Die »Kultur«, die in Wirklichkeit gar keine ist, hat es allmählich

dahin gebracht, den Menschen förmlich abzuerziehen von der ihm

ursprünglich erbeigentümlichen, blutechten Liebe zur Natur. Er tändelt

mit ihr, aber liebt sie nicht mehr. Es bildet sich zwischen ihr und

ihm kein rechtes Seelenverhältnis mehr aus. Er ist schon ein Fremdling

vor der Natur. Da sitzen in Japan und anderswo Leute, die Goldfischen

riesige Flossen anzüchten, Schwanzflossen, die wie mächtige

Brautschleier hinter dem schwimmenden Tiere wallen, Hemmnisse statt der

Bewegungsorgane. Andere setzen den braven Haushahn in einen hohen und

engen Kasten, so daß der Gockel gezwungen ist, auf seiner Sitzstange

auszuharren, bis ihm – auch das ein Züchterergebnis – ein bis zu drei

Meter langer Schwanz als vermeintliche Zierde gewachsen ist. Wieder

andere züchten Tauben, die derart verkümmerte Schnäbel haben, daß sie

nicht selbst mehr fressen können, und was dergleichen Narrheiten sind.

Zeigt man empfindsamen Menschen die Tiere und deutet man ihnen den

Tatbestand aus, so wandelt sich ihr Erstaunen in Mitleid vor so viel

erzwungener Unnatur. Was aber sind alle Phönixhähne, Möwchentauben

und Schleierschwanzfische verglichen mit der Vergewaltigung, die

der Kulturmensch, der Mensch der Technik, tagtäglich nicht bloß an

Einzelgeschöpfen, sondern an der Ursprünglichkeit und Natürlichkeit

seiner Heimat verübt, seiner engeren wie seiner Erdenheimat?

Unterm Adventsstern

Eine Betrachtung unter dem Einfluß der dritten Weihnachtsberg- und

Schnitz-Ausstellung in Geyer vom 21. bis 31. Januar 1928.

Von _M. Liesche_

Als einer der ältesten Schnitzvereine des Erzgebirges fühlt der Verein

unserer Bergstadt die Verpflichtung in sich, seine Ausstellungen so

zu gestalten, daß jeder Besucher einen inneren Gewinn davonträgt, daß

sich nicht so sehr das Geschäftliche in den Vordergrund drängt, sondern

dem Besucher sich der Gedanke aufnötigt: »So und nicht anders möchtest

du auch dein Weihnachtsfest feiern!« oder »Müssen die Leute reich

sein, die sich ihr Fest noch selbst gestalten können ohne drehbaren

Spieldosenfuß und kalten Glühbirnenglanz am Weihnachtsbaum!« Diese

Ausstellungen sollen auch ein Markstein sein im eigenen Vereinsleben,

eine Anerkennung hier, eine Warnung dort, ein Prüfstein des erreichten

Standes der Schnitzerei überhaupt. Diese Zielsetzung kann niemals

erreicht werden durch wahllose Fülle der vorhandenen Schnitzereien,

sondern in maßvoller Auswahl der Gegenstände und in unaufdringlicher

Darstellung der Entwickelungsstufen der ausgestellten Schnitzereien,

Leuchter, Pyramiden und Berge. Beides ist dem Verein bei seiner dritten

großen Weihnachtskunstausstellung vom 21. bis 31. Januar dieses Jahres

von all den Tausenden von Besuchern hoch angerechnet worden.

Klar im Aufbau, nicht verzettelt durch Ausnutzung aller Winkelchen, die

den Beschauer nicht einmal zur Ruhe kommen lassen, bot sich das äußere

Bild unter dem blauen, sternbesäten Himmel und der machtvollen, überaus

reizvollen Gruppe der roten Adventssterne in der Mitte des Saales dar.

Unwillkürlich folgte man gern der gewollten Gliederung, indem man von

Berg zu Berg wanderte, sich dann den Pyramiden zuwandte und am Schlusse

die Schnitzarbeiten der _letzten_ Jahre betrachtete. So brachte die

weise Auswahl verhältnismäßig weniger Gegenstände, gemessen an dem

Reichtum der im Bergstädtlein sonst vorhandenen Herrlichkeiten, ein

Befriedigtsein zustande, dem die Besucher nicht nur einmal Ausdruck

verliehen.

Daß bei dieser Auswahl besonderer Wert auf schnitztechnische

Fortschritte seit der letzten Ausstellung gelegt wurde, ließ ein

Rundgang auch den Fernstehenden wohl erkennen. Verschwunden sind

Sandpapier und Stoff- und Ölfarben und Bronzen, die dem Holze seine

Eigenart nehmen. Nur hier und da werden sie bei ein paar Figuren dem

kritisch eingestellten Beschauer nicht entgangen sein. Verschwunden

sind Glasperlen und Glaskugeln, tote Sträußchen und übergipste

Schneelandschaften, auf denen die Schafe weiden. Verschwunden auch

wieder der unsinnige Motorantrieb der Pyramiden und die eiskalte, die

Augen strafende, aufdringliche Strahlsucht elektrischer Glühbirnen.

Ganz zurückgetreten sind auch alle nach den üblichen Vorlagen

angefertigten Laubsägearbeiten, die mit Volkskunst nichts zu tun haben.

Das Holz in seiner natürlichen oder zart gewachsten oder gebeizten

Farbe und die Einfachheit volkskünstlerischer Arbeitsweise herrschten

in wohltuender Weise vor. Selbst auf einigen Bergen standen die

geschnitzten Figuren in blendender Holzschönheit, nichts anderes

vortäuschend, als wären sie aus der Hand ihres Meisters hervorgegangen.

Flackernde Lichter und Öllämpchen trieben die weitausladenden

Flügel selbst der größten Pyramiden. Welchen schönheitvernichtenden

Schaden die Elektrizität hierbei anrichten kann, blieb an einem

ausgestellten Stück selbst dem fanatischsten Freund der Verwertung

technischer Neuerungen nicht verborgen. Und in den Objekten der vom

Weihnachtsgedanken freien Betätigung in Volks- und Tiertypen sah der

Freund guter Volkskunst in aufwallender Freude, daß hier Ansätze und

Kräfte wach werden, die des Weckens durch die Öffentlichkeit einer

Ausstellung wirklich bedürfen. Aber eine dringliche Warnung sei

eingefügt: Nicht alles, was Kunstgewerbe und Industrie auf den Markt

bringen, eignet sich für unsere Volkskunst. Nur klein ist der Schritt

zu Süßlichkeiten und – Kitsch! Hier muß das »Wildwässerlein der

Volkskunst« von berufenen Führern in begrenzte Bahnen gelenkt werden.

Aber alles in allem: doch ein großer Fortschritt und – das ist uns

auch versichert worden – eine Wegweisung für die Brudervereine, die im

ersten Jahrzehnt ihres Schaffens noch der Richtlinien entbehren, ohne

die fruchtbringende Arbeit nun einmal nicht denkbar ist.

Neben dieser Darstellung des schnitztechnischen Fortschrittes sollte

die Ausstellung die historische Entwickelung in allen Schnitzarbeiten

veranschaulichen. In den Bergen kam sie zum Ausdruck in der Reihe

von den mit Tannengrün umsäumten und Zuckerwerk geschmückten Ecken

über die reinen Stimmungsberge ohne Mechanismus zu denen mit

eingebauter Pyramide oder einem Hirtengang bis zu den hochentwickelten

mechanischen Bergen, die ihre Krone im gemeinsam erarbeiteten

Vereinsberg erhalten. Was Erfindergeist und Probierkunst im Finden

neuer Verbindungen und Bewegungen der Figuren zustande bringen, ist

eine ganz besondere Fundgrube für den technisch interessierten Besucher

solcher Ausstellungen, wenn er einmal hinter die Kulissen schauen

darf. Wenn nun noch die Bewegungen mehrerer Personen (Stülpner, seine

Spießgesellen und der Oberförster) aufeinander abgestimmt sein müssen,

da muß man sich schier wundern über Scharfsinn und Kombinationsgabe des

einfachen Bastlers.

Bei den Pyramiden sah man als Urstufe die zwischen vier

papierumwickelten Holzstäben schwebenden drehbaren Holzteller mit

kleinen Massefigürchen, dann die viereckige Hausform mit Strohdach,

die zur reichen Tempelpyramide hinüberleitete und über die romanische

Stilform zur gotischen Turmpyramide sich ausgestaltete. Natürlich fragt

der Volkskünstler nicht nach architektonischer Stilreinheit, sondern er

übersetzt gleichsam die Stilelemente in seine Sprache, und das ist gut

so. Wer könnte sonst noch von Volkskunst reden!

Bei den wenigen ausgestellten Leuchtern, die ebenso leicht hätten

vermehrt werden können, ging die Entwickelung von der drahtgebogenen

»Spinne« mit Holzkörper und einigen als beherrschender Schmuck

angefügten Holzkugeln und -glöckchen zur reich ausgestalteten Form der

vielarmigen Prachtleuchter, die wuchtig den Raum beherrschen und teils

in Weiß mit Gold oder Rot erstrahlen, teils in Ostwaldscher Farbgebung

an die einstmals so überaus reizvollen bunten Leuchter anklingen.

Auf den langen, mehrstufigen Tafeln der Schnitzereien herrschte die

Weihnachtsschnitzerei als der Ausgangspunkt volkskünstlerischer

Betätigung des Erzgebirglers vor, während schon recht deutlich die

neuere Art, dem formlosen Holzklotz als gewachster oder gebeizter

Volkstype oder Tiergestalt Leben zu verleihen, in reicher Auswahl sich

geltend macht.

Daß den Schnitzer auch die so liebwerten Bauten der Vergangenheit

reizen, konnte man an zwei Holzmodellen erkennen, die ein altes

Bürgerhaus, das 1894 die Wiege des Vereins wurde, und das alte 1844

abgetragene Rathaus der Stadt in getreuer Nachbildung zeigten. Gerade

in solcher Arbeit sehe ich ein reiches Feld der Betätigung unserer

heimischen Schnitzer, aus der die Liebe zur Heimat spricht, der ja

doch letzten Endes all unser Bemühen gilt, die auch bei der Geyerschen

Ausstellung in der Ausnutzung einer Nische zu einer getreulichen

Nachbildung einer Schnitz- und Hutzenstube mit ihrem fröhlichen Treiben

als Triebkraft am Werke war.

So konnte die Geyersche Ausstellung und so sollte jede andere auch das

werden, was in der Absicht der Veranstalter liegt: ein besinnlicher

Markstein im Schaffen der heimischen Schnitzer, ein sichtbares Zeichen

des Hochstandes unserer Volkskunst, ein lehrreicher Entwicklungsgang

der dargestellten Weihnachtskunst und ein leuchtendes Zeichen der in

einem Schnitzverein tätigen Liebe zu Heimat, Volk und Vaterland.

Aus den Anfangstagen unseres Museums

Von _Paul Preißler_

Für jedes Mitglied des kleinen Kollegiums der Allgemeinen Abteilung

der Kunstgewerbeschule, die, als sie noch bestand, in der Marienstraße

beheimatet war, enthielt der Ruf: »Trenkler kommt!« das Stichwort,

sich, sofern man einigermaßen abkömmlich war, im allgemeinen

Lehrerzimmer einzufinden, um stummer, aber höchst interessierter Zeuge

eines Handels zu sein, der dort in Szene ging. Die beiden Akteure

waren Oskar Seyffert und besagter Trenkler, weiland Altwarenhändler

aus Zittau in der Oberlausitz, welcher volkskundliche Gegenstände

für das damals noch im Schoße einer fernen Zukunft ruhende Museum

für Sächsische Volkskunst unserm Seyffert, dem künftigen Leiter des

Museums, zum Kaufe anbot. Auch heute hatte der Lockruf: »Trenkler

kommt«, die kleine Schar alarmiert. Um die Ecke bog aus der

Marienstraße in den Vorgarten ein untersetzter, beleibter Herr, der

eine mächtige Reisetasche schleppte, welche die Kostbarkeiten für

die zukünftige Sammlung barg. Jetzt war es Zeit, sich auf seinen

Posten zu begeben, denn es wäre schade gewesen, wenn man von der nun

zu erwartenden Szene etwas verpaßt hätte. So ganz verloren fand man

sich in dem Zimmer ein, tat, als wenn man etwas suchte und war sehr

erstaunt, den Herrn Trenkler anzutreffen, begrüßte den jovialen Herrn

und so machte es sich ganz natürlich, daß man mit an dem Tische Platz

nahm, an dem sich bereits die beiden Hauptdarsteller niedergelassen

hatten. Die Zuschauer waren vollständig, das Spiel konnte beginnen.

Die beiden Kämpen saßen sich an den Langseiten des Tisches gegenüber,

die Zuhörer waren bescheidentlich an den Schmalseiten gruppiert. Im

Anfang bewegte sich das Gespräch gewöhnlich auf ganz neutralem Gebiete,

das gegenseitige Befinden wurde erörtert. Das Wetter bot Veranlassung,

daß die Rede recht hübsch in Fluß kam, und mit Betrachtungen über

die Politik wurde der Faden des Gesprächs weitergesponnen. Nach

einigen netten Erzählungen des pfiffigen Herrn Trenkler – er wußte

sehr behaglich zu erzählen – wurde das Gespräch ganz allmählich und

vorsichtig auf das richtige Gleis geschoben. Da gab es mancherlei zu

berichten von den volkskundlichen Sammlungen in kleinen Städten. Das

Urteil der in diesen Provinznestern sammelnden Herren war ja durch

Sachkenntnis keineswegs getrübt, hatte doch neulich erst der Leiter der

einen Sammlung einen Gegenstand erworben, der mit Volkskunde absolut

nichts zu tun hatte. Ach – seine Lippen kräuselten sich verächtlich

– dem geschnitzten Ornamente sah man es ja von weiten an – schlecht

nachgemachter Barock, weiter nichts! Da hinten war man zu weit vom

Schuß, das waren Dinge, die man in der Großstadt besser verstand. Da

kam der große Augenblick! Oskar Seyffert unterbrach den redseligen

Bericht des guten alten, und doch so gerissenen Geschäftsmannes. Das

Gaudium der Zuhörer näherte sich dem Höhepunkt. »Nun, Herr Trenkler,

was bringen Sie denn heute? Sie kommen ja mit einer Hebammentasche an,

als wollten Sie zur Geburt von Drillingen!« Darauf Herr Trenkler in

seinem Lausitzer Dialekt: »Heute bringe ich Ihnen was Großartiges; aber

so was Schönes, das müssen Sie mir gutt bezahlen! Meine Frau mennte

über mich, wie ich fort fuhr: ›Nee, Karl, das tutt m’r ordentlich leed,

daß Du das hübsche Ding fortschaffen mußt, das möcht ’ch bale selber

behalten.‹« Während dieser Lobrede entnahm er seiner Taschentiefe einen

Gegenstand, fuhr, wie liebkosend, mit der Hand darüber hin und reichte

ihn zögernd, als fiele es ihm schwer, sich von dem schönen Stück zu

trennen, Oskar Seyffert hin. Dieser betrachtete sich das Ding, schob

es dann Trenkler wieder hin und sagte, ohne eine Miene zu verziehen,

»Herr Trenkler, behalten Sie dieses Prachtstück, nehmen Sie es Ihrer

Frau wieder mit, ich könnte nicht ruhig sterben, wenn ich wüßte,

daß ich Ihre Frau um den Besitz dieses von ihr so außerordentlich

geliebten Kleinods gebracht hätte; es sei ferne von mir, ihr diesen

Schmerz zu bereiten und dadurch ihr den Lebensabend zu verkümmern.«

Trenkler war sprachlos! »Wa–was? Das ist doch nicht möglich! Das schöne

Stück wollen Sie nich koofen? Und ich hab so viel dafür gegeben,

weil ich dachte, das wär’ was ganz besonders Schönes für Sie, sehn’

Sie sich’s ock an!« – »Wieviel hatten Sie sich denn gedacht?« – »Nu,

ich dachte zehn Mark!« – »Herr Trenkler, die Liebhaberei Ihrer Frau

für volkskundliche Gegenstände hat Sie ganz konfus gemacht. – 1 Mark

50!« – Nach einiger Zeit kam eine Einigung zustande und der Tiefe der

Reisetasche entstieg noch mancher Schatz, der allerdings noch lange

Zeit, seiner eigentlichen Bestimmung, das künftige Museum zu zieren,

entgegenschlummerte.

Das Spiel war aus, die Zuschauer erhoben sich, belustigt und

befriedigt. Auch Freund Trenkler rüstete zum Aufbruch. Beim Hinausgehen

sagte er resigniert zu einem der Augenzeugen seiner Niederlage: »Der is

m’r bale über im Handeln«.

Flockenspiel

Es schneit … Die weißen Flocken sinken

Leis aus dem Füllhorn der Unendlichkeit.

Unirdisch strahlt ein Gleißen auf und Blinken …

Die Zeit wird wesenlos … der Raum versinkt … es schneit …

Geheimnisvoll fühl ich den Ring sich schließen:

Nicht anders sah der Ahn die weiße Welt,

Und anders nicht wird jubelnd einst begrüßen

Künftiger Tage Kind die Pracht, die flimmernd fällt.

Ich bin auf mich gestellt – und doch auch ganz

Glied einer Kette aus Unendlichkeit:

Nur eine Perle in dem Rosenkranz,

Den träumend durch die Finger spielen läßt Frau Zeit.

Alfons Diener von Schönberg.

Erwiderung

zu dem Aufsatz des Herrn Rud. Zimmermann »Gefahren der Vogelbruten«

In dem Aufsatz in Heft 1 bis 2, Band XVI, dieser Zeitschrift kommt

Verfasser am Schluß auch auf die Gefahr zu sprechen, die den Vögeln

durch Benutzung zu enger Höhlen entsteht, und sagt dann »In künstlichen

Höhlen scheinen sich usw.«, bitte zu lesen Seite 73, achte Zeile von

unten bis Seite 74, Ende des ersten Abschnittes.

Diese Kritik ist für mich gewiß nicht schmeichelhaft. Ich muß aber ohne

weiteres zugeben, daß ich nach meinem Wortlaut selber die Veranlassung

zu diesem Angriff gegeben habe, indem man nämlich danach annehmen kann,

daß ich die nur 85 bis 95 Millimeter weite ~A~-Höhle als unbrauchbar,

den Vögeln schädlich erkannt hätte. Dem ist aber durchaus nicht so. Ich

habe nur durch meine langjährigen Versuche, indem ich je eine ~A~- und

eine ~B~-Höhle, auch ~B~-Höhle mit ~A~-Flugloch dicht nebeneinander

hing, festgestellt, daß die Meisen die ~B~-Höhle bevorzugen. Ein

Zeichen dafür, daß sie für ihre Brut nach einem möglichst weiten

Raum suchen. Lediglich deshalb habe ich die Höhle erweitern lassen.

Brauchbar war und ist sie auch in ihrer früheren Abmessung. Andernfalls

hätte man wohl nie mehrere Jahrzehnte hindurch die glänzenden Erfolge

damit erzielen können. Also kurz gesagt, eine Höhle mit 85 bis 95

Millimeter Nestraum ist genügend, eine mit weiterem Nestraum den

Vögeln, speziell den Meisen, aber entschieden angenehmer, und _allein

deshalb_ habe ich die Änderung vorgenommen.

Hier auch gleich einmal über zu enge Höhlen im allgemeinen zu sprechen,

so kann ich dem nicht so ohne weiteres beipflichten. Ich habe im

Laufe der letzten dreißig Jahre doch gewiß mehrere tausend ~A~-Höhlen

85 bis 95 Millimeter mit aufgehangen und untersucht und kann nicht

sagen, darin annormal viel abgestorbene Bruten gefunden zu haben. Ja,

im Winter 1921/22 zeigte sich beim Reinigen der Höhlen, daß diese bei

der starken Buchenspinnerkalamität des Sommers 1921 vielfach dreimal

benistet gewesen waren. Zu unterst meist ein Meisennest, dann ein

Trauerfliegenfänger- und oben darauf wieder ein Meisennest. Doch

auch selbst hierin wurden abgestorbene Bruten nicht gefunden. So hat

speziell auch der den Meisen an Größe überlegene Wendehals seine vielen

Jungen stets wohlerhalten in diesen kleinen Höhlen aufgebracht. Findet

man aber in den Höhlen einen Teil der Jungen abgestorben, so braucht

absolut nicht der enge Raum die Todesursache zu sein. Krankheiten,

z. B. Luftröhrenwürmer, können schuld daran sein, mitunter auch

Nahrungsmangel, der in nassen Jahren besonders verheerend wirken kann.

Mit wie geringem Nestraum die Vögel auskommen, das zeigt in der

überzeugendsten Weise eine Beobachtung, die vor zwei Jahren Herr

Wilhelm Büchner vom Ornithologischen Verein Johann Friedrich Naumann

zu Cöthen machte. In einer kleinen ~A~-Höhle (85 bis 95 Millimeter)

befanden sich zwölf junge Blaumeisen. In der Nähe war eine Höhle mit

jungen Kohlmeisen, von denen plötzlich beide Alten umkamen. Büchner

bemerkte das erst, als auch von den jungen Kohlmeisen nur noch vier am

Leben waren. Nicht wissend, was mit diesen nun anfangen, setzte er sie

mit in die Höhle zu den zwölf jungen Blaumeisen, so daß sich jetzt in

dieser kleinen ~A~-Höhle sechzehn junge Meisen befanden.

So war diese Höhle tatsächlich mit Meisen von unten bis oben

vollgestopft. Trotzdem wurden alle sechzehn Jungen von den Blaumeisen

aufgefüttert und kamen alle in wohlerhaltenem, kräftigem Zustand zum

Ausfliegen. Doch gewiß ein klarer Beweis dafür, daß der Nestraum 85 bis

95 Millimeter für die Bruten der Kleinvögel vollkommen ausreichend ist.

Wir übertragen nur zu leicht die menschliche Auffassung von

Bequemlichkeit und Wohlbefinden auf die Vögel und kommen dadurch zu

falschen Schlüssen.

Hans Freiherr von Berlepsch.

Marterln in Sachsen

Von Dr. _Stephan_ in Freiberg

Mancher wird beim Lesen der Überschrift den Kopf schütteln. Marterln

gibt es doch nur in katholischen Ländern, ganz besonders in Tirol,

die Täfelchen an Bäumen oder Pfählen, die in Bild und Wort von der

tödlichen Verunglückung eines Waldarbeiters beim Baumfällen, eines

Älplers beim Mähen an schroffer Felswand, vom plötzlichen Hinscheiden

eines Wanderers infolge eines Herzschlages erzählen. Es ist allerdings

richtig: auf bemalten und beschriebenen Holztafeln wird in unserem

Vaterlande kaum berichtet, daß ein Mensch verunglückt ist, wohl aber

auf Gedächtnismalen aus Stein, einfachen vierkantigen Säulen, oft

von Mannshöhe, oder auch von Steinmetzen oder Bildhauern reicher

ausgestatteten Denkmälern; auch Steine in Kreuzform finden sich. Die

Beschreibung der Todesursache ist manchmal sehr ausführlich gegeben,

wenn sie auch nicht »in Reimen voll Lebendigkeit und Naivität, oft

auch unfreiwilliger Komik« erfolgt. Hier und da fehlt die Bitte um

ein stilles Gebet des Vorübergehenden nicht, oder der Wunsch, daß der

Verunglückte in Frieden ruhen möge, ganz wie in Tirol, wo manchmal nur

ein ~R. I. P.~ (~requiescat in pace~) die Angaben über des Verstorbenen

Unglück abschließt.

Das älteste dieser Marterln in Sachsen ist das Steinkreuz, das, an

der Straße von Altstadt nach Stolpen stehend, den Tod des Richters

Balthasar Mittag aus Altstadt durch Sturz mit dem Pferde am 16.

September 1572 kündet. Ob das Kreuz erst nach dem Unfall gesetzt oder

ein dort schon vorhandenes viel älteres Steinkreuz nur mit der ihn

meldenden Inschrift versehen worden ist, bleibt zweifelhaft. Diesem

Male folgt dem Alter nach Morrs Stein am Großen Zschirnstein in der

Sächsischen Schweiz, der an den am 16. Oktober 1653 erfolgten Tod des

Försters Ignaz Morr aus Schöna beim Fällen einer Eiche erinnert. Von

im achtzehnten Jahrhundert aufgerichteten Marterln sind dem Verfasser

nur drei bekannt geworden. An dem Fahrwege von Berthelsdorf nach

Weigmannsdorf bei Freiberg steht ein mannshoher Stein im Barockstil.

Auf der Vorderseite sind noch zu erkennen oben rechts Wolken, in

der Mitte zwei menschliche Gestalten und am Fuße ein Totenschädel;

die Inschriften auf der Schau- und der Rückseite sind vollständig

verwittert. Es sollen hier im Jahre 1774 – diese Zahl ist noch zu

lesen – zwei Kinder vom Blitz erschlagen worden sein. Ein eigenartig

gestaltetes Denkmal, ebenfalls dem Barock angehörig, hat kindliche

Liebe an einem Fußwege im Dorfe Altstadt bei Ostritz in der Lausitz

setzen lassen zum Andenken an das Unglück, das »1776 den 12. Juli

getroffen den Arbeitsmann Anton Kurtze, Häußler aus Altstadt«,

der im Walde beim Holzfällen von einem Baume erschlagen wurde.

Endlich: am Fahrwege von Reinholdshain nach Reinhardtsgrimma in der

Amtshauptmannschaft Dippoldiswalde, etwa zehn Minuten von dem zuerst

genannten Dorfe entfernt, berichtet die Inschrift einer vierseitigen

Säule, daß dort am 18. Juli 1787 ein Blitzstrahl einem blühenden

Menschenleben ein jähes Ende bereitet hat.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVII, Heft 1–2 · 第 5 / 8 段