teilweise Enttäuschung. -- Übelstände des Universitatsstudiums. --
Erstes Studienjahr. -- Französisch, Deutsch, englische Stillehre,
englische Literatur. -- Besuch der Vorlesungen. -- Schreibmaschine.
-- Stunden des Unmuts. -- Zweites Jahr: englische Stillehre, Bibel,
politische Verhältnisse Amerikas und Europas, horazische Oden,
lateinische Komödie, Nationalökonomie, Shakespeare, Geschichte der
Philosophie. -- Verknöcherung des Universitätswesens..-- Pein der
Prüfungen. -- Enttäuschung.
Der Kampf um die Zulassung zur Universität war siegreich beendet,
und ich konnte nun in das Radcliffe College eintreten, wann es mir
beliebte. Bevor ich jedoch die Universität bezog, kamen wir überein,
daß ich noch ein weiteres Jahr unter Herrn Keiths Leitung studieren
sollte. Erst gegen Ende 1900 ging daher mein Traum, die Universität zu
besuchen, in Erfüllung.
Ich erinnere mich heute noch meines ersten Tages im Radcliffe College.
Es war ein interessanter Tag für mich. Ich hatte ihn jahrelang
herbeigesehnt. Eine mächtige Kraft in mir, die stärker war als der
Rat meiner Freunde, stärker selbst als die Warnungen meines eigenen
Inneren, hatte mich dazu getrieben, meine Kräfte mit denen zu messen,
die sehen und hören. Ich wußte, ich würde auf Hindernisse stoßen,
aber ich war voller Eifer, sie zu überwinden. Ich hatte mir die Worte
des weisen Römers zu Herzen genommen, der da gesagt hatte: „Aus Rom
verbannt sein, heißt nur außerhalb Roms leben.“ -- Abgeschnitten von
der großen Heerstraße des Wissens war ich genötigt, meine Reise quer
durchs Land auf wenig besuchten Straßen zurückzulegen -- das war alles.
Ich wußte, daß es auf einer Universität viele Nebenpfade gab, auf denen
ich Hand in Hand mit Mädchen gehen konnte, die ebenso dachten, liebten
und kämpften wie ich.
Ich begann meine Studien voller Eifer. Vor mir erblickte ich eine neue
Welt, strahlend in Schönheit und Licht, und ich fühlte die Fähigkeit in
mir, alles zu erkennen. In dem Wunderland des Geistes würde ich so frei
sein wie jede andere. Seine Bewohner, seine Landschaft, seine Sitten,
seine Freuden, seine Leiden sollten lebendige verkörperte Vermittler
der realen Welt sein. Die Vorlesungssäle schienen mir mit dem Geiste
der großen Weisen aller Zeiten erfüllt, und ich hielt die Professoren
für Personifikationen der Weisheit selbst. Ich bin seitdem zu einer
anderen Überzeugung gelangt, doch habe ich nicht die Absicht, irgend
jemand mit Namen zu nennen.
Aber bald entdeckte ich, daß das College nicht ganz das romantische
Lyceum war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Viele der Träume, die
meine unerfahrene Jugend entzückt hatten, „verblaßten in dem grauen
Lichte des Alltags“. Allmählich begann ich einzusehen, daß der Besuch
der Universität auch seine Schattenseiten habe.
Die eine, deren ich mir am schmerzlichsten bewußt war und noch bewußt
bin, besteht in dem Mangel an Zeit. Ich pflegte Zeit zum Denken, zum
Sinnen zu haben, mein Geist und ich. Wir hatten manchen lieben Abend
beieinander gesessen und der Melodie in unserem Innern gelauscht, die
man nur in Mußestunden vernimmt, wenn die Worte eines Lieblingsdichters
eine tiefe wohllautende Saite in unserer Seele anschlagen, die bis
dahin noch nicht erklungen war. Aber auf der Universität hat man keine
Zeit, mit seinen Gedanken zu verkehren. Man besucht, scheint es, die
Vorlesungen, um zu lernen, nicht, um zu denken. Betritt man die Portale
der Gelehrsamkeit, so läßt man die besten Freuden -- Einsamkeit, Bücher
und Phantasie -- draußen bei den rauschenden Tannen. Ich glaube, ich
müßte einige Beruhigung in dem Gedanken finden, daß ich Schätze für
zukünftige Genüsse aufspeichere, aber ich bin zu unvorsorglich, um
nicht den Genuß des Augenblicks der Ansammlung von Reichtümern für
trübe Tage vorzuziehen.
Meine Studien erstreckten sich im ersten Jahre auf Französisch,
Deutsch, Geschichte, englischen Stil und englische Literatur. Im
Französischen las ich einige Werke von Corneille, Moliere, Racine,
Alfred de Musset, Sainte-Beuve und im Deutschen von Goethe und
Schiller. In der Geschichte verschaffte ich mir einen raschen
Ueberblick über den ganzen Zeitraum vom Untergange des Römischen
Reiches bis zum achtzehnten Jahrhundert, und in der englischen
Literatur studierte ich kritisch Miltons Gedichte und »Areopagitica«.
Ich bin häufig gefragt worden, in welcher Weise ich die eigenartigen
Schwierigkeiten, unter denen ich die Universität besuche, überwinde.
Im Auditorium bin ich natürlich so gut wie allein. Der Professor ist
so weit von mir entfernt, als ob er durch ein Telephon spräche. Die
Vorlesungen werden mir so rasch wie möglich in die Hand buchstabiert,
und in dem Bestreben, das Tempo innezuhalten, geht mir viel von der
Individualität des Vortragenden verloren. Die Worte eilen durch meine
Hand wie Hunde auf der Jagd nach einem Hasen, der ihnen aber oft
entkommt. Aber in dieser Beziehung glaube ich nicht, daß ich viel
schlechter daran bin als die Mädchen, die sich ihre Aufzeichnungen
machen. Ist der Geist mit dem mechanischen Prozesse des Hörens
beschäftigt und soll man zu gleicher Zeit das Gehörte in fliegender
Eile zu Papier bringen, so kann man, glaube ich, weder dem behandelten
Gegenstande noch der Art des Vortrags die gebührende Aufmerksamkeit
zuwenden. Ich kann während der Vorlesungen keine Aufzeichnungen machen,
weil meine Hände mit Aufmerken beschäftigt sind. Gewöhnlich schreibe
ich mir dann zu Hause das, was ich behalten habe, nieder. Ich fertige
meine Exerzitien, Aufsätze, Kritiken, die Arbeiten zu den Semester- und
Jahresprüfungen auf meiner Schreibmaschine an, sodaß die Professoren
keine Schwierigkeit haben, herauszufinden, wie wenig ich weiß. Als
ich das Studium der lateinischen Prosodie begann, schrieb ich meinem
Professor eine Reihe von Zeichen auf, die die verschiedenen Metra und
Quantitäten kenntlich machen sollten, und erklärte sie ihm.
Ich bediene mich der Hammond-Schreibmaschine. Ich habe viele Maschinen
versucht, finde aber, daß die Hammondsche sich am besten für die
Besonderheiten meiner Arbeit eignet. Bei dieser Maschine können
Umschalttasten benutzt werden, und man kann deren mehrere haben, jede
mit verschiedenen Typen -- Griechisch, Französisch oder Mathematik
-- entsprechend der Art von Schrift, die man auf der Schreibmaschine
hervorbringen will. Wenn ich die Hammondsche Schreibmaschine nicht
hätte, so würde ich wohl schwerlich die Universität besuchen können.
Sehr wenige von den in den verschiedenen Kursen gebrauchten Bücher
sind in Blindenschrift gedruckt, und ich muß sie mir in die Hand
buchstabieren lassen. Infolgedessen brauche ich mehr Zeit zur
Vorbereitung auf meine Lektionen als andere Mädchen. Die Handarbeit
dauert länger, und ich habe mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die sie gar
nicht kennen. Es gibt Tage, an denen die gespannte Aufmerksamkeit, mit
der ich die Einzelheiten verfolgen muß, mein Blut in Wallung bringt und
der Gedanke, daß ich stundenlang dasitzen muß, um ein paar Kapitel zu
lesen, während andere Mädchen lachen, singen und tanzen, mich rasend
macht; aber bald gewinne ich meinen Gleichmut wieder und lache mir die
Unzufriedenheit vom Herzen herunter. Denn alles in allem muß jeder,
der zur wahren Erkenntnis hindurchdringen will, den Berg Schwierigkeit
allein erklimmen, und da für mich keine breite gerade Straße auf den
Gipfel führt, so muß ich ihn eben auf dem für mich bestimmten Pfade im
Zickzack zu erreichen suchen. Ich gleite häufig zurück, ich falle, ich
stehe still, ich stoße gegen die Ecken verborgener Hindernisse, ich
verliere meine gute Laune, bekomme sie wieder und halte sie von da an
fester, ich schleppe mich weiter, komme eine kleine Strecke vorwärts,
fühle neuen Mut, werde immer eifriger und klimme immer höher und höher,
bis ich endlich den Horizont sich weiten sehe. Jeder Kampf ist ein
Sieg. Noch eine letzte Anstrengung, und ich erreiche die leuchtende
Wolke, die blauen Himmelstiefen, das Land meiner Sehnsucht da droben.
Bei diesen Kämpfen stehe ich jedoch nicht stets allein. Herr William
Wade und Herr E. E. Allen, der Leiter des pennsylvanischen Instituts
für den Blindenunterricht, haben mir viele der erforderlichen Bücher
in Hochdruck besorgt. Mit ihrer liebenswürdigen Aufmerksamkeit haben
sie mir mehr Hilfe und Ermutigung gebracht, als sie es selbst je ahnen
können.
Im vergangenen Jahre, dem zweiten, das ich im Radcliffe College
zubrachte, beschäftigte ich mich mit englischer Stillehre, mit der
Bibel vom literarischen Standpunkte aus, den politischen Verhältnissen
Amerikas und Europas, den horazischen Oden und der lateinischen
Komödie. Der Unterricht im englischen Stil war mir der liebste, weil
er sehr lebendig war. Die Vorlesungen waren stets interessant und
geistvoll; denn der Professor, Herr Charles Townsend Copeland, trägt
die Hauptwerke der Literatur in all ihrer ursprünglichen Frische und
Gewalt vor. Eine kurze Stunde darf man die ewige Schönheit der alten
Meister ohne unnötige Erklärungen und Zergliederungen genießen und
sich ihrer erhabenen Gedanken erfreuen; mit ganzer Seele kann man
sich der milden Erhabenheit des Alten Testaments hingeben, ohne an
das Dasein Jahwes und Elohims zu denken, und man geht nach Hause mit
dem Bewußtsein, daß man einen Schimmer von jener Vollendung erhascht
hat, bei der Geist und Form in ewiger Harmonie verschmolzen sind und
Wahrheit und Schönheit dem alten Stamme der Zeit neues Wachstum bringen.
Dieses Jahr ist das glücklichste für mich, weil ich Gegenstände
studiere, die mich besonders interessieren: Nationalökonomie, Literatur
der elisabethanischen Zeit, Shakespeare unter Professor George L.
Kittredge und Geschichte der Philosophie unter Professor Josiah
Royce. Durch die Philosophie lernt man sich verständnisvoll in die
Ueberlieferungen alter Zeiten und andere Denkweisen zu versenken, die
einem vorher seltsam und unvernünftig vorgekommen sind.
Aber das College ist nicht das universale Athen, für das ich es
gehalten habe. Man tritt hier nicht den großen, weisen Männern Auge in
Auge gegenüber, man fühlt nicht ihren belebenden Hauch. Zwar sind sie
gegenwärtig, das muß zugegeben werden, aber sie scheinen mumifiziert
zu sein. Wir müssen sie von der sie umgebenden Hülle von Gelehrsamkeit
befreien, sie zergliedern und analysieren, ehe wir sicher sein können,
daß wir einen Milton oder Jesaias vor uns haben und nicht nur eine
geschickte Nachahmung. Wie mir scheint, vergessen viele Gelehrte,
daß unser Genuß an den großen Werken der Literatur mehr von der
Tiefe unseres Mitempfindens als von der Schärfe unseres Verstandes
abhängt. Der Hauptübelstand ist der, daß sehr wenige ihrer mühsamen
Erläuterungen im Gedächtnis haften. Der Geist wirft sie ab, wie ein
Baum seine reifen Früchte abwirft. Man vermag eine Blume zu kennen,
Wurzel und Stengel und alles, ebenso den ganzen Wachstumsprozeß und ist
vielleicht doch nicht imstande, die Schönheit der frisch im Tau des
Himmels gebadeten Blume zu würdigen. Immer und immer wieder frage ich
ungeduldig: „Was sollen mir all diese Erläuterungen und Hypothesen?“
Sie schwirren in meinem Geiste hin und her gleich blinden Vögeln,
die die Luft mit ihren kraftlosen Schwingen zu zerteilen suchen. --
Ich wende mich nicht gegen eine gründliche Kenntnis der berühmten
Werke, die wir lesen, sondern nur gegen die endlosen Kommentare und
verwirrenden Kritiken, aus denen nur das eine hervorgeht, daß es mehr
Ansichten als Menschen gibt. Wenn jedoch ein großer Gelehrter, wie
Professor Kittredge erklärt, was der Meister sagt, so ist’s, „als werde
dem Blinden ein neues Gesicht gegeben“. Er bringt uns Shakespeare, den
Dichter, zurück.
Es gibt jedoch Zeiten, in denen ich wünschte, ich könnte die Hälfte der
Dinge, die ich mir zu lernen vornahm, streichen; denn der überbürdete
Geist kann sich der Schätze nicht erfreuen, die er sich unter den
größten Anstrengungen erworben hat. Es ist unmöglich, glaube ich, an
einem Tage vier bis fünf verschiedene Bücher in verschiedenen Sprachen
und über ganz verschiedene Gegenstände zu lesen und nicht die wahren
Zwecke, wegen deren man liest, aus den Augen zu verlieren. Liest man
hastig und nervös und denkt dabei an Zeugnisse und Prüfungen, so wird
das Gehirn mit einer durcheinandergewürfelten Menge von Eindrücken
belastet, für die es wenig Verwendung besitzt. Gegenwärtig ist mein
Geist so sehr mit ganz heterogenen Dingen angefüllt, daß ich beinahe
daran verzweifle, je wieder Ordnung in ihm zu schaffen. So oft ich die
Gegend betrete, die einst das Reich meines Geistes war, so komme ich
mir vor, wie der Stier im Porzellanladen, wie das bekannte Sprichwort
sagt. Wie Hagelkörner sausen mir Tausende von winzigen Kleinigkeiten um
den Kopf, und wenn ich mich ihnen zu entziehen versuche, so verfolgen
mich Aufsatzgespenster und Vorlesungskobolde aller Art, bis ich wünsche
-- o möge mir dieser verruchte Wunsch verziehen werden! -- die Idole
zerschmettern zu können, die anzubeten ich hierher kam.
Aber die Prüfungen sind doch die Hauptschrecken meines Collegelebens.
Obgleich ich ihnen schon oft Auge in Auge gegenübergestanden, sie zu
Boden geschmettert und in den Staub getreten habe, so erheben sie sich
doch immer wieder von neuem und drohen mir bleichen Angesichts, bis ich
mich ganz mutlos fühle. Die Tage, die diesen hochnotpeinlichen Verhören
vorangehen, werden darauf verwandt, den Geist mit mystischen Formen und
unverdaulichen Daten -- unschmackhaftem Zeuge -- vollzustopfen, bis man
wünscht, daß Bücher, Wissenschaft und man selbst auf dem Grunde des
Meeres läge, wo es am tiefsten ist.
Endlich naht die gefürchtete Stunde, und glücklich die, die sich
gerüstet fühlt, und zur rechten Zeit imstande ist, Gedanken, die ihr
in dieser höchsten Not von Nutzen sein können, zu ihrem Beistande
herbeizurufen. Es kommt nur zu häufig vor, daß der Trompetenstoß
ungehört verhallt. Es ist im höchsten Grade verwirrend und erbitternd,
daß gerade in dem Augenblick, in dem man sein Gedächtnis und einen
scharfen Unterscheidungssinn am nötigsten hat, diese beiden Dinge
Flügel erhalten und davonflattern. Die Kenntnisse, die man sich mit so
unendlicher Mühe angeeignet hat, lassen einem im Notfalle unfehlbar im
Stich.
„Geben Sie mir einen kurzen Ueberblick über Huß und seine Bedeutung!“
-- Huß? Wer war denn das, und was hat er doch gleich getan? Der Name
klingt so seltsam vertraut. Man wühlt seinen Vorrat historischer
Kenntnisse um und um, genau so, als wollte man nach einem Stückchen
Seide in einem Lumpensack suchen. Man ist überzeugt, es steckt irgendwo
im Gedächtnisse ganz oben -- man weiß, man hat es erst ganz kürzlich
gesehen, als man den Beginn der Reformation betrachtete. Aber wo ist
es nun? Man fischt allerhand Wissensbrocken heraus -- Revolutionen,
Schismen, Niedermetzelungen, Regierungssysteme -- aber Huß, wo steckt
der? Man wundert sich über das, was man alles weiß, was aber jetzt
nicht in Frage kommt. In der Verzweiflung packt man seinen Sack und
schüttet ihn um, und dort in einem Winkel steckt der betreffende Mann
und brütet unbekümmert über seinen Privatgedanken, ohne eine Ahnung von
dem Unheil zu haben, das er über unsereinen gebracht hat.
Gerade in diesem Augenblick aber kündigt der Examinator an, daß die
Frist um ist. Mit einem Gefühl des äußersten Ekels wirft man die Masse
Gerümpel in eine Ecke und geht nach Hause, den Kopf angefüllt mit
revolutionären Plänen, die die Abschaffung des göttlichen Rechtes der
Professoren bezwecken, Fragen ohne die Genehmigung der Befragten zu
stellen.
Es mag sein, daß ich auf den letzten zwei bis drei Seiten dieses
Kapitels Redewendungen gebraucht habe, wegen deren man mich auslachen
wird. Ach ja, hier sind sie -- die hinkenden Gleichnisse, die sich vor
mich hinstellen und mich verhöhnen, indem sie auf den von Hagelkörnern
umwirbelten Stier im Porzellanladen und die Schreckensgespenster mit
bleichem Antlitz -- eine noch nicht analysierte Art -- hinweisen.
Laßt sie höhnen! Die Worte schildern so getreu die Atmosphäre sich
drängender und überstürzender Gedanken, in der ich lebe, daß ich sie
mir später noch einmal vergegenwärtigen möchte, um dann eine ernste
Miene anzunehmen und zu erklären, daß sich meine Ansichten über die
Universität geändert haben.
Als mein Universitätsstudium noch im Schoße der Zukunft schlummerte,
war es von einem Strahlenkranze von Romantik umwoben, den es
jetzt eingebüßt hat; aber bei dem Uebergange von der Romantik zur
Wirklichkeit habe ich vieles gelernt, was mir nie zum Bewußtsein
gekommen sein würde, wenn ich dieses Experiment nicht unternommen
hätte. Das eine ist die köstliche Wissenschaft der Geduld, die
uns lehrt, daß wir unsere Bildung betreiben sollen, als wollten
wir einen Spaziergang auf das Land machen, in voller Muße und mit
Sinnen, die für die Eindrücke jeder Art ihre gastlichen Tore weit
geöffnet haben. Solches Wissen überströmt unser innerstes Wesen mit
einer unerschöpflichen Flutwoge tiefer Gedanken. Wissen ist Macht!
Besser ausgedrückt: Wissen ist Glückseligkeit, denn der Besitz von
Wissen -- umfassendem, tiefem Wissen -- ist gleichbedeutend mit der
Fähigkeit, wahre Zwecke von falschen und erhabene Dinge von niedrigen
zu unterscheiden. Die für den Fortschritt des Menschen entscheidenden
Gedanken und Taten kennen, heißt den gewaltigen Pulsschlag der
Menschheit über die Jahrhunderte hinweg fühlen, und wer in diesen
Schlägen nicht ein himmelwärts gerichtetes Streben wahrnimmt, der muß
in der Tat für die Harmonie des Lebens taub sein.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Bücherstudium. -- Rückblick. -- Bibliothek in Boston. -- Heißhunger
auf Bücher. -- »~Little Lord Fauntleroy~«. -- Lafontaines Fabeln.
-- Begeisterung für das griechische Altertum. -- Ilias. -- Aeneis.
-- Bibel. -- Shakespeare: Macbeth, König Lear. -- Geschichte. --
Deutsche Literatur. -- Französische Literatur. -- Mark Twain. --
Scott.
Bisher habe ich die Ereignisse meines Lebens kurz skizziert, aber noch
nicht davon gesprochen, wieviel ich den Büchern verdanke, nicht nur
hinsichtlich des Genusses und der Belehrung, die sie allen bringen,
die da lesen, sondern auch betreffs jener Kenntnisse, die andere durch
Vermittelung ihrer Augen und Ohren erhalten. In der Tat haben Bücher in
der Geschichte meiner Bildung eine soviel wesentlichere Rolle gespielt
als bei anderen, daß ich bis auf die Zeit zurückgreifen muß, da ich
lesen lernte.
Meine erste zusammenhängende Geschichte las ich im Mai 1887, als ich
sieben Jahre alt war, und von jenem Tage an bis zum gegenwärtigen
Augenblicke habe ich alles, was in der Gestalt eines Hochdruckes in
den Bereich meiner heißhungrigen Fingerspitzen geriet, förmlich
verschlungen. Wie ich bereits erwähnt habe, erhielt ich während der
ersten Jahre meiner Erziehung keinen regelmäßigen Unterricht; auch las
ich nicht regelmäßig.
Zuerst besaß ich nur wenig Bücher in Hochdruck -- »Fibeln« für
Anfänger, eine Sammlung von Kindergeschichten und ein geographisches
Buch, »~Our World~«. Ich denke, das war alles; aber ich las sie immer
und immer wieder, bis die Worte so abgenutzt und abgegriffen waren,
daß ich sie kaum noch erkennen konnte. Bisweilen las mir Fräulein
Sullivan vor, indem sie mir kleine Geschichten und Gedichte in die Hand
buchstabierte, von denen sie wußte, daß ich sie verstehen konnte; ich
zog es jedoch vor, für mich selbst zu lesen, weil ich es liebte, das,
was mir gefiel, immer und immer wieder zu lesen.
Erst während meines ersten Besuches in Boston begann ich systematisch
und mit vollem Ernste zu lesen. Es war mir gestattet worden, an
jedem Tage eine bestimmte Zeit in der Bibliothek zu verweilen,
von Bücherbrett zu Bücherbrett zu gehen und mir jedes Buch
herunterzunehmen, auf das meine Finger stießen. Und ich las und las, ob
ich nun ein Wort von zehn oder zwei Wörter auf einer Seite verstand.
Die Wörter selbst übten eine Art von Zauber auf mich aus; aber ich
hatte kein bewußtes Verständnis für das, was ich las. Mein Geist
muß jedoch zu dieser Zeit sehr eindrucksfähig gewesen sein, denn er
behielt viele Wörter und ganze Sätze, von deren Bedeutung ich nicht die
mindeste Ahnung hatte, und als ich später zu sprechen und zu schreiben
begann, kamen mir diese Wörter und Sätze ganz von selbst wieder ins
Gedächtnis, sodaß sich meine Freunde über die Reichhaltigkeit meines
Wortschatzes wunderten. Ich muß Abschnitte aus vielen Büchern (in
jenen frühen Tagen habe ich, wie ich glaube, nie ein Buch vollständig
gelesen) und eine große Menge Gedichte auf jene unverstandene Art
gelesen haben, bis ich den »~Little Lord Fauntleroy~« entdeckte. Dies
war das erste zusammenhängende Buch, das ich mit Verständnis las.
Eines Tages fand mich meine Lehrerin in einer Ecke der Bibliothek, wie
ich meine Finger über die Seiten von Hawthornes »~The Scarlet Letter~«
gleiten ließ. Ich war damals ungefähr acht Jahre alt. Ich erinnere
mich, daß sie mich fragte, ob mir little Pearl gefalle, und erklärte
mir einige Worte, die ich nicht verstanden hatte. Dann erzählte sie
mir, sie habe eine wunderhübsche Geschichte von einem kleinen Knaben,
die mir sicherlich besser gefallen würde als »~The Scarlet Letter~«.
Der Titel dieser Geschichte lautete »~Little Lord Fauntleroy~«, und
sie versprach es mir im nächsten Sommer vorzulesen. Aber wir begannen
mit dieser Lektüre erst im August; die ersten paar Wochen meines
Aufenthaltes an der Küste waren so voller Entdeckungen und Aufregungen,
daß ich darüber das Vorhandensein von Büchern ganz und gar vergaß. Dann
reiste meine Lehrerin nach Boston, um einige Freunde zu besuchen, und
ließ mich kurze Zeit allein.
Nach ihrer Rückkehr war beinahe das erste, was wir taten, daß wir die
Geschichte von dem »kleinen Lord Fauntleroy« zu lesen begannen. Ich
erinnere mich noch deutlich der Zeit und des Platzes, wo wir die ersten
Kapitel dieser reizenden Kindergeschichte lasen. Es war ein warmer
Augustnachmittag. Wir saßen zusammen in einer Hängematte, die zwischen
zwei mächtigen Fichten in der Nähe unseres Hauses befestigt war. Wir
waren gleich nach dem zweiten Frühstück aufgebrochen, um möglichst
viel Zeit für die Geschichte zu haben. Als wir durch das hohe Gras zu
der Hängematte eilten, sprangen die Grillen in großer Menge um uns
herum und blieben an unseren Kleidern hängen, und ich entsinne mich,
daß meine Lehrerin darauf bestand, sie alle abzusammeln, ehe wir uns
hinsetzten, was mir jedoch als unnötiger Zeitverlust erschien. Die
Hängematte war mit Fichtennadeln bedeckt, denn sie war während der
Abwesenheit meiner Lehrerin nicht benutzt worden. Die Sonne schien warm
auf die Fichtennadeln, sodaß sie all ihren Wohlgeruch ausströmten. Die
Luft war erquickend und hatte etwas von der Seeluft an sich. Ehe wir
zu lesen begannen, erklärte mir Fräulein Sullivan alles, wovon sie
wußte, daß ich es nicht verstehen würde, und während des Lesens selbst
erklärte sie mir die unbekannten Wörter. Anfänglich waren es sehr
viele Wörter, die ich nicht verstand, und die Lektüre wurde beständig
unterbrochen; sobald ich aber die allgemeine Situation aufgefaßt hatte,
wurde ich von der Erzählung selbst zu stark in Anspruch genommen,
als daß ich auf einzelne Wörter geachtet hätte, und ich fürchte, ich
paßte sehr wenig auf die Erläuterungen auf, die Fräulein Sullivan für
nötig fand. Als ihre Finger zu müde waren, um noch ein weiteres Wort
zu buchstabieren, hatte ich zum erstenmal ein deutliches Empfinden
von meinem körperlichen Gebrechen. Ich nahm das Buch in meine Hände
und versuchte die Buchstaben mit einer Sehnlichkeit des Verlangens zu
fühlen, die ich nie werde vergessen können.
Später übertrug Herr Anagnos auf mein inständiges Bitten die Erzählung
in die Blindenschrift, und ich las sie immer und immer wieder, bis
ich sie beinahe auswendig kannte, und während meiner Kinderzeit blieb
der »kleine Lord Fauntleroy« mein holder, lieber Begleiter. Ich habe
diese Einzelheiten mitgeteilt, selbst auf die Gefahr hin, langweilig
zu erscheinen, weil sie in so starkem Gegensatze zu meinen sonstigen
unbestimmten, schwankenden und verworrenen Erinnerungen an meine erste
Lektüre stehen.[10]
Von »~Little Lord Fauntleroy~« datiert sich der Beginn meines
wirklichen Interesses an Büchern. Während der nächsten beiden Jahre
las ich viele Bücher zu Hause und bei meinen Besuchen in Boston. Ich
kann mich nicht auf alle entsinnen, auch nicht, in welcher Reihenfolge
ich sie gelesen habe; aber ich weiß, daß sich unter ihnen befanden
»Greek Heroes«, Lafontaines Fabeln, Hawthornes »~Wonder Book~«, »~Bible
Stories~«, Lambs »~Tales from Shakespeare~«, »~A Child’s History of
England~« von Dickens, »~The Arabian Nights~«, »~The Swiss Family
Robinson~«, »~The Pilgrim’s Progress~«, »~Robinson Crusoe~«, »~Little
Women~« und »~Heidi~«, eine hübsche kleine Geschichte, die ich später
deutsch las. Ich las sie in den Pausen zwischen Unterricht und Spiel,
mit einem sich immer mehr vertiefenden Verständnis. Ich studierte die
Bücher nicht, noch analysierte ich sie -- ich wußte nicht, ob sie gut
geschrieben waren oder nicht, ich dachte weder an ihren Stil noch an
ihre Verfasser. Sie legten mir ihre Schätze zu Füßen, und ich nahm
sie hin, wie wir den Sonnenschein und die Liebe unserer Angehörigen
hinnehmen. Die Erzählung »~Little Women~« gefiel mir sehr gut, weil sie
in mir das Gefühl der Verwandtschaft mit Mädchen und Knaben erweckte,
die sehen und hören konnten. Da mein Leben in so vielen Beziehungen
eingeengt war, mußte ich in Büchern nach der Kunde von einer Welt
suchen, die außerhalb meiner eigenen lag.
Lafontaines Fabeln las ich zuerst in einer englischen Uebersetzung,
fand aber keinen rechten Geschmack an ihnen. Später las ich das Buch
französisch; es gefiel mir aber trotz der in ihm enthaltenen lebhaften
Schilderungen und der wunderbaren Beherrschung der Sprache nicht
besser. Ich weiß nicht, woher dies kommen mag, aber Geschichten,
in denen Tiere vorkommen, die wie menschliche Wesen sprechen und
handeln, haben mich niemals besonders angesprochen. Die possierlichen
Karikaturen der Tiere nehmen mein Interesse so in Anspruch, daß ich an
die moralische Lehre gar nicht zu denken vermag.
Ferner wendet sich Lafontaine selten, wenn überhaupt, an unser höheres
moralisches Bewußtsein. Die höchsten Saiten, die er anschlägt, sind
die der Vernunft und des Egoismus. Alle seine Fabeln durchzieht der
Gedanke, daß die Sittlichkeit des Menschen ausschließlich aus dem
Egoismus entspringe und daß, wenn dieser letztere durch die Vernunft
geleitet und im Zaum gehalten werde, notwendig Glückseligkeit die Folge
sein müsse. Nun ist aber, soweit ich zu urteilen vermag, der Egoismus
die Wurzel alles Schlechten; ich habe aber natürlich vielleicht
unrecht, denn Lafontaine hatte bessere Gelegenheit, die Menschen zu
beobachten, als ich wahrscheinlich je haben werde. Ich wende mich
nicht sowohl gegen die cynischen und satirischen Fabeln, wie vielmehr
gegen diejenigen, in denen wichtige Wahrheiten von Füchsen und Affen
gepredigt werden.
Wohl aber liebe ich »~The Jungle Book~« und »~Wild Animals I Have
Known~«. Für die Tiere selbst empfinde ich ein wahrhaftes Interesse,
weil sie wirkliche Tiere und keine Karikaturen von Menschen sind. Man
sympathisiert mit ihrer Liebe und ihrem Hasse, man lacht über ihre
Possen und weint über ihre Leiden. Und wenn sie eine moralische Lehre
verkünden, so ist diese so fein versteckt, daß wir uns ihrer gar nicht
bewußt werden.
Mit Freude und Bewunderung erfüllte mich die Betrachtung des
klassischen Altertums. Griechenland, das alte Griechenland übte einen
geheimnisvollen Zauber auf mich aus. In meiner Phantasie wandelten
die heidnischen Götter und Göttinnen noch auf Erden und verkehrten
persönlich mit den Menschen, und in meinem Herzen baute ich denen,
die ich am meisten liebte, Altäre. Ich kannte und liebte die ganze
Schar der Nymphen und Helden und Halbgötter -- nein, nicht alle, denn
die Grausamkeit und Leidenschaftlichkeit Medeas und Jasons waren zu
ungeheuerlich, um vergeben werden zu können, und ich habe mich stets
gewundert, warum die Götter ihnen erst gestatteten, Böses zu tun, und
sie dann für ihre Verruchtheit bestraften. Und das Geheimnis ist noch
jetzt nicht gelöst. Ich wundere mich auch jetzt noch oft, warum
Gott schweigen kann, da doch die Sünde
Kriecht grinsend durch das hehre Haus der Zeit. --
Es war die Ilias, die mir Griechenland zum Paradiese machte. Ich war
mit der Geschichte von Troja vertraut, ehe ich sie noch im Original
las, und stieß infolgedessen auf geringe Schwierigkeiten, als ich daran
ging, die Schätze, die in dem griechischen Text verborgen liegen, zu
heben, nachdem ich einmal die Vorhalle der Grammatik durchschritten
hatte. Wahre Poesie, mag sie in griechischer oder englischer
Sprache geschrieben sein, bedarf keines anderen Auslegers als eines
empfänglichen Herzens. Möchte doch die Menge der Philologen, die die
großen Werke der Dichter durch ihre Analyse, ihre Interpolationen
und mühsamen Kommentare ungenießbar machen, diese einfache Wahrheit
einsehen! Es ist nicht notwendig, daß man imstande sei, jedes Wort
zu erklären und ihm seine grammatische Stellung im Satze anzuweisen,
um ein schönes Gedicht zu verstehen und zu würdigen. Ich weiß, meine
gelehrten Professoren haben größere Reichtümer in der Ilias gefunden,
als ich je finden werde; ich bin aber nicht scheelsüchtig. Ich bins
zufrieden, daß andere klüger sind als ich. Aber all ihr umfassendes und
gründliches Wissen kann ebensowenig den Maßstab für ihren Genuß an dem
herrlichen Epos abgeben wie mein lückenhaftes Wissen für meinen Genuß.
Wenn ich die schönsten Stellen der Ilias lese, so werde ich mir einer
Seelenkraft bewußt, die mich weit über die engen, mich einzwängenden
Schranken meines Daseins hinaushebt. Meine physischen Gebrechen sind
vergessen -- meine Welt liegt droben, der ganze Himmel gehört mir, so
weit und hoch er sich wölbt.
Meine Bewunderung für die Aeneis ist nicht so groß, aber nicht
weniger echt. Ich lese sie soviel wie möglich ohne die Hilfe von
Anmerkungen oder Wörterbuch und finde stets Genuß an der Uebersetzung
der Episoden, die mir besonders gefallen. Vergils Schilderungen sind
manchmal prachtvoll; aber seine Götter und Menschen bewegen sich in
Leidenschaft, Streit, Mitleid und Liebe wie die anmutigen Gestalten in
einem Maskenspiel aus der Zeit der Königin Elisabeth, während sie in
der Ilias jauchzend emporspringen und singend einhergehen. Vergil ist
heiter und lieblich wie ein marmorner Apollon im Mondschein; Homer ist
ein schöner, lebender Jüngling im vollen Sonnenschein, dessen Locken im
Winde flattern.
Wie leicht ist es doch, mittels papierner Schwingen zu fliegen!
Zwischen den »Griechischen Helden« und der Ilias lag eine Strecke, die
ich nicht an einem Tage habe zurücklegen können; auch war die Reise
nicht allzu angenehm. Man hätte vielmal rund um die Erde reisen können,
während ich mir meinen steilen Pfad mühsam durch labyrinthische Massen
von Grammatiken und Wörterbüchern bahnte oder in jene furchtbaren
Fallgruben, Examina genannt, stürzte, die von Schulen und Universitäten
zum Verderben derer angelegt werden, die Erkenntnis suchen. Ich glaube,
diese Pilgerfahrt wird durch die Erreichung des Zieles gerechtfertigt;
allein sie erschien mir endlos trotz der schönen, überraschenden
Ausblicke, die ich dann und wann bei einer Biegung der Straße hatte.
In der Bibel begann ich zu lesen, lange bevor ich sie verstehen konnte.
Jetzt erscheint es mir seltsam, daß es je eine Zeit gegeben haben
soll, in der meine Seele gegen die wunderbaren Harmonien der Bibel
taub war; aber ich entsinne mich noch ganz gut eines regnerischen
Sonntagvormittags, als ich nichts anderes zu tun hatte und daher
meine Cousine bat, mir eine Geschichte aus der Bibel vorzulesen.
Obgleich sie nicht glaubte, daß ich sie verstehen würde, begann
sie mir die Geschichte von Josef und seinen Brüdern in die Hand zu
buchstabieren. Aber sie interessierte mich nicht. Die ungewöhnliche
Sprache und die fortwährenden Wiederholungen ließen mir die Geschichte
als unglaubwürdig erscheinen, besonders da sie in dem weit entlegenen
Lande Kanaan spielte; ich schlief ein und wanderte in das Land der
Träume hinüber, ehe die Brüder mit dem bunten Rock in das Zelt Jakobs
kamen und ihre verruchten Lügen vorbrachten! Ich kann nicht begreifen,
aus welchem Grunde die Erzählungen der Griechen für mich so voller
Reiz und die der Bibel so interesselos gewesen waren, wenn dies nicht
vielleicht daher rührte, daß ich in Boston die Bekanntschaft mehrerer
Griechen gemacht hatte und durch deren Begeisterung für die Sagen
des Vaterlandes angesteckt worden war, während ich noch mit keinem
einzigen Hebräer oder Aegypter zusammengekommen war und daher zu der
Ueberzeugung gelangte, daß diese Völker nichts als Barbaren und die
Geschichten über sie alle wahrscheinlich erdichtet seien, eine Annahme,
die die vielen Wiederholungen und die sonderbaren Namen erklärte.
Seltsam, es war mir nie eingefallen, die griechischen Patronymika
»sonderbar« zu finden.
Wie soll ich aber von den Herrlichkeiten sprechen, die ich seitdem in
der Bibel entdeckt habe? Jahrelang habe ich dieses Buch der Bücher
mit immer wachsendem Entzücken und begeistertem Genuß gelesen, und
ich liebe es, wie ich kein anderes Buch liebe. Es steht zwar vieles
in der Bibel, gegen das sich jede Faser meines Wesens so sehr empört,
daß ich die Notwendigkeit bedaure, die mich zwang, sie von Anfang bis
zu Ende zu lesen. Ich glaube nicht, daß die Kenntnis, die ich von der
Geschichte ihrer Entstehung und ihren Quellen gewonnen habe, mich
für die widerwärtigen Einzelheiten entschädigt, auf die ich meine
Aufmerksamkeit habe lenken müssen. Ich für meinen Teil wünsche mit
Herrn Howells, daß die Literatur der Vergangenheit von allem häßlichen
und barbarischen gesäubert werden möge, obgleich ich mich ebenso sehr
dagegen sträube, daß diese großen Werke verstümmelt oder verfälscht
werden.
In der Schlichtheit und der furchtbaren Folgerichtigkeit des
Buches Esther liegt etwas Wirkungsvolles und Erhabenes. Kann etwas
dramatischer sein als die Szene, in der Esther vor ihrem schändlichen
Herrn steht? Sie weiß, ihr Leben liegt in seiner Hand, es gibt keinen
Schutz für sie gegen seine Gewalttätigkeit. Und doch bezwingt sie ihre
weibliche Furcht und nähert sich ihm, beseelt von der edelsten Liebe zu
ihrem Volke und nur von dem einen Gedanken beherrscht: Wenn ich sterbe,
so sterbe ich; wenn ich aber am Leben bleibe, so soll mein Volk auch am
Leben bleiben.
Auch die Geschichte von Ruth -- wie echt orientalisch ist sie! Und
doch wie verschieden ist das Leben dieser einfachen Landleute von dem
Leben und Treiben am Hofe des Perserkönigs! Ruth ist so pflichtgetreu
und gutherzig, daß wir sie notgedrungen lieben müssen, wie sie unter
den Schnittern in dem wogenden Kornfelde steht. Ihre edle, selbstlose
Gesinnung glänzt hell wie ein strahlender Stern in der Nacht einer
finsteren und grausamen Zeit. Eine Liebe wie die Ruths, eine Liebe,
die sich über feindliche Glaubenssatzungen und tiefgewurzelte
Rassenvorurteile hinwegzusetzen vermag, ist in der ganzen Welt selten
zu finden.
Die Bibel predigt mir den tiefen, tröstlichen Gedanken, daß die
„sichtbaren Dinge zeitlich, die unsichtbaren ewig sind“.
Seitdem ich Bücher zu lieben imstande bin, kann ich mich keines
Zeitpunktes entsinnen, in dem ich Shakespeare nicht geliebt hätte. Ich
kann nicht genau angeben, wann ich Lambs »~Tales from Shakespeare~«
zu lesen begann; ich weiß nur, daß ich sie zuerst mit kindlichem
Verständnis und kindlichem Staunen las. »Macbeth« scheint auf mich den
tiefsten Eindruck gemacht zu haben. Ein einmaliges Lesen genügte, jede
Einzelheit der Erzählung meinem Gedächtnisse für immer einzuprägen.
Lange Zeit hindurch verfolgten mich die Geister und Hexen sogar bis in
meine Träume. Ich konnte den Dolch und Lady Macbeths kleine weiße Hand
sehen, buchstäblich sehen -- der furchtbare Fleck stand so leibhaft vor
meinem inneren Auge, wie die von ihrem Gewissen gefolterte Königin.
»König Lear« las ich kurze Zeit nach »Macbeth«, und ich werde nie das
Grauen vergessen, das mich befiel, als ich zu der Szene kam, in der
Gloster die Augen ausgestochen werden. Zorn erfaßte mich, meine Finger
wollten nicht weiter, ich saß lange Zeit starr da, das Blut hämmerte
in meinen Schläfen, und aller Haß, dessen ein Kind fähig ist, stieg in
meinem Herzen auf.
Die Bekanntschaft mit Shylock und Satan muß ich ungefähr um dieselbe
Zeit gemacht haben, denn die beiden Charaktere waren lange in meinem
Geiste miteinander verbunden. Ich erinnere mich, daß sie mir leid
taten. Ich hatte die unbestimmte Empfindung, daß sie nicht gut sein
konnten, selbst wenn sie gewollt hätten, weil niemand bereit schien,
ihnen zu helfen oder Gelegenheit zu bieten, ihre Güte zu betätigen.
Selbst jetzt kann ich es nicht über mein Herz bringen, sie gänzlich zu
verurteilen. Es gibt Augenblicke, in denen ich die Empfindung habe,
Männer wie Shylock, wie Judas und selbst der Teufel seien zerbrochene
Speichen in dem großen Rade des Guten, die der Meister zu gehöriger
Zeit schon wieder ausbessern wird.
Es erscheint seltsam, daß meine erste Shakespeare-Lektüre so viele
unangenehme Erinnerungen bei mir hinterlassen hat. Die heiteren,
anmutigen, phantasievollen Stücke scheinen anfangs keinen Eindruck
auf mich gemacht zu haben, vielleicht weil sie den Sonnenschein und
die Heiterkeit, die in der Regel über dem Leben eines Kindes lagern,
wiederspiegeln. Aber nichts ist launenhafter als das Gedächtnis eines
Kindes betreffs dessen, was es behalten und was es nicht behalten will.
Seitdem habe ich Shakespeares Stücke zu wiederholtenmalen gelesen
und kenne Stellen aus ihnen auswendig, aber ich kann nicht angeben,
welches von ihnen mir am besten gefällt. Mein Genuß an ihnen wechselt
mit meiner Stimmung. Die kleinen Liedchen und die Sonette schätze ich
in ihrer wunderbaren Frische ebenso hoch wie die Dramen. Aber bei
all meiner Liebe für Shakespeare fällt mir es oft schwer, aus seinen
Versen alle Bedeutungen herauszulesen, die Kritiker und Erklärer ihnen
untergeschoben haben. Ich habe den Versuch gemacht, ihre Erläuterungen
zu behalten, aber ich habe bald entmutigt davon Abstand genommen, und
einen heimlichen Vertrag mit mir selbst geschlossen, keinen weiteren
Versuch zu unternehmen. Diesen Vertrag habe ich nur einmal gebrochen,
und zwar bei meinem Studium Shakespeares unter Leitung Professor
Kittredges. Ich weiß, es gibt viele Dinge in Shakespeare und in der
Welt, die ich nicht verstehe, und ich bin froh, zu sehen, wie sich
allmählich Schleier nach Schleier lüftet und mir neue Reiche des
Gedankens und der Schönheit enthüllt.
Nächst der Poesie liebe ich Geschichte. Ich habe jedes historische Werk
gelesen, auf das ich meine Hände habe legen können, von der Aufzählung
trockener Tatsachen und noch trockenerer Daten bis hin zu Greens
unparteiischer und glänzend geschriebener »~History of the English
People~«; von Freemans »~History of Europe~« bis zu Emertons »~Middle
Ages~«. Das erste Buch, durch das ich einen richtigen Begriff von dem
Werte der Geschichte erhielt, war Swintons »~World’s History~«, die
ich an meinem dreizehnten Geburtstage erhielt. Obgleich ich glaube,
daß das Werk gegenwärtig als veraltet angesehen wird, betrachte ich
es doch immer noch als einen wertvollen Schatz. Aus ihm habe ich
gelernt, wie sich die Menschenrassen über die Erde verbreitet und große
Städte erbaut haben, wie einige große Herrscher, irdische Titanen,
alles unterworfen und durch ein einziges Wort Millionen den Zugang zum
Glücke geöffnet, aber vor noch mehr Millionen denselben verschlossen
haben, wie verschiedene Völker in Kunst und Wissenschaft Pionierdienste
geleistet und den Grund zu den bedeutenderen Leistungen künftiger
Zeiten gelegt haben, wie die Kultur gleichsam zum Brandopfer eines
entarteten Geschlechtes wurde und einem Phönix gleich unter den edleren
Söhnen des Nordens wieder erstand und wie große, weise Männer durch
Pflege der Freiheit, Duldung und Bildung den Weg für die Erlösung der
ganzen Welt gebahnt haben.
Durch die Universitätsvorlesungen wurde ich auch einigermaßen mit der
französischen und deutschen Literatur bekannt. Der Deutsche zieht
sowohl im Leben wie in der Literatur Kraft der Schönheit und Wahrheit
dem Herkommen vor. Es liegt eine Stärke in allem, was er tut, die mit
der Gewalt eines Schmiedehammers wirkt. Wenn er spricht, so geschieht
es nicht, um andere zu überzeugen, sondern weil sein Herz springen
würde, wenn er den Gedanken, die in seiner Seele brennen, keinen Ausweg
eröffnete.
Ferner liegt in der deutschen Literatur eine keusche Zurückhaltung, die
mir sympathisch ist; ihr größter Ruhm aber besteht meines Erachtens in
der Anerkennung der erlösenden Macht der selbstaufopfernden Liebe des
Weibes, die sich in ihr findet. Dieser Gedanke durchdringt die gesamte
deutsche Literatur und findet in mystischer Weise seinen Ausdruck in
Goethes »Faust«:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.[11]
Von allen französischen Schriftstellern, die ich gelesen habe, sagen
mir Molière und Racine am meisten zu. Bei Balzac finden sich einzelne
Schönheiten und bei Merimée Stellen, die wie ein frischer Windstoß
von der See her wirken. Alfred de Musset ist unmöglich. Ich bewundere
Victor Hugo -- ich schätze sein Genie, seine glänzende Sprache, seine
Romantik; trotzdem gehört er nicht zu meinen Lieblingsschriftstellern.
Goethe und Schiller, überhaupt alle großen Dichter großer Völker sind
Verkünder ewiger Wahrheiten, und mein Geist folgt ihnen verehrungsvoll
in die Regionen, wo das Schöne, Wahre, Gute eins sind.
Ich fürchte, ich bin in der Aufzählung meiner Lieblingsbücher zu
ausführlich geworden, und doch habe ich nur die Schriftsteller erwähnt,
die mir am besten gefallen; dabei könnte man leicht auf die Vermutung
kommen, daß mein Freundeskreis sehr engbegrenzt und undemokratisch sei,
und doch wäre dies ein gewaltiger Irrtum. Ich habe viele Schriftsteller
aus mancherlei Gründen gern, -- Carlyle wegen seiner Rauheit und
seiner Verhöhnung alles falschen Wesens, Wordsworth, der die Einheit
von Mensch und Natur lehrt; ich finde einen hohen Genuß an den
Seltsamkeiten und Abenteuerlichkeiten Hoods, an Herricks Zierlichkeit
und dem Duft von Rosen und Lilien, den seine Verse ausströmen; ich
liebe Whittier wegen seiner Begeisterung und sittlichen Geradheit.
Ich kenne ihn persönlich, und die Erinnerung an unsere Freundschaft
verdoppelt den Genuß, den ich beim Lesen seiner Gedichte empfinde.
Ich liebe Mark Twain -- wer tut dies nicht? Auch die Götter haben ihn
geliebt und in sein Herz alle Keime der Weisheit gepflanzt, auch aus
Furcht, er könne Pessimist werden, über seinen Geist den Regenbogen
der Liebe und des Glaubens gespannt. Ich liebe Scott wegen seiner
Frische, und seiner stürmisch sich Bahn brechenden Rechtlichkeit. Ich
liebe alle Schriftsteller, deren Empfindungen wie bei Lowell in dem
Sonnenschein des Optimismus emporquellen, Jungbrunnen der Freude und
des guten Willens, die gelegentlich auch einen Zornesspritzer von sich
geben und eine erquickende Atmosphäre von Liebe und Erbarmen um sich
her verbreiten.
Mit einem Worte, die Literatur ist mein Utopien. Hier bin ich von
keinem Rechte ausgeschlossen. Keine Sinnesschranke schließt mich von
dem wohltuenden, genußreichen Verkehr mit meinen Lieblingsbüchern aus;
sie sprechen frei und unbehindert zu mir. Alle Schulweisheit erscheint
mir lächerlich gering gegenüber der „weltumspannenden Liebe und
himmlischen Barmherzigkeit“, die sich in ihnen ausspricht.
[10] Vergl. S. 67, 154.
[11] Im Original sind die Goetheschen Verse in einer, nebenbei
bemerkt mittelmäßigen, englischen Uebersetzung wiedergegeben
und lauten hier:
“~All things transitory
But as symbols are sent.
Earth’s insufficiency
Here grows to event.
The indescribable
Here it is done.
The Woman-Soul leadeth us
Upward and on!~”
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Liebe zur Natur. -- Körperliche Uebungen. -- Rudern. -- Segeln.
-- Halifax. -- Regatta. -- Sturm. -- Aufenthalt in Wrentham. --
Weltbegebenheiten. -- Krieg mit Spanien. -- Soziale Kämpfe. --
Unterschied zwischen Stadt und Land. -- Soziales Mitgefühl. --
Spaziergänge. -- Radfahren. -- Liebe zu Hunden. -- Dame- und
Schachspiel. -- Liebe zu Kindern. -- Museen und Kunstsammlungen. --
Theaterbesuch. -- Zeitweiliges Gefühl der Vereinsamung.
Ich hoffe, meine Leser werden aus dem vorhergehenden Kapitel, das
sich mit meiner Lektüre beschäftigt, nicht etwa die Folgerung ziehen,
daß Bücher meine einzige Unterhaltung bilden; meine Unterhaltung und
Erholung sind sehr mannigfaltiger Art.
Mehr als einmal habe ich in dem Verlauf meiner Selbstbiographie meine
Liebe zur Natur und zu körperlichen Uebungen im Freien erwähnt. Schon
als ich ein ganz kleines Mädchen war, lernte ich rudern und schwimmen,
und wenn ich mich im Sommer in Wrentham in Massachusetts aufhalte, so
verbringe ich den größten Teil meiner Zeit im Boote. Nichts gewährt
mir größeres Vergnügen, als meine Freunde, die mich besuchen, auf
den Fluß hinauszurudern. Selbstverständlich kann ich das Boot nicht
gut allein leiten. In der Regel sitzt jemand am Steuer und lenkt es,
während ich rudere. Bisweilen rudere ich jedoch auch ohne Steuer. Es
ist ganz amüsant, an den Wasserrosen und Wasserlilien oder an den
Büschen, die das Ufer umsäumen, entlangzufahren. Ich benutze Ruder mit
Lederstrippen, durch die sie in ihrer Lage in den Dollen festgehalten
werden, und merke an dem Widerstande des Wassers, wann sich die
Ruder im Gleichgewichte befinden. In derselben Weise kann ich auch
erkennen, wann ich gegen den Strom rudere. Ich liebe den Kampf mit
Wind und Wellen. Was wirkt erfrischender auf unser Gemüt, als wenn
unser kleines festes Boot, unserem Willen und unserer Muskelkraft
gehorchend, leicht über die glitzernden, auf und nieder tanzenden
Wellen dahinschießt und wir das beständige, unwiderstehliche Anbranden
des Wassers spüren!
Ebenso liebe ich das Canoefahren, und ich glaube, der Leser wird
lächeln, wenn ich erkläre, daß ich es namentlich in mondhellen Nächten
liebe. Zwar kann ich den Mond nicht hinter den Fichten am Himmel
emporsteigen und leise an der klaren Wölbung dahingleiten sehen und
auch nicht den leuchtenden Pfad, den sein Licht in dem Wasser bildet;
aber ich weiß es, Frau Luna ist da, und wenn ich auf meine Kissen
zurückgelehnt liege und meine Hand ins Wasser halte, so stelle ich
mir vor, sie berühre mich im Vorüberschreiten mit dem Saum ihres
Gewandes. Bisweilen schlüpft mir ein kühnes Fischlein zwischen den
Fingern hindurch, und oft streift eine Wasserlilie leise meine Hand.
Häufig werde ich mir der Weite des mich umgebenden Luftraumes bewußt,
wenn wir unter der Wölbung überhängender Büsche herauskommen. Eine
leuchtende Wärme scheint mich dann zu umfluten. Ob dies von den Bäumen
herrührt, die von der Sonne erwärmt wurden, oder vom Wasser, kann ich
nicht sagen. Ich habe es an kalten, stürmischen Tagen und in der Nacht
gespürt. Es ist wie der Kuß von warmen Lippen auf mein Gesicht.
Mein Lieblingsvergnügen ist das Segeln. Im Sommer 1901 besuchte ich
Neuschottland und hatte dort mehrmals Gelegenheit, den Ozean kennen zu
lernen, wie ich sie noch nie zuvor gehabt hatte. Nachdem ich einige
Tage in der Heimat Evangelines zugebracht hatte, um die Longfellows
schönes Gedicht einen berückenden Zauber gewoben hat, gingen Fräulein
Sullivan und ich nach Halifax, wo wir den größten Teil des Sommers
über blieben. Der Hafen war unsere Freude, unser Paradies! Was für
herrliche Segelfahrten unternahmen wir nach Bedford Basin, Mc. Nabbs
Island, York Redoubt und nach dem Northwest Arm! Und nachts, was
verbrachten wir da für erquickende, wunderbare Stunden zwischen den
großen Kriegsschiffen! O, es war alles so interessant, so schön! Die
Erinnerung daran ist mir eine Freude für immer.
Eines Tages erlebten wir ein schreckliches Abenteuer. Es fand eine
Regatta im Northwest Arm statt, an der die Boote der verschiedenen
Kriegsschiffe teilnahmen. Wir fuhren mit vielen anderen in einem
Segelboot hin, um uns die Wettfahrten mit anzusehen. Hunderte von
kleinen Segelbooten schaukelten auf und nieder, und die See war
still. Als die Wettfahrten vorüber waren und wir uns auf den Heimweg
machten, entdeckte jemand von der Gesellschaft eine schwarze Wolke,
die sich von der See aus näherte und immer größer und dichter wurde,
bis sie den ganzen Himmel bedeckte. Der Wind erhob sich, und die Wogen
brandeten zornig gegen unsichtbare Schranken an. Unser kleines Boot
nahm furchtlos den Kampf auf; mit gespannten Segeln und straffen Tauen
schoß es pfeilschnell vor dem Winde dahin. Jetzt verschwand es in
den Wirbeln, jetzt tanzte es auf dem Kamme einer riesigen Woge, aber
nur, um im nächsten Augenblicke unter furchtbarem Brausen und Zischen
wieder in die Tiefe zu schießen. Das Hauptsegel wurde heruntergerissen.
Wendend und beidrehend kämpften wir gegen den Wind an, der uns mit
fürchterlichem Ungestüm von einer Seite zur anderen warf. Unsere
Herzen pochten rascher, und unsere Hände bebten vor Aufregung, nicht
vor Furcht; denn wir besaßen die Herzen von Wikingern und wußten, daß
unser Steuermann Herr der Situation blieb. Er war durch manchen Sturm
mit sicherer Hand und seekundigem Auge gesegelt. Als wir an der großen
Barke und den im Hafen liegenden Kanonenbooten vorüberkamen, wurden wir
stürmisch begrüßt, und die Matrosen brachten dem Lenker des einzigen
kleinen Bootes, das sich in den Sturm hinausgewagt hatte, ein »Hipp,
hipp, Hurra« aus. Endlich erreichten wir frierend, hungrig und müde die
Landungsbrücke.
Den vergangenen Sommer brachte ich in einem der anmutigsten Winkel
der Erde, einer der reizendsten Städte Neuenglands zu. Wrentham
in Massachusetts steht beinah zu all meinen Freuden und Leiden in
Beziehung. Viele Jahre lang war Red Farm, in der Nähe von King Philips
Pond, das Besitztum von Herrn I. E. Chamberlin und seiner Familie,
meine Heimat. Ich gedenke mit der tiefsten Dankbarkeit der Güte dieser
meiner lieben Freunde und der glücklichen Tage, die ich bei ihnen
verlebt habe. Die liebenswürdige Gesellschaft ihrer Kinder war mir
unendlich wert. Ich nahm an allen ihren Spielen, ihren Spaziergängen
durch die Wälder und ihren Lustfahrten auf dem Wasser teil. Das
Geplauder der Kleinen und ihr Wohlgefallen an den Geschichten, die
ich ihnen von Elfen und Gnomen, von dem Helden und dem schlauen Bär
erzählte, sind angenehme Erinnerungen für mich. Herr Chamberlin weihte
mich in die Geheimnisse der Bäume und der wild wachsenden Blumen ein,
bis ich mit dem leisen Ohr der Liebe das Emporsteigen des Saftes in der
Eiche vernahm und die Sonnenstrahlen von Blatt zu Blatt huschen sah.
Gleichwie die Wurzeln in der dunklen Tiefe
Doch Anteil nehmen an des Wipfels Freuden,
Den Sonnenschein, die milde Luft empfanden
Vermöge der Alliebe der Natur --,
so besitze ich auch eine Anschauung von Dingen, die ich nicht sehen
kann.
Es scheint mir, als liege in jedem von uns die Fähigkeit, die Eindrücke
und Empfindungen zu verstehen, die das Menschengeschlecht von Anfang
an gehabt hat. Jedes Individuum besitzt eine unter der Schwelle
des Bewußtseins verborgene Erinnerung an die grünende Erde und die
murmelnden Gewässer, und weder Blindheit noch Taubheit kann es dieser
von vergangenen Generationen her überkommenen Gabe berauben. Diese
ererbte Fähigkeit ist eine Art sechsten Sinnes -- ein Seelensinn, der
zugleich sieht, hört, fühlt.
Ich habe viele Freunde unter den Bäumen in Wrentham. Einer von ihnen,
eine herrliche Eiche, ist der besondere Stolz meines Herzens. Ich
bringe alle meine übrigen Freunde zu dieser Königin des Waldes hin. Sie
steht auf einer Anhöhe bei King Philips Pond, und diejenigen, die in
der Baumkunde bewandert sind, behaupten, sie habe hier achthundert bis
tausend Jahre gestanden. Nach einer Ueberlieferung warf unter diesem
Baume König Philipp, der heldenhafte Indianerhäuptling, seinen letzten
Blick auf Himmel und Erde.
Ich hatte auch noch eine andere Baumfreundin, liebenswürdig und nicht
so unnahbar wie die große Eiche -- eine Linde, die an dem Hoftore
von Red Farm wuchs. Eines Nachmittages, während eines furchtbaren
Gewitters, spürte ich einen heftigen Krach gegen die Wand des Hauses
und wußte, noch ehe es mir jemand sagte, daß die Linde gefallen sei.
Wir gingen hinaus, um uns den Heldenbaum anzusehen, der sovielen
Stürmen widerstanden hatte, und mein Herz blutete, als ich ihn, der
so machtvoll gestritten hatte und jetzt so machtvoll gefallen war, am
Boden hingestreckt erblickte.
Ich darf jedoch nicht vergessen, daß ich von meinen Erlebnissen im
letzten Sommer erzählen will. Sobald meine Examina vorüber waren,
eilten Fräulein Sullivan und ich nach diesem grünen Winkel, wo wir
ein kleines Landhaus an einem von den drei Seen besitzen, wegen deren
Wrentham berühmt ist. Hier gehörten die langen, sonnigen Tage mir, und
jeder Gedanke an Arbeit, College und die lärmende Stadt wurde in den
Hintergrund gedrängt. In Wrentham vernahmen wir ein Echo von dem, was
in der Welt vorging -- Krieg, Bündnis, sozialer Kampf. Wir hörten von
den blutigen, unnötigen Seeschlachten in dem weitabgelegenen Stillen
Ozean und erfuhren von den Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit. Wir
wußten, daß jenseits der Grenzen unseres Edens die Menschen im Schweiße
ihres Angesichts Geschichte machten, während sie doch besser getan
hätten, sich einen Feiertag zu gönnen. Aber wir kümmerten uns wenig um
diese Dinge. Sie würden vorübergehen; hier lagen Seen und Wälder, weite
mit Tausendschönchen übersäte Felder und süß duftende Wiesen, und diese
werden in aller Zukunft fortbestehen.
Leute, die der Meinung sind, daß uns alle sinnlichen Eindrücke durch
Auge und Ohr zugehen, haben sich gewundert, daß ich, vielleicht
abgesehen von dem Fehlen des Pflasters, einen Unterschied zwischen den
Straßen der Stadt und den Wegen auf dem Lande bemerke. Sie vergessen,
daß mein ganzer Körper auf die mich umgebenden Verhältnisse reagiert.
Das Getöse und der Lärm der Stadt peitscht meine Gesichtsnerven;
ich fühle das rastlose Auf- und Niederwogen einer ungesehenen
Menschenmenge, und das mißtönende Treiben macht einen peinlichen
Eindruck auf mich. Das Rollen der schweren Wagen auf dem harten
Pflaster und das eintönige Klappern der Maschinen sind um so marternder
für die Nerven, wenn jemandes Aufmerksamkeit nicht durch die bunten,
wechselnden Bilder abgelenkt wird, die sich sehenden Menschen in den
geräuschvollen Straßen auf Schritt und Tritt darbieten.
Auf dem Lande dagegen erblickt man nur die Schönheiten der Natur,
und die Seele wird nicht traurig gestimmt durch den erbarmungslosen
Kampf um das bloße Dasein, der in der dichtbevölkerten Stadt wütet. Zu
verschiedenenmalen habe ich die engen, schmutzigen Straßen besucht,
in denen die armen Leute wohnen, und heißer Zorn und Entrüstung
steigen in mir auf bei dem Gedanken, daß gute Menschen es über sich
gewinnen können, in prächtigen Häusern zu wohnen und gesund und
stark zu sein, während andere dazu verurteilt sind, in häßlichen,
sonnenlosen Behausungen zu weilen und in Armseligkeit zu verkümmern.
Die Kinder, die sich auf diesen schmutzigen Straßen halbnackt und
abgemagert umhertreiben, schrecken vor jeder ausgestreckten Hand
zurück, als sollten sie einen Schlag bekommen. Ich kann die Erinnerung
an die lieben kleinen Geschöpfe nicht loswerden, und empfinde einen
fortwährenden nagenden Schmerz dabei. Auch Männer und Frauen gibt
es, die alle an Körper und Geist verkrüppelt und zurückgeblieben
sind. Ich habe ihre harten, rauhen Hände in den meinigen gehalten und
begriffen, was für ein endloses Ringen ihr Leben sein muß -- nichts
weiter als eine Kette nutzloser Versuche, emporzukommen. Ihr Dasein
scheint ein ungeheures Mißverhältnis zwischen Anstrengung und Erfolg
zu sein. Sonne und Luft sind Gottes freies Geschenk an jedermann; sind
sie dies aber in der Tat? In die schmutzigen Straßen der Stadt drüben
dringt kein Sonnenstrahl, und die Luft ist verdorben. O Mensch, wie
kannst du deinen Bruder vergessen, ihm hindernd in den Weg treten und
dabei beten: „Unser täglich Brot gib uns heute“, wenn er keins hat. O
wollten doch jene Menschen die Stadt, deren Glanz und geräuschvolles
Treiben, ihr Gold verlassen und zu Wald und Feld, zu einer schlichten,
ehrenhaften Lebensweise zurückkehren! Dann würden ihre Kinder kräftig
wie edle Bäume werden und ihre Gedanken friedlich und lauter wie die
Blumen am Wegesrain. Es ist mir unmöglich, diese Gedanken zu verbannen,
wenn ich nach einem arbeitsreichen Jahre in der Stadt auf das Land
zurückkehre.
Was für eine Freude ist es für mich, den weichen, elastischen Boden
wieder unter meinen Füßen zu fühlen, auf grasbewachsenen Wegen zu
Bächen zu wandern, deren Ufer mit Farnkraut bedeckt sind und in deren
sich kräuselnden Wellen ich meine Hände kühlen kann, oder über ein
Steinmäuerchen zu klettern und mich auf grünen Wiesen in ausgelassener
Fröhlichkeit umherzutummeln, mich auf dem Boden zu wälzen und die
Abhänge emporzuklimmen.
Nächst einem behaglichen Spaziergange kommt als ein Hauptvergnügen für
mich ein Ausflug auf meinem Tandem in Betracht. Es ist ein herrliches
Gefühl, wenn mir der Wind ins Gesicht weht und ich die elastische
Bewegung meines Stahlrosses empfinde. Das rasche Durchschneiden der
Luft gewährt mir ein köstliches Gefühl der Kraft und des Schwunges, und
bei der Anstrengung hüpfen meine Pulse und jubelt mein Herz.
Wenn irgend möglich, begleitet mich mein Hund auf meinen Ausflügen zu
Fuß, Rad, Pferd oder Boot. Ich habe viele Freunde unter den Hunden
gehabt -- riesige Bullenbeißer, sanfte Wachtelhündchen, Jagdhunde und
ehrbare, zutrauliche Bull Terriers. Augenblicklich besitzt einer von
diesen letzteren die ganze Zuneigung meines Herzens. Er hat einen
langen Stammbaum, ein geringeltes Schwänzchen und das drolligste
Gesicht von der Welt. Meine Hundefreunde scheinen Kenntnis von meinen
Gebrechen zu haben und halten sich stets dicht an meiner Seite, wenn
ich allein bin. Ich liebe ihre Zärtlichkeiten und das beredte Wedeln
ihres Schweifes.
Hält mich ein regnerischer Tag im Zimmer gefangen, so vertreibe ich
mir die Zeit wie andere Mädchen. Ich stricke und häkele gern; ich lese
aufs Geratewohl, wie ich es liebe, hier eine Zeile und dort eine oder
spiele vielleicht mit einem Freunde eine oder zwei Partien Dame oder
Schach. Ich habe ein besonderes Brett, auf dem ich diese Spiele spiele.
Die Felder sind vertieft, sodaß die Figuren in ihnen feststehen. Die
schwarzen Damensteine sind flach und die weißen oben gewölbt. Jeder
Stein hat in der Mitte eine Vertiefung, in der ein Metallknopf zur
Unterscheidung der Dame von den übrigen Steinen befestigt werden kann.
Die Schachfiguren sind von zweierlei Größe, die weißen größer als die
schwarzen, sodaß ich keine Mühe habe, die Operationen meines Gegners zu
verfolgen, indem ich nach jedem Zuge meine Hände leicht über das Brett
gleiten lasse. Das bei dem Bewegen der Figuren von einem Felde zum
anderen entstehende Geräusch zeigt mir an, wann die Reihe an mir ist.
Bin ich zufällig ganz allein und in schlechter Laune, so lege ich
mir eine Patience -- ein Spiel, das ich sehr liebe. Ich benutze dazu
Spielkarten, die rechts oben mit Braillezeichen versehen sind, die den
Wert der Karte angeben.
Sind Kinder in meiner Nähe, so weiß ich kein größeres Vergnügen, als
mit ihnen herumzutollen. Selbst das kleinste Kind gibt für mich einen
ausgezeichneten Gesellschafter ab, und ich freue mich, sagen zu können,
daß die Kinder mich in der Regel gern haben. Sie führen mich herum
und zeigen mir die Dinge, die für sie von Interesse sind. Natürlich
können die Kleinen noch nicht mit ihren Fingern buchstabieren, aber
ich versuche, ihnen die Worte von den Lippen abzulesen. Wenn es mir
nicht gelingt, so nehmen sie ihre Zuflucht zu Gestikulationen. Mitunter
mißverstehe ich sie und tue etwas Verkehrtes. Dann brechen sie über
mein Versehen in kindliches Gelächter aus, und die Pantomime beginnt
von neuem. Ich erzähle ihnen oft Geschichten oder lehre sie ein Spiel,
und die Stunden enteilen uns im Fluge und hinterlassen uns frohe und
heitere Erinnerungen.
Auch Museen und Kunstsammlungen sind für mich eine Quelle des Genusses
und der Begeisterung. Ohne Zweifel wird es manchem seltsam erscheinen,
daß die Hand ohne Unterstützung durch das Gesicht in dem kalten Marmor
Handlung, Empfindung, Schönheit soll wahrnehmen können; und doch habe
ich in der Tat hohen Genuß bei der Berührung großer Kunstwerke. Wenn
meine Fingerspitzen die Linien und die schwellenden Formen verfolgen,
so finden die die Idee und die Empfindung heraus, die der Künstler
dargestellt hat. Ich kann in den Zügen der Götter und Heroen Haß, Mut
und Liebe wahrnehmen, genau so, wie ich diese Gemütsbewegungen bei
lebenden Personen erkennen kann, wenn ich deren Gesicht berühren darf.
Ich fühle aus der Haltung der Diana die Anmut, die Waldesfreiheit
und den Geist heraus, der den Berglöwen zähmt und die wildesten
Leidenschaften unterjocht. Meine Seele ergötzt sich an der Ruhe und den
anmutigen Wellenlinien einer Venus, und in Barrés Bronzen enthüllen
sich mir die Geheimnisse des Dschungels.
Ein Medaillon Homers hängt in meinem Studierzimmer an der Wand, in
passender Höhe, sodaß ich es leicht erreichen und mit liebender
Verehrung das schöne, traurige Antlitz berühren kann. Wie gut ich jede
Linie auf dieser hoheitsvollen Stirn kenne -- Furchen, die das Leben
und die bitteren Erfahrungen des Kampfes und des Schmerzes gezogen
haben, diese blinden Augen, die selbst in dem toten Gips das Licht und
den blauen Himmel seines geliebten Hellas suchen und vergebens suchen,
diesen schönen festen, aufrichtigen, liebevollen Mund! Es ist das
Antlitz eines Dichters und eines Mannes, der mit dem Schmerz vertraut
ist. Ach, wie gut ich dieses Gebrechen verstehe, das ewige Dunkel, in
dem er weilte --
O Nacht, Nacht, Nacht beim hellen Glanz des Mittags.
O Nacht, unwiderruflich, Finsternis
Jedweder Hoffnung bar, den Tag zu schau’n!
In meiner Phantasie kann ich hören, wie Homer singend sich mit
unsicheren, langsamen Schritten seinen Weg von Lager zu Lager tastet
-- singend von Leben, von Liebe, von Krieg, von den Heldentaten eines
edlen Volkes. Es war ein wunderbares, herrliches Lied, das dem blinden
Dichter unsterblichen Ruhm, die Bewunderung aller Zeiten eintrug.
Ich bin mitunter im Zweifel, ob die Hand nicht empfänglicher für die
Schönheiten der Plastik ist als das Auge. Ich sollte meinen, der
wunderbare rhythmische Fluß der Linien ließe sich besser fühlen als
sehen. Wie dem aber auch sei, ich weiß, daß ich den Herzschlag der
alten Griechen in ihren marmornen Göttern und Göttinnen fühlen kann.
Eine fernere Unterhaltung, zu der sich freilich seltener die
Gelegenheit bietet als zu den übrigen, ist der Theaterbesuch. Ich
habe viel mehr Genuß von der Beschreibung eines Stückes während der
Bühnenaufführung als von seiner Lektüre, weil ich mich dabei in
die Mitte der dargestellten aufregenden Ereignisse selbst versetzt
glaube. Ich habe das Glück gehabt, ein paar große Schauspieler und
Schauspielerinnen kennen zu lernen, die die Macht besaßen, die Zuhörer
so in ihrem Bann zu halten, daß diese darüber Zeit und Raum vergaßen
und in der romantischen Vergangenheit lebten. Ich habe Gesicht und
Kostüm von Fräulein Ellen Terry berühren dürfen, während sie das
Ideal einer Königin verkörperte, und ihr ganzes Wesen atmete eine
Erhabenheit, die auch das herbste Weh verklärt. Neben ihr stand Sir
Henry Irving, angetan mit den Insignien der Königswürde, und in jeder
Gebärde, in seiner ganzen Haltung lag eine Geisteshoheit, in jedem Zuge
seines ausdrucksvollen Gesichtes sprach sich ein Herrscherbewußtsein
aus, das überwältigend wirkte. In dem Königsantlitz, das er als Maske
trug, lagen eine Vornehmheit und ein Erhabensein über den Schmerz, die
ich nie vergessen werde.
Auch Herrn Jefferson kenne ich. Ich bin stolz darauf, ihn zu meinen
Freunden zählen zu dürfen. Ich besuche das Theater stets, wenn ich
mich an dem Orte befinde, wo er auftritt. Zum erstenmal sah ich ihn
spielen, als ich in New York in die Schule ging. Er trat als Rip van
Winkle auf. Ich hatte oft die Erzählung gelesen, aber niemals war
mir der Reiz von Rips sanfter, kluger, gütiger Handlungsweise so zum
Bewußtsein gekommen, wie in dem Stücke. Herrn Jeffersons schöne,
ergreifende Darstellung riß mich vor Entzücken hin. Ich habe ein Bild
des alten Rip in meinen Fingern, das sich denselben unauslöschlich
eingeprägt hat. Nach der Vorstellung führte mich Fräulein Sullivan zu
ihm hinter die Kulissen, und ich betastete hier sein seltsames Gewand,
sein wallendes Haar, seinen Bart. Herr Jefferson ließ mich sein Gesicht
berühren, sodaß ich mir eine Vorstellung von seinem Aussehen machen
konnte, als er von jenem seltsamen zwanzigjährigen Schlafe erwachte,
und er zeigte mir, wie der arme alte Rip auf seinen Füßen hin- und
herschwankte.
[Illustration: Helen Keller, Frl. Sullivan und Schauspieler Jefferson]
Auch in den »Rivals« habe ich ihn gesehen. Einst spielte er mir, als
ich ihm in Boston, wo er auftrat, einen Besuch machte, die packendsten
Szenen der »Rivals« vor. Das Empfangszimmer, in dem wir saßen, diente
als Bühne. Er und sein Sohn setzten sich an den großen Tisch, und
Bob Acres schrieb seine Herausforderung. Ich verfolgte alle seine
Bewegungen mit den Händen und erhielt einen Eindruck von der Komik
seiner seltsamen Gebärden, den ich nie erhalten hätte, wenn mir alles
nur in die Hand buchstabiert worden wäre. Dann erhoben sich beide,
um das Duell auszufechten, und ich folgte den schnellen Stößen, dem
Parieren der Degen und dem Zittern des armen Bob, als ihm allmählich
der Mut entsank. Dann gab sich der große Schauspieler einen Ruck und
zog seine Mundwinkel herunter -- und im Nu befand ich mich in dem Dorfe
Falling Water und fühlte Schneiders rauhes Haupt an meinem Knie. Herr
Jefferson rezitierte die schönsten Szenen aus »Rip van Winkle«, in
denen die Träne dem Lächeln dicht auf dem Fuße folgt. Er bat mich, ihm,
soweit es mir möglich sei, die Gestikulationen und das Spiel anzugeben,
die ich zu beobachten wünschte. Natürlich habe ich keine Ahnung von
dramatischem Spiel, und ich konnte nur aufs Geratewohl Andeutungen
machen; aber mit meisterhafter Kunst paßte er das Spiel den Worten an.
Rips Seufzer, als er murmelt: „Wird denn ein Mann so rasch vergessen,
wenn er fort ist?“, die Verdutztheit, mit der er Hund und Gewehr nach
seinem langen Schlafe sucht, und seine komische Unentschlossenheit
betreffs der Unterzeichnung des Vertrages mit Derrick -- all dies
schien aus dem Leben selbst gegriffen zu sein, das heißt, aus dem
idealen Leben, in dem sich die Ereignisse nach unseren Wünschen richten.
Ich erinnere mich meines ersten Theaterbesuches noch sehr gut. Es war
vor zwölf Jahren. Die kleine Schauspielerin Elsie Leslie war in Boston,
und Fräulein Sullivan nahm mich zur Aufführung von »~The Prince and
the Pauper~« mit. Nie werde ich den Wechsel von Heiterkeit und
Trauer vergessen, der in dem hübschen kleinen Stück herrschte, oder das
wunderbare Kind, das in ihm auftrat. Nach Beendigung der Vorstellung
durfte ich hinter die Kulissen gehen und sie in ihrem Königsgewande
betasten. Es würde schwer gewesen sein, ein lieblicheres oder
liebenswürdigeres Kind zu finden als Elsie, wie sie mit ihren auf die
Schultern herabfallenden goldenen Locken dastand, mit einem strahlenden
Lächeln um den Mund, ohne die geringste Spur von Befangenheit oder
Ermüdung, trotzdem sie vor einer zahllosen Zuschauermenge gespielt
hatte. Ich lernte damals eben sprechen und hatte mir vorher ihren
Namen so oft wiederholt, bis ich ihn ganz deutlich aussprechen konnte.
Man kann sich mein Entzücken denken, als sie die wenigen Worte, die
ich zu ihr sprach, verstand und mir sofort die Hand zur Begrüßung
entgegenstreckte.
Ist es nun nicht wahr, daß mein Leben mit all seinen Beschränkungen in
vielen Punkten dem Leben der großen Welt gleicht? Alles besitzt sein
Wunderbares, selbst Dunkelheit und Stille, und ich lerne mich unter
allen Umständen mit meiner Lage bescheiden.
Manchmal allerdings befällt mich ein Gefühl der Vereinsamung wie ein
kalter Nebel, wenn ich allein bin und vor dem geschlossenen Tore des
Lebens wartend sitze. Da drinnen ist Licht und Musik und heitere
Geselligkeit; aber mir ist der Eintritt verwehrt. Das Schicksal
versperrt mir schweigend, erbarmungslos den Weg. Gern würde ich wegen
seines unabwendbaren Beschlusses mit ihm hadern, denn mein Herz ist
noch ungebärdig und leidenschaftlich; aber meine Zunge will die
bitteren, nutzlosen Worte, die sich auf meine Lippen drängen, nicht
aussprechen, und sie sinken in mein Herz zurück wie unvergossene
Tränen. Unermeßliches Schweigen lagert über meiner Seele. Dann naht
sich die Hoffnung mit einem Lächeln und flüstert mir zu: „Auch im
Selbstvergessen liegt Genuß.“ Und so versuche ich das Licht in anderer
Augen zu meiner Sonne, die Musik in anderer Ohren zu meiner Symphonie,
das Lächeln auf anderer Lippen zu meinem Glücke zu machen.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Beglückendes Gefühl der Freundschaft. -- Bischof Brooks. -- Kein
Verlangen nach dem Jenseits. -- Henry Drummond. -- ~Dr.~ Oliver
Wendell Holmes. -- Whittier. -- ~Dr.~ Edward Everett Hale. -- ~Dr.~
Alexander Graham Bell.-- Charles Dudley Warner. -- Mark Twain u. a.
-- Schlußwort.
Ich wollte, ich könnte in dieser Skizze die Namen aller derer
aufführen, die zur Erhöhung meines Glückes beigetragen haben! Teils
würde man sie in den Annalen unserer Literatur aufgezeichnet finden,
vielen Herzen teuer, während andere den meisten meiner Leser völlig
unbekannt sein dürften. Aber der Einfluß ihrer Persönlichkeit wird,
obgleich nichts von ihm verlautet, in dem Dasein derer, die durch ihn
gebildet und veredelt worden sind, eine unvergängliche Rolle spielen.
Das sind Festtage in unserem Leben, wenn wir Menschen begegnen, die
auf uns wirken wie ein schönes Gedicht, Menschen, deren Handschlag
voller unausgesprochener Sympathie ist und deren milde, reiche Naturen
unserem ungestümen, ungeduldigen Gemüte eine wunderbare Ruhe mitteilen,
die im innersten Kerne ihres Wesens göttlichen Ursprunges ist. Die
Rastlosigkeit, die Erbitterung, die Qual, die uns verfolgt haben,
verschwinden wie böse Träume, und wir erwachen, um die Schönheit und
Harmonie von Gottes wirklicher Welt mit neuen Augen zu erblicken und
mit neuen Ohren zu vernehmen. Die leeren Förmlichkeiten, die unser
Alltagsleben ausfüllen, gewinnen plötzlich eine höhere, tiefere
Bedeutung. Mit einem Worte, in der Nähe solcher Freunde fühlen wir,
daß alles gut ist. Vielleicht haben wir sie nie zuvor gesehen, und
vielleicht werden sich unsere Lebenspfade nie wieder kreuzen, aber
der Einfluß ihrer ruhigen, milden Naturen wirkt wie ein kühlendes Bad
auf unsere Unzufriedenheit, und wir spüren die von ihm ausgehende
heilkräftige Erquickung, wie der Ozean die Bergströme spürt, die seine
Fluten erfrischen.
Ich bin oft gefragt worden: „Werden Sie von den Leuten nicht
belästigt?“ Ich verstehe nicht ganz, was dies heißen soll. Ich glaube,
die Besuche beschränkter und neugieriger Menschen, namentlich die der
Zeitungsberichterstatter, sind stets unbequem. Auch liebe ich Leute
nicht, die sich im Gespräch zu meinem Standpunkt herabzulassen bemühen.
Sie gleichen denen, die, wenn sie neben uns hergehen, sich bemühen,
ihre Schritte zu verkürzen, um sie den unsrigen anzupassen; die
Heuchelei wirkt in beiden Fällen gleich erbitternd.
Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache. Die
Berührung mancher Hände ist eine Beleidigung. Ich bin Leuten
begegnet, die so bar aller Lebensfreude waren, daß, wenn ich ihre
eisigen Fingerspitzen berührte, es mir vorkam, als reiche ich
einem Nordoststurm die Hand. Es gibt andere, deren Hände gleichsam
Sonnenstrahlen an sich tragen, so daß mir ihre Berührung das Herz
erwärmt. Es braucht nur der Druck einer Kinderhand zu sein; aber für
mich liegt darin ebensoviel erquickender Sonnenstrahl wie für andere
in einem Liebesblicke. Ein herzlicher Händedruck oder ein freundlicher
Brief macht mir stets Freude.
Ich habe viele Freunde in der Ferne, die ich nie gesehen habe. In der
Tat sind ihrer so viele, daß ich oft außer stande bin, ihre Briefe zu
beantworten; ich wünsche ihnen jedoch hier zu sagen, daß ich ihnen
stets für ihre gütigen Worte dankbar bin, so unzulänglich auch die
Anerkennung meinerseits ausfallen mag.
Ich rechne es zu den angenehmsten Erinnerungen meines Lebens, viele
bedeutende Männer kennen gelernt zu haben und mit ihnen in persönliche
Berührung gekommen zu sein. Nur wer Bischof Brooks kennt, vermag
zu ermessen, wie wertvoll seine Freundschaft für die ist, die sie
besitzen. Als Kind liebte ich es, auf seinen Knien zu sitzen und
meine kleine Hand auf seine große zu legen, während Fräulein Sullivan
mir in die andere seine herrlichen Worte über Gott und das Jenseits
buchstabierte. Ich hörte ihm mit kindlichem Staunen und Entzücken
zu. Mein Geist konnte dem Fluge des seinigen nicht folgen, aber er
lehrte mich wahren Lebensgenuß, und ich verließ ihn nie, ohne einen
erhebenden Gedanken mit mir davonzutragen, der an Schönheit und Tiefe
der Bedeutung zunahm, je mehr ich heranwuchs. Als ich einst über die
große Menge der Religionen verwirrt war, sagte er zu mir: „Es gibt
nur eine Weltreligion, Helen -- die Religion der Liebe. Liebe deinen
himmlischen Vater von ganzem Herzen und mit ganzer Seele, liebe jedes
Kind Gottes, so innig du es nur kannst, und erinnere dich daran, daß
das Gute eher Aussicht auf Verwirklichung besitzt als das Böse, und
du hast den Schlüssel zum Himmelreich.“ -- Und sein Leben bildete ein
treffliches Beispiel zu dieser großen Wahrheit. In seiner edlen Seele
standen Liebe und das umfassendste Wissen im Bunde mit dem Glauben, der
zur Erkenntnis geworden war. Er erblickte
Gott in allem, was erhebt, befreit und tröstet,
So auch in allem, was uns niederdrückt.
Bischof Brooks lehrte mich kein besonderes Glaubensbekenntnis
oder Dogma; allein er prägte meinem Geiste zwei große Ideen ein
-- die Eigenschaft Gottes als Vater und die der Menschen als
Brüder -- und setzte mir auseinander, daß diese Wahrheiten allen
Glaubensbekenntnissen und Kulturformen zugrunde liegen. Gott ist die
Liebe, Gott ist unser Vater, wir sind seine Kinder; daher werden sich
die dunkelsten Wolken dereinst zerteilen, und obgleich das Recht mit
Füßen getreten werden kann, so soll das Unrecht doch nicht triumphieren.
Ich bin hier auf Erden zu glücklich, um viel an das Jenseits zu
denken, abgesehen davon, daß ich mich erinnere, daß geliebte Freunde
im Himmelreich meiner warten. Trotz der Reihe von Jahren scheinen sie
mir doch so nahe zu sein, daß ich mich keinen Augenblick wundern würde,
wenn sie meine Hand ergriffen und zärtliche Worte sprächen, wie sie
dies vor ihrem Hinscheiden zu tun pflegten.
Seit Bischof Brooks’ Tode habe ich die Bibel von Anfang bis zu Ende
gelesen, ebenso einige philosophische Werke über Religion, unter ihnen
Swedenborgs »Himmel und Hölle« und Drummonds »~Ascent of Man~«;
ich habe jedoch kein Glaubensbekenntnis oder System gefunden, das
mich mehr befriedigt hätte als Bischof Brooks’ Religion der Liebe.
Ich kannte Herrn Henry Drummond persönlich, und bei der Erinnerung
an seinen kräftigen, warmen Händedruck ist es mir, als erteilte er
mir seinen Segen. Er war der angenehmste Gesellschafter, den man sich
denken kann. Er besaß ein so reiches Wissen und war so geistvoll, daß
er jedermann mit sich fortriß.
Ich erinnere mich noch sehr gut meines ersten Zusammentreffens mit
~Dr.~ Oliver Wendell Holmes. Er hatte Fräulein Sullivan und
mich eingeladen, ihn eines Sonntagnachmittags zu besuchen. Es war zu
Beginn des Frühjahrs, kurz, nachdem ich sprechen gelernt hatte. Wir
wurden sofort nach der Bibliothek gewiesen, wo wir ihn in einem großen
Armstuhl bei einem offenen Feuer, das im Kamin glühte und prasselte,
sitzen fanden, in Erinnerungen vergangener Zeiten versunken, wie er
sagte.
„Und zugleich in das Rauschen des Charlesflusses“, -- fügte ich hinzu.
„Ja,“ -- antwortete er, „der Charlesfluß erinnert mich an viele
glückliche Stunden.“ -- Es herrschte ein Geruch von bedrucktem Papier
und Leder in dem Raume, der mir sagte, daß es voller Bücher sei, und
ich streckte unwillkürlich meine Hand aus, um sie zu suchen. Ich
ergriff eine schöne Ausgabe von Tennysons Gedichten, und als mir
Fräulein Sullivan gesagt hatte, was es für ein Buch sei, begann ich zu
rezitieren:
~Break, break, break
On thy cold gray stones, O sea!~
Aber ich hielt plötzlich inne. Ich fühlte Tränen auf meiner Hand.
Ich hatte meinen geliebten Dichter zum Weinen gebracht und war ganz
untröstlich darüber. Er nötigte mich in seinen Armstuhl und brachte
mir verschiedene interessante Dinge zum Befühlen, und auf seine Bitte
deklamierte ich ihm auch »~The Chambered Nautilus~«, das damals mein
Lieblingsgedicht war. Später besuchte ich ~Dr.~ Holmes noch öfters und
lernte in ihm sowohl den Menschen wie den Dichter lieben.
An einem schönen Sommertage, nicht lange nach meiner ersten Begegnung
mit ~Dr.~ Holmes, besuchten Fräulein Sullivan und ich Herrn Whittier
in seinem stillen Heim am Merrimac. Seine Ritterlichkeit und seine
gewählte Ausdrucksweise gewannen ihm sofort mein Herz. Er besaß einen
Band seiner Gedichte in Hochdruck, aus dem ich »~In School Days~«
las. Er war entzückt, daß ich die Worte so gut aussprechen konnte,
und sagte, es sei ihm nicht schwer gefallen, mich zu verstehen. Dann
richtete ich einige Fragen betreffs des Gedichtes an ihn und las
seine Antwort ab, indem ich ihm meine Finger auf die Lippen legte. Er
erklärte, er selbst sei der kleine Knabe in dem Gedicht, der Name des
Mädchens sei Sally gewesen und noch mehr dergleichen, was ich aber
vergessen habe. Ich deklamierte auch »~Laus Deo~«, und als ich die
Schlußworte sprach, legte er mir die Statue eines Sklaven in die Hände,
von dessen zusammengekrümmter Gestalt die Ketten abfielen, gerade so
wie sie von Petrus’ Gliedern abfielen, als der Engel ihn aus dem Kerker
herausführte. Später gingen wir in sein Studierzimmer, und hier schrieb
er ein Autogramm[12] für meine Lehrerin nieder und drückte ihr seine
Bewunderung über das, was sie getan hatte, aus, indem er zu mir sagte:
„Sie ist deine geistige Befreierin“. Dann geleitete er mich bis zur
Gartenpforte und küßte mich zum Abschiede zärtlich auf die Stirn. Ich
versprach ihm, ihn im folgenden Sommer wieder zu besuchen; er starb
aber, ehe ich mein Versprechen erfüllen konnte.
~Dr.~ Edward Everett Hale ist einer meiner allerältesten Freunde.
Ich kenne ihn seit meinem achten Lebensjahre, und meine Liebe zu ihm
hat zugenommen, je älter ich wurde. An seiner weisen, liebevollen
Teilnahme haben Fräulein Sullivan und ich uns in den Tagen der Prüfung
und Trübsal aufgerichtet, und seine starke Hand hat uns über manche
steile und steinige Strecke unseres Pfades hinweggeholfen, und was er
für uns getan hat, das hat er für tausend andere getan, die schwierige
Aufgaben zu erfüllen haben. Er hat die alten Schläuche des Dogmas mit
dem neuen Wein der Liebe gefüllt und den Menschen gezeigt, was es
heißt, zu glauben, zu leben und frei zu sein. Was er gelehrt hat, das
haben wir in seinem Leben auf das schönste ausgedrückt gefunden --
Vaterlandsliebe, Güte dem geringsten seiner Brüder gegenüber und ein
aufrichtiges Verlangen, sich über das irdische emporzuschwingen. Er
ist ein Prophet und Herzenskündiger gewesen, ein mächtiger »Täter des
Worts«, der Freund seines ganzen Geschlechtes -- Gott segne ihn!
Meine erste Begegnung mit ~Dr.~ Alexander Graham Bell habe ich
schon erwähnt. Seitdem habe ich viele glückliche Tage mit ihm in
Washington und auf seinem schönen Landsitz im Innern von Cape Breton
Island verlebt, in der Nähe von Baddeck, dem durch Charles Dudley
Warners Buch berühmt gewordenen Dorfe. Hier habe ich in ~Dr.~ Bells
Laboratorium oder auf den Feldern am Ufer des großen Bras d’Or viele
genußreiche Stunden zugebracht, in denen er mir von seinen Experimenten
erzählte und ich ihm bei dem Steigenlassen von Drachen half, mittels
deren er die Gesetze, die die Luftschiffahrt der Zukunft beherrschen
werden, zu ergründen hofft. ~Dr.~ Bell hat bedeutende Leistungen auf
vielen wissenschaftlichen Gebieten aufzuweisen und besitzt die Gabe,
alles, was er in die Hand nimmt, interessant zu machen, selbst die
verwickeltsten Fragen. Man hat bei ihm das Gefühl, daß, wenn man nur
ein wenig mehr Zeit hätte, man auch ein Erfinder sein könnte. Dazu hat
er eine humoristische und eine poetische Seite. Seine Hauptleidenschaft
ist seine Liebe zu Kindern. Nie ist er so durchaus glücklich, als wenn
er ein kleines taubstummes Kind in seinen Armen hält. Seine Arbeiten
zum Besten der Taubstummen werden fortleben und noch über künftige
Generationen von Kindern Segen verbreiten, und wir lieben ihn ebenso
für das, was er selbst geleistet, wie für das, wozu er andere angeregt
hat.
In den zwei Jahren, die ich in New York verlebte, hatte ich oft
Gelegenheit, mit hervorragenden Männern zu sprechen, deren Namen ich
oft gehört, mit denen ich aber niemals zusammenzutreffen gehofft
hatte. Zum größten Teile lernte ich diese in dem Hause meines
lieben Freundes Herrn Laurence Hutton kennen. Es war eine große
Vergünstigung, ihn und die liebe Frau Hutton in ihrer reizenden
Villa besuchen zu dürfen, ihre Bibliothek zu besichtigen und die
herrlichen Empfindungen und glänzenden Gedanken zu lesen, die begabte
Freunde für sie niedergeschrieben hatten. Man hat mit Recht gesagt,
Herr Hutton besitzt die Fähigkeit, aus jedem die besten Gedanken und
die zartesten Empfindungen herauszulocken. Man braucht nicht die
Erzählung »~A Boy I Knew~« zu lesen, um ihn zu verstehen -- den mit dem
reinsten, kindlichsten Gemüt begabten Mann, den treuen Freund in allen
Lebenslagen, der sowohl das Leben der Hunde wie das seiner Mitmenschen
liebevoll verfolgt.
Frau Hutton ist eine aufrichtige, bewährte Freundin. Vieles, was ich
für das Beste und Wertvollste halte, verdanke ich ihr. Oft hat sie mir
während meines Universitätsstudiums mit Rat und Tat beigestanden. Wenn
ich meine Lebensaufgabe schwer und entmutigend finde, so schreibt sie
mir Briefe, die mich wieder froh und tapfer machen; denn sie gehört zu
denen, von denen wir lernen können, daß die Erfüllung einer mühevollen
Pflicht die Erfüllung der nächsten einfacher und leichter macht.
Herr Hutton führte mich bei vielen seiner literarischen Freunde ein,
von denen die bedeutendsten Herr William Dean Howells und Mark Twain
sind. Auch mit Herrn Richard Watson Gilder und Herrn Edmund Clarence
Stedman traf ich zusammen. Auch Herrn Charles Dudley Warner lernte ich
kennen, den reizendsten Erzähler und liebenswürdigsten Freund, dessen
Gutherzigkeit so umfassend war, daß man von ihm in Wahrheit sagen
konnte, er liebte alle lebenden Wesen und seinen Nächsten wie sich
selber. Einmal stellte mir Herr Warner den Dichter der Wälder, -- Herrn
John Burroughs, vor. Sie waren alle liebenswürdig und sympathisch, und
ich wurde mir des Zaubers ihrer Persönlichkeit ebenso bewußt, wie ich
früher die Schönheit ihrer Abhandlungen und Gedichte bewundert hatte.
Ich konnte nicht Schritt halten mit all diesen Schriftstellern, wie sie
von einem Gegenstand zum anderen übersprangen und sich in tiefsinnige
Disputationen einließen oder in der Unterhaltung ihren Witz glänzen
ließen. Ich glich dem kleinen Ascanius, der mit seinen trippelnden
Füßchen den heroischen Schritten seines Vaters Aeneas auf seinem
Lebenswege, der ihn mächtigen Geschicken entgegenführte, folgte. Aber
sie teilten mir viel Interessantes mit. So erzählte mir Herr Gilder von
seinen Reisen im Mondschein durch die weite Wüste zu den Pyramiden, und
in seinem Briefe, den er mir schrieb, drückte er unter der Unterschrift
seinen Stempel so tief in das Papier hinein, daß ich ihn fühlen
konnte. Dies erinnert mich daran, daß ~Dr.~ Hale seinen Briefen
an mich einen persönlichen Zug verlieh, indem er seine Unterschrift
in Brailleschrift gab. Von Mark Twains Lippen las ich ein paar seiner
prächtigen Erzählungen ab. Er hat seine eigene Art, zu denken, zu
sprechen und zu handeln. Ich fühle das Zwinkern seines Auges in seinem
Händedrucke. Eben dadurch, daß er seine cynische Weisheit in einer
unsagbar drolligen Weise vorbringt, erweckt er die Empfindung, daß sein
Herz voll des tiefsten, innigsten Mitgefühls ist.
Es gibt noch eine Menge anderer interessanter Leute, mit denen
ich in New York zusammengetroffen bin: Frau Mary Mapes Dodge, die
beliebte Herausgeberin vom »~St. Nicholas-Magazine~«, und Frau Riggs
(Kate Douglas Wiggin), die anmutige Verfasserin von »~Patsy~«. Ich
erhielt von ihnen Geschenke, bei deren Auswahl das Herz mitgesprochen
hat, Bücher mit ihren eigenen Gedanken, seelenvolle Briefe und
Photographien, die ich mir immer und immer wieder beschreiben lasse.
Allein mir fehlt der Raum, hier aller meiner Freunde zu gedenken,
und in der Tat gibt es in Bezug auf sie Dinge, die sich hinter
Cherubsschwingen bergen, Dinge, die zu heilig sind, um in kalte
Druckschrift umgesetzt zu werden. Nur mit innerem Widerstreben habe ich
soeben von Frau Laurence Hutton gesprochen.
Ich will noch zwei weitere befreundete Personen erwähnen. Die eine
ist Frau William Thaw in Pittsburgh, die ich oft auf ihrem Landsitze
in Lyndhurst besucht habe. Sie ist stets damit beschäftigt, jemand
glücklich zu machen, und all die Jahre über, die meine Lehrerin und ich
sie kennen, haben wir stets bei ihr großmütige Hilfe und weisen Rat
gefunden.
Auch meinem anderen Freunde bin ich zu tiefem Danke verpflichtet.
Er ist wegen seiner mächtigen Hand, mit der er große Unternehmungen
leitet, weit und breit bekannt, und seine bewundernswerten
Eigenschaften haben ihm die allgemeine Achtung erworben. Freundlich
zu jedermann tut er unausgesetzt in der Stille und unbemerkt Gutes.
Wiederum berühre ich den Kreis geachteter Namen, die ich nicht nennen
darf, aber ich möchte gern seine Hochherzigkeit und seine rege
Teilnahme an meinem Geschick hervorheben, die es mir möglich gemacht
haben, die Universität zu besuchen.
So haben meine Freunde mein Leben zu dem gemacht, was es ist. Auf
tausenderlei Art haben sie meine Gebrechen in herrliche Vorrechte
verwandelt und mich in den Stand gesetzt, heiter und glücklich in dem
von meinen körperlichen Mängeln geworfenen Schatten zu wandeln.
[12] ~With great admiration of thy noble work in releasing from
bondage the mind of thy dear pupil, I am truly thy friend, John
G. Whittier.~ (Mit der größten Bewunderung für dein edles Werk
der Befreiung des Geistes deiner lieben Schülerin von der
Knechtschaft bin ich dein aufrichtiger Freund John G. Whittier.)
Zweiter Teil.