Weit zahlreicher sind die Marterln, die im neunzehnten Jahrhundert

entstanden. Als wirkliche Denkmäler sind anzusprechen, das, welches in

der Flur Dittersbach bei Frauenstein an der Straße nach Lichtenberg

dem Andenken des Mahl- und Ölmühlenbesitzers Bernhard errichtet wurde,

dem dort am 25. Juni 1819 das Rad eines schwerbeladenen Wagens über

den Kopf ging, dann das für den Artilleriehauptmann Hirsch auf dem

früheren Heller-Truppenübungsplatze bei Dresden von seinen »trauernden

Waffenbrüdern« gesetzte, ein Granitwürfel, auf dem ein antiker Helm

ruht. Hirsch stürzte 1822 von seinem scheuenden Pferde und brach

den Hals. Auch das schöne Denkmal gehört hierher, das die Liebe der

Geschwister bei dem Dorfe Wolkau unweit Nossen dem dort durch am 16.

September 1900 erfolgten Sturz aus dem Wagen zu Tode getroffenen

jungen Prinzen Albert von Sachsen hat aufstellen lassen; es ist ein

Marmorstein, auf dem sich ein Kruzifix aus Messing und Bronze erhebt.

Leider haben Rohlinge im Mai 1923 das Kruzifix abgesägt und entwendet

und den Stein verstümmelt. Mehrfach tritt bei den Marterln des vorigen

Jahrhunderts die Kreuzform auf. Aufrechtstehende Kreuze bezeichnen die

Stelle, wo sich todbringende Unglücksfälle ereigneten, in den Fluren

von Berthelsdorf bei Lunzenau und Wurschen in der Amtshauptmannschaft

Bautzen; ein Maltheserkreuz steht am Südausgange von Niedergurig in

derselben Amtshauptmannschaft, zum Gedächtnis eines im Jahre 1800 vom

Blitz erschlagenen Knechtes errichtet. Am häufigsten sind die Male,

die die Form von vierseitigen Säulen oder von Platten mit dachförmigem

Aufsatz haben. Der Verfasser hat die folgenden feststellen können. Für

Personen, die in Ausübung ihres Berufs als Landwirte, Wagenführer,

Straßenwärter, Waldarbeiter u. a. den Tod fanden, stehen solche

Marterln in Albertitz, Amtshauptmannschaft Meißen (1835), in der Nähe

der Hohwaldschenke am südlichen Abhange des Valtenberges (1831), an

der Brüxer Landstraße bei Deutscheinsiedel (1867), bei Drausendorf, A.

H. Zittau (1856), im Grillenburger Walde an der Schneise 21 (1832),

bei Großwaltersdorf, A. H. Freiberg (1826), am Fahrwege vom Zollhause

Bieberstein bei Nossen nach Hirschfeld (1885), bei Lichtenberg, A. H.

Zittau (1835), am Löbauer Berge (1854), bei Oberoderwitz (1839), bei

Ossig A. H. Döbeln (1856), bei Schönbach, A. H. Kamenz (1840). Für

durch den Blitz Erschlagene errichteten die Hinterbliebenen Denksteine

in oder bei Borstendorf (1822), Deutscheinsiedel (1898), Falkenau

(1880), Friedebach bei Sayda (1890), Geyer (1877), Königshain bei

Ostritz (1836), Nassau (1875) und Oberrotenbach bei Mosel (1826),

für Personen, die von einem »Schlagfluß« oder »Blutschlag« tödlich

getroffen wurden, in den Ortsfluren von Jacobstal (1846), Mariental

in der Amtshauptmannschaft Zittau (1852), Oberleutersdorf (1808),

Seifhennersdorf (1840), am Wege vom Königsplatz nach der Bootstation

an der oberen Schleuse bei Hinterhermsdorf (1834) und an der Ostseite

des Hochwaldes bei Zittau (1801), endlich zum Gedenken an Unglücksfälle

besonderer Art am Südabhange des Breiten Berges in der südlichen

Lausitz (Tod durch Schuß aus dem eigenen Gewehr 1825), Kemnitz, A.

H. Löbau (dieselbe Todesursache, 1848), Kirchberg-Stadt (Sturz vom

scheuenden Pferde, 1868), Jöhstadt (Sturz aus dem Schlitten, 1873),

Reichenau bei Zittau (Erfrieren im Schneegestöber bei großer Kälte,

1831) und im Triebtale bei Jocketa im Vogtlande. Als hier im Jahre 1888

der Oberleutnant v. Imhoff im Manöver als Führer einer Jägerpatrouille

versuchte, einer gegnerischen Patrouille das Gewehr zu entreißen,

entlud es sich und die Kugel traf ihn tödlich.

Wie ein Blick über diese Liste zeigt, finden sich verhältnismäßig

die meisten Marterln in der Lausitz; hier begnügen sich auch die

Hinterlassenen der Verunglückten mehrfach nicht mit einer kurzen

Inschrift, zum Andenken an ihren lieben Vater oder Bruder, sondern

fügen eine längere Bitte oder Mahnung an die am Denkmal Vorübergehenden

in Gedichtform hinzu. Es sei hier nur das an dem bei Seifhennersdorf

aufgestellten Marterl angeführt. »Hier in des Waldes Dunkel, von der

lieben Heimat fern, – fern von Gattin, Kindern und Verwandten, – mußte

einsam und verlassen auf den Ruf des Herrn – ein liebend Vaterherz

erkalten. Drum lieber Wandrer, bedenke tief und ernst, – daß ach so

wenig Bürgschaft hat ein armes Menschenleben, – das auch im nächsten

Augenblick und unverhofft – durchzucken kann des Todes Beben. – Du

aber, der Du ohne Abschied von uns gingst, – der Du so treu, so liebend

an uns hingst, – der Du hier ausgeruht, um ewge Ruh zu finden, – ach,

laß Dich dort im Hain des Paradieses wiederfinden.«

Es nimmt auch die Zahl der Marterln immermehr ab, je weiter das

neunzehnte Jahrhundert vorschreitet, und dem zwanzigsten gehören

nur ganz wenige an. Es konnten nur drei ermittelt werden: ein Stein

am Wege von Otzdorf nach Massanei bei Waldheim, für den dort 1905

verschiedenen Regierungsrat Böhme, ein Granitkreuz in der Nähe des

Bahnhofs Seitzschen bei Bautzen für Walther v. Ischky auf Prietschwitz,

der 1903 mit seinem Rade in ein entgegenkommendes Geschirr fuhr

und den Tod fand, und ein geschnitztes Kreuz am hohen Birkigt bei

Neustadt, an der Stelle, wo im Mai 1922 der zweite Vorsitzende der

naturwissenschaftlichen Gesellschaft »Isis« in Bautzen, Professor

Lamprecht, an einem Herzschlag verschied.

Der Grund für das allmähliche Seltenerwerden der Marterln in unserem

Vaterlande ist nicht schwer zu erkennen. Mit der beständig sich

erhöhenden Zunahme der Bevölkerung wächst die Zahl der Unglücksfälle,

dem einzelnen wird nicht mehr die Bedeutung zugemessen, die ihm wurde,

als in den Städten und Dörfern die Bewohnerzahl noch eine bescheidene

war und alle Einwohner einander kannten und Anteil aneinander

nahmen. Da konnte es noch vorkommen, daß eine ganze Gemeinde ihrem

verunglückten Mitgliede einen Denkstein an dem Orte seines Todes

setzte. Wenn heute überall dort, wo allein durch Zusammenstöße von

Kraftwagen oder Krafträdern mit anderen oder durch Anfahren an Masten

oder Straßenbäume Menschen ums Leben kommen, Marterln errichtet würden,

da würden unsere Landstraßen mit solchen geradezu gespickt sein.

Nur durch Inschriften an einer Hauswand wird in wenig Fällen das

Andenken an die Verunglückung eines Menschen lebendig erhalten.

Am Toreingange des Birknerschen Gutes in Niederstriegis sieht man

die Abbildung eines vierspännigen Lastwagens und darunter den

verunglückten Geschirrführer, der am 19. Januar 1798 in der Mulde

bei Grünrode den Tod fand, und an der Wünschmannschen Mühle in

Krummenhennersdorf bei Freiberg kündet eine Inschrift, daß dort ein

Unteroffizier des Infanterieregiments Nr. 102 im September 1911

mit seinem Rade zu Falle kam und an den dabei erlittenen schweren

Verletzungen starb. Sagenhaft ist eine Inschrift an einem fünfteiligen

Felsen an der Staatsstraße von Wehrsdorf bei Schirgiswalde nach

Steinigtwolmsdorf. Unter den Handwerkszeichen eines Zimmermanns stehen

die Zahlen 1832–1908. Hier soll im Jahre 1832 ein Handwerksbursche in

trunkenem Zustand auf den Felsen geklettert und dort eingeschlafen,

bald aber heruntergefallen und doch unverletzt geblieben sein. Die Zahl

1908 deutet auf das Jahr, in dem die Inschrift erneuert worden ist.

Im weiteren Sinne gehören zu den Marterln auch die Erinnerungsmale

an Unglücksfälle in großem Ausmaße. Am 1. Juli 1867 fanden in der

Neuen Fundgrube in Lugau infolge Schachtbruchs einhundertundein

Bergleute den Tod und in einem Massengrabe neben der Kirche in

Lugau ihre letzte Ruhe. Noch größer war die Zahl der Bergleute –

zweihundertsechsundsiebzig –, die am 2. August 1869 in den Freiherrlich

v. Burgkschen Kohlenschächten »Segen Gottes« und »Neue Hoffnung«

im Plauenschen Grunde bei Dresden durch schlagende Wetter getötet

worden. An beiden Orten ist ein Denkmal in Obeliskenform zum Gedenken

an die furchtbaren Heimsuchungen errichtet worden. Ebenfalls ein

Obelisk erinnert auch an ein schweres Eisenbahnunglück unmittelbar

vor der Stadt Öderan. Am 19. September 1895 stieß ein von Dresden

kommender Sonderzug, der die Mannschaften des in Zwickau stehenden

Infanterie-Regiments Nr. 133 aus dem Manöver zurückführen sollte, auf

einen Güterzug, der auf demselben Gleise in den Bahnhof einfuhr. Durch

den Anprall wurden drei Wagen völlig zertrümmert. Acht Mann waren

sofort tot, drei starben bald im Lazarett, leichte oder schwerere

Verletzungen erhielten gegen fünfzig Mann. Gleich schwer war das

Unglück, das sich bei dem Manöver sächsischer Truppen im September

1911 ereignete. Während eine Abteilung des Oschatzer Ulanenregiments

von Obervogelgesang bei Pirna durch die Elbe schwamm, um den in Posta

liegenden Feind aufzuspüren, wurde ein Pferd unruhig, es brachte

andere in Verwirrung, und eine Anzahl Reiter wurde aus den Sätteln

geworfen. Von fünfundzwanzig Mann ertranken elf. Ihrem Gedächtnis ist

ein schöner Denkstein am Elbufer bei Posta, nahe der Unglücksstätte,

errichtet worden. Ein ebensolcher steht auf dem Truppenübungsplatze bei

Königsbrück, wo am 7. Juni 1910 der Blitz in eine Abteilung Soldaten,

die in die Baracken zurückkehrten, hineinschlagend, drei tötete, und

ein andrer auf der Höhe nördlich von Niederschöna bei Freiberg, von

Linden beschattet. Hier stürzten am 21. September 1912 zwei junge

Offiziere mit ihrem Flugzeug ab.

Zu den Marterln dürfen endlich die Erinnerungsmale aus neuerer Zeit

gerechnet werden, die zum Gedächtnis Ermordeter aufgestellt worden und

in gewisser Beziehung den alten Steinkreuzen an die Seite zu stellen

sind, wenn auch nicht anzunehmen ist, daß die Mörder sie zur Sühne

ihrer Freveltat haben errichten müssen, sondern die Hinterbliebenen

oder Freunde und Gemeindegenossen es getan haben. Ihre Zahl ist nicht

klein.

Das älteste Marterl dieser Art ist unsers Wissens der sogenannte

Blutstein, der im unteren Teile des Dorfes Clausnitz bei Bienenmühle

dicht an der Dorfstraße im Graben liegt, ein großer Steinblock, in dem

ein viergeteilter Kreis eingemeißelt ist, worin noch die Buchstaben

und Worte zu lesen sind: ~D. 8 Judex A N – 1563 – W. Uhle Pastor –

G. Biber~, und ein Gegenstand wie ein Hammer unter dem Namen Biber

abgebildet ist, Wolfgang Uhle aus Elterlein war seit 1558 Pfarrer

in Clausnitz. Im Jahre 1563 schlug er den Ortsrichter Biber mit

einem Hammer nieder, weil er, wie eine alte Chronik erzählt, an

diesen im Spiele sein Geld verloren hatte. Uhle büßte später, vom

Kurfürsten August begnadigt, den Mord durch aufopfernde Tätigkeit

während der in Annaberg wütenden Pest. Von einem Raubmorde redet

auch ein Stein, der westlich der Marienberg–Reitzenhainer Landstraße

unweit des zuletzt genannten Ortes im Walde steht. Hier ist, wie die

Inschrift am Steine besagt, am 23. April 1669 der Rittmeister Paul

Münch, »von einigen abgedanckten Officiren, so als Kauff-Leuthe mit

Ihme gereißt, Straßenräuberisch angefallen, mit einem Schuße durchs

Haupt ermordet und ausgeplündert worden. Die Thäter aber wurden zu

Eysenach balde attrapiret, dafür zur Strafe gezogen und folgenden 3.

Juliy daselbst auffs Radh geleget«. Eine Inschrift auf der Rückseite

dieses »Totensteins« wiederholt in lateinischer Sprache, was dort

geschehen ist, dabei den Toten als edelmütig und tapfer rühmend und die

Vorübergehenden zum Lesen und Betrauern des Ermordeten auffordernd.

Die übrigen, dem Verfasser bekannt gewordenen Mordsteine gehören dem

neunzehnten Jahrhundert an. Einer steht an der Landstraße von Mittweida

nach Burgstädt in der Flur Altmittweida, wo im Jahre 1861 ein Gendarm

bei der Verfolgung von drei Einbrechern niedergeschlagen worden

ist, ein andrer an einem Feldwege, der von der Straße von Kitzscher

nach Stockheim (Amtshauptmannschaft Borna) abzweigend, zum Vorwerke

Lindhardt führt. Hier hat 1876 ein Gefangener den ihn von Grimma nach

Borna überführenden Beifrohn erdrosselt. Von dem 1801 verübten Morde

an einem Unbekannten berichtet ein Stein im Tale südlich von Spittwitz

nahe der Dresden–Bautzener Landstraße[2], vom räuberischen Überfall auf

Handelsleute je ein solcher in den Fluren von Großwaltersdorf im Jahre

1876, von Schönbrunn (Amtshauptmannschaft Zittau) 1823 und Oberschöna

bei Freiberg 1817. Auf dem Wege aus dem Gottesdienst nach Hause wurde

am Karfreitag des Jahres 1881 in einem Busch zwischen Niethen und

Lauske (Amtshauptmannschaft Bautzen) ein Schulkind »in entsetzlicher

Weise« ermordet; in Porschütz (Amtshauptmannschaft Großenhain) fand

1823 und in Schweikershain 1878 je ein junges Mädchen den Tod, wie die

an den Orten der Tat errichteten Denksteine melden, durch »ruchlose

Mörderhand«. Eine in Trachenau bei Rötha stehende Sandsteinsäule, in

die die Buchstaben und Worte eingemeißelt sind: ~M. O. B. – Male mortis

in fatis illi erat~ – soll die Stelle bezeichnen, wo ein M. O. Bialler,

angeblich Gutsinspektor auf Rötha, erschossen aufgefunden wurde[3].

Nur eine kurze Inschrift an einer Fichte am »Rothen Hirschweg« bei

Rothental unweit Olbernhau bewahrt das Andenken an einen jungen

Forstgehilfen, der 1883 bei einer Nachtwache, die Wilderern galt,

aus Versehen von seinen eigenen Leuten erschossen wurde, und ein

Blechschildchen an einer Kastanie auf der Schillerstraße in Dresden,

das an die Ermordung des Malers Gerhard von Kügelgen durch einen

Soldaten im Jahre 1820 erinnert.

Auch für im Zweikampfe Gefallene finden sich Denksteine vor. So steht

ein solcher im »Breiten Grunde« im Tharandter Walde aus dem Jahre 1844

und ein zweiter, eine Granitsäule, im Karlswalde bei Arnsdorf. Dort

fand ein Forststudent, hier ein Offizier den Tod. In einem Wäldchen

bei Radeburg ist ein »Sandsteinblock mit einem Kopfe, Uhr, Pistole

und einem lorbeerumgebenen, von einem Pfeil durchbohrten Herzen

geschmückt«, einem Kandidaten der Medizin errichtet worden, der sich

1859 dort erschoß[4].

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß auch getötete Tiere

Denksteine gesetzt erhalten haben. In Mobendorf bei Hainichen wütete

1877 die Rinderpest. Dort, wo infolge davon dreizehn erschossene Rinder

vergraben worden sind, steht ein Stein mit Inschrift, und wie E. Flath

in seiner Heimatkunde und Geschichte von Schönheide berichtet, erinnert

im Schulhofe von Schönheiderhammer ein Stein an ein dort verendetes Roß

des früheren Hammerwerkbesitzers Rauh.

Soll für die Erhaltung der Marterln Sorge getragen werden? Was

diejenigen anlangt, die an Orten von Massenverunglückungen errichtet

worden sind, so halten es die Gemeindeverwaltungen, Knappschaften und

Militärvereine für ihre Ehrenpflicht, sie dauernd in gutem Zustande

zu erhalten, insbesondere ihre Inschriften zu erneuern, wo es nötig

wird. Aber auch Steine, die einzelnen Verunglückten oder Ermordeten

gelten, sollten nicht der Verwahrlosung anheimfallen, so wenig unsere

schnellebige Zeit das einsehen mag. An den Personen, deren Gedächtnis

sie bewahren sollen, nimmt doch niemand mehr Anteil, auch fehlt den

Marterln zum größten Teil jeder Kunstwert, deshalb ist, ohne Schaden,

auch schon mancher von diesen Denksteinen spurlos verschwunden. Leider

ist das wahr; es ist ihnen ergangen, wie so vielen Grabsteinen auf

Kirchhöfen, die bei Neubelegung von Gräbern von diesen entfernt wurden,

um irgendwo in einem Winkel zu zerfallen oder als Wegplatte verwendet

zu werden. Mag in diesem Falle der Raummangel die Beseitigung der

Grabsteine rechtfertigen, die ihren Zweck erfüllt haben, so fällt

dieser Grund für die Marterln weg. Sie stehen an Orten, wo sie niemand

stören, und kennt auch keiner mehr die Person, deren Tod sie künden, so

haben sie doch kulturgeschichtlichen Wert. Unsere Väter meinten noch,

solch ein Marterl werde jedem, der an ihm von dem tödlichen Unglück,

das einen Volksgenossen traf oder gar von dem jähen Tode liest, den

er durch Mördershand erlitt, nachdrücklich zu Gemüte führen, wie nahe

ihm selber sein Ende sein könne und ihn so zur Einkehr in sich und

zur Rückschau auf sein bisheriges Leben und Handeln veranlassen. Die

Marterln predigen von der Vergänglichkeit des Menschenlebens; Predigten

dieser Art sind auch heute noch nicht überflüssig. Damit ist auch,

abgesehen davon, daß einzelne Marterln auch nicht des Kunstwertes

entbehren, die Forderung berechtigt, daß sie geschont und geschützt

werden.

Fußnoten:

[2] S. Gurlitt, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und

Kunstdenkmäler Sachsens, Heft 31, S. 77.

[3] Die im Vogtlande noch vorhandenen »Mordsteine« hat schon

P. Apitzsch im zweiten Bande des Vogtländischen Jahrbuchs

verzeichnet.

[4] S. Gurlitt, a. a. O., Heft 38, S. 110.

Osterschießen in der Bautzner Gegend

Von _Karl Lucas_, Meißen

An einem Ostersonnabend schlich ich in dem kleinen Dorfe Schl. in

unserer Oberlausitz durch die Grasgärten und hinter den Scheunen

herum. Eigentlich sollte an diesem Tage alles, was Arme und Beine

regen konnte, sich bemühen, aus allen Ecken und Winkeln den

Winterschmutz zu beseitigen. Die Gutshöfe und ihre Zufahrtswege waren

schon sauber gerecht. Hausfluren, Treppen- und Kellerstufen waren

schon frisch gescheuert. Im ganzen Hause von oben bis unten war kein

unsauberes Fleckchen mehr zu finden. Manches Haus durchzog sogar ein

feiner Räucherduft. Mit hochgegürtelten Röcken, mit vorgebundenen

Sackschürzen, in besickelten Strümpfen und Holzpantoffeln, versehen

mit großen Scheuerhadern, Wurzelbürsten, Besen und vollen Wassereimern

hatten Frau und Magd das Ihre getan. In den Hausfluren, Küchen,

kleinen und großen Stuben deckten Säcke und Tücher den Boden. Wenn die

»Moannsen« und die Milchleute von draußen hereinkamen, sollten sie

nicht gleich wieder den Straßenschmutz auf den sauberen Steinen und

Dielen abtreten. Die Frau hatte sich vielleicht aber schon vorgenommen,

in der Nacht die Stuben noch einmal auszukehren. Dabei wollte sie aber

allein sein. Sie wird dann von den vier Ecken aus nach der Stubenmitte

kehren und den Kehricht zum Fenster hinauswerfen; dann ist das Haus vor

Behexung gefeit.

Aber die Moannsen, die »Kerl’n«, die standen oft zu zweien und zu

dreien beieinander, steckten die Köpfe zusammen und hatten sich – wie

es schien – gar arge Sachen zu erzählen. Ganz geheimnisvoll taten sie

dabei. Die ihnen aufgetragene Arbeit war dem gegenüber nur Nebensache.

Wenn aber der »Herre« in Bautzen zum Bauernsonntag (Sonnabend) ist,

wenn die »Weibsen« im Hause, in Küche, Keller und Stall alle Hände voll

zu tun haben, da lassen die »Kerl’n« schon die Fünf gerade sein.

Wenn sie mich erblickten, fuhren sie plötzlich auseinander und begannen

mit einem verdächtigen Eifer ihrer Arbeit nachzugehen. Gehört hatte

ich aber doch noch: »Hinde Oomd glei noach ’n Ass’n!« (Heute abend

gleich nach dem Essen!) Ich dachte: Mich macht ihr nicht dumm. Ich weiß

Bescheid. Heute ist Osterschießen.

Die Hofglocke rief zum Abendessen. Geschwind wurden noch einige Rechen-

und Besenstriche getan und dann die Geräte schnell aufgeräumt. Darauf

folgte am Hofbrunnen oder in der Küche ein kurzes Waschen. Kurz darnach

saß alles an seinem Platze am großen Tische in der kleinen Stube. Die

Bratkartoffeln in der mächtigen Pfanne luden zum Zulangen ein. Vom

kleinen Tisch aus konnte ich manchen verstohlenen Blick auffangen, den

die »Kerl’n« untereinander austauschten. Der Osterjunge, der nun bald

keiner mehr war; denn sein Jahr war herum, legte seinen Löffel weg und

sagte zum Drittler: »Du, Korle, ich ho noach su a Ding g’fung’n[5].

Half[6] mer norre[7] noach a prinkl[8], doaß ’ch no fart’ch war[9]!«

Der nickte nur und legte auch seinen Löffel beiseite. Kurz darauf war

auch der Großknecht fertig und stand auf. Dabei gab er den anderen ein

Zeichen.

Vor dem Abendessen hatte ich noch das Wort »Hühnerpark« aufgefangen.

Das sagte mir genug. Ich eilte hinter ihnen her. Sie standen noch in

der Graskammer. Darum ging ich so leise wie möglich die Vordertreppe

hinauf zur Hinterkammer, die je nach der Zeit zur Aufbewahrung von

allerlei Kaufmannsware, Fleischware und Obst dient. Die hatte ich mir

vorher schon vorsichtshalber aufgeschlossen. Auf der Holzstiege, die

von der Graskammer nach oben führt, saßen alle vier: der Großknecht,

der Kutscher, der Drittler, der Osterjunge. Die Mädel hatten in der

Küche zu tun. Die vier Verschworenen waren sehr beschäftigt. Ein

Werkzeugkasten fiel um. – »Dunn’rwatt’r noach amoal! Reim dan[10]

Drack nei. Bluß[11] ’n Hoamm’r, de Zange und de Feile nimm ocke mit.

An Noil[12] ho ich schun!« Darauf ging es sapp! sapp! durch den Stall

nach dem Grünfutterschuppen, von da auf den unteren Grasgarten nach

dem Hühnerparke. Ich verließ meinen Platz an der Tür und ging zum

geöffneten Fenster. Von hier aus hatte ich den Hühnerpark in Sicht- und

Hörweite.

Der Hühnerpark hat seine Geschichte. Der Fleck ist etwas über zwei

Quadratmeter groß. Vor zweiundzwanzig Jahren legten die Erdarbeiter,

die den Grund zum Neubau der abgebrannten Scheune ausgruben, die

Grundlage für ihn. Sie warfen nämlich die überflüssigen Erdmassen

dort auf einen Haufen. Der Haufen blieb liegen. Holunder siedelte

sich an und wuchs groß. Einige Jahre später nahm sich ein Knecht des

scheinbar vergessenen Fleckchens an, schaffte Platz, zimmerte Bank und

Tisch zurecht und richtete sich eine Laube zu. Als er seinen Dienst

wechselte, versank das Fleckchen wieder in einen Dornrösleinschlaf.

Nur die Hühner fanden es schön. Als man ihre Vorliebe dafür bemerkte,

taufte man die unbeachtete Ecke auf den stolzen Namen Hühnerpark.

Hier war das erste Ziel der vier Geheimniskrämer: – »Woas host’n

g’fung’n?« – »An oal’n huhl’n[13] Schlüss’l.« – »Zeig’n’[14] har!

Ju[15], dar gitt[16]. M’r moach’n bluß a klee Luch nei. D’rnoa konnste

plauz’n[17].« Darauf der Große: »Goab’n har! ’ch war d’rsch moach’n.

Paß uff, doaß niemand kimmt!«

Jetzt wurde gefeilt, geklopft, wurden Draht und Nägel verlangt,

ward nach Zündplättchen gefragt, wurde Pulver verteilt, wurden

Feuerwerksfrösche ausgegeben. Dazwischen wurde von Pistolen, Revolvern,

Luftbüchsen, Windbüchsen, leeren Patronenhülsen, die mit Zündplättchen

und einem Nagel versehen werden müßten, gesprochen, daß es einem

grausen konnte. Fast klang es, als ob es heute nacht ohne Blutvergießen

nicht abgehen würde. Nur gegen wen sie so stark bewaffnet zu Felde

ziehen wollten, das wurde nicht gesagt.

Dabei wurden aber auch die »Mädel« nicht vergessen. Die hatten sich

nämlich verabredet, daß sie mit denen vom Unterludwig Osterwasser holen

wollten. Das hatten die Kerle ausspioniert und wollten dabei auch ihren

Jux vollführen.

Eine Person war abwesend, sollte auch heute gar nicht erscheinen,

beschäftigte aber doch die Gemüter. Sie wurde sowieso mit einigem

Mißtrauen angesehen, wenn sie einmal im Dorfe erschien und z. B.

nachsehen wollte, ob alle mit geschütztem Sensenblatt vom Felde

heimkamen, ob alle Geschirre mit einbrechender Dunkelheit ihr Licht

leuchten ließen, wenn sie gar eins persönlich begrüßte und mit

Amtsmiene nach dem Verbleib von dem oder jenem fragte, das unfreiwillig

seinen Herrn gewechselt hatte: der Herr Polizeiwachtmeister. – »Wu ward

dar hoite rimflitzen? Loaßt eich bluß ne vu dan d’rwisch’n! Doas is kee

Gut’r nich.« Außerdem hatte einige Tage zuvor im amtlichen Teile der

Zeitung das Verbot des Osterschießens mit entsprechender Strafandrohung

gestanden. So ganz einfach war die Sache demnach nicht. Wie es schien,

war doch einem das Herz etwas in die Hosen gerutscht; denn ich hörte

gerade noch den trostreichen Zuspruch: »’n Kupp koann’r d’r ni

wagreiß’n!«

Die Dunkelheit war inzwischen eingebrochen. Der Hühnerpark leerte

sich. Es ging zuerst nach dem Backofenanbau. Gleich daneben war das

geöffnete Küchenfenster. Hier konnten sie die Mägde belauschen, die

beim Aufwaschen die letzten Verabredungen wegen des Osterwasserholens

trafen. Da klang es durcheinander: wann aufstehen – wer weckt – kein

Wort sagen, sonst Plapperwasser – wo wollen wir das Wasser holen –

nehmen wir die Meißner Mädel mit – vor allem den Kerlen nichts sagen

usw. Die aber standen draußen und dämmerten von einem Beine auf das

andere, kniffen die Arme untereinander und drückten sich den Bauch, um

das Lachen verbeißen zu können. Ein empfindlicher Rippenstoß belehrte

die, die scheinbar ganz vergessen hatten, warum sie hier standen

und worum es ging. Jetzt waren sie ganz ernsthaft bei der Sache.

Drinnen ging das Gewisper flott weiter. Draußen wurde das Arsenal

von Schießgeräten, das die ganze Entwicklung der Feuerwaffen beinahe

lückenlos darstellte, fertig gemacht, um das große Werk einzuleiten.

– »Fart’ch?« – »Ju.« – »Bei dreie gitt’s lus! Eens, zwee, dreie!«

– Es sollte wahrscheinlich eine Salve werden, aber die war etwas

vorbeigelungen. Jedenfalls gab es einen tüchtigen »Plauzerch«. Aus der

Küche kam als Echo ein durchdringendes Angstgeschrei. Eins rief: »Spuck

norre glei dreimoal aus, doaß de ni d’n Schrack behälst! Nee, suche

(solche) Karle!«

Die aber waren inzwischen verschwunden, um auch anderwärts im Dorfe

hinter Zäunen, Hecken, Scheunen und Schuppen und auf Kreuzwegen ihre

Munition zu verpulvern. Sie waren auch nicht die einzigen, die sich so

vorbereitet hatten. An allen Enden und Ecken krachte und knallte es, je

nachdem es die Schießgeräte hergaben. Von den Nachbardörfern klang es

herüber. Zeitweise schien die Hölle losgelassen zu sein. An Schlaf war

nicht zu denken. War der eine Trupp fort, und glaubte man, endlich Ruhe

zu haben, so krachte es sicher in nächster Nähe wieder los.

In den Stuben aber konnte man überall verständnisvolle Gesichter

erblicken. Mancher Alte mochte wohl bei sich denken: »Wenn ich doch

auch noch mit dabei sein könnte!« Die landläufige Meinung konnte etwa

so zusammengefaßt werden: Ein Ostern ohne Osterschießen ist gar kein

richtiges Ostern.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 1–2 · 第 6 / 8 段