg einschlagen können, aber es
war spät, und die Dunkelheit brach schon herein, und auf der Brücke
schnitt man eine bedeutende Strecke ab. Ich mußte mit meinen Füßen nach
den Schienen fühlen, aber ich hatte keine Furcht und schritt tapfer
vorwärts, bis auf einmal aus der Ferne ein schwaches Puff, Puff ertönte.
Ich sehe den Zug! rief Mildred, und in der nächsten Minute würde er uns
erreicht haben, wenn wir nicht auf die Kreuzbalken heruntergeklettert
wären, während er über unseren Köpfen davonbrauste. Ich fühlte den
heißen Dampf der Lokomotive in meinem Gesicht, und der Rauch und die
Asche erstickten uns beinahe. Als der Zug vorüberrollte, schwankte die
Brücke so, daß ich glaubte, wir würden in die Schlucht hinunterstürzen.
Mit der äußersten Schwierigkeit gelangten wir wieder auf das Geleise.
Lange nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Haus und fanden
es leer; die ganze Familie war ausgezogen, um uns zu suchen.
Zwölftes Kapitel.
Besuch im Norden. -- Wintervergnügungen.
Nach meinem ersten Besuche in Boston brachte ich beinahe jeden Winter
im Norden zu. Einmal besuchte ich ein Dorf in Neuengland mit seinen
zugefrorenen Seen und seinen weiten Schneefeldern. Damals fand ich
Gelegenheit, wie ich sie nie zuvor gehabt hatte, die Annehmlichkeiten
einer Schneelandschaft kennen zu lernen.
Ich erinnere mich noch, wie erstaunt ich war, als ich entdeckte, daß
eine geheimnisvolle Hand das Laub von Bäumen und Sträuchern gestreift
und nur hier und da ein vertrocknetes Blatt zurückgelassen hatte. Die
Vögel waren fortgezogen, und ihre leeren Nester auf den kahlen Bäumen
waren mit Schnee gefüllt. Der Winter lag auf Hügel und Feld. Die Erde
schien unter seiner eisigen Berührung erstarrt zu sein, und selbst die
Geister der Bäume hatten sich bis zu den Wurzeln hinabgeflüchtet und
lagen, in der Finsternis zusammengekrümmt, im festen Schlafe. Alles
Leben schien erstorben zu sein, und selbst wenn die Sonne hervorkam,
war der Tag
Trüb und kalt,
Als seien ihre Adern saftlos und alt;
Die Sonne erhob sich matt und schwer
Und warf einen müden Blick über Land und Meer.
Das dürre Gras und die Sträucher waren in einen Wald von Eiszapfen
verwandelt.
Dann kam ein Tag, an dem die scharfe Luft das Herannahen eines
Schneefalles ankündigte. Wir eilten ins Freie, um zu fühlen, wie die
ersten zarten Flocken herniedersanken. Stunde um Stunde schwebten
die Flocken schweigend und weich aus ihrer luftigen Höhe zur Erde
herab, und die Gegend bekam immer mehr das Aussehen einer Ebene. Eine
Schneenacht breitete sich über die Welt aus, und am Morgen konnte man
kaum noch einen Zug der Landschaft erkennen. Alle Wege waren verweht,
keine einzige Landmarke war mehr sichtbar -- ringsum eine Schneewüste
mit vereinzelt aus ihr hervorragenden Bäumen.
Am Abend erhob sich ein Wind aus Nordost, und die Flocken wirbelten
in rasendem Tanze durcheinander. Wir saßen um den großen Herd herum,
erzählten uns lustige Geschichten und waren vergnügt und heiter;
dabei vergaßen wir ganz, daß wir uns inmitten einer trostlosen Einöde
befanden, abgeschlossen von jeder Verbindung mit der Außenwelt. Während
der Nacht steigerte sich die Gewalt des Sturmes derart, daß er uns
mit einer unbestimmten Furcht erfüllte. Die Dachsparren knarrten und
stöhnten, und die Zweige der das Haus umgebenden Bäume ächzten und
schlugen gegen die Fenster, während der Sturm über die Landschaft
hinraste.
Am dritten Tage nach dem Beginn des Unwetters hörte das Schneetreiben
auf. Die Sonne brach durch die Wolken und beschien eine weite,
wellige Ebene. Hohe Dämme, phantastisch gestaltete Schneehaufen und
undurchdringliche Schneewehen zogen sich in allen Richtungen dahin.
Es wurden nun schmale Pfade durch die Schneewehen geschaufelt. Ich zog
meinen Mantel an, setzte meinen Hut auf und ging hinaus. Die Luft war
so scharf, daß meine Wangen wie Feuer brannten. Bald die gebahnten
Pfade benutzend, bald unseren Weg selbständig durch die niedrigeren
Wehen bahnend, gelangten wir endlich an eine große Fichte, die am
Rande einer breiten Wiese stand. Die Bäume ragten bewegungslos und
weiß gleich Figuren auf einem Marmorfriese empor. Die Fichtennadeln
spendeten heute keinen Duft. Die Strahlen der Sonne fielen auf die
Bäume, sodaß die Zweige wie Diamanten funkelten und viele von ihnen
abbrachen, sobald wir sie berührten. So blendend war das Licht, daß es
sogar die Finsternis, die auf meinen Augen lag, durchdrang.
Im Verlauf der Zeit wurden die Schneewehen immer kleiner, aber bevor
sie gänzlich verschwunden waren, kam ein anderes Unwetter, sodaß
ich kaum einmal im Winter die bloße Erde unter meinen Füßen fühlte.
Allmählich verloren die Bäume ihre Eishülle, und die Binsen und
Sträucher traten in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder hervor, aber
der See lag trotz des hellen Sonnenscheins gefroren und hart da.
Unser Lieblingsvergnügen in diesem Winter war Schlittenfahren.
Stellenweise erhebt sich das Ufer des Sees steil über dem
Wasserspiegel. Diese jähen Abhänge benutzten wir zu unserer Abfahrt.
Wir setzten uns auf unseren Handschlitten, ein Knabe versetzte uns
einen Stoß, und fort flogen wir! Wir durchschnitten Schneewehen,
flogen über Vertiefungen hinweg, sausten auf den See hinaus und
schossen über dessen schimmernde Oberfläche hin bis zum anderen Ufer.
Was für ein Jubel! Was für eine herzerfrischende Tollheit! Für einen
wilden, seligen Augenblick zerbrachen wir die Kette, die uns an die
Erde schmiedet, wir reichten den Winden die Hand und fühlten uns
göttergleich!
Dreizehntes Kapitel.
Rückblick auf die früheren Versuche, zu sprechen. -- Ragnhild Kaata.
-- Unterricht in der Lautsprache bei Fräulein Fuller. -- Freude über
den Erfolg. -- Ablesen von den Lippen mittels der Finger. -- Gebrauch
des Fingeralphabets.
Im Frühjahr 1890 lernte ich sprechen.[5] Ich hatte stets ein starkes
Verlangen in mir gefühlt, hörbare Laute auszustoßen. Ich pflegte Töne
hervorzubringen, wobei ich die eine Hand an meinen Kehlkopf legte,
während die andere den Bewegungen der Lippen folgte. Ich freute
mich über alles, was ein Geräusch machte, und liebte es, zu fühlen,
wie die Katze schnurrte und der Hund bellte. Ebenso legte ich mit
Vorliebe die Hand an den Kehlkopf eines Sängers oder auf ein Klavier,
wenn es gespielt wurde. Ehe ich Gesicht und Gehör verlor, hatte ich
bereits sprechen gelernt, aber nach meiner Krankheit hörte ich auf zu
sprechen, weil ich nicht mehr hören konnte. Ich pflegte den ganzen
Tag über auf dem Schoße meiner Mutter zu sitzen und meine Hände an
ihr Gesicht zu halten, weil es mir Vergnügen machte, die Bewegungen
ihrer Lippen zu fühlen, und auch ich bewegte meine Lippen, obgleich
ich vergessen hatte, was Sprechen sei. Meine Bekannten behaupten, daß
ich auf natürliche Art lachte und weinte, und eine Zeitlang brachte
ich allerlei Töne und Wortbestandteile hervor, nicht weil sie ein
Verständigungsmittel bildeten, sondern weil ich die gebieterische
Notwendigkeit in mir fühlte, meine Stimmorgane zu üben. Es gab
jedoch ein Wort, an dessen Bedeutung ich mich immer noch erinnerte,
nämlich ~water~. Ich sprach es ~wa--wa~ aus. Selbst dieses wurde
immer unverständlicher bis zu der Zeit, als Fräulein Sullivan mich zu
unterrichten begann. Ich hörte erst auf, es zu gebrauchen, als ich
gelernt hatte, das Wort mit meinen Fingern zu buchstabieren.
Ich hatte längst erkannt, daß meine Umgebung sich anderer
Verständigungsmittel bediente als ich, und schon ehe ich erfuhr,
daß ein taubstummes Kind sprechen lernen kann, war ich mir meiner
Unzufriedenheit mit den Verständigungsmitteln, über die ich bereits
verfügte, bewußt. Wer gänzlich auf das Fingeralphabet angewiesen
ist, trägt stets eine Empfindung mit sich herum, als werde er durch
etwas zurückgehalten, eingeengt. Diese Empfindung begann mich mit
einem beunruhigenden, vorwärts treibenden Bewußtsein eines Mangels,
der beseitigt werden müsse, zu erfüllen. Meine Gedanken wollten sich
oft aufschwingen und wie die Vögel gegen den Wind ankämpfen, und ich
übte meine Lippen und meine Stimme beharrlich weiter. Freunde suchten
mich von diesen Bemühungen abzubringen, weil sie fürchteten, sie
würden zu nichts weiter führen als zu einer Enttäuschung. Aber ich
blieb beharrlich dabei, und bald trat etwas ein, was schließlich zur
Beseitigung dieses für unüberwindlich geltenden Hindernisses führen
sollte -- ich erfuhr die Geschichte von Ragnhild Kaata.
Im Jahre 1890 kam Frau Lamson, eine von Laura Bridgmans Lehrerinnen,
die soeben von einer Reise nach Schweden und Norwegen zurückgekehrt
war, zu mir, um mich zu besuchen, und erzählte mir von Ragnhild Kaata,
einem taubstummen und blinden Mädchen in Norwegen, das tatsächlich
sprechen gelernt hatte. Frau Lamson hatte kaum ihre Erzählung von dem
Erfolge dieses Mädchens beendet, als ich Feuer und Flamme war. Auch
ich faßte den Entschluß, sprechen zu lernen. Ich wollte mich nicht
zufrieden geben, bis mich meine Lehrerin zu Fräulein Sarah Fuller, der
Leiterin der Horace Mann-Schule mitnahm, um diese zu bitten, ihr mit
Rat und Tat beizustehen. Diese liebenswürdige, sanfte Dame erbot sich
dazu, mich selbst zu unterrichten, und wir begannen am 26. März 1890.
Fräulein Fullers Methode war folgende: sie legte meine Hand leicht über
ihr Gesicht und ließ mich die Stellung ihrer Zunge und ihrer Lippen
fühlen, wenn sie einen Ton hervorbrachte. Ich war voller Eifer, ihr
jede Bewegung nachzumachen, und binnen einer Stunde hatte ich sechs
Elemente der Sprache erlernt: ~m~, ~p~, ~a~, ~s~, ~t~, ~i~. Fräulein
Fuller erteilte mir im ganzen elf Unterrichtsstunden. Ich werde nie das
Erstaunen und die Freude vergessen, die mich erfüllten, als ich meinen
ersten zusammenhängenden Satz aussprach: ~It is warm.~ Es waren ja nur
abgerissene und gestammelte Silben, aber es war menschliche Sprache.
Meine Seele, die sich einer neuen Kraft bewußt geworden war, war von
der Knechtschaft erlöst und fand durch diese abgerissenen Sprachsymbole
den Zugang zu aller Erkenntnis und allem Glauben.
Kein taubstummes Kind, das ernstlich versucht hat, die Worte
auszusprechen, die es nie gehört hat -- um aus dem Kerker des
Schweigens herauszukommen, in dem kein Ton der Liebe, kein Vogelgesang,
keine Musik je die Stille unterbricht -- kann den Schauer des
Erstaunens, die Freude der Entdeckung vergessen, die es übermannten,
als es sein erstes Wort aussprach. Nur jemand, der in ähnlicher Lage
gewesen ist, kann den Eifer ermessen, mit dem ich zu meinem Spielzeuge,
zu Steinen, Bäumen, Vögeln und stummen Tieren sprach, oder das
Entzücken nachfühlen, das ich empfand, wenn Mildred auf meinen Ruf zu
mir eilte oder meine Hunde meinen Befehlen gehorchten. Es bildet einen
unsäglichen Gewinn für mich, in geflügelten Worten sprechen zu können,
die keiner Uebertragung bedürfen. Als ich sprach, schwangen sich aus
meinen Worten glückliche Gedanken empor, die sich vielleicht vergeblich
bemüht hätten, sich aus meinen Fingern herauszuarbeiten.
Aber man darf nicht glauben, daß ich in dieser kurzen Zeit wirklich
sprechen gelernt hätte. Ich hatte nur die Elemente der Sprache erlernt.
Fräulein Fuller und Fräulein Sullivan konnten mich verstehen, aber die
meisten Leute hätten von hundert Wörtern nicht ein einziges verstanden.
Auch ist es nicht wahr, daß ich nach Erlernung dieser Elemente alles
übrige aus eigener Kraft erreichte. Ohne Fräulein Sullivans Genialität,
ohne ihre unermüdliche Ausdauer und Hingebung hätte ich mich der
natürlichen Sprache nie so weit nähern können, wie ich es in Wahrheit
getan habe. Vor allen Dingen mühte ich mich Tag und Nacht ab, ehe ich
mich selbst meinen intimsten Freunden verständlich machen konnte,
dann aber bedurfte ich beständig Fräulein Sullivans Hilfe bei meinen
Bemühungen, jeden Laut deutlich zu artikulieren und alle Laute auf die
mannigfaltigste Weise zu verbinden. Noch jetzt lenkt sie täglich meine
Aufmerksamkeit auf die fehlerhafte Aussprache einzelner Wörter.
Jeder Taubstummenlehrer weiß, was dies bedeutet, und nur ein solcher
kann überhaupt die Schwierigkeiten würdigen, mit denen ich zu kämpfen
hatte. Beim Ablesen von den Lippen meiner Lehrerin war ich gänzlich
von meinen Fingern abhängig; ich hatte mich des Tastsinnes bei der
Wahrnehmung der Schwingungen des Kehlkopfes, der Bewegungen des Mundes
und des Gesichtsausdrucks zu bedienen, und oft täuschte sich dieser
Sinn. In solchen Fällen war ich genötigt, die Wörter oder Sätze oft
stundenlang zu wiederholen, bis ich den entsprechenden Klang in meiner
eigenen Stimme fühlte. Meine Arbeit bestand in Uebung, Uebung, Uebung.
Entmutigung und Ermüdung warfen mich oft nieder; aber im nächsten
Augenblick spornte mich der Gedanke, daß ich bald zu Hause bei meinen
Lieben sein und ihnen zeigen würde, was ich erreicht hätte, von neuem
an, und ich stellte mir stets ihre Freude bei dem Gelingen meiner
Bemühungen vor Augen.
„Meine kleine Schwester wird mich jetzt verstehen können,“ war ein
Gedanke, der stärker war als alle Hindernisse. Ich pflegte voller
Begeisterung zu wiederholen: „Ich bin jetzt nicht mehr stumm.“ Ich
konnte nicht verzweifeln, weil ich mir die Freude, zu meiner Mutter
sprechen und ihr die Antworten von den Lippen ablesen zu können, mit
den glänzendsten Farben ausmalte. Es überraschte mich, zu finden,
wie viel leichter es ist, zu sprechen, als mit den Fingern zu
buchstabieren, und ich schaltete meinerseits das Fingeralphabet als
Verständigungsmittel aus; doch bedienen sich Fräulein Sullivan und
ein paar Freunde noch seiner in der Unterhaltung mit mir, denn es ist
bequemer und rascher, als das Ablesen von den Lippen.
Es ist hier vielleicht der geeignete Ort, etwas über den Gebrauch
unseres Fingeralphabets zu sagen, das manche, die uns nicht kennen,
zu befremden scheint. Wer mittelst seiner Hand mir vorliest oder
mit mir spricht, bedient sich in der Regel des von den Taubstummen
gebrauchten einhändigen Fingeralphabets. Ich lege meine Hand so leicht
auf die Hand des Sprechenden, daß keine ihrer Bewegungen gehemmt
wird. Die Stellung der Hand ist ebenso leicht zu fühlen wie zu sehen.
Ich fühlte ebensowenig jeden Buchstaben wie andere jeden Buchstaben
für sich sehen, wenn sie lesen. Beständige Uebung macht die Finger
äußerst biegsam, und einige meiner Freunde buchstabieren sehr rasch,
beinahe so rasch, wie jemand auf der Schreibmaschine schreibt. Das
bloße Buchstabieren ist selbstverständlich in nicht höherem Grade eine
bewußte Handlung als das Schreiben.
Als ich mir die Sprache angeeignet hatte, konnte ich es kaum erwarten,
nach Hause zu kommen. Endlich nahte der glückliche Augenblick. Während
der Rückreise hatte ich fortwährend mit Fräulein Sullivan gesprochen,
nicht um zu sprechen, sondern um mich bis zur letzten Minute zu
vervollkommnen. Fast ehe ich es ahnte, hielt der Zug auf dem Bahnhofe
in Tuscumbia, und auf dem Perron stand die ganze Familie. Meine Augen
füllen sich noch jetzt mit Tränen, wenn ich daran denke, wie mich
meine Mutter sprachlos und zitternd vor Freude an ihr Herz drückte und
auf jede Silbe, die ich sprach, atemlos lauschte, während die kleine
Mildred meine freie Hand ergriff, sie küßte und umhertanzte, und mein
Vater seinen Stolz und seine Liebe durch tiefes Schweigen bekundete.
Es war, als sei Jesaias Prophezeiung an mir in Erfüllung gegangen: Die
Berge und Hügel werden vor dir Lieder anstimmen, und alle Bäume des
Feldes werden vor Freude in ihre Hände klatschen.
[5] Vergl. Helens Brief S. 161 ff. und Fräulein Sullivans Bericht
S. 311 ff.
Vierzehntes Kapitel.
Die Frostkönig-Episode. -- Betrachtungen über Schriftstellerei.
Der Winter des Jahres 1892 wurde durch eine Wolke an dem heiteren
Himmel meiner Kindheit getrübt. Anstatt der Freude waren für lange,
lange Zeit Zweifel, Sorge und Furcht bei mir eingekehrt. Die Bücher
verloren ihren Reiz für mich, und noch jetzt schnürt sich mir bei dem
Gedanken an jene schrecklichen Tage das Herz zusammen. Eine kleine
Geschichte mit dem Titel »Der Frostkönig«,[6] die ich schrieb und
an Herrn Anagnos, den Direktor des Perkinsschen Blindeninstitutes
schickte, bildete die Veranlassung zu all der Unruhe. Um die Sache
klarzustellen, muß ich die Tatsachen in Verbindung mit folgender
Episode auseinandersetzen, die zu erwähnen mich sowohl die
Gerechtigkeit gegen meine Lehrerin wie gegen mich selbst nötigt.
Ich schrieb die Erzählung, als ich zu Hause war, in dem Herbste,
nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir waren von Fern Quarry
später als gewöhnlich aufgebrochen. Während unseres Aufenthaltes
dort hatte mir Fräulein Sullivan die Schönheiten des herbstlichen
Laubes beschrieben, und es scheint, als hätten ihre Schilderungen
die Erinnerung an ein Märchen wachgerufen, das mir offenbar einmal
vorgelesen worden war und das ich unbewußt behalten haben muß. Ich
glaubte damals eine „Geschichte zu machen“, wie die Kinder sagen, und
setzte mich voller Eifer hin, die niederzuschreiben, ehe sich die
Gedanken wieder verflüchtigten. Die Gedanken flossen mir leicht aus
der Feder; ich empfand lebhafte Freude bei der Ausarbeitung. Worte und
Bilder strömten mir in reicher Fülle zu, und während ich mir einen Satz
nach dem anderen ausdachte, schrieb ich alles mit meinem Braillegriffel
nieder. Wenn mir jetzt Worte und Bilder ohne besondere Anstrengung
kommen, so betrachte ich dies als einen ziemlich sicheren Beweis dafür,
daß sie nicht mein geistiges Eigentum, sondern fremdes Gut sind, von
dem ich nichts wissen will. Damals aber nahm ich alles, was ich las,
begierig auf ohne irgend einen Gedanken an Verfasserrecht, und selbst
jetzt kann ich die Grenzlinie zwischen meinen Gedanken und denen, die
ich in meinen Büchern finde, nicht ganz scharf ziehen. Ich glaube, dies
liegt daran, daß mir soviele Eindrücke durch die Vermittlung der Augen
und Ohren anderer zugehen.
Als ich mit meiner Erzählung fertig war, las ich sie meiner Lehrerin
vor, und ich erinnere mich noch jetzt lebhaft der Freude, die ich bei
den gelungenen Stellen empfand, sowie meiner Ungeduld, wenn ich durch
die Verbesserung der Aussprache eines Wortes unterbrochen wurde. Beim
Mittagessen wurde sie der versammelten Familie vorgelesen, die ganz
erstaunt war, daß ich so gut schrieb. Es fragte mich auch jemand, ob
ich sie nicht in irgend einem Buche gelesen hätte.
Diese Frage überraschte mich sehr, denn ich hatte nicht die geringste
Erinnerung daran, daß sie mir je vorgelesen worden sei. Ich sagte daher
mit aller Entschiedenheit: O nein, es ist eine Geschichte von mir, und
ich habe sie für Herrn Anagnos geschrieben.
Demgemäß schrieb ich die Erzählung ab und schickte sie dem genannten
Herrn zu seinem Geburtstage. Es wurde mir geraten, den Titel,
der ursprünglich »Herbstlaub« (~Autumn Leaves~) lautete, in »Der
Frostkönig« (~The Frost King~) umzuändern, was ich denn auch tat.
Ich trug die kleine Erzählung selbst zur Post, und es war mir dabei
zu Mute, als ob ich in den Wolken schwebte. Ich ließ mir wenig davon
träumen, wie hart ich für dieses Geburtstagsgeschenk zu büßen haben
würde.
Herr Anagnos war über den »Frostkönig« entzückt und veröffentlichte
das Märchen in einem seiner Jahresberichte über das Perkinssche
Institut. Dies war der Gipfel meiner Glückseligkeit, von dem ich aber
bald jäh wieder zur Erde geschleudert werden sollte. Ich war nur kurze
Zeit in Boston gewesen, als es sich herausstellte, daß eine ähnliche
Geschichte wie »Der Frostkönig«, nämlich »Die Frostelfen« (~The
Frost Fairies~) von Fräulein Margaret T. Canby, vor meiner Geburt
in einem Buche mit dem Titel »Birdie und seine Freunde« (~Birdie
and His Friends~) erschienen sei. Die beiden Erzählungen stimmten
in Inhalt und Form so sehr überein, daß kein Zweifel darüber bleiben
konnte, daß Fräulein Canbys Märchen mir vorgelesen worden sein mußte,
und daß das meinige -- ein Plagiat war. Es hielt schwer, mir dies
verständlich zu machen; als ich es aber begriffen hatte, war ich tief
betrübt. Kein Kind hat je einen bittereren Kelch getrunken als ich. Ich
hatte mir Schimpf und Schande zugezogen, ich hatte Verdacht bei denen
erregt, die ich am meisten liebte. Und doch, wie war es möglich, daß
so etwas geschehen konnte? Ich zermarterte mein Gehirn unablässig, um
mich an irgend etwas zu erinnern, was ich über den Frost gelesen haben
könnte, bevor ich den »Frostkönig« schrieb; ich konnte mich aber auf
nichts entsinnen als auf die volkstümliche Redensart von Jack Frost
und ein Kindergedichtchen: »Die Launen des Frostes« (~The Freaks of
the Frost~), und ich wußte, daß ich dieses nicht bei meiner Arbeit
benutzt hatte.
Zunächst schien mir Herr Anagnos zu glauben, obgleich er großen Kummer
darüber empfand. Er war außergewöhnlich zärtlich und liebevoll zu mir,
und eine kurze Zeitlang verschwand der Schatten. Ihm zuliebe suchte ich
mich zu fassen und mich zur Feier von Washingtons Geburtstag, der bald
nach dem peinlichen Zwischenfall festlich begangen wurde, so hübsch wie
möglich zu machen.
Ich sollte die Ceres in einer Art von Maskenspiel darstellen, das von
den blinden Kindern aufgeführt wurde. Wie gut erinnere ich mich an
das reizvolle Gewand, das mich umhüllte, an das bunte Herbstlaub, das
mein Haupt schmückte, an die Früchte und Aehren zu meinen Füßen und
in meinen Händen, und unter all der Heiterkeit des Maskenspiels das
drückende Bewußtsein eines nahenden Unheils, das mir das Herz schwer
machte!
Am Abend vor der Feier hatte eine der Institutslehrerinnen eine
Frage betreffs des »Frostkönigs« an mich gerichtet, und ich hatte
ihr geantwortet, daß Fräulein Sullivan mir von Jack Frost und seinen
Wunderwerken erzählt habe. Irgend eine Aeußerung von mir schien sie als
Geständnis aufzufassen, daß ich mich an Fräulein Canbys Märchen von den
»Frostelfen« erinnere, und sie teilte Herrn Anagnos dies mit, obgleich
ich ihr ganz entschieden erklärte, sie habe mich mißverstanden.
Herr Anagnos, der mich zärtlich liebte, blieb den Beteuerungen meiner
Liebe und Unschuld gegenüber taub, da er getäuscht worden zu sein
glaubte. Er war der Meinung oder hegte wenigstens den Verdacht,
daß Fräulein Sullivan und ich uns bewußt die Gedanken einer anderen
angeeignet und sie ihm in betrügerischer Absicht zugeschickt hätten,
um Bewunderung bei ihm zu finden. Ich wurde vor ein Gericht gestellt,
das aus den Lehrern und Beamten des Institute bestand, und Fräulein
Sullivan wurde aufgefordert, mich allein zu lassen. Dann wurde ich
einem förmlichen Kreuzverhör unterworfen, das mich auf die Vermutung
brachte, meine Richter seien fest entschlossen, mich zu dem Geständnis
zu zwingen, ich erinnerte mich, daß mir das Märchen »Die Frostelfen«
vorgelesen worden sei. Ich fühlte aus jeder Frage den Zweifel und den
Verdacht heraus, den sie in ihrem Innern hegten, und ebenso empfand ich
es, daß ein geliebter Freund uns vorwurfsvoll betrachtete, obgleich
ich dies alles nicht in Worte fassen konnte. Alles Blut drängte sich
mir nach meinem wild pochenden Herzen, und ich konnte kaum sprechen
außer in abgerissenen Worten und Silben. Selbst das Bewußtsein, das
Ganze sei nur ein furchtbares Mißverständnis, konnte meinen Schmerz
nicht lindern, und als ich schließlich das Zimmer verlassen durfte, war
ich noch ganz außer mir und achtete weder auf die Liebkosungen meiner
Lehrerin noch auf die zärtlichen Worte meiner Freunde, die mir sagten,
ich sei ein braves Mädchen, auf das man stolz sein könne.
Als ich diese Nacht in meinem Bette lag, weinte ich so herzbrechend,
wie hoffentlich wenige Kinder geweint haben. Mir war so eisig kalt,
daß ich glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben, und dieser
Gedanke tröstete mich. Ich glaube, wenn dieser Schlag mich einige Jahre
später getroffen hätte, so würde mein Geist unrettbar zusammengebrochen
sein. Aber der Engel des Vergessens hat viel von dem Elend und der
Bitternis dieser traurigen Tage aufgesammelt und mit sich fortgenommen.
Fräulein Sullivan hatte nie von den »Frostelfen« oder dem Buch, in
dem das Märchen erschienen war, gehört. Mit ~Dr.~ Alexander Grahams
Hilfe untersuchte sie die Sache gründlich, und schließlich stellte es
sich heraus, daß Frau Sophia C. Hopkins im Jahre 1888 ein Exemplar von
Fräulein Canbys »Birdie und seine Freunde« besaß, als wir den Sommer
mit ihr in Brewster zubrachten. Frau Hopkins konnte das Buch nicht mehr
finden, sie hat mir aber erzählt, daß sie, während Fräulein Sullivan
auf einer Ferienreise begriffen war, versucht habe, mir durch Vorlesen
aus verschiedenen Büchern die Zeit zu vertreiben, und obgleich sie sich
nicht deutlicher als ich erinnern konnte, die »Frostelfen« gelesen zu
haben, war sie doch ganz sicher, daß sich ein Exemplar von »Birdie und
seine Freunde« unter diesen Büchern befunden habe. Sie erklärte sich
das Fehlen des Buches dadurch, daß sie vor kurzem ihr Haus verkauft und
dabei verschiedene Jugendschriften, sowie alte Schulbücher und Märchen
verschenkt hatte, und daß sich die betreffende Erzählung wahrscheinlich
unter diesen befunden hätte.
Erzählungen hatten damals wenig oder gar kein Interesse für mich; aber
das bloße Buchstabieren der seltsamen Worte genügte, einem kleinen
Mädchen die Zeit zu vertreiben, das selber beinahe nichts zu seiner
Unterhaltung beitragen konnte, und obgleich ich mich keines einzelnen
Umstandes bei dieser Lektüre entsinne, kann ich doch nicht umhin
zu glauben, daß ich mir die größte Mühe gegeben habe, die Worte zu
behalten, in der Absicht, sie meiner Lehrerin nach ihrer Rückkehr
zu wiederholen. Das eine ist unzweifelhaft, die Sprache war mir
unauslöschlich eingeprägt, obgleich dies lange Zeit niemand wußte, am
wenigsten ich selbst.
Als dann Fräulein Sullivan zurückkam, sprach ich mit ihr nicht über
die »Frostelfen«, wahrscheinlich, weil sie sofort begann, mir den
»Kleinen Lord Fauntleroy«[7] vorzulesen, der mich so begeisterte,
daß ich an nichts anderes denken konnte. Aber die Tatsache bleibt
bestehen, daß mir Fräulein Canbys Märchen früher vorgelesen worden war
und daß es sich mir, lange nachdem ich es vergessen hatte, mit solcher
Ursprünglichkeit wieder aufdrängte, daß ich nie auf den Verdacht
geriet, es könne das Geisteskind einer anderen sein.
Mitten in meinem Schmerze erhielt ich viele Beweise der Liebe und
Teilnahme. Alle Freunde, die ich am meisten liebte, sind mir damals bis
auf einen treu geblieben. Fräulein Canby selbst schrieb mir freundlich:
Eines Tages werden Sie ein Märchen eigener Erfindung schreiben, das
viele aufrichten und erheben wird. -- Aber diese Prophezeiung ist
nie in Erfüllung gegangen. Ich habe nie mehr zum Zwecke der bloßen
Unterhaltung mit Worten gespielt. In der Tat bin ich seitdem stets von
dem Gedanken gequält worden, daß das, was ich schreibe, nicht mein
geistiges Eigentum ist. Lange Zeit wurde ich, wenn ich einen Brief
schrieb, selbst an meine Mutter, von einem plötzlichen Angstgefühl
befallen und ich zergliederte meine Sätze auf das genaueste, um
sicher zu sein, sie nicht in einem Buche gelesen zu haben. Ohne
den unausgesetzten Zuspruch Fräulein Sullivans würde ich, wie ich
glaube, jeden weiteren Versuch, mich schriftstellerisch zu betätigen,
aufgegeben haben.
Ich habe seitdem die »Frostelfen« gelesen und ebenso Briefe von mir, in
denen ich noch andere Gedanken Fräulein Canbys benutzt habe. In einem
von ihnen, einem Briefe an Herrn Anagnos vom 29. September 1891, finde
ich Worte und ganze Sätze, die deutlich an jenes Buch erinnern. Um
dieselbe Zeit schrieb ich den »Frostkönig«, und dieser Brief enthält
gleich vielen anderen eine Anzahl Redewendungen, die beweisen, daß mein
Geist ganz mit dem Märchen gesättigt war. Ich lege meiner Lehrerin
folgende Worte über das goldene Herbstlaub in den Mund: Ja, es ist
schön genug, um uns über die Flucht des Sommers zu trösten -- ein
Gedanke, der unmittelbar aus Fräulein Canbys Geschichte stammt.
Diese Gewohnheit, mir zu assimilieren, was mir gefiel, und es dann
als mein Eigentum auszugeben, tritt vielfach in meinem frühesten
Briefwechsel und meinen ersten schriftstellerischen Versuchen zutage.
In einem Aufsatze, den ich über die alten Städte Griechenlands und
Italiens schrieb, entnahm ich meine glühenden Schilderungen Quellen,
die ich jetzt vergessen habe. Ich kannte Herrn Anagnos’ Vorliebe
für das Altertum und seine begeisterte Verehrung für Italien und
Griechenland. Ich brachte daher aus allen Büchern, die ich las, die
Brocken von Poesie oder Geschichte an, die ihm, wie ich glaubte,
Vergnügen bereiten würden. Herr Anagnos hatte bei der Besprechung
meines Aufsatzes gesagt: Diese Gedanken sind in ihrem Kerne poetisch.
Aber ich verstehe nicht, wie er je hat der Meinung sein können, ein
blindes und taubstummes Kind von elf Jahren habe diese selbständig
gefunden. Doch kann ich nicht glauben, daß, weil diese Gedanken nicht
meinem eigenen Kopfe entsprungen sind, mein kleiner Aufsatz aus diesem
Grunde alles Interesses bar sein sollte. Er beweist mir, daß ich
imstande war, schöne, poetische Gedanken in klaren, lebendigen Worten
wiederzugeben.
Jene Jugendaufsätze stellten eine geistige Gymnastik dar. Ich lernte,
wie es alle jungen, unerfahrenen Leute tun, durch Assimilation und
Nachahmung, Gedanken in Worte zu kleiden. Alles, was ich in einem Buche
fand und was mir gefiel, bewahrte ich, bewußt oder unbewußt, in meinem
Gedächtnisse auf und paßte es meinen Zwecken an. „Wenn man zu schreiben
beginnt,“ sagt Stevenson, „versucht man unwillkürlich nachzuahmen, was
einem am bewundernswertesten erscheint, und wechselt auffallend rasch
mit den Gegenständen seiner Bewunderung. Selbst große Männer haben
erst nach jahrelanger Uebung gelernt, die Legion von Worten, die sich
auf allen möglichen Nebenwegen ihrem Geiste aufdrängten, in gehörige
Ordnung zu bringen.“
Ich fürchte, ich stehe noch jetzt mitten in dieser Entwickelung drin.
Es ist klar, daß ich nicht immer meine eigenen Gedanken von denen, die
ich irgendwo gelesen habe, sondern kann, eben weil das, was ich lese,
das eigentliche Wesen und Gefüge meines Geistes ausmacht. Infolgedessen
fördere ich beinahe in allem, was ich schreibe, etwas zutage, was
große Aehnlichkeit mit der ungeschickten Stoppelei aufweist, die ich
zustande brachte, als ich anfing, nähen zu lernen. Dieses Stoppelwerk
bestand aus allerlei Fetzen und Lappen -- hübschen Stückchen Seide und
Sammet, aber die häßlichen Flicken, die durchaus keinen gefälligen
Eindruck machten, herrschten stets vor. Ebenso bestehen meine
schriftstellerischen Leistungen aus unverarbeiteten eigenen Begriffen,
untermischt mit den klareren Gedanken und gereifteren Ansichten
der Autoren, deren Bücher ich gelesen habe. Die Hauptschwierigkeit
beim Schreiben scheint mir darin zu bestehen, daß die Sprache des
hochgebildeten Geistes unsere verworrenen Ideen -- halb Empfindungen,
halb Gedanken -- zu einer Zeit ausdrücken soll, da wir wenig mehr sind
als Bündel instinktiver Antriebe. Die ersten schriftstellerischen
Versuche haben große Aehnlichkeit mit einem Zusammenlegespiel. Wir
sehen im Geiste ein Muster vor uns, das wir mit Worten darzustellen
wünschen, aber die Worte passen nicht in die Zwischenräume, und wenn
sie es tun, stimmen sie nicht mit der Zeichnung überein. Aber wir
fahren in unseren Versuchen fort, weil wir sehen, daß andere Erfolg
gehabt haben, und wir nicht gewillt sind, unseren Mangel an Begabung
zuzugeben.
„Es gibt kein anderes Mittel, originell zu werden, als so geboren
zu sein,“ sagt Stevenson, und obgleich ich gar nicht originell sein
mag, so hoffe ich doch, dereinst meinen erkünstelten, unnatürlichen
schriftstellerischen Versuchen zu entwachsen. Dann werden vielleicht
meine eigenen Gedanken und Erfahrungen zutage treten. Inzwischen
vertraue ich, hoffe ich, arbeite ich unermüdet weiter und suche es zu
verhindern, daß die bittere Erinnerung an den »Frostkönig« etwa meine
Kreise störe.
So hat diese traurige Erfahrung für mich auch etwas Gutes im Gefolge
gehabt: sie ist die Veranlassung gewesen, daß ich über einige Probleme
der Schriftstellerei nachgedacht habe. Ich bedaure nur das eine, daß
der Vorfall den Verlust eines meiner teuersten Freunde, des Herrn
Anagnos, zur Folge hatte.
Nach der Veröffentlichung der »Geschichte meines Lebens« im ~Ladies’
Home Journal~ hat Herr Anagnos in einem Briefe an Herrn Macy geäußert,
er habe mich zu der Zeit, als sich der Vorfall mit dem »Frostkönig«
abspielte, für unschuldig gehalten. Er erklärt, das Gericht, vor das
ich gestellt wurde, habe aus acht Mitgliedern bestanden: vier blinden
und vier sehenden. Vier von diesen, behauptet er, waren der Ansicht,
Fräulein Canbys Erzählung sei mir vorgelesen worden, während die
anderen vier die entgegengesetzte Meinung vertraten. Herr Anagnos
erklärt, seine Stimme zu meinen Gunsten abgegeben zu haben.
Wie aber auch die Sache gewesen sein und in welchem Sinne er seine
Stimme abgegeben haben mag, das eine ist sicher: als ich in das Zimmer
trat, in dem mich Herr Anagnos so oft auf seinen Knien gehalten und
seine vielfachen Sorgen über meiner Lustigkeit vergessen hatte, und
hier Personen antraf, die Zweifel in mich zu setzen schienen, fühlte
ich, daß etwas Feindseliges und Drohendes in der Atmosphäre lag, und
die nachfolgenden Ereignisse haben diesen Eindruck bestätigt. Zwei
Jahre lang scheint Herr Anagnos an der Ansicht festgehalten zu haben,
daß Fräulein Sullivan und ich unschuldig seien. Dann änderte er
offenbar seine günstige Meinung, aus welchem Grunde, weiß ich nicht.
Auch die Einzelheiten der Untersuchung kenne ich nicht, und selbst
die Namen der Mitglieder des »Gerichtshofes«, die überdies während
der ganzen Verhandlung kein Wort zu mir sprachen, sind mir unbekannt
geblieben. Ich war zu aufgeregt, um auf irgend etwas zu achten, zu
eingeschüchtert, um Fragen zu stellen. In der Tat kann ich mich kaum
entsinnen, was ich sagte, oder was zu mir gesagt wurde.
Ich habe den Vorfall mit dem »Frostkönig« so ausführlich dargestellt,
da er für mein Leben und meine Erziehung von Wichtigkeit war, und
um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, habe ich alle Tatsachen
wiedergegeben, wie sie mir erscheinen, ohne die Absicht zu hegen, mich
zu verteidigen oder irgend jemand anzuklagen.
[6] Vergl. S. 323 ff.
[7] Vergl. S. 107 ff., 154.
Fünfzehntes Kapitel.
Erster Entwurf der »Lebensgeschichte«. -- Zweifel und Unruhe. --
Reise nach Washington zur Einführung des Präsidenten Cleveland, nach
dem Niagarafall und der Weltausstellung in Chicago.
Den auf den Zwischenfall mit dem »Frostkönig« folgenden Sommer und
Winter verlebte ich bei den Meinigen in Alabama. Ich erinnere mich
mit Entzücken an jene Heimreise. Alles sproßte und blühte. Ich war
glücklich. Der »Frostkönig« war vergessen.
Als der Boden sich mit den goldenen und purpurnen Blättern des Herbstes
bedeckte und die würzig duftenden Trauben, die die Laube am anderen
Ende des Gartens bedeckten, unter dem Einfluß der Sonnenwärme eine
goldigbraune Färbung annahmen, begann ich eine Skizze über mein Leben
abzufassen -- ein Jahr, nachdem ich den »Frostkönig« geschrieben hatte.
Ich war noch über die Maßen peinlich in betreff jeder Zeile,
die ich schrieb. Der Gedanke, daß meine Arbeit vielleicht nicht
mein ausschließliches geistiges Eigentum sein könne, quälte mich
unausgesetzt. Niemand wußte etwas von diesem Zagen als meine Lehrerin.
Eine seltsame Empfindlichkeit hielt mich davon ab, den »Frostkönig«
zu erwähnen, und oft wenn mir plötzlich im Laufe der Unterhaltung ein
Gedanke kam, buchstabierte ich ihr leise zu: Ich weiß nicht genau,
ob er mir gehört. Bisweilen sagte ich mir, während ich gerade einen
Satz niederschrieb: Wie, wenn es sich herausstellen sollte, daß dieses
alles schon vor langer Zeit von einem anderen gesagt worden ist? Eine
unheimliche Furcht lähmte dann meine Hand, sodaß ich an diesem Tage
nichts mehr schreiben konnte. Und selbst jetzt fühle ich noch mitunter
dasselbe Unbehagen, dieselbe Unruhe. Fräulein Sullivan tröstete und
unterstützte mich auf jede erdenkbare Weise; aber die fürchterliche
Erfahrung, die ich gemacht hatte, ließ einen bleibenden Eindruck in
meinem Geiste zurück, dessen Bedeutung ich erst jetzt zu verstehen
beginne. In der Absicht, mein Selbstvertrauen wiederherzustellen,
überredete mich meine Lehrerin, einen kurzen Abriß meines Lebens
für den ~Youth’s Companion~ zu schreiben. Ich war damals zwölf
Jahre alt. Wenn ich auf das Widerstreben zurückblicke, mit dem ich
diese kleine Arbeit niederschrieb, so kommt es mir vor, als müsse ich
eine prophetische Vision von dem Segen gehabt haben, der aus diesem
Unternehmen für mich entsprang, sonst würde ich es sicher nicht
durchgeführt haben.
Ich schrieb zaghaft, furchtsam, aber entschlossen, von meiner Lehrerin
gedrängt, die wohl einsah, daß, wenn ich die Arbeit durchführte,
ich mein Selbstvertrauen wiedergewinnen und einen Begriff von
meinen Fähigkeiten bekommen würde. Bis zu der Zeit der Episode mit
dem »Frostkönig« hatte ich das unbewußte Leben eines kleinen Kindes
geführt; nun wandten sich meine Gedanken nach innen, und ich nahm
unsichtbare Dinge wahr. Allmählich erwachte ich aus dem Hindämmern,
in das mich jene Erfahrung versetzt hatte, mit einem durch praktische
Betätigung klarer gewordenen Geist und mit einer richtigeren Erkenntnis
des Lebens.
Die Hauptereignisse des Jahres 1893 waren meine Reise nach Washington
zur Einführung des Präsidenten Cleveland und meine Besuche des
Niagarafalls und der Weltausstellung in Chicago. Unter diesen
Umständen wurden meine Studien fortwährend unterbrochen und oft viele
Wochen völlig vernachlässigt, sodaß es mir unmöglich ist, einen
zusammenhängenden Bericht von ihnen zu geben.
Zum Niagarafalle reisten wir im März 1893. Es läßt sich schwer in Worte
fassen, was ich empfand, als ich auf der die amerikanischen Fälle
überragenden Platte stand und die Luft erzittern und die Erde erbeben
fühlte.
Es erscheint vielen seltsam, daß ich einen Eindruck von den Wundern
und Schönheiten des Niagarafalles bekommen haben soll. Sie fragen mich
stets: Was ist diese Schönheit und diese Musik für Sie? Sie können die
Wogen nicht an das Ufer rollen sehen oder ihr Tosen hören. Was für eine
Bedeutung hat dies für Sie? -- Es hat im allerbuchstäblichsten Sinne
die höchste Bedeutung für mich. Ich kann seine Bedeutung ebensowenig
ergründen oder definieren, wie ich die Liebe, die Religion oder die
Güte ergründen oder definieren kann.[8]
Im Sommer 1893 besuchten wir in der Begleitung ~Dr.~ Alexander Graham
Bells die Weltausstellung. Ich erinnere mich noch heute mit durch
keinen Mißklang gestörter Freude jener Tage, an denen tausend kindische
Wünsche zu schöner Wirklichkeit erwachten. Jeden Tag machte ich eine
Reise um die Welt und sah ungezählte Wunderwerke aus den entlegensten
Teilen der Erde -- staunenswerte Erfindungen, Schätze der Industrie,
der Geschicklichkeit und aller Tätigkeiten des menschlichen Lebens
tatsächlich unter meinen Fingerspitzen vorübergleiten.
Mit Vorliebe besuchte ich die Schaustellung an dem großen Mittelwege.
Hier schienen sich mir die Märchen aus »Tausendund einer Nacht«
verkörpert zu haben, so voll von Neuem und Interessantem war alles.
Hier befand sich das Indien meiner Bücher in dem zierlichen Bazar
mit seinen Shiwas und seinen Elefantengöttern wieder; hier war das
Land der Pyramiden in ein Modell von Kairo mit seinen Moscheen und
langen Prozessionen von Kamelen zusammengedrängt; dort drüben lagen
die Lagunen von Venedig, auf denen wir jeden Abend in einer Gondel
umherfuhren, wenn die Ausstellungsgebäude und die Springbrunnen
illuminiert waren. Auch an Bord eines Wikingerschiffes ging ich, das in
kurzer Entfernung von der kleinen Werft vor Anker lag. Ich war schon
vorher, in Boston, auf einem Kriegsschiff gewesen, und es war mir
interessant, auf diesem Wikingerschiff zu sehen, wie der Seemann einst
alles in allem war -- wie er dahinsegelte und Sturm und Windstille mit
demselben unverzagten Herzen aufnahm, wie er Jagd auf jedermann machte,
der seinen wilden Ruf: Wir sind von der See! beantwortete, wie er mit
seinem Kopfe und seinen Sehnen arbeitete, selbstbewußt, selbstgenügsam,
anstatt sich durch eine intelligenzlose Maschine in den Hintergrund
drängen zu lassen, wie es heutzutage mit unseren Blaujacken der Fall
ist. So ist es stets -- „Der Mensch ist nur dem Menschen interessant.“
Nicht weit von diesem Schiffe entfernt lag ein Modell der »Santa
Maria«, die ich ebenfalls untersuchte. Der Kapitän zeigte mir Kolumbus’
Kajüte und sein Pult mit einem Stundenglase darauf. Dieses kleine
Instrument machte den tiefsten Eindruck auf mich, weil es mich daran
erinnerte, wie schwer es dem kühnen Seefahrer ums Herz gewesen sein
muß, als er den Sand Korn für Korn herunterrinnen sah, während die
verzweifelte Schiffsbesatzung einen Anschlag gegen sein Leben plante.
Der Präsident der Weltausstellung, Herr Higinbotham, gestattete mir
gütigst, die ausgestellten Gegenstände zu berühren, und mit ebenso
unersättlicher Gier, wie sie Pizarro empfunden haben muß, als er von
den Schätzen Perus Besitz ergriff, nahm ich die Herrlichkeiten der
Ausstellung in meine Hand. Diese weiße Stadt des Westens bildete eine
Art von „fühlbarem“ Kaleidoskop. Alles fesselte mich, namentlich aber
die französischen Bronzen. Sie waren so lebensvoll, daß ich glaubte, es
seien himmlische Visionen, die der Künstler aufgefangen und in irdische
Formen gebannt habe.[9]
Auf der Ausstellung des Kaplandes lernte ich viel über die Art und
Weise, in der nach Diamanten gegraben wird. Wo es mir irgend möglich
war, berührte ich die Maschine, während sie in Gang war, um eine
klarere Vorstellung von dem Abwägen, Schneiden und Schleifen der Steine
zu erhalten. Ich suchte in der Wäscherei nach einem Diamanten, und
fand ihn auch wirklich -- den einzigen echten Diamanten, heißt es, der
jemals in den Vereinigten Staaten gefunden worden ist.
~Dr.~ Bell begleitete uns überallhin und beschrieb mir in seiner
anziehenden Weise die Gegenstände, die das größte Interesse darboten.
In der elektrischen Ausstellung untersuchten wir die Telephone,
Autophone, Phonographen und andere Erfindungen, und er erklärte mir,
wie es möglich sei, eine Botschaft auf Drähten in die weite Welt zu
senden, die des Raumes spottet und der Zeit vorauseilt, und, wie es
Prometheus tat, Feuer vom Himmel herabzuholen. Ebenso besuchten wir
die anthropologische Abteilung, wo mich am meisten die mexikanischen
Altertümer interessierten, die rohen Steinarbeiten, die so oft die
einzige Erinnerung an ein Zeitalter bilden, die einfachen Denkmäler
ungebildeter Naturkinder (wie ich glaubte, als ich sie mit meinen
Fingern betastete), die bestimmt scheinen, die dereinst in Staub
zerfallenden Schriften von Königen und Weisen zu überdauern. Ebenso
fesselten die ägyptischen Mumien meine Aufmerksamkeit, vor deren
Berührung ich jedoch zurückschreckte. Von diesen Altertümern habe ich
mehr über den Fortschritt der Menschheit gelernt, als ich bis dahin je
gehört oder gelesen hatte.
Alle diese Erfahrungen bereicherten meinen Wortschatz mit einer großen
Menge neuer Ausdrücke, und in den drei Wochen, die ich dem Besuche
der Weltausstellung widmete, machte ich einen gewaltigen Fortschritt
von meinem kindlichen Interesse an Märchen und Spielzeug hin zu der
richtigen Wertschätzung der realen und ernst arbeitenden Welt.
[8] Vergl. S. 167 ff.
[9] Vergl. S. 168.
Sechzehntes Kapitel.
Geschichtsstudium. -- Studium der französischen Sprache; Lafontaine,
Molière, Racine. -- Vervollkommnung der Lautsprache. -- Latein. --
Lektüre von Cäsars »Gallischem Krieg«.
Vor dem Oktober 1893 betrieb ich meine Studien in verschiedenen Fächern
mehr oder weniger sprunghaft. Ich las Werke über griechische, römische
und amerikanische Geschichte. Ich besaß eine französische Grammatik in
Hochdruck, und da ich schon etwas Französisch verstand, machte ich oft
kurze Uebersetzungen im Kopfe, in denen ich die neuen Wörter anwandte,
wie sie mir gerade in den Wurf kamen, ohne mich im geringsten um Regeln
und sonstige Vorschriften zu kümmern. Ich suchte sogar die französische
Aussprache ohne Hilfe zu erlernen, da ich alle Buchstaben und Laute
in dem Buche erklärt fand. Natürlich war dies beinahe verlorene
Liebesmühe; aber ich hatte dann wenigstens etwas an regnerischen Tagen
zu tun, und ich erwarb mir genügende Kenntnisse im Französischen, um
mit Genuß Lafontaines »Fabeln«, Molières »~Le médecin malgré lui~« und
Stellen aus Racines »~Athalie~« mit Genuß lesen zu können.
Beträchtliche Zeit widmete ich auch der Vervollkommnung meiner Sprache.
Ich las Fräulein Sullivan laut vor und rezitierte auswendig gelernte
Stellen aus meinen Lieblingsdichtern, wobei sie meine Aussprache
verbesserte und auf richtige Betonung und Modulation achtete. Doch erst
im Oktober, als ich mich von den Strapazen und den Aufregungen meines
Besuches der Weltausstellung erholt hatte, begann ich zu bestimmten
Stunden Unterricht in einzelnen Fächern zu nehmen.
Fräulein Sullivan und ich waren zu jener Zeit in Hulton in
Pennsylvanien, auf Besuch bei Herrn William Wade und seiner Familie.
Ein in der Nähe wohnender Herr Irons war ein tüchtiger Lateiner, und
es wurde verabredet, daß ich bei ihm Unterricht haben sollte. Ich
erinnere mich seiner als eines Mannes von seltener Milde und weitem
Blicke. Hauptsächlich unterrichtete er mich in lateinischer Grammatik;
oft half er mir aber auch beim Rechnen, das ich ebenso mühsam wie
langweilig fand. Auch Tennysons »~In Memoriam~« las Herr Irons mit mir.
Ich hatte schon viele Bücher gelesen, aber niemals von einem kritischen
Standpunkte aus. Jetzt lernte ich zum ersten Male einen Schriftsteller
wirklich verstehen, ich lernte seinen Stil kennen, wie man den
Handschlag eines Freundes kennt.
Anfangs ging ich mit ziemlichem Widerstreben an das Studium der
lateinischen Grammatik. Es erschien mir widersinnig, mit der
Zergliederung jedes vorkommenden Wortes Zeit zu vergeuden -- Nomen,
Genetiv, Singular, Femininum --, wenn seine Bedeutung klar auf der
Hand lag. Nach meiner Auffassung war dies genau so, als hätte ich mein
Kätzchen folgendermaßen beschreiben müssen, um es zu erkennen: Ordnung:
Wirbeltiere; Abteilung: Vierfüßer; Klasse: Säugetiere; Gattung:
Katzentiere; Art: Katze; Individuum: Tabby. Als ich aber tiefer in den
Gegenstand eindrang, bekam ich mehr Interesse daran, und die Schönheit
der Sprache entzückte mich. Ich machte mir oft das Vergnügen, Stellen
in lateinischen Werken zu lesen, indem ich mir die Wörter heraussuchte,
die ich verstand, und mich bemühte, den Sinn herauszubringen. Ich habe
nie aufgehört, mich an diesem Zeitvertreib zu ergötzen.
Es gibt meiner Meinung nach nichts Schöneres als die verschwimmenden,
fließenden Bilder und Gedanken -- Vorstellungen, die gleich
Wolken am Himmel, in phantastischer Gestalt und Färbung am Geiste
vorüberschweben, vermittelt durch eine Sprache, in die man soeben
begonnen hat einzudringen. Fräulein Sullivan saß bei den Lektionen
neben mir, buchstabierte mir in die Hand, was Herr Irons sagte, und
achtete auf die Worte, die mir neu waren. Ich begann gerade Caesars
»Gallischen Krieg« zu lesen, als ich nach Alabama zurückkehrte.
Siebzehntes Kapitel.
Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der
Taubstummen im Sprechen in Chautauqua (Sommer 1894). -- Besuch der
Wright-Humason-Schule in New York. -- Arithmetik, physikalische
Geographie, Französisch, Deutsch. -- Lektüre von »Wilhelm Tell« und
»~Le médecin malgré lui~«. -- Zentralpark in New York. -- Ausflüge in
die Umgebung der Stadt.
Im Sommer 1894 wohnte ich den in Chautauqua stattfindenden
Verhandlungen der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der
Unterweisung der Taubstummen im Sprechen bei. Es war vereinbart worden,
daß ich die Wright-Humason-Schule für Taubstumme in New York besuchen
sollte. Diese Schule war namentlich zum Zwecke meiner gründlichen
Ausbildung im Sprechen und Ablesen von den Lippen gewählt worden.
Außer diesen beiden Fertigkeiten studierte ich in den zwei Jahren, in
denen ich die Schule besuchte, Arithmetik, physikalische Geographie,
Französisch und Deutsch.
Fräulein Reamy, meine deutsche Lehrerin, verstand das Fingeralphabet,
und nachdem ich mir einen kleinen Wortschatz angeeignet hatte, sprachen
wir deutsch miteinander, so oft sich eine Gelegenheit dazu bot,
und in wenigen Monaten konnte ich beinahe alles verstehen, was sie
sagte. Vor Schluß des ersten Jahres las ich »Wilhelm Tell« mit dem
größten Genusse. In der Tat glaube ich, daß ich im Deutschen größere
Fortschritte gemacht habe als sonst in einem Fache. Das Französische
fand ich viel schwieriger. Ich lernte es bei Frau Olivier, einer
Französin, die das Fingeralphabet nicht kannte und die daher ihren
Unterricht mündlich erteilen mußte. Ich konnte noch nicht geläufig
von ihren Lippen ablesen, und meine Fortschritte waren infolgedessen
bedeutend langsamer als im Deutschen. Ich versuchte jedoch abermals
Molière: ~Le médecin malgré lui~ zu lesen. Das Stück war sehr
lustig; es gefiel mir aber nicht annähernd so gut wie »Wilhelm Tell«.
Meine Fortschritte im Ablesen von den Lippen und im Sprechen waren
nicht so groß, wie meine Lehrerin und ich gehofft und erwartet hatten.
Mein Ehrgeiz ging dahin, so zu sprechen, wie andere Menschen, und meine
Lehrer hielten dies für durchführbar; allein trotz aller angestrengten
und gewissenhaften Arbeit erreichten wir unser Ziel nicht ganz. Ich
glaube, wir hatten es zu hoch gesteckt, und eine Enttäuschung war daher
unvermeidlich. Die Arithmetik betrachtete ich noch als ein System von
Fallgruben. Ich hielt mich auf der gefährlichen Grenze des Erratens
und vermied das breite Tal des Denkens, was meinen Lehrern und mir
selbst unaufhörlichen Verdruß bereitete. Wenn ich mich nicht aufs Raten
legte, so machte ich Sprünge in meinen Schlußfolgerungen, und dieser
Fehler in Verbindung mit meinen körperlichen Gebrechen erhöhte die
Schwierigkeiten mehr, als es notwendig und in der Ordnung gewesen wäre.
Obgleich aber diese Enttäuschungen mich zuweilen recht niederdrückten,
setzte ich doch meine anderen Studien mit unermüdlicher Ausdauer fort,
namentlich das Studium der physikalischen Geographie. Es gewährte mir
hohe Freude, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, zu lernen, wie
-- um in der bilderreichen Sprache des Alten Testaments zu reden -- die
Winde von den vier Ecken des Himmels her blasen, wie die Dünste von
den Enden der Erde aufsteigen, wie die Flußläufe zwischen den Felsen
ausgeschnitten sind und Berge niederstürzen, und auf welche Weise der
Mensch viele Kräfte überwinden kann, die stärker sind als er selbst.
Ich verlebte zwei glückliche Jahre in New York, und noch jetzt blicke
ich mit aufrichtiger Genugtuung auf sie zurück.
Namentlich erinnere ich mich der Spaziergänge, die wir alle zusammen
jeden Tag in den Zentralpark unternahmen, den einzigen Teil der Stadt,
in dem ich mich heimisch fühlte. Mein Entzücken über diesen großen
Park blieb immer das gleiche. Ich hätte gewünscht, ihn jedesmal
schildern zu können, wenn ich ihn betrat, denn er war in jeder
Hinsicht schön, und seine Reize waren so mannigfaltiger Art, daß er
an jedem Tage in den neun Monaten, die ich in New York verlebte, neue
Schönheiten enthüllte.
Im Frühjahr unternahmen wir Ausflüge nach verschiedenen interessanten
Orten. Wir segelten auf dem Hudson und wanderten an seinen grünen Ufern
entlang, die Bryant mit Vorliebe in seinen Liedern verherrlicht. Unter
den Orten, die wir besuchten, befand sich auch Tarrytown, die Heimat
von Washington Irving, wo ich durch die »Schlafhöhle« wanderte.
Die Lehrer an der Wright-Humason-Schule waren stets darauf bedacht,
ihren Zöglingen alle Annehmlichkeiten zu verschaffen, deren sich
diejenigen, die hören können, erfreuen; die wenigen Anlagen und
passiven Erinnerungen, die in ihnen schlummern, soviel wie möglich zu
wecken und sie aus den beengenden Verhältnissen, in die sie die Ungunst
des Schicksals versetzt hat, zu befreien.
Bevor ich New York verließ, wurden diese heiteren Tage durch den
größten Schmerz verdunkelt, den ich je seit dem Tode meines Vaters
erlebt habe. Im Februar 1896 starb Herr John Spaulding in Boston. Nur
diejenigen, die ihm am nächsten standen, können ermessen, was seine
Freundschaft für mich bedeutete. Er, der jedermann in zartfühlender,
unaufdringlicher Weise beglückte, war gegen Fräulein Sullivan und mich
äußerst gütig und liebevoll gewesen. Solange wir seine Augen auf uns
gerichtet sahen und wußten, daß er den regsten Anteil an dem Gelingen
unseres Werkes nehme, das mit so vielen Schwierigkeiten umgeben war, so
lange konnten wir nicht verzagen. Sein Abscheiden ließ eine Lücke in
unserem Dasein zurück, die nie ausgefüllt worden ist.
Achtzehntes Kapitel.
Besuch des Mädchengymnasiums in Cambridge zum Zweck der Vorbereitung
für das Radcliffe-College. -- Wunsch, eine Universität zu besuchen.
-- Schwierigkeit, dem Unterricht zu folgen. -- Befriedigende
Fortschritte, namentlich im Deutschen: »Lied von der Glocke«,
»Taucher«, »Dichtung und Wahrheit« u. s. w. -- Shakespeare,
Burke, Macaulay. -- Zusammensein mit sehenden und hörenden
Altersgenossinnen. -- Mildreds Aufnahme in die Schule. -- Prüfungen.
Im Oktober 1896 trat ich in das Mädchengymnasium in Cambridge ein, um
mich für das Radcliffe College vorbereiten zu lassen.
Als ich noch ein kleines Mädchen war, besuchte ich einmal Wellesley
und überraschte meine Freundinnen mit der Ankündigung: Später gehe
ich auf die Universität, aber auf die Harvard-Universität. -- Auf die
Frage, warum ich nicht nach Wellesley gehen wolle, antwortete ich,
dort studierten nur Mädchen. Der Gedanke, die Universität zu besuchen,
schlug in meinem Herzen Wurzel und wurde zum ernstlichen Verlangen, mit
sehenden und hörenden Mädchen in den Wettbewerb um einen akademischen
Grad einzutreten trotz des entschiedenen Widerspruchs von seiten vieler
aufrichtiger und verständiger Freunde. Als ich New York verließ, war
der Gedanke zur feststehenden Absicht geworden, und es wurde in der
Familie beschlossen, daß ich nach Cambridge gehen sollte. Dies war ein
Schritt, der mich der Harvard-Universität und der Erfüllung meiner
kindlichen Erklärung nahebringen sollte.
Auf dem Gymnasium in Cambridge sollte Fräulein Sullivan die
Unterrichtsstunden mit mir besuchen, um mir die Vorträge durch das
Fingeralphabet zu vermitteln.
[Illustration: Fräulein Sullivan liest Helen Keller vor]
Natürlich hatten meine Lehrer nur Erfahrung im Unterrichte normaler
Zöglinge, und mein einziges Verständigungsmittel bildete das Ablesen
von den Lippen. Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre
auf englische Geschichte, englische Literatur, Deutsch, Latein,
Arithmetik, lateinischen Aufsatz und gelegentliche Übersetzungen.
Bis dahin hatte ich nie einen wissenschaftlichen Kursus in der
Absicht, mich auf die Universität vorzubereiten, durchgemacht; aber
ich war im Englischen durch Fräulein Sullivan gut eingeübt worden,
und meine Lehrer sahen bald, daß ich in diesem Fache außer einem
kritischen Studium der vom College vorgeschriebenen Bücher keiner
weiteren Unterweisung bedürfe. Außerdem hatte ich gute Fortschritte
im Französischen gemacht und sechs Monate lateinischen Unterricht
erhalten; das Fach aber, in dem ich am bewandertsten war, war das
Deutsche.
Trotz dieser Vorteile gab es doch andererseits ernstliche Hindernisse,
die meine Fortschritte verlangsamten. Fräulein Sullivan konnte mir
nicht alles, was die Bücher verlangten, in die Hand buchstabieren,
und es dauerte sehr lange, bis meine Lehrbücher in Hochdruck für mich
hergestellt waren, obgleich meine Freunde in London und Philadelphia es
sich angelegen sein ließen, die Arbeit zu beschleunigen. Eine Zeitlang
mußte ich in der Tat meine lateinischen Aufgaben in Brailleschrift
übertragen, wenn ich mit den übrigen Mädchen mitkommen wollte. Meine
Lehrer wurden mit meiner unvollkommenen Sprache bald genügend vertraut,
um meine Fragen rasch zu beantworten und Fehler zu verbessern. In
den Stunden konnte ich keine Aufzeichnungen machen, noch mich an den
schriftlichen Aufgaben beteiligen; aber ich schrieb alle meine Aufsätze
und Übersetzungen zu Hause mit der Schreibmaschine nieder.
Jeden Tag begleitete mich Fräulein Sullivan in die Klassenräume und
buchstabierte mir mit nimmermüder Geduld alles, was die Lehrer sagten,
in die Hand. In den Arbeitsstunden hatte sie auf alle Wörter zu achten,
die mir noch unbekannt waren, und Notizen und Bücher, die ich nicht
in Hochdruck besaß, zu lesen und immer wieder zu lesen. Das Lästige
einer solchen Arbeit ist schwer zu begreifen. Frau Gröte, meine
deutsche Lehrerin, und Herr Gilman, der Direktor der Anstalt, waren die
einzigen Lehrer am Gymnasium, die das Fingeralphabet erlernt hatten,
um mich direkt unterrichten zu können. Niemand wußte besser als die
liebe Frau Gröte selbst, wie langsam und mangelhaft ihr Buchstabieren
war. Nichtsdestoweniger buchstabierte sie mir in ihrer Herzensgüte
mühsam ihre Unterweisungen zweimal wöchentlich in besonderen
Unterrichtsstunden her, um Fräulein Sullivan ein wenig Ruhe zu
verschaffen. Obgleich aber jedermann freundlich und gefällig gegen uns
war, so gab es doch nur eine Hand, die die Plage in Genuß verwandeln
konnte.
In jenem Jahr absolvierte ich die Arithmetik, repetierte die
lateinische Grammatik und las drei Kapitel aus Caesars »Gallischem
Kriege«. Im Deutschen las ich, teils mit Hilfe meiner Finger, teils
unter Fräulein Sullivans Beistande, Schillers »Lied von der Glocke«
und den »Taucher«, Heines »Harzreise«, »Aus dem Staat Friedrichs des
Großen« von Freytag, Riehls »Fluch der Schönheit«, Lessings »Minna
von Barnhelm« und »Aus meinem Leben« von Goethe. Ich fand den größten
Genuß an diesen deutschen Büchern, namentlich an Schillers wundervoller
Lyrik, an der Erzählung von Friedrichs des Großen Heldentaten und an
Goethes Selbstbiographie. Es tat mir leid, als ich mit der »Harzreise«
fertig war, einem Werke, das soviel glücklichen Witz und soviel
reizvolle Schilderungen von Rebenhügeln, murmelnden, im Sonnenschein
dahineilenden Bächen und wilden Gebirgsgegenden, dem Schauplatz alter
Sagen und Legenden, den grauen Zeugen einer lange dahingeschwundenen,
phantasiebegabten Zeit enthält -- Schilderungen, wie sie nur denen
gelingen, für die die Natur „Gefühl, Liebe, Verlangen“ ist.
Herr Gilman unterrichtete mich einen Teil des Jahres in englischer
Literatur. Wir lasen zusammen »Wie es euch gefällt«, Burkes »Rede über
die Versöhnung mit Amerika« und Macaulays »Leben Samuel Johnsons«.
Herrn Gilmans umfassende Ueberblicke über Geschichte und Literatur und
seine trefflichen Erläuterungen machten mir die Arbeit leichter und
angenehmer, als sie es gewesen sein würde, wenn ich nur mechanisch die
Anmerkungen samt den im Klassenunterricht gegebenen notgedrungen kurzen
Erläuterungen hätte nachlesen müssen.
Burkes Rede war interessanter als irgend ein anderes Buch politischen
Inhaltes, das ich je gelesen hatte. Ich war selbst aufgeregt, als ich
von den aufgeregten Zeiten las, und die Charaktere, die im Mittelpunkt
des Kampfes der beiden Nationen standen, schienen sich leibhaftig
vor meinen Augen zu bewegen. Ich wunderte mich immer mehr und mehr,
je weiter Burkes meisterhafte Rede in den mächtigen Wogen seiner
Beredsamkeit dahinrollte, wie es habe kommen können, daß König Georg
und seine Minister für die warnende Prophezeiung unseres Sieges und
ihrer Demütigung taube Ohren hatten. Dann wurde ich in die traurigen
Einzelheiten über das Verhältnis eingeführt, in dem der große
Staatsmann zu seiner Partei und der Volksvertretung stand. Ich mußte
daran denken, wie seltsam es war, daß so kostbare Samenkörner von
Wahrheit und Weisheit mitten unter das Unkraut von Unwissenheit und
Korruption fielen.
In ganz anderer Art interessant war Macaulays »Leben Samuel Johnsons«.
Mein Herz flog dem einsamen Manne zu, der das Brot der Trübsal in
der Grubstraße aß und doch inmitten aller Mühseligkeit und der
furchtbarsten körperlichen und seelischen Leiden doch stets für die
Armen und Verlassenen ein freundliches Wort und eine offene Hand
hatte. Ich freute mich über all seine Erfolge, ich schloß die Augen
vor seinen Fehlern und wunderte mich, nicht daß er deren hatte,
sondern daß seine Seele dabei nicht verkrüppelte. Aber trotz Macaulays
glänzender Darstellung und seiner bewundernswürdigen Fertigkeit,
Gemeinplätze frisch und bedeutungsvoll erscheinen zu lassen, ermüdete
mich doch zuweilen seine kühle Verstandesmäßigkeit, und seine häufige
Hintansetzung der Wahrheit zugunsten des Effekts erregte in mir ihm
gegenüber sittliche Bedenken, die weit von dem Gefühl der Verehrung
abstachen, mit der ich dem Demosthenes Großbritanniens gelauscht hatte.
Auf dem Gymnasium in Cambridge hatte ich mich zum ersten Male
des Umgangs mit sehenden und hörenden Mädchen meines Alters zu
erfreuen. Ich wohnte mit mehreren anderen zusammen in einem der
hübschen mit dem Gymnasium in Verbindung stehenden Häuser, dem
Hause, in dem Herr Howells wohnte, sodaß wir alle die Vorteile eines
Familienlebens genossen. Ich beteiligte mich an vielen Spielen meiner
Schulfreundinnen, selbst an Blindekuh und Schneeballwerfen; ich
unternahm lange Spaziergänge mit ihnen; wir besprachen unsere Studien
und lasen laut vor, was uns interessierte. Ein Teil der Mädchen
erlernte das Fingeralphabet, sodaß Fräulein Sullivan mir ihre Worte
nicht zu wiederholen brauchte.
Zu Weihnachten besuchten mich meine Mutter und meine kleine Schwester,
um die Feiertage mit mir zu verleben, und Herr Gilman erbot sich in
liebenswürdiger Weise, Mildred in seine Schule aufzunehmen. So blieb
Mildred bei mir in Cambridge, und sechs glückliche Monate hindurch
waren wir fast stets zusammen. Am glücklichsten macht mich die
Erinnerung an die Stunden, in denen wir uns gegenseitig bei unseren
Studien unterstützten und uns gemeinschaftlich von unserer Arbeit
erholten.
Meine erste Prüfung für das Radcliffe College legte ich in der Zeit vom
29. Juni bis zum 3. Juli 1897 ab. Die Fächer, die ich angegeben hatte,
waren Deutsch, Französisch, Latein, Englisch, sowie griechische und
römische Geschichte, was neun Stunden zusammen ausmachte. Ich bestand
in allen Fächern, -- im Deutschen und Englischen „mit Auszeichnung“.
Vielleicht dürfte hier eine Schilderung der Art und Weise, in der ich
geprüft wurde, am Orte sein. Für die Prüfung standen sechzehn Stunden
zur Verfügung, zwölf für die Elementarkenntnisse und vier für die
weiter fortgeschrittenen Studien. Die Prüfungsarbeiten wurden um neun
Uhr auf der Harvard-Universität ausgegeben und durch einen besonderen
Boten nach dem Radcliffe College gebracht. Die zu Prüfende war nicht
ihrem Namen nach bekannt, sondern erhielt eine Nummer. Ich hatte Nr.
233, da ich aber eine Schreibmaschine benützen mußte, so konnte kein
Zweifel über meine Person obwalten.
Man hielt es für rätlich, mich in einem besonderen Zimmer zu prüfen,
weil das Geräusch der Schreibmaschine die anderen Mädchen gestört
haben würde. Herr Gilman teilte mir alle Aufgaben vermittelst des
Fingeralphabets mit. An die Türe wurde ein Mann gestellt, um jede
Störung zu verhindern.
Am ersten Tage hatte ich Deutsch. Herr Gilman saß neben mir und las mir
die Aufgabe erst im Zusammenhange vor, dann noch einmal Satz für Satz,
wobei ich die Worte laut wiederholte, um ihm zu zeigen, daß ich ihn
vollkommen verstanden hatte. Die Aufgaben waren schwer, und ich fühlte
mich sehr ängstlich, als ich die Antworten auf der Schreibmaschine
niederschrieb. Herr Gilman buchstabierte mir in die Hand, was
ich geschrieben hatte, ich machte die mir notwendig scheinenden
Verbesserungen, und er fügte sie ein. Ich möchte hier erwähnen, daß mir
eine solche Erleichterung bei keiner meiner weiteren Prüfungen mehr
gewährt wurde. Im Radcliffe College liest mir niemand meine Antworten
vor, nachdem ich sie niedergeschrieben habe, und ich finde somit keine
Gelegenheit, Fehler zu verbessern, wenn ich nicht fertig bin, bevor die
Zeit um ist. In diesem Falle verbessere ich nur solche Versehen, auf
die ich mich in den mir gestatteten paar Minuten entsinnen kann, und
schreibe diese Verbesserungen am Schlusse meiner Arbeit nieder. Wenn
ich die erste Prüfung besser bestanden habe als die zweite, so liegen
dafür zwei Gründe vor. Bei der zweiten las mir niemand meine fertigen
Arbeiten vor, und in der ersten gab ich Fächer an, mit denen ich schon
vor meinem Besuche des Gymnasiums in Cambridge einigermaßen vertraut
war; denn zu Anfang des Schuljahrs hatte ich Prüfungen im Englischen,
in Geschichte, im Französischen und Deutschen nach Aufgaben abgelegt,
die in früheren Jahren von der Harvard-Universität gestellt worden
waren.
Herr Gilman sandte meine schriftlichen Arbeiten an die
Prüfungskommission mit einer Bescheinigung, daß ich, Kandidatin Nr.
233, die Arbeiten angefertigt hätte.
Auch in den anderen Fächern ging die Prüfung in derselben Weise von
statten. In keinem wurden mir so schwere Aufgaben gestellt wie im
ersten. Ich erinnere mich, daß an dem Tage, an dem uns die lateinischen
Aufgaben zugestellt wurden, Professor Schilling ins Zimmer trat und mir
mitteilte, daß ich im Deutschen das Examen bestanden hätte. Dies gab
mir neuen Mut, und ich ging mit leichtem Herzen und sicherer Hand an
den übrigen Teil der hochnotpeinlichen Prüfung.
Neunzehntes Kapitel.
Beginn des zweiten Schuljahres. -- Physik, Algebra, Geometrie,
Astronomie, Griechisch, Latein. -- Anfälle von Kleinmut. -- Abgang
vom Gymnasium und Weiterbildung durch Privatunterricht. -- Rückkehr
nach Boston (Oktober 1898). -- Schlußprüfung für das Radcliffe
College (Juni 1899).
Bei Beginn des zweiten Schuljahres war ich voller Hoffnung und
Vertrauen auf einen endgültigen Erfolg. Aber in den ersten paar
Wochen stellten sich mir unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg.
Herr Gilman hatte seine Einwilligung dazu gegeben, daß ich in diesem
Jahre hauptsächlich Mathematik treiben sollte. Ich erhielt Unterricht
in Physik, Algebra, Geometrie, Astronomie, Griechisch und Latein.
Leider waren viele von den Büchern, deren ich bedurfte, zu Beginn des
Unterrichts noch nicht im Hochdruck fertig, und es fehlten mir daher
wichtige Hilfsmittel zu einigen meiner Studien. Die Klassen, die ich
besuchte, waren sehr groß, und es war unmöglich für die Lehrer, mir
besondere Unterweisung zu erteilen. Fräulein Sullivan mußte mir alle
Bücher vorlesen und mitteilen, was die Lehrer vortrugen, und zum
erstenmal in elf Jahren hatte es den Anschein, als sei ihre liebe Hand
der Aufgabe nicht gewachsen.
Ich mußte in der Klasse beim algebraischen und geometrischen Unterricht
nachschreiben und physikalische Aufgaben lösen, und dies war mir
unmöglich, ehe wir eine Brailleschreibmaschine gekauft hatten, mittels
deren ich die nötigen Aufzeichnungen machen konnte. Mit meinen Augen
konnte ich den auf die Wandtafel gezeichneten geometrischen Figuren
nicht folgen, und das einzige Mittel, mir eine klare Vorstellung von
ihnen zu machen, bestand darin, daß ich sie auf einem Kissen mit
Hilfe von geraden und gekrümmten Drähten mit spitzen, umgebogenen
Enden nachmachte. Ich hatte, wie Herr Keith in seinem Berichte
sagte, die Buchstabenbezeichnung der Figuren, die Voraussetzung und
Schlußfolgerung, die Konstruktion und den Gang des Beweises im Kopfe zu
behalten. Mit einem Worte, in jedem Fache zeigten sich Schwierigkeiten.
Zeitweilig verlor ich allen Mut und verriet meine Empfindungen in einer
Weise, deren ich mich noch jetzt schäme, wenn ich mich daran erinnere,
namentlich da die Äußerungen meines Kleinmuts später zu Angriffen auf
Fräulein Sullivan benutzt wurden, der einzigen von all den lieben
Freundinnen in Cambridge, die imstande war, mir meine Pfade zu ebnen
und meine Aufgabe zu erleichtern.
Allmählich begannen jedoch die Schwierigkeiten zu schwinden. Die in
Hochdruck hergestellten Bücher und andere Hilfsmittel langten an, und
ich machte mich mit neuem Mute an die Arbeit. Algebra und Geometrie
waren die einzigen Fächer, die nach wie vor allen Anstrengungen
meinerseits, in sie einzudringen, spotteten. Wie ich schon erwähnt
habe, besaß ich keine besondere Beanlagung für Mathematik; die
einzelnen Punkte wurden mir nicht so klargemacht, wie ich es
gewünscht hätte. Die geometrischen Zeichnungen waren teilweise völlig
unverständlich für mich, da ich selbst auf dem Kissen das Verhältnis
der verschiedenen Teile zu einander nicht erkennen konnte. Eine klarere
Vorstellung von der Mathematik erhielt ich erst, seit Herr Keith mich
darin unterrichtete.
Ich war auf dem Weg, alle diese Schwierigkeiten zu überwinden, als ein
Ereignis eintrat, das einen vollständigen Umschwung herbeiführte.
Unmittelbar bevor die Bücher eintrafen, hatte Herr Gilman Fräulein
Sullivan Vorstellungen darüber gemacht, daß ich zu angestrengt
arbeitete, und trotz meiner eifrigen Proteste setzte er die Zahl meiner
Unterrichtsstunden herab. Anfangs waren wir dahin übereingekommen,
daß ich nötigenfalls fünf Jahre auf meine Vorbereitung für die
Universität verwenden sollte; am Ende des ersten Jahres aber überzeugte
der Erfolg meiner Prüfungen Fräulein Sullivan, Fräulein Harbaugh
(Herrn Gilmans erste Lehrerin) und noch eine andere Lehrerin von der
Möglichkeit, daß ich ohne allzugroße Anstrengung meine Vorbereitung in
zwei weiteren Jahren beenden könne. Herr Gilman erklärte sich anfangs
damit einverstanden; als aber meine Ausgaben etwas verwickelter wurden,
bestand er darauf, ich sei überarbeitet und solle noch drei weitere
Jahre auf dem Gymnasium zubringen. Mir gefiel dieser Plan nicht, denn
ich wollte mit meiner Klasse zugleich die Universität beziehen.
Am 17. November fühlte ich mich nicht ganz wohl und konnte den
Unterricht nicht besuchen. Obgleich Fräulein Sullivan sah, daß es sich
nur um eine leichte Unpäßlichkeit handle, erklärte Herr Gilman als er
davon hörte, doch, ich stehe im Begriff, zusammenzubrechen, und traf
Änderungen in meinem Studienplan, die es mir unmöglich machten, meine
Abgangsprüfung zugleich mit meiner Klasse abzulegen. Schließlich führte
die Meinungsverschiedenheit zwischen Herrn Gilman und Fräulein Sullivan
dahin, daß meine Mutter meine Schwester Mildred und mich von dem
Gymnasium in Cambridge wegnahm.
Nach einiger Zeit wurde beschlossen, daß ich meine Studien unter
der Leitung eines Hauslehrers, Herrn Merton S. Keith aus Cambridge,
fortsetzen sollte. Den Rest des Winters verlebten Fräulein Sullivan
und ich bei der uns befreundeten Familie Chamberlin in Wrentham, einer
fünfundzwanzig Meilen von Boston entfernten Stadt.
Vom Februar bis Juli 1898 kam Herr Keith wöchentlich zweimal nach
Wrentham und unterrichtete mich in Algebra, Geometrie, Griechisch und
Latein. Fräulein Sullivan übersetzte mir seine Erläuterungen.
Im Oktober 1898 kehrten wir nach Boston zurück. Acht Monate hindurch
erteilte mir Herr Keith wöchentlich fünfmal Unterricht, jedesmal
ungefähr eine Stunde lang. Er erklärte mir stets, was ich in der
vorhergehenden Unterrichtsstunde nicht begriffen hatte, stellte mir
neue Aufgaben und nahm meine griechischen Exerzitien, die ich während
der Woche auf meiner Schreibmaschine angefertigt hatte, nach Hause,
korrigierte sie sorgfältig und gab sie mir das nächstemal zurück.
Auf diese Weise schritt meine Vorbereitung für die Universität ohne
Unterbrechung weiter fort. Ich fand es leichter und angenehmer, für
mich allein unterrichtet zu werden als in der Klasse mit anderen
zusammen. Es gab hier keine Überstürzung, keine Verwirrung. Mein Lehrer
hatte vollauf Zeit, mir zu erklären, was ich nicht verstand, und
daher machte ich raschere Fortschritte und hatte bessere Leistungen
aufzuweisen als je auf dem Gymnasium. Ich fand jedoch noch immer mehr
Schwierigkeiten bei der Lösung von mathematischen Aufgaben als in jedem
anderen Unterrichtsfache. Ich wünschte, Algebra und Geometrie wären
mir nur halb so leicht gefallen wie das Sprach- und Literaturstudium.
Aber selbst die Mathematik machte mir Herr Keith anziehend; es gelang
ihm, mir die Lehrsätze und Aufgaben so faßlich zu machen, daß ich
dem Unterrichte mit Leichtigkeit folgen konnte. Er erhielt meine
Aufmerksamkeit rege und lebendig und gewöhnte mich an klares Denken und
ruhiges, logisches Schließen anstatt meiner früheren wilden, ziellosen
Kreuz- und Quersprünge. Er war stets freundlich und zuvorkommend, wie
ungeschickt ich mich auch mitunter angestellt haben mag, und man kann
es mir glauben, meine Beschränktheit würde oft sogar eine Hiobsgeduld
erschöpft haben.
Am 29. und 30. Juni 1899 legte ich die Schlußprüfung für das Radcliffe
College ab. Am ersten Tage kamen die Anfangsgründe im Griechischen und
lateinische Lektüre, am zweiten Geometrie, Algebra und griechische
Lektüre an die Reihe.
Die Universitätsbehörden gestatteten Fräulein Sullivan nicht, mir die
Prüfungsaufgaben vorzulesen; dafür wurde Herr Eugen C. Vining, einer
der Lehrer des Perkinsschen Blindeninstituts, mit der Übertragung der
Aufgaben für mich in amerikanische Brailleschrift betraut. Herr Vining
war mir völlig fremd und konnte sich nur mittels der Brailleschrift mit
mir verständigen. Auch der aufsichtführende Beamte war mir fremd und
machte keinerlei Versuch, sich mit mir in Verbindung zu setzen.
Die Brailleschrift genügte zwar für die Sprachen vollständig; als aber
Geometrie und Algebra an die Reihe kamen, ergaben sich Schwierigkeiten.
Ich war schmerzlich überrascht und niedergeschlagen, da ich viel
kostbare Zeit verlor, namentlich in der Algebra. Zwar war ich mit allen
gewöhnlich zu literarischen Zwecken benutzten Braillesystemen vertraut
-- dem englischen, dem amerikanischen und dem New Yorker; aber die
geometrischen und algebraischen Zeichen sind in diesen drei Systemen
sehr verschieden, und ich hatte in der Algebra nur das englische
benutzt.
Zwei Tage vor dem Beginn der Prüfungen sandte mir Herr Vining die
Braillekopie einer früher von der Harvard-Universität gestellten
algebraischen Aufgabe. Zu meinem Schreck bemerkte ich, daß sie in der
amerikanischen Notation gehalten war. Ich setzte mich unverzüglich
hin und bat Herrn Vining in ein paar Zeilen um eine Erklärung der
Zeichen. Umgehend erhielt ich eine andere Arbeit und eine Tabelle, in
der die Zeichen erklärt waren, und setzte mich hin, um die Notation
zu erlernen. Aber am Abend vor der Prüfung in der Algebra, während
ich über einigen sehr verwickelten Aufgaben brütete, hatte ich keine
Zeit, mir die Zusammenstellungen von Klammern, Haken und Wurzelzeichen
einzuprägen. Sowohl Herr Keith wie ich waren niedergeschlagen und voll
trüber Ahnungen für morgen; wir gingen aber ein wenig vor dem Beginn
der Prüfung nach dem Universitätsgebäude und baten Herrn Vining, uns
die amerikanischen Zeichen etwas eingehender zu erklären.
In der Geometrie bestand die Hauptschwierigkeit für mich darin, daß
ich stets gewohnt gewesen war, die Sätze im Liniendruck zu lesen oder
sie in die Hand buchstabiert zu bekommen, und obgleich die Sätze jetzt
dicht vor mir lagen, fand ich doch die Brailleschrift einigermaßen
verwirrend und konnte mir nicht klar vorstellen, was ich las. Als aber
die Algebra an die Reihe kam, brach eine noch härtere Zeit für mich an.
Ich konnte mich in die Zeichen, die ich so spät erlernt hatte und die
ich zu kennen glaubte, nicht finden. Außerdem konnte ich nicht prüfen,
was ich auf meiner Schreibmaschine geschrieben hatte. Ich hatte stets
meine Arbeiten in Brailleschrift oder im Kopfe gemacht. Herr Keith
hatte sich zu sehr auf meine Fertigkeit, die Aufgaben im Kopfe zu
lösen, verlassen und hatte mich nicht im schriftlichen Anfertigen von
Examensarbeiten unterwiesen. Infolgedessen ging meine Arbeit peinlich
langsam von statten, und ich hatte die Aufgaben immer und immer wieder
zu lesen, ehe ich begriff, was von mir verlangt wurde. In der Tat bin
ich selbst jetzt noch nicht sicher, alle Zeichen richtig gelesen zu
haben. Es fiel mir schwer, meinen Kopf beisammen zu halten.
Aber ich klage niemand an. Die Universitätsbehörde wußte nicht, wie
schwer sie mir meine Prüfung machte, noch begriff sie die besonderen
Schwierigkeiten, die ich zu überwinden hatte. Aber wenn sie mir
unabsichtlich Hindernisse in den Weg legte, so habe ich die Genugtuung,
zu wissen, daß ich sie alle überwunden habe.
Zwanzigstes Kapitel.