Ja, warum? Die Behörden verbieten es, setzen Strafen darauf, und die

Landbevölkerung setzt sich glatt darüber hinweg und teilt sich dabei in

zwei Lager: die einen üben aus, die anderen freuen sich darüber. Ja,

warum? Würden wir die Vertreter beider Richtungen fragen, so würden wir

wahrscheinlich zur Antwort bekommen: Das ist eben so. – Das war früher

schon so. – Das ist immer so gewesen. – Wir kennen das nicht anders. –

Das ist bei uns so Sitte. Und fragen wir die, die noch nicht mitgehen

dürfen, warum sie ordentlich zapplig darauf sind, in ein bis zwei

Jahren auch mithelfen zu können, so antworten die uns vielleicht: »Das

ist doch Sache!« Ich kann die Antwort verstehen. Für einen dreizehn-

bis vierzehnjährigen Jungen muß dieses Schießen doch gar zu schön sein,

besonders deshalb, weil solche berückende Umstände damit verbunden

sind: ungewöhnliche Zeit, Mantel der Dunkelheit, stillschweigende

Billigung seitens der Älteren beziehungsweise Erwachsenen.

Aber die Antworten können uns nicht befriedigen. Warum das Schießen,

also die Verübung möglichst großen Lärms? Warum in allen Ecken und

Winkeln? Warum auf Kreuzwegen? Warum vor Ostern?

Versuchen wir, die Antworten zu finden. Wenn das Osterschießen immer

schon gewesen sein soll, wie uns gesagt worden ist, so muß es doch

einmal seinen Anfang gehabt haben, es muß einmal aus einem bestimmten

Grunde aufgekommen sein. Welches ist nun der Anfang? Wann und wo ist er

zu suchen?

Unsere Untersuchungen werden sich erstrecken müssen, erstens auf die

Handlung, zweitens auf den Ort der Handlung, drittens auf die Zeit der

Handlung.

Das Merkmal _dieses_ Schießens ist das Erregen von Lärm unter

möglichster Anwendung von Feuer. Der Lärm ist die Hauptsache; denn

das Schießen kann im Notfalle ersetzt werden durch Peitschenknallen,

Klappern, Schlagen auf Bretter, alte Pfannen, Töpfe, Sensenblätter und

durch Pfeifen und Schreien.

Dazu tritt das Feuer. Es begegnet uns für sich noch in dem Hexenbrennen

oder Walpurgisfeuer und im Sonnenwendfeuer. Dabei werden Besen, Fässer,

altes Reisig, Stroh und dergleichen verbrannt.

Schießen und Brennen sollen die unholden Geister, die Hexen, die

Wieder- oder Umgänger vertreiben. Diese haben nach dem alten Glauben

bestimmte Urlaubstage und Urlaubszeiten. So soll stellenweise jeder

Sonnabend dazu gehören, anderwärts sind es die Quatembertage,

die Weihnachts-, Neujahrs-, Osternacht, der Allerseelentag. Die

Aufenthaltsorte dieser Wesen sind besonders Kreuzwege, Kirchhöfe,

versteckte Orte, die Nähe des Herdes, der Platz unter der Schwelle.

Da aber unter der Schwelle holde Geisterchen wohnen, sollen z. B. im

Rheinland die Türen nicht heftig zugeschlagen werden. Die Geistchen

erschrecken darüber und entweichen. Lärm verscheucht sie. Alles, was

als Versteck für die Unholden dienen kann, muß verbrannt werden,

besonders die Besen, die beim Osterfegen verwendet worden sind. Besen

sollen auch nicht mit den Ruten nach oben gestellt werden.

Auch Glockengeläute vertreibt die Geister. Davon weiß auch die Sage zu

berichten. Glockengeläute und Lärmen und Pochen wird von den Geistern

gleichgestellt. Es wird erzählt, daß im Erzgebirge die Zwerge durch den

Lärm der Hammer- und Pochwerke vertrieben worden sind. Sie haben sich

sehr darüber beklagt, haben aber versprochen, dann wieder zu kommen,

wenn die Hammer- und Pochwerke beseitigt sein würden.

Beim Geisterscheuchen wurde auch Stein auf Stein oder Eisen auf Stein

geschlagen. Flogen dabei Feuerfunken auf, so galt der Schlag als

besonders wirksam, weil Geräusch und Feuer zu gleicher Zeit auftraten.

Die Zeit von Ende Februar bis in den Mai hinein war früher eine einzige

Festzeit. In den Festbräuchen finden wir vorchristliche und christliche

Bestandteile vermengt. Die Feiern lagen je nach den klimatischen

Verhältnissen in den einzelnen Gegenden zeitlich auseinander. Es ward

der Tod (oder der Winter) vertrieben und das Leben (oder der Sommer)

eingeholt. (Ausführlicher habe ich das in meiner Arbeit über das

Bautzner Eierschieben in einem früheren Bande der bunten Bilder aus dem

Sachsenlande dargestellt.)

Alles, was Leben hat, soll diese Zeit nicht verschlafen und verpassen:

Mensch, Tier und Pflanze. Alles, was sich während des Winters an Üblem

eingenistet hatte, wurde vertrieben. Darum klopfte – wie Montanus

berichtet – der Hausvater in Westfalen am Tage von Petri Kettenfeier

(22. Februar) mit dem Hammer an alle Haus- und Stallpfosten und rief

dazu:

»Herus! Herus! Herus[18]!

Schlangen us Stall und Hus[19].

Schlangen und Viemöllen[20]

Hi nit herbergen söllen.

Sant Peter und die liebe Frau[21]

Verbiet’ üch[22] Hus und Hof und Au.

Viemöllen und Schlangen herus!

Über Land und Sand,

Durch Lof und Gras,

Durch Hecken und Strüch[23],

In die tiefen Kuhlen[24],

Da söllt ihr verfuhlen[25]!«

Wurde das unterlassen, so gab es Unglück. Die um diese Zeit aus den

Winterquartieren erstehenden Kröten, Schlangen und Molche sollten nach

anderem Glauben in die Gewässer gehen, dort das Schlimme, das diese

während des Winters in sich aufgespeichert hatten, an sich ziehen und

so das lebenspendende Naß wieder gesunden und für den Menschen wieder

heilsam werden lassen. (Osterwasser!)

Dieses Austreiben der Tod- oder Wintergeister fand vielfach eine

lebende Darstellung im Tod- oder Winteraustreiben. Tod und Winter

werden gleich gedacht. Darum heißt mancherorts der Sonntag Lätare

Sommersonntag, anderwärts aber Totensonntag. Dies richtet sich ganz

darnach, ob der obsiegende oder der unterliegende Teil im Namen

hervorgehoben werden soll.

Die beim Austreiben verwendete Strohhülle des Winters wurde dem

Wasser, besser noch dem Feuer übergeben. War der Fetisch, das ist der

zeitweilige Aufenthaltsort eines verscheuchten Geistes oder Dämonen,

vernichtet, so fand dieser bei seiner Rückkehr keinen Platz zum

Bleiben mehr vor und mußte entweichen. Nur mußten natürlich auch alle

Geisterverstecke gründlich gesäubert werden, also Kreuzwege, Ecken,

Winkel, Hecken, Zäune, Schuppen, Scheunen, Böden, Stuben, Küchen,

Keller, Treppen. Darum das große Fegen mit dem Besen und der reichliche

Verbrauch von Wasser, worauf früher noch das Räuchern folgte. Der

Kehricht mußte hinausgeworfen werden. Die Besen wurden nimmer benutzt,

sondern wurden verbrannt (Hexenbrennen zu Walpurgis). Die Scheuertücher

mußten gut ausgebreitet und zum Fenster hinaus ausgeschüttelt werden.

Auf den Fußboden kam feiner Sand. Darauf konnten die Geister nicht

gehen, sondern sie glitten darauf aus und brachen sich die Beine.

Es sei hier an das bekannte Gedicht von den Heinzelmännchen zu Köln

erinnert, in dem Erbsen die Stelle des Sandes einnehmen.

Draußen wurden die Bäume geschüttelt, gerüttelt und geschlagen, damit

sie aufwachen und sich nicht ihre Lebenskräfte von den Wintergeistern

rauben lassen sollten.

Die alten Lärmgeräte: Peitschen, Pritschen, Klappern, alte Pfannen,

Töpfe, Sensen, Hämmer, Keulen, leere Fässer bekamen Zuwachs durch

besser wirkende. Dazu gehört die Glocke. Sie ist das Schlußglied

der Entwicklung, die vom alten aufgenagelten Brett ausgeht, das mit

dem Hammer oder der Keule bearbeitet wurde. Das Brett ward dann

freischwingend aufgehängt und in gleicher Weise geschlagen. Es wandelte

sich um zur Eisenplatte. Diese bog sich schließlich um die Keule zur

bergenden Hülle, schloß sich oben zu, ward zum Glockenmantel und faßte

die Keule zum Klöppel. Mit ihr war ein geordneter Lärm möglich, der

weithin hörbar, also auch ebenso weit wirksam war.

Eine zweite Reihe läßt sich verfolgen. Wichen die Geister und Hexen

vor dem Schall, so auch vor dem Feuer und dem Rauch. Das Gerät, das

Schall und Feuer und Rauch in einem erzeugen ließ, war das wirksamste

und damit das beste. Das ist die Feuerwaffe, das Schießgewehr. Die

Feuergarbe entquillt dem Lauf. Der Knall erschreckt das Ohr. Der Rauch

entweicht zur Luft. So weit der Feuerschein leuchtet, der Schall tönt,

der Rauch zieht, so weit geht auch die Wirkung gegen die Geister und

Hexen. Darum rannten früher auch Knaben und Burschen mit brennenden

Scheiten um die Dorfgemarkung. Dadurch wurde das ganze Gebiet befreit

von den Unholden und Unholdinnen. Unter den Zweigen gingen die Schüsse

hin, um die Geister aufzujagen. In die Luft gingen die Schüsse, um sie

auch dort zu treffen und zu verjagen.

Gerade die Osterwoche ist die Zeit für die Geister und Seelen, in der

sie sich ungestört austoben konnten. Da schwieg der Glocken Mund. Sie

waren nach Rom gegangen. Es war wirklich stille Zeit. Die Ersatzgeräte

konnten die Wirkung des Glockenklanges nicht erreichen. Das »ewige

Licht« in Kirchen und Kapellen war erloschen. Auch der häusliche Herd

ließ sein Feuer ersterben. Erst am Karsonnabend (oder am Ostertag)

flammten beide neu auf.

In dieser stillen Zeit war nichts sicher vor den Geistern. Da durfte

keine Wäsche gewaschen werden, durfte nichts Gewaschenes im Freien

getrocknet werden. Der Webstuhl stand stumm. Das Schmiedefeuer und der

Hammer ruhten. Der Zimmermann griff nicht zu Richtscheit und Axt. Der

Dünger auf dem Hofe und im Stalle ward nicht weggefahren. Dadurch wäre

doch nur den Geistern das Verstecken und Einnisten erleichtert worden.

Nur der Gründonnerstag besaß den Kräutersegen. An ihm sollte gesät

werden, besonders Kraut- oder Kapp(us)samen.

Und in dieses Gewimmel der Geister, Dämonen, Hexen, Wiedergänger kracht

und blitzt und schwelt es mit der scheidenden Karsonnabendsonne an

allen Ecken, in allen Winkeln, auf allen Kreuzwegen! In den Häusern,

Ställen und Scheunen haben Besen, Wasser und Räucherwerk ihre Arbeit

schon verrichtet. Überall brechen die neuen Sommerkräfte hervor und

dulden nichts Winterlich-Unholdes mehr. Die Geisterschlacht wird an

diesem Abend, wird in dieser Nacht ausgekämpft, in der durch Fegen,

Feuern, Räuchern, Lärmen der Sieg erzwungen wird!

Heute ist das Osterfeuer nicht gebräuchlich; es findet sich als

Walpurgis- und als Johannisfeuer wieder. Früher muß es verbreitet

gewesen sein. Die »Osterberge« zeugen noch davon.

Aber die Geister suchen wiederzukommen. Darum ist größte Wachsamkeit

geboten. Sie setzen sich auf den Grashalm, lassen sich von der Kuh, die

den Grashalm frißt, mit verschlingen, gehen aus der Kuh mit der Milch

wieder hinaus und finden mit dieser, mit Butter, Käse, Quark Eingang

in den Menschen. So gibt es noch mehr solcher märchenhafter Wege für

sie. Soll doch sogar der Teufel, der oft an ihre Stelle gesetzt wird,

solche Wege nicht verschmähen. Helfen kann nur Fegen, Feuern, Räuchern,

Lärmen, d. h. auf dem Posten bleiben, nicht schlafen, nicht ruhen.

Neue Urlaubstage kommen für die Geister, an denen sie aus ihrer

innerirdischen Behausung hervorbrechen. Darum Walpurgisfeuer,

Sonnwendfeuer, Sonnabendreinigen der Wohnungen, Gehöfte und Wege.

Bei wichtigen Anlässen muß besonders aufgepaßt werden, damit sie nicht

mit Unglück auslaufen. Damit kommen wir kurz noch zu einigen anderen

Ereignissen im menschlichen Leben, die sich trotz scheinbar großer

Unterschiede mühelos dem gleichen Gedankenkreis einordnen lassen, der

dem Osterschießen unterlegt worden ist.

Der Vorabend der Hochzeit geht als Polterabend. Je größer der

Scherbelhaufen, desto mehr Glück für das Brautpaar. Durch das Lärmen,

Poltern, Klirren, Schreien sind die Geister vertrieben worden, die

das Glück der jungen Ehe stören wollten. Das Salutschießen, das

Vivatschreien, die bei vielen feierlichen Gelegenheiten in vielerlei

Formen üblich sind, gehören auch hierher. Dies besagt schon ihr Name:

~salutare~ = ~salve~ sagen = Heil, Gesundheit ansagen; ~vivat~ besagt

dem Sinne nach dasselbe. Doch dies alles kann hier nur angedeutet

werden. Es wäre ganz anziehend, den Zusammenhängen, die zwischen ihnen

und dem Osterschießen bestehen, nachzugehen.

Mag die Behörde mit dem Verbot des Osterschießens schließlich obsiegen,

mag die Landbevölkerung selbst durch den zunehmenden Einfluß der

bodenentwurzelten Städter von sich aus schließlich davon abkommen: das

aber möchte doch bleiben, was für alle Zeiten wichtig bleiben wird.

Wir werden dafür keine wirklich geglaubten Geister und Seelen zur

Begründung heranziehen, sondern klare Erkenntnisse.

Wenn wir einmal von all dem Erzählten alles alte Glaubensgut

wegnehmen, dann bleibt – ganz nüchtern betrachtet – übrig das Gebot

der Reinlichkeit und Sauberkeit. Die Befolgung dieses Gebotes sichert

die Erhaltung der Lebenskraft. Nun kann man zwar von Reinlichkeit und

Sauberkeit nicht leben, aber überall, bei Kleidung, Nahrung, Wohnung,

kommt sehr viel, wenn nicht alles auf sie an. Dies wird niemand

bestreiten wollen. Wir verschließen uns dabei der Erkenntnis nicht, daß

unsere heutigen Ansichten über rein und sauber nicht ganz dieselben

sind wie früher.

Sind nicht die verschiedenen Ungeziefer, die sich in Küche, Stube,

Keller und Vorratsräumen einnisten können, wirkliche »Quälgeister«

für die Hausfrau? Sind Schmutz und anderer Unrat die Brutstätten für

solches Gelichter? Verbreiten sich nicht von ihnen aus allerhand

Krankheiten und Seuchen auf Mensch, Tier und Pflanze, zehren an deren

Lebensmarke und führen zum vorzeitigen Ende? Darum: Ob die Herdmutter

der Alten mit dem Besen ihre Räume ausfegte und mit Räuchermitteln

den Geistern und Dämonen, Seelen und Wieder- oder Umgängern auf den

»Leib« rückte, ob heute die Hausfrau in ihrem Reiche mit elektrisch

angetriebenem Staubsauger, mit Desinfektionsapparat, mit Ventilator,

mit besonders zugerichtetem Scheuerwasser gegen Bakterien und Bazillen

vorgeht; es ist dasselbe in seiner Wirkung. Wenn es wirklich eine Frau

von heute geben sollte, die da glaubte, die unholden Geister der Alten

wären auch jetzt noch zu bekämpfen, so wäre das für das Reinigungswerk

auch nicht von Schaden. Vielleicht wird es besonders gründlich

verrichtet, weil die Pflicht von der Furcht getrieben wird.

Kommt bei uns allen noch das Bestreben hinzu, auch rein zu sein in

Gedanken, Wort und Tat, dann ist auch das erreicht, was die Alten auch

erreichen wollten: Zu brechen den Einfluß unholder, unreiner Geister

auf Sinn und Gemüt des Menschen. Zu dieser inneren Reinheit kann uns

das einfache Sittengesetz des großen Nazareners, dem Ostern geweiht

ist, ein guter Wegweiser, ein gutes Kampfmittel sein.

Das kann uns Menschen von heute das alte Osterschießen lehren, wenn wir

seinen Sinn nur recht verstehen. Ostern ohne solches Osterschießen ist

wirklich kein Ostern, kein Weckruf zu neuem, frischem Leben!

Fußnoten:

[5] gefunden.

[6] hilf.

[7] nur.

[8] ein wenig.

[9] fertig werde.

[10] Räume.

[11] bloß.

[12] Nagel.

[13] alten hohlen.

[14] zeige ihn.

[15] ja.

[16] geht, paßt dazu.

[17] krachen.

[18] heraus.

[19] Haus.

[20] Molche.

[21] Frau Maria.

[22] verbieten euch.

[23] Gesträuch.

[24] tiefe Wasserlöcher, Tümpel.

[25] verfaulen.

Ein Naturdenkmal des Vogtlandes

[Illustration: Die Rodersdorfer Hänge- oder Wunderfichte]

Paul Schumann †

Am 24. November, mittags ½1 Uhr, hat Paul Schumann, seit unserer

Gründung Vorsitzender der Naturschutzabteilung und Vorstandsmitglied

unseres Vereins, seine Augen für immer geschlossen. Als am 1. Juli

1908 der Ausschuß zur Pflege heimatlicher Natur, Kunst und Bauweise

aufgelöst und der Landesverein Sächsischer Heimatschutz gegründet

wurde, war Paul Schumann einer der Ersten, der seine Mitarbeit auf

den weiten, ausgedehnten Arbeitsgebieten des Landesvereins antrug und

in aufopfernder, selbstloser Weise ausführte. Wo es galt, im Dienste

unserer Bestrebungen tätig zu sein, sei es als Vertreter an den

Denkmalstagungen, sei es als Vertreter an den Naturschutztagungen, sei

es als Erstatter von Gutachten in Fragen der Reklame, der Erhaltung

heimatlicher Natur, Kunst und Bauweise, immer stand uns Paul Schumann

zur Verfügung. Seine Berichte, seine Gutachten bargen ein vielseitiges

Wissen und eine gerade, auf die Sache eingehende und begeisterte

Gesinnung. So manchmal hat er uns versichert, daß er stolz sei, dem

Landesverein Sächsischer Heimatschutz von der Wiege an angehört und

seinen in der Geschichte des deutschen Vereinslebens vereinzelt

dastehenden großen Ausbau, vereinzelt dastehenden Aufstieg erlebt zu

haben. Paul Schumann hatte trotz aller Überfülle von Arbeit, die sein

journalistischer Beruf und seine Tätigkeit in unzähligen Vereinen

erforderten, immer für uns Zeit. Er gehörte zu den Wenigen, die stets

gefällig waren und niemals jemanden unverrichteter Sache abziehen

ließen. Regen Anteil hat er noch in den letzten Monaten an den großen

Aufgaben des Naturschutzes des Landesvereins genommen, und noch in

den allerletzten Tagen seines Lebens hat er mit großer Freude von

Plänen Kenntnis genommen, die zum 20jährigen Bestehen des Vereins 1928

ausgeführt werden sollen.

Paul Schumann hat mit beiden Händen von uns Abschied genommen.

Er wußte, was ihm bevorstand. Und der Händedruck, den er unseren

Vertretern gab, war – das merkten wir – Abschied vom Verein, dem er in

treuer Liebe angehörte und für den er arbeitete und dachte bis ans Ende

seines Lebens.

Mit Paul Schumann ist eine Leuchte der Wissenschaft, ist eine

künstlerisch vielseitige Persönlichkeit, ein selten befähigter Kopf

dahingegangen. In vielen Kreisen, so auch in dem unseren, wird er

schwer zu ersetzen sein.

=Es war der Wunsch des Verblichenen, daß in aller Stille das an ihm

Sterbliche der Flamme übergeben wird. Nur seine engsten Angehörigen

sollten in dieser Stunde nochmals vom Gatten, vom Vater Abschied

nehmen.=

Der Dank, den wir Paul Schumann schulden, wurzelt tief in unseren

Herzen. In der Geschichte unseres Vereins und in all den Werken,

an denen er mitarbeitete, wird sein Name unvergessen sein. Als

bescheidenes sichtbares Andenken an den Mann, der zwanzig Jahre mit

unser Führer und einer unserer Besten war, wird in Gottes freier

Natur oben im Erzgebirge ein Stück Land mit seltenen Pflanzen seinen

Namen tragen, damit Alle, die da oben in reiner Luft wandern und sich

erquicken, an den Mann erinnert werden, der seine Heimat so sehr

geliebt hat.

[Illustration: =Professor Dr. Paul Schumann, † 24. November 1927=]

Bücherbesprechungen

=Ein neues Buch über den Garten.= Hugo Koch, der sich durch

verschiedene wertvolle Werke über Gartenkunst schon einen bedeutsamen

Namen machte, hat uns ein neues Werk beschert: =Der Garten=, Wege zu

seiner Gestaltung. Verlag Ernst Wasmuth A.-G., Berlin ~W~ 8.

Der dicke, reich mit Bildern geschmückte Band bietet dem Fachmann

wie dem Laien überwältigend viel Material zur Beurteilung, welche

Wege die Gartenkünstler unserer Tage einschlagen. Koch sagt in seinem

Vorwort: »So schrieb ich dies Buch in erster Linie für die Bauherren

und Gartenliebhaber, doch wird es auch Architekten und Gartenfachleuten

manches zu sagen haben. Wenn diese drei Gruppen – Bauherr, Architekt

und Gartengestalter – zu engerer Zusammenarbeit geführt werden, ist

ein Hauptziel meines Buches erreicht« und dann: »Erst ein inniges

Zusammenwachsen von Haus und Garten wird eine neue Blüte der Wohnkultur

ermöglichen«. Diesem Streben, Haus und Garten zusammenwachsen zu

lassen, ist das ganze Buch geweiht. Es ist das Leitmotiv und die

Durchführung beweist, mit welchem heiligen Ernste Architekten und

Gartenfachleute am Werke sind, dieses Ideal zu verwirklichen.

Koch beginnt mit einem vorzüglichen kurz gefaßten historischen

Überblick: Mensch und Garten im Wandel der Zeiten. Er zeigt damit,

wie von der Kultur des Zeitgeistes die Kultur des Gartens abhängig

war. Durch Jahrhunderte hindurch ist der Architekturgarten in Europa

vorherrschend. Erst die auf die Spitze getriebene Steifheit der

Gartenarchitektur löst den Wunsch nach »wilder Zierlichkeit«, »schöner

Unordnung« und das Streben nach der »Rückkehr zur Natur« aus, die in

den englischen Gartenanlagen um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts

Ausdrucksform erhielt. Die Zeit der Gartenromantik beginnt, die in

ihren Ausläufern bis in unsere Tage hineinreicht. Den Zwiespalt

unserer Tage kennzeichnet Koch sehr treffend mit wenigen Worten: »Der

landschaftliche Garten wurde aus rein formalen Gründen bekämpft und

der Barockgarten als Ideal aufgestellt. Das führte zu Gärten, die etwa

mit alten Trachten zu vergleichen sind. So schön und formvollendet wir

sie auch finden mögen, tragen wollen wir sie nicht mehr, wir fühlen

uns in ihnen nicht mehr wohl. Heute haben wir darum im Garten schon

wieder eine neue Modeströmung, die dem japanischen Garten in seinem

Reichtum an Pflanzen und Absonderlichkeiten nahesteht, auch sie wird

bald erschöpft sein, wenn sie das Problem des Gartens einseitig vom

Standpunkt der Pflanzenschönheit zu lösen sucht. Wir aber müssen

tiefer schürfen, aus dem Lebensgefühl unserer Zeit schöpfen und Werke

schaffen aus freudigem Bejahen der Gegenwart und ihres Wesens«. Die

neuen Gedanken, denen wir bei der Gartengestaltung nachgehen müssen,

haben zwei Quellen: Die »Forderung nach neuer Lebensart, die die

Bezeichnungen von Haus und Garten, den Gartenwohngedanken umfaßt« und

zweitens: die neue Einstellung des Menschen zur Natur. Und so behandelt

tiefschürfend Koch zunächst die Beziehungen zwischen Haus und Garten.

Die _innere_ Gliederung des Hauses soll im Garten seine Fortsetzung

finden. Die _äußere_ Plastik des Baues soll durch die Verbindung mit

dem Garten gesteigert werden. Der Garten muß auch schön sein, wenn die

Blütezeit vorbei ist, deshalb ist eine raumkünstlerische Gestaltung

nötig. Andererseits wollen wir im Garten das Werden der Natur

erleben. So müssen _Natur_form und _Kultur_form sich verschmelzen.

Abhandlungen über Gartenmöbel und Gartenplastik beschließen diesen

Abschnitt des Buches. Weiter behandelt Koch im nächsten Buchteil:

Natur und Garten. Das Problem ist: nicht Imitation der Natur, sondern

innerliche Berührung, liebevolles Sichversenken in die reiche Schönheit

der Umwelt. So müssen vorhandene Naturwerte des Gartenlandes und der

umgebenden Landschaft erfaßt und verwertet werden. Wie der einzelne

Baum, wie der Strauch, die Heckenwand, die Kletterpflanze, wie der

Rasen, die Blume diesem Problem einzuordnen ist, wie das Wasser und

schließlich die Tierwelt zur Belebung des Gartens herangezogen werden

kann, wird in den nächsten Abschnitten geschildert. Über Obst- und

Nutzgärten, über Rasen- und Staudengärten, Stein- und Naturgärten, über

Parkanlagen und – Dachgärten wird geplaudert.

Und schließlich wird das große Problem des heutigen Gartens wieder in

dem Abschnitt: »Die Ausdrucksform« von verschiedenen Standpunkten aus

beleuchtet. »Worauf es beim Gartenschaffen ankommt, ist das Erkennen

des Wesentlichen und der Verzicht auf das Unwesentliche. Je geringer

die verfügbaren Mittel, um so wichtiger ist diese Forderung. Dann gilt

es aus dem Lebensminimum das künstlerische Maximum zu bilden.« Ein

zweiter Weg ist der des Nacheinanderbauens. Zunächst das Skelett und

dann allmählich der schmückende Ausbau. Dies getrennte Ausführen ist

ja beim Garten leichter als beim Haus. Zum Schluß des Werkes steht

noch ein Abschnitt über »Bauherr und Gartengestalter«: wie beide

voneinander abhängen und leider so oft aus Unkenntnis der Bedeutung der

Aufgabe einen Garten zu gestalten nicht zusammenkommen können. »Wenn

wir wieder zu einer wahren Kultur im Bau- und Gartenschaffen gelangen

wollen, müssen wir erst wieder ein Geschlecht ›königlicher‹ Bauherren

heranbilden, Menschen mit echter Baugesinnung, denen das Schaffen

eines Gartenwerkes nicht zu einer äußeren, sondern zu einer inneren

Angelegenheit wird. Die Kunst bedarf zu ihrer rechten Entfaltung jener

Auslesemenschen, denen sie zur Lebensnotwendigkeit wird.«

Daß unser Volk Verständnis für diese Werte hat, das ist durch den

riesenhaften Besuch der Gartenbauausstellung Dresden 1926 bewiesen.

Aber Krieg und Inflation drücken tief auf unser Volk und werden es

noch viele Jahre in ihren Fesseln halten. Wird dann das Geschlecht

herangereift sein, das diese hohen Kulturaufgaben zu meistern versteht?

Mag das Buch Hugo Kochs Wegweiser sein für eine glückliche Zukunft

deutscher Gartenkunst.

HGE.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 1–2 · 第 7 / 8 段