Die Geschichte meines Lebens

Erstes Kapitel.

Schwierige Aufgabe. -- Familie. -- Ivy Green. -- Garten. -- Geburt.

-- Taufe. -- Erste Sprech- und Gehversuche. -- Erkrankung. --

Dauernder Verlust des Gesichts und Gehörs. -- Verworrene Erinnerung

an die ersten Gesichtseindrücke.

Nur mit einem gewissen Zagen beginne ich die Geschichte meines Lebens

zu schreiben. Ich empfinde eine Art abergläubischer Furcht davor, den

Schleier zu lüften, der wie ein goldener Nebel über meiner Kindheit

ausgebreitet liegt. Die Aufgabe, eine Selbstbiographie zu verfassen,

gehört zu den schwierigsten, die man sich überhaupt stellen kann.

Wenn ich versuche, meine ersten Eindrücke zu ordnen, so finde ich,

daß Wahrheit und Dichtung, über die Jahre hinweg betrachtet, die die

Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen, sich zum Verwechseln

ähnlich sehen. Die reife Frau schildert die Erfahrungen des Kindes,

wie sich diese in ihrer eigenen Phantasie darstellen. Ein paar

Eindrücke aus meinen ersten Lebensjahren stehen lebendig vor meiner

Seele, doch „alles andre deckt der Kerkerschatte“. Auch haben viele

der Freuden und Leiden der Kindheit ihren Reiz und ihren Stachel

verloren, und zahlreiche Ereignisse, die bei Beginn meiner Erziehung

von entscheidender Bedeutung gewesen sind, habe ich in der Erregung

über meine weiteren Fortschritte vergessen. Um daher den Leser nicht

zu ermüden, will ich in einer Reihe von Skizzen nur die Episoden zu

schildern versuchen, die mir am interessantesten und wichtigsten

erscheinen.

Ich wurde am 27. Juni 1880 in Tuscumbia, einer kleinen Stadt im

nördlichen Alabama, geboren.

Die Familie meines Vaters stammt von +Kaspar Keller+ ab, einem

geborenen Schweizer, der sich in Maryland niedergelassen hatte. Einer

meiner Schweizer Vorfahren war der erste Lehrer für Taubstumme in

Zürich und hat ein Buch über deren Erziehung geschrieben -- gewiß ein

seltsames Zusammentreffen, obgleich es wahr ist, daß es keinen König

gibt, unter dessen Vorfahren sich nicht ein Sklave befunden hat, und

keinen Sklaven, in dessen Adern nicht auch Königsblut rollt.

Mein Großvater, Kaspar Kellers Sohn, erhielt große Ländereien in

Alabama zugewiesen und siedelte sich schließlich hier an. Ich

habe mir erzählen lassen, daß er alljährlich einmal von Tuscumbia

nach Philadelphia ritt, um die Bedürfnisse für seinen Grundbesitz

einzukaufen, und meine Tante verwahrt noch viele von den Briefen an

seine Familie, die anziehende und lebhafte Reiseschilderungen enthalten.

Meine Großmutter Keller war die Tochter Alexander Moores, eines

Adjutanten Lafayettes, und Enkelin Alexander Spotswoods, eines früheren

Kolonialgouverneurs von Virginia. Auch war sie im zweiten Gliede mit

Robert E. Lee verwandt.

Mein Vater, Arthur H. Keller, war Hauptmann in der konföderierten Armee

gewesen, und meine Mutter, Kate Adami, war seine zweite Gattin und

viele Jahre jünger.

Bis zum Ausbruch meiner Krankheit, die mich für immer des Gesichts

und Gehörs berauben sollte, lebte ich in einem kleinen Hause, das aus

einem großen viereckigen Zimmer und einem kleineren bestand, in dem

das Dienstmädchen schlief. Im Süden herrscht die Gewohnheit, in der

Nähe des Wohnhauses ein kleineres Gebäude zu errichten, das dann bei

Gelegenheit benützt wird. Ein solches Häuschen erbaute auch mein Vater

nach dem Bürgerkriege und bezog es, nachdem er sich mit meiner Mutter

verheiratet hatte. Es war über und über mit Wein, Kletterrosen und

Geißblatt bedeckt. Vom Garten aus machte es ganz den Eindruck einer

Laube. Der kleine Eingang lag hinter einer Hecke von gelben Rosen und

Stechwinde verborgen, die beständig von Hummeln und Bienen umsummt

wurde.

[Illustration: Ivy Green]

Das Familienwohnhaus lag wenige Schritte von unserer kleinen Rosenlaube

entfernt. Es wurde »Ivy Green« genannt, weil das Haus und Bäume und

Zäune, welche es umgaben, von dem schönsten Efeu umrankt waren. Der

dazugehörige altmodische Garten war das Paradies meiner Kindheit.

Schon vor der Ankunft meiner Lehrerin pflegte ich mich an den steifen

viereckigen Buchsbaumhecken entlang zu tasten und fand, durch den

Geruch geleitet, die ersten Veilchen und Lilien. Hierher flüchtete ich

mich auch nach einem heftigen Ausbruch meines Temperaments und verbarg

mein heißes Gesicht in den kühlen Blättern und Gräsern. Was für eine

Freude war es, mich in diesem blumenübersäten Garten zu verlieren,

selig von einem Fleck zum anderen zu wandern, bis ich endlich auf einen

herrlichen Weinstock stieß, ihn an seinen Blättern und Blüten erkannte

und wußte, es sei der Weinstock, der das verfallene Sommerhaus am

anderen Ende des Gartens umrahmte! Dort wuchsen auch die kletternde

Clematis, der niederhängende Jasmin und einige seltene, stark duftende

Blumen, Schmetterlingslilien genannt, weil ihre zarten Blütenblätter

Schmetterlingsflügeln gleichen. Aber die Rosen waren doch meine

bevorzugten Lieblinge. Niemals habe ich in den Treibhäusern des Nordens

solche wunderherrlichen Rosen angetroffen wie die Kletterrosen meines

väterlichen Gartens, im Süden. Sie hingen in langen Gewinden um das

Portal des kleinen Häuschens und erfüllten die ganze Luft mit ihrem

Wohlgeruch, der nichts Irdisches an sich hatte, und in der Morgenfrühe

fühlten sie sich, vom Tau gebadet, so frisch, so rein an, daß ich mich

oft staunend fragte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im Garten Gottes

glichen.

Der Beginn meines Lebens war einfach und genau so wie der jedes

anderen kleinen Lebens. Ich kam, sah, siegte, wie es das erste Kind

einer Familie stets tut. Wie gewöhnlich kam es bei Gelegenheit der

Wahl eines Namens für mich zu einer lebhaften Erörterung. Es war nicht

leicht, für das erste Kind in der Familie einen passenden Namen zu

finden, da jedermann seine Lieblingswünsche in dieser Beziehung hatte

und mit Eifer vertrat. Mein Vater schlug den Namen Mildred Campbell

vor, wie eine Ahne von ihm geheißen hatte, die er sehr verehrte, und

lehnte es ab, weiter an der Diskussion teilzunehmen. Meine Mutter

gab den Ausschlag, indem sie es als ihren Wunsch bezeichnete, ich

möchte nach ihrer Mutter, deren Mädchenname Helen Everett war, genannt

werden. Aber in seiner Aufregung vergaß mein Vater während der Fahrt

nach der Kirche diesen Namen, was auch ganz erklärlich war, da er es

ausdrücklich abgelehnt hatte, für ihn die Verantwortung zu tragen. Als

der Geistliche ihn danach fragte, erinnerte er sich nur noch, daß man

übereingekommen war, mich nach meiner Großmutter zu nennen, und gab

ihren Namen als Helen Adams an.

Schon als ich noch im langen Kleidchen auf dem Arme getragen wurde,

soll ich häufig einen heftigen, eigenwilligen Charakter gezeigt haben.

Alles, was ich andere tun sah, wollte auch ich durchaus tun. Im Alter

von sechs Monaten konnte ich ~How d’ ye~[1] piepsen, und eines Tages

zog ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, als ich ganz deutlich

~Tea, tea, tea!~ sagte. Selbst nach meiner Krankheit erinnerte ich

mich noch an eins der Worte, das ich in jenen ersten sechs Monaten

gelernt hatte. Es war das Wort ~water~, und ich fuhr fort, einen

Laut für dieses Wort hervorzubringen, selbst nachdem ich die ganze

übrige Sprache verloren hatte. Ich hörte erst auf, den Laut ~wah-wah~

auszustoßen, als ich das Wort zu buchstabieren gelernt hatte.

Im Alter von einem Jahre konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich

gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoße,

als ich plötzlich durch die hin- und herhuschenden Schatten, die das

Laub der Bäume auf die von der Sonne beschienene glatte Diele warf,

gefesselt wurde. Ich schlüpfte von dem Schoße meiner Mutter herab und

lief auf diese Schatten zu. Als der erste Antrieb vorüber war, fiel ich

hin und schrie nach meiner Mutter, damit sie mich wieder auf den Arm

nehme.

Diese glücklichen Tage dauerten nicht lange. Ein kurzer Frühling voll

jubelnden Vogelgesanges, ein Sommer, reich an Früchten und Rosen, ein

in roten und goldenen Farben glühender Herbst kamen und gingen und

legten ihre Gaben dem munteren, entzückten Kinde zu Füßen. Dann, in

dem darauffolgenden traurigen Februar, kam die Krankheit, die mir Auge

und Ohr schloß und mich in die Unbewußtheit eines neugeborenen Kindes

zurückversetzte. Es war eine akute Unterleibs- und Gehirnentzündung.

Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Eines Morgens verließ mich

jedoch das Fieber auf ebenso plötzliche und geheimnisvolle Weise, wie

es ausgebrochen war. Es herrschte an jenem Morgen große Freude in der

Familie, allein niemand, selbst der Arzt nicht, hatte eine Ahnung

davon, daß ich niemals wieder sehen oder hören sollte.

Ich glaube, ich habe noch verworrene Erinnerungen an diese Krankheit.

Namentlich entsinne ich mich der Zärtlichkeit, mit der mich meine

Mutter in meinen wachen, qualvollen Stunden überhäufte, und der

entsetzlichen Angst, mit der ich nach einem unruhigen Halbschlummer

erwachte und meine, ach so heißen und trockenen Augen nach der Wand

kehrte, hinweg von dem einst so geliebten Tageslicht, das von Tag

zu Tage trüber und matter zu mir drang. Aber abgesehen von diesen

verschwommenen Erinnerungen, wenn sie überhaupt noch Erinnerungen

genannt werden können, erscheint mir alles völlig traumhaft wie ein

Alp. Nach und nach gewöhnte ich mich an die mich umgebende Stille und

Dunkelheit und vergaß, daß ich jemals ein anderes Los gehabt hatte, bis

+sie+ kam -- meine Lehrerin --, die meinen Geist befreite. Aber während

der ersten neunzehn Monate meines Lebens hatte ich einen Schimmer von

breiten, grünen Feldern, einem strahlenden Himmel, Bäumen und Blumen

erhascht, den die nachfolgende Dunkelheit nicht ganz verlöschen konnte.

Haben wir einmal gesehen, so „ist der Tag unser, und was der Tag

gezeigt hat“.

[1] ~How do you do~ = wie geht es Ihnen?

Zweites Kapitel.

Die ersten Monate nach der Krankheit. -- Verständigungsversuche

durch Gebärdensprache. -- Betätigung im Haushalt. -- Teilnahme an

der Geselligkeit des Hauses. -- Erkenntnis der Unterscheidung von

anderen. -- Heftigkeit. -- Eigenwilligkeit und Herrschsucht. --

Früheste Erinnerungen. -- Umzug. -- Familienleben. -- Tod des Vaters

im Jahre 1896. -- Eifersucht.

Ich kann mich nicht entsinnen, was sich während der ersten Monate

nach meiner Krankheit mit mir zutrug. Ich weiß nur, daß ich auf dem

Schoße meiner Mutter saß oder mich an ihr Kleid anklammerte, wenn

sie umherging und den Haushalt besorgte. Meine Hände befühlten alles

und verfolgten jede Bewegung, sodaß ich auf diese Weise mancherlei

kennen lernte. Bald fühlte ich das Bedürfnis, mich mit meiner Umgebung

zu verständigen, und begann, einfache Zeichen zu machen. Ein

Kopfschütteln bedeutete »nein«, ein Nicken »ja«, ein Heranziehen »komm«

und ein Fortstoßen »geh«. Wollte ich Brot haben, so ahmte ich die

Bewegungen des Schneidens und Butterstreichens nach. Wünschte ich, daß

meine Mutter zu Mittag Eiscreme zubereite, so machte ich eine Bewegung,

die dem Drehen der Eismaschine entsprach, und schauerte zusammen,

als ob ich fröre. Auch meiner Mutter gelang es großenteils, sich mir

verständlich zu machen. Ich wußte stets, wann ich ihr etwas bringen

sollte, und lief dann die Treppe hinauf oder an einen anderen Ort, den

sie mir bezeichnet hatte. In der Tat verdanke ich ihrer liebevollen

Klugheit alles, was meine lange Nacht erhellte und erheiterte.

Ich begriff einen großen Teil von dem, was um mich herum vorging. Mit

fünf Jahren lernte ich die reine Wäsche, wenn sie aus dem Waschhaus

kam, zusammenlegen und wegräumen, und unterschied die meinige von der

übrigen. Ich erkannte aus der Art und Weise, wie meine Mutter und

meine Tante gekleidet waren, wann sie ausgehen wollten, und bettelte

regelmäßig, mitgehen zu dürfen.

Ich wurde stets geholt, wenn Besuch da war, und wenn die Gäste Abschied

nahmen, winkte ich ihnen mit der Hand zu, wie ich glaube, mit einer

unbestimmten Erinnerung an die Bedeutung dieser Bewegung. Eines

Tages sprachen einige Herren bei meiner Mutter vor, und ich fühlte

das Schließen der Haustür und andere Geräusche, die ihre Ankunft

ankündigten. In plötzlichem Entschlusse lief ich die Treppe hinauf,

ehe mich jemand zurückhalten konnte, um mich nach meinen Begriffen für

die Gesellschaft herauszuputzen. Ich stellte mich vor den Spiegel,

wie ich es bei anderen wahrgenommen hatte, feuchtete mein Haar mit

Oel an und bedeckte mein Gesicht dick mit Puder. Dann legte ich einen

Schleier auf meinen Kopf, der mein Gesicht bedeckte und mir in Falten

bis auf die Schultern fiel, und band eine riesige Schleife um meine

schmale Taille, sodaß sie hinter mir herflatterte und mir beinahe bis

zum Saume meines Kleides reichte. In diesem Aufzug erschien ich, um zur

Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen.

Ich entsinne mich nicht genau, wann ich zuerst erkannte, daß ich mich

von anderen unterschied; ich weiß jedoch, daß es vor der Ankunft

meiner Lehrerin der Fall war. Ich hatte bemerkt, daß meine Mutter und

meine Bekannten keine Zeichen machten wie ich es tat, wenn sie etwas

getan haben wollten, sondern mittelst ihres Mundes sprachen. Bisweilen

stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten,

und berührte ihre Lippen. Ich konnte dies nicht begreifen und war

ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig --

natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, daß ich mit

den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war.

Ich glaube, ich wußte, wann ich unartig war, denn ich wußte, daß es

Ella, meiner Wärterin weh tat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß,

und wenn meine Heftigkeit vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber

ich kann mich keines Falles erinnern, in dem dieses Gefühl mich vor der

Wiederholung meiner Ungezogenheit bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich

bekam, was ich wünschte.

Zu jener Zeit waren ein kleines farbiges Mädchen, Martha Washington,

die Tochter unserer Köchin, und ein alter Jagdhund meine beständigen

Gefährten. Martha Washington verstand meine Zeichen, und ich hatte

selten Schwierigkeiten, ihr begreiflich zu machen, was ich wünschte. Es

machte mir Vergnügen, sie zu beherrschen, und sie unterwarf sich in der

Regel meiner Tyrannei lieber, als daß sie es auf einen Faustkampf hätte

ankommen lassen. Ich war stark, energisch und um die Folgen meiner

Handlungsweise unbekümmert. Ich kannte meine Sinnesart am besten und

folgte stets nur meinem eigenen Kopfe, selbst wenn ich einen Kampf

auf Tod und Leben darum bestehen mußte. Einen großen Teil unserer

Zeit brachten wir in der Küche zu, wo wir Klöße kneteten, Eiscreme

machen halfen, Kaffee mahlten, uns um die Cakesdose zankten und die

Hühner und Puten fütterten, die sich an der Küchentreppe in großer

Menge einfanden. Viele von diesen waren so zahm, daß sie mir aus der

Hand fraßen und sich von mir streicheln ließen. Ein riesiger Truthahn

schnappte mir eines Tages eine Tomate aus der Hand und rannte mit ihr

davon. Vielleicht ermutigt durch den Erfolg des Meister Truthahns,

rissen wir einen Kuchen, den die Köchin soeben kandiert hatte, vom

Herde herunter und aßen ihn mit Stumpf und Stiel auf. Ich war hinterher

ganz krank, und ich möchte nur wissen, ob es dem Puter ebenso ergangen

ist.

Das Perlhuhn pflegt sein Nest an abgelegenen Stellen zu bauen, und

es machte mir großes Vergnügen, in dem hohen Grase nach den Eiern zu

suchen. Ich konnte es Martha Washington nicht sagen, wann ich auf die

Eierjagd gehen wollte, aber ich legte meine Hände zusammen und drückte

sie auf die Erde; dies sollte etwas Rundes im Grase bedeuten, und

Martha verstand mich stets. Wenn wir das Glück hatten, ein Nest zu

finden, so gestattete ich ihr nie, die Eier nach Hause zu tragen, indem

ich ihr durch eifriges Gestikulieren klarzumachen suchte, sie könne

fallen und die Eier zerschlagen.

Die Scheunen, in denen das Getreide aufbewahrt wurde, der Stall, in dem

die Pferde standen, und der Hof, in dem die Kühe des Morgens und des

Abends gemolken wurden, übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft

auf Martha und mich aus. Die Melkmägde ließen mich die Kühe befühlen,

während sie gemolken wurden, und ich wurde dabei für meine Neugierde

oft tüchtig von den Tieren mit dem Schweife geschlagen.

Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gewährten mir stets großes

Vergnügen. Natürlich wußte ich nicht, was rings um mich her vorging,

aber ich freute mich über den Wohlgeruch, der das Haus erfüllte, und

die Leckerbissen, die Martha Washington und ich bekamen, nur damit

wir uns still verhalten sollten. Dies letztere war uns zwar nicht

ganz recht, aber wir ließen uns dadurch in unserem Vergnügen nicht im

mindesten stören. Wir durften Gewürz mahlen, Rosinen aussuchen und die

Rührlöffel ablecken. Ich hängte meinen Strumpf auf,[2] weil die anderen

es taten, konnte mich aber nicht entsinnen, daß mich die Zeremonie

sonderlich interessierte; auch weckte mich die Neugierde, was ich wohl

geschenkt erhalten würde, nicht vor Tagesanbruch auf.

Martha Washington zeigte eine ebenso große Neigung zum Unfugstiften

wie ich. An einem heißen Julinachmittag saßen zwei kleine Mädchen

auf den Verandastufen. Das eine war schwarz wie Ebenholz und hatte

das struppige Haar in kleine mit Schnürsenkeln umwickelte Löckchen

abgeteilt, die wie Korkzieher um ihren ganzen Kopf herumstanden. Das

andere Mädchen war weiß und hatte lange goldene Locken. Das eine Kind

war sechs Jahre alt, das andere zwei bis drei Jahre älter. Das jüngere

war blind -- ich war es --, das ältere war Martha Washington. Wir waren

mit dem Ausschneiden von Papierpuppen beschäftigt, wurden aber dieses

Spieles bald überdrüssig, und nachdem ich meine Schuhbänder sowie alle

Blätter des Geißblattstrauches, die ich erreichen konnte, abgeschnitten

hatte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Marthas Korkzieher. Sie

sträubte sich zwar anfangs, gab aber schließlich nach. Dann ergriff

sie, wahrscheinlich in der Meinung, es sei ganz in der Ordnung, wenn

sie gleiches mit gleichem vergelte, die Schere und schnitt mir eine

meiner Locken ab; sie würde mir alle abgeschnitten haben, wenn meine

Mutter nicht zur rechten Zeit dazugekommen wäre.

Belle, unser Hund, mein zweiter Spielgefährte, war alt und faul und zog

es vor, lieber am offenen Feuer zu schlafen als mit mir umherzutollen.

Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihr meine Zeichensprache

beizubringen, aber sie war stumpfsinnig und unaufmerksam. Sie stand

bisweilen still, zitterte vor Aufregung und wurde dann ganz starr, wie

es Hunde tun, wenn sie vor einem Vogel stehen. Ich wußte damals nicht,

was dies bedeuten sollte, merkte aber, daß Belle das nicht tat, was

ich haben wollte. Das ärgerte mich, und die Lektion endete regelmäßig

damit, daß ich ihr einige Rippenstöße versetzte. Belle stand auf,

dehnte sich faul, schnaufte ein paarmal verdrießlich, ging auf die

andere Seite des Kamins und legte sich wieder hin, während ich mich

müde und enttäuscht auf die Suche nach Martha machte.

Viele Ereignisse aus diesen ersten Jahren haften in meinem Gedächtnis,

vereinzelt, aber klar und bestimmt, und lassen die Stille, die

Zwecklosigkeit, die Lichtlosigkeit meines Daseins nur um so greller

hervortreten.

Eines Tages hatte ich mir meine Schürze naß gemacht, und ich breitete

sie zum Trocknen vor dem Feuer aus, das in dem Kamine des Wohnzimmers

flackerte. Die Schürze trocknete nach meiner Ansicht nicht rasch genug,

ich trat daher näher und breitete sie direkt über der heißen Asche

aus. Das Feuer züngelte empor und erfaßte meine Kleider, sodaß ich im

Nu in hellen Flammen stand. Ich erhob ein schreckliches Angstgeschrei,

das meine alte Wärterin Viney zur Rettung herbeirief. Sie warf ein

Tuch über mich, daß ich fast erstickte, löschte aber damit das Feuer.

Außer an Händen und Haar hatte ich keinen ernstlichen Brandschaden

davongetragen.

Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen

könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein,

in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in

einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte

fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und

wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser

unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir

sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine

Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine

Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe

hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen;

kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein

Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter

dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin

gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte

eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen -- zu

meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum

Vorschein.

Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen,

weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus

meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später

kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste

bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über

große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde,

während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor

Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte

sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das

Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des

Rätsels Lösung. Dann erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß

mein Vater Herausgeber einer Zeitung war.

Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso

häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein

großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter

Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr.

Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus,

denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders

aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die

schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir

brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren.

Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von

Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an

allem, was mir Vergnügen machte.

Er war ein prächtiger Erzähler; als ich die Herrschaft über die Sprache

gewonnen hatte, pflegte er mir seine hübschesten Anekdoten ungeschickt

in die Hand zu buchstabieren, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als

wenn ich sie bei einer passenden Gelegenheit wiederholte.

Ich war im Norden und erfreute mich eben der letzten schönen Sommertage

des Jahres 1896, als ich die Kunde von meines Vaters Tod vernahm. Er

war nur kurze Zeit krank gewesen, hatte aber schwer leiden müssen; dann

war alles vorüber. Es war mein erster großer Schmerz -- meine erste

persönliche Bekanntschaft mit dem Tode. --

In welcher Weise soll ich über meine Mutter schreiben? Sie steht mir so

nahe, daß es beinahe unzart erscheinen würde, wollte ich hier über sie

sprechen.

Lange Zeit betrachtete ich meine kleine Schwester als Eindringling. Ich

wußte, ich hatte aufgehört, meiner Mutter einziger Liebling zu sein,

und der Gedanke daran erfüllte mich mit Eifersucht. Sie saß beständig

auf dem Schoße meiner Mutter, wo mein gewöhnlicher Platz gewesen war,

und schien all ihre Sorge und Zeit in Anspruch zu nehmen. Eines Tages

trug sich etwas zu, was meiner Meinung nach zu der Beleidigung offenen

Schimpf gesellte.

Zu jener Zeit besaß ich eine viel gehätschelte, viel mißhandelte Puppe,

der ich später den Namen Nancy gab. Ach, sie war das wehrlose Opfer

meiner maßlosen Zornes- und Zärtlichkeitsausbrüche, sodaß sie am Ende

schrecklich anzusehen war. Ich hatte Puppen, die sprechen und schreien,

ihre Augen öffnen und schließen konnten, aber ich liebte keine von

ihnen so, wie ich die arme Nancy liebte. Sie hatte eine Wiege, und ich

schaukelte sie darin oft eine Stunde und länger. Ich bewachte Puppe und

Wiege mit der eifersüchtigsten Sorgfalt, aber eines Tages entdeckte

ich, daß meine kleine Schwester friedlich in der Wiege schlummerte.

Bei dieser Anmaßung von seiten jemandes, mit dem mich noch kein Band

der Liebe verknüpfte, wurde ich wütend. Ich stürzte auf die Wiege

zu und warf sie um, und das Kind hätte tot sein können, hätte meine

Mutter es nicht im Falle aufgefangen. Ein solcher Ausbruch kommt daher,

daß, wenn wir in dem Tale doppelter Einsamkeit wandeln, wir wenig

von den zärtlichen Empfindungen wissen, die aus liebevollen Worten

und Handlungen sowie aus dem Zusammensein mit anderen emporsprießen.

Später jedoch, als ich zum Bewußtsein meines Menschentums erwacht war,

schlossen wir, Mildred und ich, uns auf das engste aneinander an und

waren glückselig, wenn wir Hand in Hand miteinander gehen konnten,

wohin wir gerade Lust hatten, obgleich sie meine Zeichensprache und ich

ihr kindliches Geplauder nicht verstehen konnte.

[2] In England und Frankreich hängen die Kinder zu Weihnachten ihre

Strümpfe und Schuhe am Fenster oder Kamin auf und erwarten, daß

der heilige Nikolaus sie mit Geschenken fülle.

Drittes Kapitel.

Wachsendes Verlangen nach Gedankenaustausch. -- Laura Bridgman und

~Dr.~ Howe. -- Reise nach Baltimore zu einem Augenarzte. -- Besuch

bei Alex. Graham Bell. -- Herr Anagnos in Boston findet eine Lehrerin.

Inzwischen wuchs mein Verlangen, meinen Gedanken genügenden Ausdruck

zu geben, von Tag zu Tag. Die wenigen Zeichen, deren ich mich bedienen

konnte, wurden immer unzureichender, und das Fehlschlagen meiner

Versuche, mich verständlicher zu machen, war stets von einem Ausbruche

der Leidenschaft begleitet. Es war mir, als hielten mich unsichtbare

Hände, und ich machte verzweifelte Anstrengungen, mich zu befreien. Ich

kämpfte -- nicht als ob dieser Kampf mir etwas genützt hätte, sondern

weil der Geist des Widerstandes in mir lebendig war; ich brach auch in

der Regel weinend und in völliger physischer Erschöpfung zusammen. War

meine Mutter zufällig in der Nähe, so flüchtete ich mich in ihre Arme,

zu elend, um mich auch nur der Ursache des Sturmes entsinnen zu können.

Nach einiger Zeit wurde das Bedürfnis nach Verständigungsmitteln so

dringend, daß diese leidenschaftlichen Auftritte alltäglich, bisweilen

sogar allstündlich erfolgten.

Meine Eltern waren tief bekümmert und völlig ratlos. Wir wohnten

weitab von jeder Blinden- oder Taubstummenschule, und es schien

ausgeschlossen, daß jemand nach einem so abgelegenen Orte wie Tuscumbia

kommen sollte, um ein Kind zu unterrichten, das sowohl blind wie

taubstumm war. In der Tat zweifelten meine Verwandten und Bekannten

mitunter an der Möglichkeit eines Unterrichts für mich. Meiner

Mutter einziger Hoffnungsstrahl entsprang der Lektüre von Dickens’

»Amerikanischen Skizzen«. Sie hatte seinen Bericht über Laura Bridgman

gelesen und entsann sich undeutlich, daß diese taubstumm und blind

gewesen war und doch eine Erziehung erhalten hatte. Aber sie erinnerte

sich in hoffnungslosem Schmerze auch daran, daß ~Dr.~ Howe, der

Mittel und Wege entdeckt hatte, blinde Taubstumme zu unterrichten,

seit mehreren Jahren tot war. Seine Methoden waren vermutlich mit ihm

gestorben, und wenn dies nicht der Fall war, wie war es möglich, daß

ein kleines Mädchen in einem weltabgelegenen Städtchen Alabamas einen

Nutzen von ihnen haben konnte?

Als ich etwa sechs Jahre alt war, hörte mein Vater von einem berühmten

Augenarzt in Baltimore, der in vielen anscheinend hoffnungslosen Fällen

noch Erfolge erzielt hatte. Meine Eltern entschlossen sich sofort dazu,

mit mir nach Baltimore zu reisen, um zu sehen, ob sich etwas für meine

Augen tun ließe.

Die Reise, auf die ich mich noch gut entsinnen kann, machte mir viel

Vergnügen. Ich befreundete mich während der Eisenbahnfahrt mit vielen

Leuten. Eine Dame schenkte mir eine Schachtel mit Muscheln. Mein Vater

durchbohrte sie, sodaß ich sie aufreihen konnte, und lange Zeit war ich

glücklich und zufrieden über diese Beschäftigung. Auch der Schaffner

war freundlich zu mir. Oft, wenn er seine Runde machte, klammerte

ich mich an seine Rockschöße, während er die Fahrkarten einsammelte

und durchlochte. Seine Zange, mit der er mich spielen ließ, war ein

wunderbarer Zeitvertreib. Zusammengekauert in einer Ecke des Wagens

vergnügte ich mich stundenlang damit, kleine Löcher in Pappe zu knipsen.

Meine Tante machte mir eine große Puppe aus Taschentüchern. Es war das

komischste, formloseste Ding, diese improvisierte Puppe, ohne Nase,

Mund, Augen oder Ohren, kurz es war nichts da, was selbst die Phantasie

eines Kindes in ein Gesicht hätte umschaffen können. Seltsamerweise

störte mich das Fehlen der Augen mehr als alle übrigen Mängel. Ich

suchte dies allen Anwesenden beharrlich klarzumachen, aber niemand

schien imstande zu sein, die Puppe mit Augen zu versehen. Plötzlich

schoß mir ein Gedanke durch den Kopf, und die Aufgabe war gelöst. Ich

sprang von meinem Sitze auf und suchte so lange, bis ich den Mantel

meiner Tante fand, der mit großen Knöpfen besetzt war. Ich riß zwei

Knöpfe ab und bedeutete ihr, sie möchte mir diese an meine Puppe

nähen. Sie legte mit einer fragenden Gebärde meine Hand an ihre Augen,

und ich nickte energisch. Die Knöpfe wurden an der richtigen Stelle

angenäht, und ich konnte mich vor Freude nicht lassen, verlor jedoch

augenblicklich alles Interesse an der Puppe. Während der ganzen Reise

hatte ich keinen einzigen meiner gewöhnlichen Anfälle, denn es waren zu

vielerlei Dinge da, die meinen Geist und meine Finger beschäftigten.

Als wir in Baltimore anlangten, empfing uns ~Dr.~ Chisholm mit großer

Liebenswürdigkeit; er konnte aber nichts tun. Doch erklärte er, ich

könne Unterricht erhalten, und wies meinen Vater an ~Dr.~ Alexander

Graham Bell in Washington, der in der Lage sein würde, ihm nähere

Auskunft über Schulen und Lehrer für blinde oder taubstumme Kinder

zu erteilen. Dem Rate des Arztes zufolge reisten wir sofort nach

Washington weiter, um ~Dr.~ Bell aufzusuchen, mein Vater mit Trauer

und Zweifel im Herzen, während ich keine Ahnung von seinem Schmerz

hatte und an der Aufregung des Reisens von Stadt zu Stadt Vergnügen

fand. In meinem kindlichen Sinne empfand ich sofort das liebevolle,

gütige Wesen, mit dem sich ~Dr.~ Bell so vieler Herzen gewann, wie er

durch seine staunenswerten Erfolge aller Welt Bewunderung einflößte. Er

hielt mich auf seinen Knien, während ich mit seiner Uhr spielte, die er

für mich schlagen ließ. Er verstand meine Zeichen, und ich wußte dies

und gewann ihn sofort lieb. Aber ich ließ es mir nicht träumen, daß

diese Unterredung das Tor sein sollte, durch das ich schließlich aus

der Finsternis zum Licht, aus der Vereinzelung zur Freundschaft, zur

Gemeinschaft mit anderen, zur Erkenntnis, zur Liebe gelangte.

~Dr.~ Bell riet meinem Vater, an Herrn Anagnos, den Direktor des

Perkinsschen Instituts in Boston, zu schreiben, desselben, in dem

~Dr.~ Howe so segensreich für die Blinden gewirkt hatte, und bei

ihm anzufragen, ob er einen Lehrer hätte, der imstande wäre, meine

Erziehung in die Hand zu nehmen. Dies tat mein Vater sofort, und nach

einigen Wochen traf ein liebenswürdiger Brief von Herrn Anagnos ein,

mit der tröstlichen Zusicherung, daß eine Lehrerin gefunden sei. Dies

war im Sommer 1886. Aber Fräulein Sullivan langte erst im folgenden

März an.

So ward ich aus Aegyptenland geführt und stand vor dem Sinai; eine

göttliche Macht berührte meinen Geist und machte ihn sehen, sodaß ich

vieles Wunderbare wahrnehmen konnte. Und von dem heiligen Berge her

hörte ich eine Stimme, die sprach: Wissen ist Liebe und Licht und Sehen.

Viertes Kapitel.

Ankunft Fräulein Sullivans in Tuscumbia am 3. März 1887. -- Bange

Erwartung. -- Beginn der Erlernung des Fingeralphabets. -- Szene am

Brunnen. -- Enthüllung des Geheimnisses der Sprache.

Der wichtigste Tag, dessen ich mich Zeit meines ganzen Lebens

entsinnen kann, ist der, an dem meine Lehrerin, Fräulein Anne

Mansfield +Sullivan+, zu mir kam. Ich kann kaum Worte finden, um den

unermeßlichen Gegensatz in meinem Leben vor und nach ihrer Ankunft zu

schildern. Es war der 3. März 1887, drei Monate vor meinem siebenten

Geburtstage.

Am Nachmittage jenes folgenreichen Tages stand ich in dumpfer

Erwartung an der Haustür. Da ich infolge der Zeichen meiner Mutter

und des Hin- und Herlaufens im Hause eine unbestimmte Ahnung von

dem Bevorstehen eines außergewöhnlichen Ereignisses hatte, ging ich

vor die Tür und wartete auf der Treppe. Die Nachmittagssonne drang

durch das dichte Geißblattgebüsch, das die Tür umrahmte, und fiel auf

mein emporgerichtetes Gesicht. Meine Finger spielten fast unbewußt

mit den wohlbekannten Blättern und Blüten, die eben hervorgekommen

waren, um den holden südlichen Lenz zu begrüßen. Ich wußte nicht, was

für Wunder und Ueberraschungen die Zukunft für mich in ihrem Schoße

barg. Zorn und Verbitterung waren seit Wochen unausgesetzt auf mich

eingestürmt. Dieser verzweifelte Kampf hatte eine tiefe Ermattung bei

mir zurückgelassen.

Lieber Leser, hast du dich je bei einer Seefahrt in dichtem Nebel

befunden, der dich wie eine greifbare weiße Finsternis einzuschließen

schien, während das große Schiff seinen Kurs längs der Küste mit Hilfe

von Senkblei und Lotleine zagend und ängstlich verfolgte, und du mit

klopfendem Herzen irgend ein Ereignis erwartetest? Jenem Schiffe glich

ich vor Beginn meiner Erziehung, nur fehlten mir Kompaß und Lotleine,

und ich hatte keine Ahnung davon, wie nahe der Hafen war. Licht! gebt

mir Licht! lautete der wortlose Aufschrei meiner Seele, und das Licht

der Liebe erhellte bereits in dieser Stunde meinen Pfad.

Ich fühlte sich nähernde Schritte. Ich streckte meine Hand aus, wie ich

glaubte, meiner Mutter entgegen. Irgend jemand ergriff sie, ich ward

von der emporgehoben und fest in die Arme geschlossen, die gekommen

war, den Schleier, der mir die Welt verbarg, zu lüften und, was mehr

als dies bedeutete, mich zu lieben.

Am Morgen nach ihrer Ankunft führte mich meine Lehrerin in ihr

Zimmer und gab mir eine Puppe. Die kleinen blinden Mädchen aus dem

Perkinsschen Institute hatten sie mir geschickt, und Laura Bridgman

hatte sie angezogen; dies erfuhr ich jedoch erst später. Als ich ein

Weilchen mit ihr gespielt hatte, buchstabierte Fräulein Sullivan

langsam das Wort ~d--o--l--l~ in meine Hand. Dieses Fingerspiel

interessierte mich sofort, und ich begann es nachzumachen. Als es

mir endlich gelungen war, die Buchstaben genau nachzuahmen, errötete

ich vor kindlicher Freude und kindlichem Stolz. Ich lief die Treppe

hinunter zu meiner Mutter, streckte meine Hand aus und machte ihr die

eben erlernten Buchstaben vor. Ich wußte damals noch nicht, daß ich

ein Wort buchstabierte, ja nicht einmal, daß es überhaupt Wörter gab;

ich bewegte einfach meine Finger in affenartiger Nachahmung. Während

der folgenden Tage lernte ich auf diese verständnislose Art eine große

Menge Wörter buchstabieren, unter ihnen ~pin~, ~hat~, ~cup~ und ein

paar Verben wie ~sit~, ~stand~ und ~walk~. Aber meine Lehrerin weilte

schon mehrere Wochen bei mir, ehe ich begriff, daß jedes Ding seine

Bezeichnung habe.

Als ich eines Tages mit meiner neuen Puppe spielte, legte mir

Fräulein Sullivan auch meine große zerlumpte Puppe auf dem Schoß,

buchstabierte ~d--o--l--l~ und suchte mir verständlich zu machen,

daß sich ~d--o--l--l~ auf beide Puppen beziehe. Vorher hatten wir

ein Renkontre über die Wörter ~m--u--g~ und ~w--a--t--e--r~ gehabt.

Fräulein Sullivan hatte mir einzuprägen versucht, daß ~m--u--g~ ~mug~

und daß ~w--a--t--e--r~ ~water~ sei, aber ich blieb beharrlich dabei,

beides zu verwechseln. Verzweifelt hatte sie das Thema einstweilen

fallen gelassen, aber nur, um es bei nächster Gelegenheit wieder

aufzunehmen. Bei ihren wiederholten Versuchen wurde ich ungeduldig,

ergriff die neue Puppe und schleuderte sie zu Boden. Ich empfand eine

lebhafte Schadenfreude, als ich die Bruchstücke der zertrümmerten Puppe

zu meinen Füßen liegen fühlte. Weder Schmerz noch Reue folgten diesem

Ausbruch von Leidenschaft. Ich hatte die Puppe nicht geliebt. In der

stillen, dunklen Welt, in der ich lebte, war für starke Zuneigung oder

Zärtlichkeit kein Raum. Ich fühlte, wie meine Lehrerin die Bruchstücke

auf die eine Seite des Kamins fegte, und empfand eine Art von

Genugtuung darüber, daß die Ursache meines Unbehagens beseitigt war.

Fräulein Sullivan brachte mir meinen Hut, und ich wußte, daß es jetzt

in den warmen Sonnenschein hinausging. Dieser Gedanke, wenn eine nicht

in Worte gefaßte Empfindung ein Gedanke genannt werden kann, ließ mich

vor Freude springen und hüpfen.

Wir schlugen den Weg zum Brunnen ein, geleitet durch den Duft des ihn

umrankenden Geißblattstrauches. Es pumpte jemand Wasser, und meine

Lehrerin hielt mir die Hand unter das Rohr. Während der kühle Strom

über die eine meiner Hände sprudelte, buchstabierte sie mir in die

andere das Wort ~water~, zuerst langsam, dann schnell. Ich stand still,

mit gespannter Aufmerksamkeit die Bewegung ihrer Finger verfolgend. Mit

einem Male durchzuckte mich eine nebelhaft verschwommene Erinnerung

an etwas Vergessenes, ein Blitz des zurückkehrenden Denkens, und

einigermaßen offen lag das Geheimnis der Sprache vor mir. Ich wußte

jetzt, daß ~water~ jenes wundervolle kühle Etwas bedeutete, das über

meine Hand hinströmte. Dieses lebendige Wort erweckte meine Seele zum

Leben, spendete ihr Licht, Hoffnung, Freude, befreite sie von ihren

Fesseln! Zwar waren ihr immer noch Schranken gesetzt, aber Schranken,

die mit der Zeit hinweggeräumt werden konnten.[3]

Ich verließ den Brunnen voller Lernbegier. Jedes Ding hatte eine

Bezeichnung, und jede Bezeichnung erzeugte einen neuen Gedanken.

Als wir in das Haus zurückkehrten, schien mir jeder Gegenstand, den

ich berührte, vor verhaltenem Leben zu zittern. Dies kam daher, daß

ich alles mit dem seltsamen neuen Gesicht, das ich erhalten hatte,

betrachtete. Beim Betreten des Zimmers erinnerte ich mich der Puppe,

die ich zertrümmert hatte. Ich tastete mich bis zum Kamin, hob die

Stücke auf und suchte sie vergeblich wieder zusammenzufügen. Dann

füllten sich meine Augen mit Tränen; ich erkannte, was ich getan hatte,

und zum erstenmal in meinem Leben empfand ich Reue und Schmerz.

Ich lernte an diesem Tage eine große Menge neuer Wörter. Ich erinnere

mich nicht mehr an alle, aber ich weiß, daß ~mother~, ~father~,

~sister~, ~teacher~ unter ihnen waren -- Wörter, die die Welt für

mich erblühen machten „wie Aarons Stab, mit Blumen.“ Es dürfte schwer

gewesen sein, ein glücklicheres Kind als mich zu finden, als ich am

Schluß dieses ereignisvollen Tages in meinem Bettchen lag und der

Freuden gedachte, die mir heut zuteil geworden waren, und zum ersten

Male sehnte ich mich nach dem anbrechenden Morgen.

[3] Vgl. Fräulein Sullivans Brief S. 224 ff.

Fünftes Kapitel.

Allmähliches Erwachen der Seele. -- Unterricht im Freien. -- Freude

an der Natur. -- Schrecken der Natur. -- Gewitter. -- Schönheit des

Mimosenbaumes.

Ich entsinne mich vieler Ereignisse des Sommers 1887, der auf das

Erwachen meiner Seele folgte. Fortwährend tastete ich mit meinen

Händen umher und lernte die Bezeichnung für jeden Gegenstand, den ich

berührte, kennen, und je mehr ich mit den Dingen bekannt wurde und

ihre Bezeichnungen und ihre Zwecke kennen lernte, desto freudiger und

stärker wurde das Bewußtsein meiner Verwandtschaft mit der übrigen Welt.

Als die Zeit der Maßliebchen und Butterblumen gekommen war, führte

mich Fräulein Sullivan an ihrer Hand durch die Felder zu den Ufern des

Tennesseestromes, und hier, auf dem warmen Grase sitzend, erhielt ich

meinen ersten Unterricht über die Wohltaten der Natur. Ich lernte, wie

die Sonne und der Regen jeden Baum, der „lustig anzusehen und gut zu

essen“ war, aus dem Boden emporwachsen ließen, wie die Vögel ihre Nester

bauen und von Land zu Land fliegen, wie das Eichhorn, der Hirsch, der

Löwe und jedes andere Geschöpf Nahrung und Obdach finden. Je mehr

meine Kenntnisse zunahmen, desto stärker wurde mein Entzücken über

die Welt, in der ich lebte. Lange bevor ich ein Exempel rechnen oder

die Gestalt der Erde beschreiben konnte, hatte mich Fräulein Sullivan

gelehrt, in den duftenden Wäldern, in jedem Grashalm, wie in den Linien

und Grübchen der Hand meiner kleinen Schwester Schönheit zu entdecken.

Sie verknüpfte meine ersten Gedanken mit der Natur und brachte mir zum

Bewußtsein, daß „Vögel, Blumen und ich glückliche, gleichberechtigte

Gefährten seien“.

Um diese Zeit machte ich eine Erfahrung, die mich davon überzeugte, daß

die Natur nicht immer gütig ist. Eines Tages kehrten meine Lehrerin und

ich von einem langen Spaziergange zurück. Der Morgen war schön gewesen,

aber es war drückend heiß geworden, als wir uns endlich auf den Heimweg

machten. Ein paarmal rasteten wir unter einem Baum am Wegesrande. Unser

letzter Halt fand unter einem wilden Kirschbaum statt, der in kurzer

Entfernung vom Hause stand. Der Schatten war angenehm, und der Baum so

leicht zu erklettern, daß ich mir mit Hilfe meiner Lehrerin einen Sitz

in den Zweigen zu verschaffen vermochte. Es war so kühl auf dem Baum,

daß Fräulein Sullivan vorschlug, hier unser Frühstück einzunehmen. Ich

versprach ihr, still sitzen zu bleiben, während sie nach Hause ging, es

zu holen.

Plötzlich ging eine Veränderung mit dem Baume vor. Alle Sonnenwärme

verschwand aus der Luft. Ich wußte, der Himmel war schwarz umzogen,

weil alle Hitze, die für mich Licht bedeutete, fort war. Ein seltsamer

Geruch stieg aus der Erde empor. Ich kannte ihn, es war der Geruch,

der stets einem Gewittersturm vorherzugehen pflegt, und ein namenloser

Schreck krampfte mir das Herz zusammen. Ich fühlte mich ganz allein,

abgeschnitten von meinen Freunden und der festen Erde. Das Unendliche,

das Unbekannte umfing mich. Ich blieb still und ergeben sitzen; ein

furchtbares Entsetzen beschlich mich. Ich sehnte mich nach der Rückkehr

meiner Lehrerin; vor allem aber wollte ich von dem Baum herunter.

Es trat eine unheilverkündende Stille ein, dann aber begannen alle

Zweige zu rauschen. Ein Zittern rann durch den Baum, und es erfolgte

ein so heftiger Windstoß, daß er mich herabgeschleudert haben würde,

hätte ich mich nicht mit aller Kraft an einem Aste festgeklammert. Der

Baum schwankte hin und her. Kleine Zweige wurden abgerissen und fielen

rings um mich her zu Boden. Es ergriff mich ein wildes Verlangen,

herunterzuspringen, aber der Schreck hielt mich festgebannt. Ich

kletterte bis zur Gabelung des Baumes zurück. Die Zweige schwankten

rings um mich her. Ich fühlte das Rütteln, das sich dann und wann

erhob, als sei etwas Schweres niedergefallen und die Erschütterung habe

sich bis zu dem Aste, auf dem ich saß, fortgepflanzt. Meine Aufregung

erreichte den höchsten Grad, und gerade als ich glaubte, der Baum würde

samt mir zur Erde geschleudert werden, faßte mich meine Lehrerin an

der Hand und half mir herunter. Ich klammerte mich zitternd an sie an,

froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich hatte etwas

Neues gelernt -- daß die Natur in offenem Kriege mit ihren Kindern

liegt und daß man sich auch bei ihrem sanftesten Streicheln vor ihren

heimtückischen Klauen hüten soll.

Nach diesem Ereignis verging eine lange Zeit, ehe ich wieder auf einen

Baum kletterte. Der bloße Gedanke daran erfüllte mich mit Entsetzen.

Es war der lockende Reiz des Mimosenbaums in voller Blütenpracht, der

endlich meine Furcht überwand. Eines schönen Frühlingsmorgens, als ich

allein im Gartenhause war und las, drang ein wunderbar feiner Duft zu

mir. Ich stand auf und streckte instinktiv meine Hände aus. Es war,

als sei der Geist des Frühlings durch das Gartenhaus geschritten. Was

ist dies? fragte ich mich, und in der nächsten Minute erkannte ich den

Geruch der Mimosenblüten. Ich tastete mich bis zum Ende des Gartens

hin, da ich wußte, daß der Mimosenbaum in der Nähe des Zaunes an der

Biegung des Weges stand. Ja, hier stand er, im warmen Sonnenscheine,

und seine blütenbeladenen Zweige berührten beinahe das hohe Gras. Gibt

es etwas Schöneres in der Welt, als diesen Baum? Seine zarten Blüten

ziehen sich bei der leichtesten Berührung zusammen; es hatte den

Anschein, als sei ein Baum aus dem Paradiese auf die Erde verpflanzt

worden. Ich bahnte mir einen Weg durch einen Blütenregen hindurch bis

zu dem großen Stamme; dort stand ich eine Minute lang unentschlossen

da. Dann setzte ich meinen Fuß in den breiten Raum zwischen den

gegabelten Aesten und schwang mich in den Baum hinauf. Ich hatte einige

Schwierigkeit, mich festzuhalten, denn die Aeste waren sehr dick, und

ich verletzte mir die Hände an der rauhen, rissigen Rinde. Aber ich

hatte die köstliche Empfindung, daß ich etwas Außergewöhnliches und

Wunderbares tat, und so klomm ich immer höher und höher empor, bis

ich endlich einen kleinen Sitz erreichte, den sich jemand vor langer

Zeit hier angelegt hatte, sodaß er mit dem Baume selbst verwachsen

war. Ich saß hier lange, lange Zeit und hatte die Empfindung, als sei

ich eine Fee auf einer rosigen Wolke. Auch später brachte ich noch

viele glückliche Stunden auf meinem Paradiesesbaume zu, den Kopf voll

herrlicher Gedanken und glänzender Träume.

Sechstes Kapitel.

Fortschritt in der Beherrschung der Sprache. -- Wißbegierde. --

Unterredung über Liebe. -- Kennenlernen abstrakter Begriffe. --

Dieselbe Unterrichtsmethode wie bei einem hörenden Kinde.

Ich besaß nunmehr den Schlüssel zur gesamten Sprache und brannte vor

Eifer, ihn gebrauchen zu lernen. Kinder, welche hören, erlangen das

Sprachvermögen ohne besondere Mühe; die Worte, die von anderer Lippen

fallen, erhaschen sie gleichsam im Fluge und spielend, während das

taube Kind sie sich durch langsames und oft anstrengendes Vorrücken

aneignen muß. Wie beschaffen aber auch dieses Vorrücken selbst sein

mag, das Ergebnis ist wunderbar. Von der Bezeichnung eines Gegenstandes

ausgehend, dringen wir Schritt für Schritt vor, bis wir den

unermeßlichen Abstand zwischen unserer ersten gestammelten Silbe bis zu

dem Gedankenschwunge in einem Shakespeareschen Verse zurückgelegt haben.

Anfangs stellte ich, wenn meine Lehrerin von etwas Neuem zu mir sprach,

sehr wenig Fragen. Meine Vorstellungen waren unbestimmt und mein

Wortschatz unzureichend; in demselben Maße aber, in dem meine Kenntnis

der Dinge wuchs und ich mehr und mehr Wörter erlernte, erweiterte

sich auch das Feld meiner Wißbegierde, und ich kehrte immer und immer

wieder zu demselben Gegenstande zurück voller Verlangen nach weiterer

Belehrung. Bisweilen belebte ein neues Wort ein Bild wieder, das eine

frühere Erfahrung meinem Gedächtnisse eingeprägt hatte.

Ich erinnere mich noch ganz genau des Morgens, an dem ich zum ersten

Male nach der Bedeutung des Wortes »Liebe« fragte. Es geschah dies,

als ich erst wenige Wörter kannte. Ich hatte ein paar frühe Veilchen

im Garten gefunden und brachte sie meiner Lehrerin. Sie versuchte mich

zu küssen; aber damals liebte ich es noch nicht, daß mich jemand außer

meiner Mutter küßte. Fräulein Sullivan legte zärtlich ihren Arm um mich

und buchstabierte mir in die Hand: Ich liebe Helen.

Was ist Liebe? fragte ich.

Sie zog mich näher zu sich heran und sagte: Sie ist hier drinnen, indem

sie auf mein Herz deutete, dessen Schläge ich jetzt zum ersten Male

fühlte. Ihre Worte befremdeten mich auf das äußerste, weil ich damals

noch nichts verstand, wenn ich es nicht zugleich berührte.

Ich roch die Veilchen in ihrer Hand und stellte, halb in Worten, halb

in Zeichen eine Frage, deren Sinn ungefähr war: Ist Liebe der Duft der

Blumen?

Nein, erwiderte meine Lehrerin.

Wiederum dachte ich nach. Die Sonne erwärmte uns mit ihren Strahlen.

Ich fragte, indem ich nach der Richtung deutete, aus der die Wärme kam:

Ist dies nicht Liebe?

Es schien mir, als könne es nichts Schöneres geben als die Sonne, deren

Wärme alles zum Wachsen und Blühen brachte. Aber Fräulein Sullivan

schüttelte den Kopf, und ich war sehr verwundert und enttäuscht. Ich

hielt es für seltsam, daß meine Lehrerin mir nicht die Liebe zeigen

konnte.

Einige Tage später reihte ich Perlen von verschiedener Größe in

regelmäßigen Gruppen auf -- zwei große, drei kleine und so weiter. Ich

hatte mehrmals Fehler gemacht, und Fräulein Sullivan hatte mich mit

liebevoller Geduld immer und immer wieder darauf hingewiesen. Endlich

bemerkte ich einen ganz offenbaren Irrtum in der Aufeinanderfolge,

und einen Augenblick konzentrierte ich meine ganze Aufmerksamkeit auf

mein Vorhaben und versuchte nachzudenken, wie ich die Perlen hätte

aneinanderreihen sollen. Fräulein Sullivan berührte meine Stirn und

buchstabierte mit großem Nachdruck: ~Think~!

Im Nu erkannte ich, daß das Wort die Bezeichnung für den Vorgang war,

der sich in meinem Kopfe abspielte. Dies war meine erste bewußte

Vorstellung eines abstrakten Begriffs.

Eine lange Zeit saß ich still da -- ich dachte nicht über die Perlen in

meinem Schoße nach, sondern versuchte, im Lichte dieses neuen Begriffes

die Bedeutung von »Liebe« zu ergründen. Die Sonne war den ganzen Tag

hinter Wolken versteckt gewesen, und es waren kurze Regenschauer

gefallen; plötzlich brach jedoch die Sonne in all ihrem südlichen

Glanze hervor.

Abermals fragte ich meine Lehrerin: Ist dies nicht Liebe?

Liebe ist etwas Aehnliches wie die Wolken, die am Himmel standen,

bevor die Sonne hervorbrach, entgegnete sie. Dann fuhr sie in

schlichteren Worten, als die vorhergehenden waren, die ich damals noch

nicht verstehen konnte, fort: Du weißt, du kannst die Wolken nicht

berühren, aber du fühlst den Regen und weißt, wie froh die Blumen

und die durstige Erde sind, wenn er nach einem heißen Tage auf sie

herniederströmt. Auch die Liebe kannst du nicht berühren, aber du

empfindest das Entzücken, das sie über alles ausgießt. Ohne Liebe

würdest du weder glücklich sein noch zu spielen verlangen.

Mit einem Schlage offenbarte sich die wohltuende Wahrheit meinem Geiste

-- ich fühlte, es gab unsichtbare Bande, die sich zwischen meiner Seele

und den Seelen anderer hinzogen.

Vom Beginn meiner Erziehung an hatte Fräulein Sullivan es sich zum

Grundsatz gemacht, so zu mir zu sprechen, als spräche sie zu einem

hörenden Kinde; der einzige Unterschied bestand darin, daß sie mir die

Sätze in die Hand buchstabierte, anstatt sie zu sprechen. Verfügte

ich nicht über die nötigen Worte, um meine Gedanken auszudrücken, so

ergänzte sie diese und führte sogar die Unterhaltung weiter, wenn ich

die passende Antwort nicht finden konnte.

Dieses Verfahren hielt jahrelang an; denn das taubstumme Kind lernt

nicht in einem Monat, nicht einmal in zwei bis drei Jahren die

zahllosen Ausdrücke, die in dem einfachsten täglichen Gespräche

vorkommen. Das hörende Kind lernt diese auf Grund der fortwährenden

Wiederholung und Nachahmung. Die Unterhaltung, die es zu Hause

vernimmt, spornt seinen Geist an, bereichert seinen Wortschatz und

befördert den Ausdruck seiner eigenen Gedanken. Dieser naturgemäße

Ideenaustausch ist dem tauben Kinde versagt. In weiser Erkenntnis

dieses Umstandes faßte meine Lehrerin den Entschluß, dem Mangel an

Reizmitteln für mich abzuhelfen. Dies tat sie, indem sie mir, soweit

dies möglich war, wörtlich wiederholte, was sie hörte, und mir Mittel

und Wege angab, an der Unterhaltung teilzunehmen. Aber es dauerte lange

Zeit, ehe ich es wagte, die Initiative zu ergreifen, und noch länger,

ehe ich imstande war, etwas Passendes zur rechten Zeit zu sagen.

Der Taube wie der Blinde finden es sehr schwer, sich an einen

angenehmen Unterhaltungston zu gewöhnen. Wieviel mehr muß sich diese

Schwierigkeit bei denen steigern, die beides, taub und blind, sind. Sie

können den Klang der Stimme nicht unterscheiden oder ohne die Hilfe

anderer die Tonhöhe modifizieren, wodurch die Worte erst ihren Sinn

erhalten; ebensowenig vermögen sie den Gesichtsausdruck des Sprechenden

zu beobachten, und in einem Blick liegt häufig gerade das innerste

Wesen dessen, was jemand sagt.

Siebentes Kapitel.

Erster Leseunterricht. -- Anfangs keine regelmäßigen

Unterrichtsstunden. -- Erziehung zum Naturgenuß. -- Wald, Garten. --

Kellers Landungsplatz. -- Geographie, Rechnen, Zoologie, Botanik.

-- Fossilien. -- Leicht faßliche Unterrichtsmethode. -- Herzliches

Verhältnis zu Fräulein Sullivan.

Der nächste wichtige Schritt in meiner Erziehung bestand darin, daß ich

lesen lernte.

Sobald ich ein paar Wörter buchstabieren konnte, gab mir meine Lehrerin

Pappstreifen in die Hand, auf dem die Wörter in erhöhten Buchstaben

gepreßt waren. Ich lernte bald begreifen, daß jedes gedruckte Wort

einen Gegenstand, eine Tätigkeit oder eine Eigenschaft bezeichnete.

Ich hatte einen Rahmen, in dem ich die Wörter zu kurzen Sätzen

aneinanderreihen konnte; ehe ich aber die Sätze in den Rahmen spannte,

pflegte ich sie an Gegenständen darzustellen. Ich fand z. B. die

Streifen mit den Wörtern ~doll~, ~is~, ~on~, ~bed~ und legte jedes

Substantiv auf den betreffenden Gegenstand; dann legte ich meine Puppe

ins Bett und neben sie die Wörter ~is~, ~on~, ~bed~, indem ich so einen

Satz aus den Wörtern bildete und zu gleicher Zeit den Inhalt des Satzes

mit Hilfe der Gegenstände selbst darstellte.

Eines Tages steckte ich mir, wie Fräulein Sullivan mir später

erzählte, das Wort ~girl~ an meine Schürze und stellte mich in den

Kleiderschrank. Am Schranke brachte ich die Wörter ~is~, ~in~,

~wardrobe~ an. Nichts machte mir solches Vergnügen wie dieses Spiel.

Meine Lehrerin und ich spielten es stundenlang. Oft wurde jeder

Gegenstand im Zimmer zur Darstellung solcher verkörperter Sätze

verwandt.

Von den bedruckten Streifen war es nur ein kurzer Schritt zu gedruckten

Büchern. Ich nahm meine Fibel vor und machte Jagd auf die Wörter,

die ich kannte; fand ich solche, so war meine Freude der beim

Versteckspiel gleich. Auf diese Weise begann ich zu lesen. Ueber die

Zeit, in der ich zusammenhängende Geschichten zu lesen begann, spreche

ich später.

Lange Zeit hatte ich keine regelmäßigen Unterrichtsstunden. Selbst wenn

ich sehr eifrig lernte, glich dies mehr einem Spiel als einer Arbeit.

Alles, was Fräulein Sullivan mich lehrte, machte sie mir durch eine

hübsche Geschichte oder ein Gedicht anschaulich. Wenn ich Freude oder

Interesse an etwas zeigte, so sprach sie mit mir darüber genau so, als

ob sie selbst ein kleines Mädchen wäre. All das, woran viele Kinder mit

Schaudern zurückdenken, wie an mühsames Kopfzerbrechen über Grammatik,

schwere Rechenexempel und noch schwerere Definitionen, ist heute eine

meiner liebsten Erinnerungen.

Ich kann mir das innige Verständnis nicht erklären, das Fräulein

Sullivan für meine Freuden und Wünsche besaß. Vielleicht war es das

Ergebnis ihres langen Zusammenlebens mit Blinden. Obenein verfügte

sie über eine wunderbare Schilderungsgabe. Sie ging rasch über

uninteressante Einzelheiten hinweg und belästigte mich nie mit Fragen,

um zu sehen, ob ich auch all das in der Lektion vom vorigen Tage

Behandelte behalten habe. Trockene wissenschaftliche Fragen führte sie

nur nach und nach in den Unterricht ein und machte alles dabei so klar

und anschaulich, daß ich fast notgedrungen behalten mußte, was sie

gesagt hatte.

Wir lasen und lernten im Freien und zogen den sonnigen Wald dem Hause

vor. Meine sämtlichen ersten Unterrichtsstunden tragen den Hauch des

Waldes -- den feinen Harzduft der Fichtennadeln, vermengt mit dem

Geruch des wilden Weins. In dem köstlichen Schatten eines wilden

Tulpenbaumes sitzend, lernte ich darüber nachdenken, daß alles eine

Lehre und eine Mahnung in sich berge. „Die Lieblichkeit der Dinge

lehrte mich ihre Bestimmung.“ In der Tat hatte alles, was da summen,

brummen, singen, blühen konnte, einen Anteil an meiner Erziehung --

quakende Frösche, Heimchen und Grillen, die ich solange in meiner

Hand hielt, bis sie ihre Gefangenschaft vergaßen und ihr Liedchen

wieder anstimmten, kleine Hühnchen in ihrem ersten Flaume und wild

wachsende Blumen, die Blüten der Kornelkirsche, Veilchen und blühende

Obstbäume. Ich befühlte die berstenden Baumwollenkapseln und ließ

ihre weichen Fäden und ihre mit Fasern besetzten Samenkörner durch

meine Finger gleiten; ich fühlte das leise Rauschen des Windes in

den Getreidefeldern, sein weiches Flüstern im Laube der Bäume, das

unwillige Schnauben meines Ponys, -- wenn wir ihn auf der Weide

einfingen und ihm das Gebiß anlegten -- ach, wie genau erinnere ich

mich an den würzigen Kleegeruch seines Atems!

Bisweilen stand ich vor Tagesanbruch auf und stahl mich hinunter in den

Garten, während schwere Tautropfen noch auf Gräsern und Blumen lagen.

Nur wenige wissen, was es für ein Genuß ist, die Rosen zu berühren und

sanft mit der Hand zu drücken oder der anmutigen Bewegung der Lilien

zu folgen, wenn sie im Morgenwinde hin- und herschwanken. Mitunter

war ein Insekt in der Blume, die ich pflückte, und ich fühlte das

leise Geräusch der Flügel, die das Tierchen in plötzlichem Schrecken

aneinander rieb, sobald es den Druck von außen gewahr wurde.

Ein anderer Lieblingsaufenthalt von mir war der Obstgarten. Die großen,

tief herabhängenden Pfirsiche boten sich von selbst meiner Hand dar,

und wenn die lustigen Winde durch die Bäume wehten, fielen die Aepfel

mir zu Füßen. O, das Entzücken, mit dem ich das Obst in meine Schürze

sammelte, mein Gesicht gegen die glatten Wangen der Aepfel drückte, die

noch warm waren von den Sonnenstrahlen, und ins Haus zurückeilte!

Unser Lieblingsspaziergang war zu Kellers Landungsplatz, einer alten

verfallenen Hafenanlage am Tennessee, die während des Bürgerkrieges

zum Landen von Truppen benutzt worden war. Hier brachten wir viele

glückliche Stunden zu und beschäftigten uns spielend mit Geographie.

Ich baute Dämme aus Kieseln, legte Inseln und Seen an und grub

Flußläufe aus, alles zum Scherz, und niemals ließ ich es mir dabei

träumen, eine Unterrichtsstunde zu haben. Mit wachsendem Erstaunen

lauschte ich den Schilderungen, die Fräulein Sullivan von der großen

weiten Welt da draußen mit ihren feuerspeienden Bergen, verschütteten

Städten, sich bewegenden Eisströmen und vielen anderen ebenso seltsamen

Dingen entwarf. Sie modellierte Reliefkarten in Ton, so daß ich die

Gebirgszüge und Täler fühlen und mit meinen Fingern dem gekrümmten Lauf

der Flüsse folgen konnte. Dies liebte auch ich; aber die Einteilung

der Erde in Zonen und Pole verwirrte mich. Die diese Verhältnisse

veranschaulichenden Fäden und der Orangenstiel, der den Pol darstellte,

erschienen mir so der Wirklichkeit entsprechend, daß noch bis zum

heutigen Tage die bloße Erwähnung der gemäßigten Zone die Vorstellung

an Zwirnsfäden in mir hervorruft, und ich glaube, daß, wenn es jemand

darauf anlegt, er mir mit leichter Mühe einreden könnte, daß Eisbären

tatsächlich auf den Nordpol klettern.

Arithmetik scheint das einzige Lehrfach gewesen zu sein, dem ich keinen

Geschmack abgewinnen konnte. Von Anfang an hatte ich kein Interesse

für die Wissenschaft von den Zahlen. Fräulein Sullivan suchte mir das

Rechnen beizubringen, indem sie Perlen in Gruppen aneinanderreihte,

und mit Hilfe von Strohhalmen, wie sie im Kindergarten üblich sind,

lernte ich addieren und subtrahieren. Ich hatte niemals die Geduld,

mehr als fünf bis sechs Gruppen zugleich zusammenzureihen; hatte ich

das zustande gebracht, so war mein Gewissen für den Rest des Tages

beruhigt, und ich sprang rasch zu meinen Spielgefährten hinaus.

In dieser selben sorglosen Weise trieb ich Zoologie und Botanik.

Einmal sandte mir ein Herr, dessen Namen ich vergessen habe, eine

Fossiliensammlung -- kleine wunderschön gezeichnete Muscheln, Stücke

Sandstein mit Abdrücken von Vogelfüßen und einen reizenden Farn in

Basrelief. Dies waren die Schlüssel, die mir den Zugang zu den Schätzen

der antediluvianischen Welt eröffneten. Mit zitternden Fingern lauschte

ich Fräulein Sullivans Schilderungen der furchtbaren Tiere mit den

ungefügen, unaussprechlichen Namen, die einst durch die Wälder der

Urzeit stampften, die Zweige von Riesenbäumen zur Nahrung abrissen

und in den ungeheuren Morasten eines unbekannten Zeitalters umkamen.

Lange Zeit beunruhigten diese unheimlichen Geschöpfe meine Träume, und

diese düstere Periode bildete einen dunklen Hintergrund zu dem heiteren

Jetzt, das mit Sonnenschein, Rosen und dem Echo der leichten Hufschläge

meines kleinen Ponys angefüllt war.

Ein andermal erhielt ich eine schöne Muschel zum Geschenk, und mit

kindlichem Staunen und Entzücken lernte ich, wie ein winziges Weichtier

sich dieses herrliche Haus als Wohnung gebaut habe und wie in stillen

Nächten, wenn kein Luftzug die Meeresfläche kräuselt, der Nautilus

auf den blauen Gewässern des Indischen Ozeans in seinem wie Perlen

erglänzenden Schiffe dahinsegelt. Nachdem ich eine Menge interessanter

Dinge über das Leben und die Gewohnheiten der Kinder der Meerestiefen

kennen gelernt hatte -- wie inmitten der schäumenden Wogen die kleinen

Polypen die schönen Koralleninseln des Stillen Ozeans aufbauen und

die Foraminiferen die Kalkhügel vieler Länder gebildet haben --, las

mir meine Lehrerin das Märchen vom Nautilus vor und zeigte mir,

wie der muschelbildende Prozeß bei den Mollusken symbolisch ist für

die Entwicklung des Geistes. Genau wie der wunderwirkende Mantel

des Nautilus die Stoffe, die er aus dem Wasser aufsaugt, umwandelt

und zu einem Teile von sich selbst macht, so erleiden die einzelnen

Kenntnisse, die jemand sammelt, eine ähnliche Veränderung und werden zu

Gedankenperlen.

Ein andermal war es das Wachstum einer Pflanze, das uns den Stoff für

eine Lehrstunde lieferte. Wir kauften eine Lilie und stellten sie in

ein sonniges Fenster. Bald begannen die grünen, spitzen Knospen sich

zu öffnen. Die schlanken, fingerähnlichen Außenblätter erschlossen

sich langsam, widerstrebend, wie es mir vorkam, die Lieblichkeit des

Inneren enthüllend; war aber einmal ein Anfang gemacht, so ging der

weitere Prozeß des Oeffnens rasch von statten, aber ordnungsgemäß und

systematisch. Stets war eine von den Knospen größer und schöner als die

übrigen und warf ihre äußere Umhüllung stolzer zurück, als wüßte diese

Schönheit in weichen, seidenglänzenden Gewändern, daß sie Lilienkönigin

von Gottes Gnaden sei, während ihre bescheideneren Schwestern ihre

grünen Hüllen zaghaft ablegten, bis die ganze Pflanze ein einziger

nickender Zweig voller Lieblichkeit und Wohlgeruch war.

Einmal wurde ein rundes Glas mit elf Kaulquappen an ein mit Pflanzen

besetztes Fenster gestellt. Ich erinnere mich noch des Eifers, mit dem

ich Beobachtungen über sie anstellte. Es machte mir großen Spaß, meine

Hand in das Glas zu tauchen, zu fühlen, wie sich die Kaulquappen lustig

herumtummelten, und sie zwischen meinen Fingern hin- und herschlüpfen

zu lassen. Eines Tages hatte sich ein ehrgeiziger Bursche von ihnen auf

den Rand des Glases gewagt und fiel auf den Fußboden, wo ich ihn allem

Anschein nach mehr tot als lebendig fand. Das einzige Lebenszeichen,

das er von sich gab, war ein leichtes Hin- und Herbewegen des

Schwanzes. Kaum war er aber in sein Element zurückgekehrt, als er auch

schon auf den Grund niedertauchte und in lustiger Geschäftigkeit hin-

und herschwamm. Er hatte seinen Weg gemacht, hatte die große Welt

gesehen und war nun froh, wieder in seinem hübschen Glashause unter dem

großen Fuchsienstock zu weilen, bis er die Würde des ausgewachsenen

Frosches erreicht hatte. Dann siedelte er wieder in den mit Mummeln

bedeckten Teich am Ende des Gartens über, wo er in den Sommernächten

seine quarrenden Liebeslieder erschallen ließ.

So lernte ich vom Leben selbst. Anfangs lag nur ein ganz kleines,

begrenztes Maß von Fähigkeiten in mir. Meine Lehrerin war es, die sie

entfaltete und entwickelte. Als +sie+ kam, atmete alles rings um

mich her Liebe und Freude und gewann eine Fülle von Bedeutung. Seitdem

hat sie keine einzige Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne mich auf

die in allem waltende Schönheit aufmerksam zu machen, und hat nie

aufgehört, durch Wort, Tat und Vorbild dahin zu wirken, daß mein Leben

sich zu einem genußreichen und nützlichen gestalte.

Es war der Geist meiner Lehrerin, ihr warmes Mitempfinden, ihr

liebevoller Takt, der mir die ersten Jahre meiner Erziehung so

unvergeßlich gemacht hat. Dadurch, daß sie stets den richtigen

Augenblick wählte, um mein Wissen durch etwas Neues zu bereichern,

wurde der Unterricht für mich so anziehend und leicht faßlich. Sie

erkannte, daß der Geist eines Kindes einem seichten Bache gleicht, der

fröhlich in dem steinigen Bette der Erziehung dahinhüpft und tanzt

und hier eine Blume, dort einen Strauch, dort ein Lämmerwölkchen

widerspiegelt; sie suchte meinen Geist auf den rechten Pfad zu leiten,

da sie wohl wußte, daß er wie ein Bach durch Gebirgsströme und

verborgene Quellen genährt werden muß, bis er sich zum tiefen Flusse

erweitert, der imstande ist, auf seiner ruhigen Oberfläche schwellende

Hügel, die leuchtenden Schatten der Bäume und den blauen Himmel so gut

wie das holde Antlitz einer kleinen Blume widerzuspiegeln.

[Illustration: Helen Keller und Fräulein Sullivan]

Jeder Lehrer kann ein Kind zu sich in das Klassenzimmer nehmen,

aber nicht jeder Lehrer kann es unterrichten. Es wird nicht freudig

arbeiten, wenn es nicht das Bewußtsein der Freiheit in sich trägt, mag

es tätig sein oder sich ausruhen; es muß das Hochgefühl des Sieges und

die Niedergeschlagenheit der Enttäuschung kennen, ehe es mit festem

Willen an die ihm unangenehmen Aufgaben herangeht und sich entschließt,

sich seinen Weg tapfer und unverdrossen durch die stumpfe Routine der

Lehrbücher hindurchzubahnen.

Meine Lehrerin steht mir so nahe, daß ich mich kaum als von ihr

getrennt fühle. Wieviel von meiner Freude an allem Schönen mir

angeboren ist, wieviel ich ihrem Einflusse verdanke, werde ich

nie anzugeben vermögen. Ich fühle, ihr Wesen ist untrennbar von

dem meinigen, und sie ist mir auf den Bahnen, die ich wandle,

vorangegangen. Alles Gute an mir ist ihr Werk -- es gibt keine

Fähigkeit, kein Streben, keine Freude in mir, die sie nicht durch ihre

liebevolle Berührung zum Leben erweckt hätte.

Achtes Kapitel.

Erstes Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft. -- Ratespiel.

-- Weihnachtsbescherung in der Schule zu Tuscumbia. -- Freude über

die Weihnachtsgeschenke.

Das erste Weihnachtsfest nach Fräulein Sullivans Ankunft in

Tuscumbia war ein großes Ereignis. Jedes Familienmitglied bereitete

Ueberraschungen für mich vor; was mir aber am meisten Vergnügen

machte, war, daß Fräulein Sullivan und ich Ueberraschungen für alle

übrigen vorbereiteten. Das die Geschenke umgebende Geheimnis war meine

größte Freude. Meine Bekannten taten alles, was in ihren Kräften

stand, um meine Neugier durch Andeutungen und halbbuchstabierte

Sätze rege zu machen, die sie im spannendsten Augenblick abbrechen

zu müssen vorgaben. Fräulein Sullivan und ich unterhielten uns mit

einem Ratespiel, das mich im Gebrauche der Sprache mehr förderte, als

regelrechte Unterrichtsstunden dies zu tun vermocht hätten. Jeden Abend

setzten wir uns um das verglimmende Holzfeuer und beschäftigten uns mit

unserem Spiel, das um so aufregender wurde, je näher Weihnachten rückte.

Am heiligen Abend feierten die Schulkinder von Tuscumbia ihre

Bescherung, zu der sie mich einluden. In der Mitte des Schulzimmers

stand ein schöner Baum, strahlend und schimmernd in dem milden Lichte

der Kerzen und beladen mit seltsamen, wunderbaren Früchten. Es war ein

Moment der höchsten Glückseligkeit. Ich tanzte und sprang voller Freude

um den Baum herum. Als ich erfuhr, es sei ein Geschenk für jedes Kind

da, war ich darüber entzückt, und die freundlichen Spender, die die

Bescherung veranstalteten, gestatteten mir, die Gaben den Kindern zu

überreichen. In der Freude darüber fand ich keine Zeit, meine eigenen

Geschenke zu betrachten; als ich aber mit der Verteilung fertig war,

überstieg meine Ungeduld nach dem Beginn der wirklichen Bescherung alle

Begriffe. Ich wußte, daß die Geschenke, die ich schon erhalten hatte,

nicht die waren, wegen deren meine Bekannten mir durch ihre Andeutungen

solche Tantalusqualen bereitet hatten, und meine Lehrerin sagte mir,

die Geschenke, die ich erhalten würde, seien noch viel schöner als die,

welche ich schon bekommen hätte. Ich war jedoch entschlossen, mich mit

den Geschenken von dem Baume zufrieden zu geben und die übrigen ruhig

bis morgen zu lassen.

In jener Nacht lag ich, nachdem ich meinen Strumpf aufgehängt hatte,

lange Zeit wach, da ich mich gegen den Schlaf wehrte und mich munter

halten wollte, um zu sehen, was der Santa Claus wohl tun würde, wenn

er ankäme. Endlich schlummerte ich aber doch mit einer neuen Puppe und

einem Eisbären in meinen Armen ein. Am nächsten Morgen war ich es,

die die Familie mit meinem ersten: „Ein fröhliches Weihnachtsfest!“

aufweckte. Ich fand Ueberraschungen, nicht allein in dem Strumpfe,

sondern auch auf dem Tische, auf allen Stühlen, an der Tür, sogar auf

dem Fensterbrett; ich konnte in der Tat kaum einen Schritt machen, ohne

über ein in Goldpapier gewickeltes Christgeschenk zu stolpern. Als aber

meine Lehrerin mir einen Kanarienvogel schenkte, kannte meine Seligkeit

keine Grenzen.

Der kleine Jim war so zahm, daß er auf meinen Finger hüpfte und mir

kandierte Kirschen aus der Hand pickte. Fräulein Sullivan lehrte

mich meinen neuen Liebling mit der größtmöglichen Sorgfalt hegen und

pflegen. Jeden Morgen nach dem Frühstück machte ich ihm sein Bad

zurecht, reinigte seinen Käfig, gab ihm frisches Futter, füllte sein

Trinknäpfchen mit frischem Brunnenwasser und hängte etwas Vogelmiere an

seinen Schaukelring.

Eines Morgens ließ ich den Käfig auf dem Fensterbrett stehen, während

ich Jim frisches Wasser für sein Bad holte. Als ich zurückkehrte

und die Tür öffnete, fühlte ich, daß eine große Katze zum Zimmer

hinausstürzte. Zuerst bemerkte ich noch gar nicht, was sich zugetragen

hatte; als ich aber meine Hand in den Käfig steckte und Jim mir nicht

entgegenflatterte oder mit seinen zierlichen Füßchen sich auf meinen

Finger setzte, wußte ich, daß ich meinen lieben kleinen Sänger nicht

wiedersehen würde.

Neuntes Kapitel.

Reise nach Boston. -- Zusammentreffen mit den blinden Kindern. --

Bunker Hill. -- Plymouth. -- Pilgerfelsen. -- Herr William Endicott.

Das nächste wichtige Ereignis in meinem Leben war mein Besuch in

Boston im Mai 1888. Als ob es erst gestern gewesen wäre, so genau

entsinne ich mich der Vorbereitungen, der Abreise mit meiner Lehrerin

und meiner Mutter, der Eisenbahnfahrt und endlich der Ankunft in

Boston. Wie verschieden war doch diese Reise von der, die ich zwei

Jahre zuvor nach Baltimore gemacht hatte! Ich war kein ruheloses,

reizbares kleines Geschöpf mehr, das die Aufmerksamkeit sämtlicher

Mitreisenden verlangte, um zufriedengestellt zu sein. Ich saß still

neben Fräulein Sullivan und achtete mit regem Interesse auf alles,

was sie mir über das mitteilte, was sie aus dem Coupéfenster sah, den

schönen Tennesseestrom, die großen Baumwollplantagen, die Hügel und

Wälder und die Scharen lachender Neger auf den Bahnhöfen, die den

Reisenden zuwinkten und köstliches Zuckergebäck und Maisklöße im Wagen

umhertrugen. Mir gegenüber saß meine große, zerflederte Puppe, Nancy,

in einem neuen Ginghamkleide und einem zerknitterten Strohhute und sah

mich unverwandt mit ihren Glasaugen an. Bisweilen, wenn ich nicht durch

Fräulein Sullivans Schilderungen in Anspruch genommen war, erinnerte

ich mich der Anwesenheit Nancys und nahm sie auf den Arm, aber im

allgemeinen beschwichtigte ich mein Gewissen dadurch, daß ich mir

einredete, sie schlafe.

Da ich keine Gelegenheit mehr haben werde, von Nancy zu sprechen, so

will ich gleich hier von dem traurigen Schicksale erzählen, das sie

bald nach unserer Ankunft in Boston hatte. Sie war ganz mit Schmutz

bedeckt, dem Ueberreste von Schlammkuchen, die ich sie zu essen

gezwungen hatte, obwohl sie niemals eine besondere Vorliebe für diesen

Leckerbissen gezeigt hatte. Die Wäscherin im Perkinsschen Institut nahm

sie heimlich mit fort, um sie zu baden. Dies war für die arme Nancy

zu viel. Als ich sie das nächstemal wiedersah, war sie nur noch ein

formloser Watteklumpen, den ich überhaupt nicht wiedererkannt haben

würde, wären nicht die beiden Glasaugen gewesen, die mich vorwurfsvoll

ansahen.

Als der Zug endlich in den Bahnhof von Boston einfuhr, war es, als sei

ein schönes Feenmärchen zur Wirklichkeit geworden. Das „es war einmal“

war Gegenwart; das „weite, ferne Land“ war hier.

Kaum waren wir in dem Perkinsschen Blindeninstitut angelangt, als ich

auch schon mit den blinden Kindern Freundschaft zu schließen begann.

Es freute mich unaussprechlich, zu finden, daß sie das Fingeralphabet

verstanden. Wie froh war ich, mich mit anderen Kindern in meiner

Sprache unterhalten zu können! Bis dahin war ich wie eine Ausländerin

gewesen, die durch Vermittelung eines Dolmetschers spricht. In der

Schule, in der Laura Bridgman unterrichtet worden war, befand ich

mich in meinem Vaterlande. Es kostete mich einige Zeit, ehe ich mir

die Tatsache, daß meine neuen Freunde blind waren, in ihrer Tragweite

klarmachte. Ich wußte, ich konnte nicht sehen; aber es erschien mir

unmöglich, daß all die munteren, liebenswürdigen Kinder, die um

mich herumstanden und in meine Fröhlichkeit von Herzen einstimmten,

gleichfalls blind sein sollten. Ich entsinne mich der schmerzlichen

Ueberraschung, die ich empfand, als ich bemerkte, daß sie ihre Hände

über die meinigen legten, wenn ich mit ihnen sprach, und daß sie in

ihren Büchern mit Hilfe der Finger lasen. Obgleich mir dies schon

vorher mitgeteilt worden war und obgleich ich mir meines eigenen

Verlustes bewußt war, so hatte ich doch in unbestimmter Weise geglaubt,

daß, da sie hören konnten, sie eine Art von „zweitem Gesicht“ haben

müßten, und ich war nicht darauf vorbereitet, zu finden, daß diese

Kinder alle derselben köstlichen Gabe wie ich beraubt waren. Aber sie

waren so glücklich und zufrieden, daß ich alle Schmerzempfindungen über

der Freude vergaß, die mir das Zusammensein mit ihnen gewährte.

Als ich einen Tag in der Gesellschaft der blinden Kinder zugebracht

hatte, fühlte ich mich in meiner neuen Umgebung vollständig daheim, und

jeder Tag brachte mir eine neue angenehme Erfahrung. Ich konnte mich

nicht völlig davon überzeugen, daß es außer Boston noch viel in der

Welt gebe, denn ich betrachtete diese Stadt als den Anfang und das Ende

der Schöpfung.

Während unseres Aufenthaltes in Boston besuchten wir Bunker Hill und

hier erhielt ich meinen ersten Geschichtsunterricht. Die Geschichte von

den tapferen Männern, die auf dem Platze, auf dem wir standen, gekämpft

hatten, regte mich gewaltig auf. Ich bestieg das Denkmal, wobei ich die

Stufen zählte, und fragte mich verwundert, als es immer höher und höher

hinauf ging, ob die Soldaten diese große Treppe erstiegen und von hier

auf den Feind dort unten geschossen hätten.

Am nächsten Tage fuhren wir nach Plymouth. Es war dies meine erste

Seereise und mein erster Ausflug auf einem Dampfer. Wie voll von Leben

und Bewegung war das Schiff! Aber das Getöse der Maschine ließ mich

glauben, es sei ein Gewitter im Anzuge, und ich begann zu weinen,

weil ich fürchtete, wenn es regnete, könnten wir unser Picknick

nicht im Freien abhalten. Ich glaube, der große Felsen, an dem die

Pilger gelandet waren,[4] interessierte mich mehr als alles übrige

in Plymouth. Ich konnte ihn berühren, und vielleicht war dies der

Grund, weswegen mir die Ankunft der Pilger, ihre Beschwerden und

ihre Heldentaten so deutlich vor der Seele standen. Ich habe oft ein

kleines Modell des Felsens von Plymouth in der Hand gehabt, den mir

ein freundlicher Herr in Pilgrim Hall gab, ich habe seine Umrisse,

den Spalt in der Mitte und die eingemeißelte Inschrift »1620« befühlt

und in meinem Innern alles überdacht, was ich von der wunderbaren

Geschichte der Pilger wußte.

Wie erglühte meine kindliche Phantasie bei dem Gedanken an ihr

ruhmvolles Unternehmen! Ich idealisierte sie als die tapfersten und

hochherzigsten Männer, die jemals in der Fremde eine Heimat gesucht

hatten. Ich glaubte, sie hätten die Freiheil ihrer Mitmenschen

ebenso wie ihre eigene erstrebt. Ich war peinlich überrascht und arg

enttäuscht, als ich einige Jahre später ihre unduldsamen Handlungen

kennen lernte, die uns mit Scham erfüllen, selbst wenn wir den Mut und

die Tatkraft anerkennen, die uns unser »schönes Land« gegeben haben.

Unter den zahlreichen Freunden, die ich mir in Boston gewann, befanden

sich auch Herr William Endicott und seine Tochter. Die Güte, die

mir beide erwiesen, war das Saatkorn, aus dem mir viele angenehme

Erinnerungen erblüht sind. Eines Tages besuchten wir ihre schöne Villa

in Beverly Farms. Ich erinnere mich mit Vergnügen daran, wie ich durch

ihren schönen Rosengarten dahinschritt, wie ihre Hunde, der mächtige

Leo und der kleine kraushaarige Fritz mit den langen Ohren, sich zu

mir gesellten und wie Nimrod, das schnellste aller Pferde, seine Nase

in meine Hand streckte, damit ich seinen Hals klopfen und ihm ein

Stück Zucker geben sollte. Ebenso erinnere ich mich des Strandes, wo

ich zum erstenmale im Sande gespielt hatte. Es war harter, glatter

Sand, sehr verschieden von dem losen, scharfen, mit Algen und Muscheln

untermischten Sande in Brewster. Herr Endicott erzählte mir von den

großen Schiffen, die aus Boston nach Europa absegelten. Ich sah ihn

später noch öfters, und er ist mir stets ein guter Freund gewesen, und

ich dachte an ihn, als ich Boston „die Stadt der gütigen Herzen“ nannte.

[4] „Pilger“ oder „Pilgerväter“ hießen die 102 Puritaner, die im

Jahre 1620 in Plymouth landeten.

Zehntes Kapitel.

Ferienaufenthalt in Brewster. -- Die See. -- Erstes Seebad. --

Eindruck der Brandung. -- Der erste Taschenkrebs.

Unmittelbar bevor das Perkinssche Institut seine Tore für den Rest des

Sommers schloß, wurde die Verabredung getroffen, daß meine Lehrerin und

ich unsere Ferien in Brewster am Kap Cod in der Gesellschaft unserer

lieben Freundin, Frau Hopkins, zubringen sollten. Ich war darüber

entzückt, denn mein Geist war voll von den zu erwartenden Freuden und

den wunderbaren Geschichten, die ich vom Meere gehört hatte.

Meine lebhafteste Erinnerung an jenen Sommer ist der Ozean. Ich hatte

stets im Binnenlande gelebt und niemals Seeluft geatmet; aber ich hatte

in einem Buche mit dem Titel Our World eine Schilderung des Ozeans

gelesen, die mich mit Erstaunen und einem sehnsüchtigen Verlangen

erfüllte, die gewaltige See zu befühlen und ihr Toben zu spüren. So

schlug mein kleines Herz in heftiger Erregung, als ich sah, daß mein

Wunsch endlich doch in Erfüllung gehen sollte.

Kaum war ich in mein Badekostüm geschlüpft, als ich auf den warmen

Sand hinaussprang und ohne die geringste Furcht in dem kühlen Wasser

untertauchte. Ich fühlte, wie die mächtigen Wogen sich abwechselnd

hoben und senkten. Die schaukelnde Bewegung des Wassers erfüllte mich

mit ungemein lebhafter Freude. Mit einem Male aber wich mein Entzücken

einem namenlosen Entsetzen; mein Fuß stieß gegen einen Felsen, und im

nächsten Augenblick ergoß sich ein Strom von Wasser über mein Haupt.

Ich streckte meine Hände aus, um eine Stütze zu finden, ich griff

ins Wasser und faßte nach dem Tang, den mir die Wogen ins Gesicht

schleuderten. Aber alle meine verzweifelten Anstrengungen waren

vergeblich. Die Wellen schienen ihr Spiel mit mir zu treiben und warfen

mich in ihrem wilden Tosen von einer zur anderen. Es war fürchterlich!

Die gute, feste Erde war mir unter den Füßen weggeglitten, und ich

schien von allem -- von Leben, Luft, Wärme, Liebe -- durch dieses

unheimliche, mich rings umgebende Element ausgeschlossen zu sein.

Endlich jedoch warf mich die See, als sei sie ihres neuen Spielzeugs

müde, an das Gestade zurück, und im nächsten Augenblick wurde ich von

den Armen meiner Lehrerin umschlungen. O, dieses wonnige Empfinden

bei der langen, langen Umarmung! Sobald ich mich genügend von meinem

panischen Schrecken erholt hatte, um ein Wort hervorbringen zu können,

fragte ich: Wer hat denn eigentlich das Salz in das Wasser geschüttet?

Nachdem ich meine erste Erfahrung mit dem Wasser glücklich hinter

mir hatte, machte es mir großes Vergnügen, in meinem Badekostüm auf

einem mächtigen Felsen zu sitzen und Woge um Woge an den Felsen

heranbranden zu fühlen, wobei sie einen Spritzregen von Schaum

heraufsandten, der mich völlig durchnäßte. Ich spürte, wie die Kiesel

fortgeschwemmt wurden, wenn die Wogen mit ihrer vollen Wucht gegen den

Strand anstürmten; das ganze Gestade schien durch ihren furchtbaren

Anprall zertrümmert zu werden, und die Luft erdröhnte unter ihren

Donnerschlägen. Die Brandung schlug zurück, um sich zu einem noch

mächtigeren Anlauf zu sammeln, und ich hing an dem Felsen voll

gespannter Erwartung, wie von einem Banne befangen, während ich das

Toben und Brüllen des wütenden Meeres fühlte.

Kaum konnte ich mich von dem Strande trennen. Der Hauch der reinen,

frischen und klaren Seeluft wirkte wie kühles, beruhigendes Denken

auf mich, und die Muscheln, die Kiesel, die mit winzigen Lebewesen

bedeckten Algen büßten in meinen Augen nicht das geringste ihrer

Anziehungskraft ein. Eines Tages lenkte Fräulein Sullivan meine

Aufmerksamkeit auf ein seltsames Ding, das sie in dem seichten Wasser

gefangen hatte. Es war ein großer Taschenkrebs, der erste, den ich

je in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte ihn an und fand es sehr

seltsam, daß er sein Haus auf seinem Rücken mit sich herumtragen

sollte. Plötzlich schoß mir der Gedanke durch den Kopf, er könne einen

ganz artigen Spielgefährten abgeben; daher ergriff ich ihn mit beiden

Händen am Schwanze und trug ihn nach Hause. Diese Heldentat gefiel mir

außerordentlich, besonders da sein Körper sehr schwer war und ich alle

meine Kräfte anstrengen mußte, ihn eine halbe Meile weit zu schleppen.

Ich ließ Fräulein Sullivan keine Ruhe, bis sie den Krebs in einen

Trog in der Nähe des Brunnens geworfen hatte, in dem er nach meiner

Ueberzeugung sicher aufgehoben war. Als ich aber am nächsten Morgen zu

dem Troge kam, siehe da, da war er verschwunden! Niemand wußte, wohin

er gekommen war oder wie er hatte entwischen können. Ich empfand eine

schmerzliche Enttäuschung; nach und nach gelangte ich jedoch zu der

Einsicht, daß es nicht freundlich oder weise gehandelt war, dieses

arme stumme Geschöpf seinem Element zu entreißen, und nach einiger

Zeit fühlte ich mich in dem Gedanken glücklich, es sei ihm vielleicht

gelungen, in das Meer zurückzukehren.

Elftes Kapitel.

Rückkehr nach Tuscumbia. -- Fern Quarry. -- Jagden. -- Bony »Black

Beauty«. -- In Lebensgefahr.

Die Geschichte meines Lebens · 第 22 / 70 题