vielleicht fragen wie mancher im Museum: Soll man denn bloß
Papiersachen an den Christbaum hängen? – Die Lichter wollt ihr wohl
auch abschaffen? – Aber nein! Lichter stecken wir nicht auf, weil
wir sie aus feuerpolizeilichen Gründen nicht anbrennen dürfen.
Und bloß Papier? Durchaus nicht. Immer herbei mit Pfefferkuchen,
goldenen und silbernen Nüssen. Auch Glaskugeln sehen wunderschön aus,
und es soll mich wundern, wenn wir im nächsten Jahre nicht einen
Glaskugelbaum hinstellen. Den Papierschmuck bevorzugen wir, weil
er sich am leichtesten selbst anfertigen läßt. Im Selbstanfertigen
des Schmuckes liegt ein Geheimnis echter Weihnachtsfreude. An einem
richtigen Familienchristbaum sagt jedes Stück: die Hände, die mich
geformt, waren von dem guten Willen geleitet, Liebe zu zeigen, Freude
zu bringen. Die große Schwester hat Pfefferkuchen gebacken; sie hat
es in der Berufsschule gelernt. Die Mutter hat dabei mitgewirkt. Vom
großen Bruder stammen mit der Laubsäge geschnittene buntbemalte Sterne,
die andere Schwester hat farbige Glocken gehäkelt oder gestrickt, die
kleinste mit dem jüngsten Bruder zusammen Goldsterne gefaltet, Ketten
geklebt. Alle sind tätig gewesen. Aber der Vater?
[Illustration: Abb. 9. =Weihnachtshängeleuchter von A. Neuber=]
Was ein Vater für Weihnachten gearbeitet hat, das zeigt unser letztes
Bild. Vielleicht muß man ein Seiffener Kind sein, um ein solches
Prachtstück wie den Hängeleuchter fertig zu bekommen. Er leuchtete von
der Decke des großen Trachtensaales herab. Überraschte Leute fragten,
aus welcher kunstgewerblichen Werkstatt der Leuchter stamme. Er
antwortete: Aus gar keiner! Mein Schöpfer ist bloß Briefträger. – Bloß?
– Bei uns ist aber der angesehnste, reichste und beste Mensch, der die
Weihnachtsfreuden sich und den Seinen selber gestalten kann.
Die Schule aus Lausa war die einzige nicht aus Dresden, haben wir oben
gelesen. Wir wiederholen den Satz nicht ohne leises Bedauern, denn
wir arbeiten im Landesmuseum für »Sächsische« Volkskunst. Wie fein
entspräche es der Werbekraft seines Namens, wenn Schulen aus dem ganzen
Lande kämen und Christbaumschmuck oder Krippe, Pyramide, Weihnachtsberg
anböten. Keine Sorge vor dem Andrang der Aussteller, wenn er eintreten
sollte! Wir bringen viel unter. Nicht bloß Schulen, auch Vereinigungen
oder Einzelpersonen sollten mittun. In unsrer letzten Christbaumreihe
stand einer, den eine liebe Mutter mit selbstgefertigtem Schmuck so
angeputzt hatte, wie ein gleicher auf dem Weihnachtstische daheim
erstrahlte. Und sie war nicht aus Dresden. Wer kommt her und tut
desgleichen?
Alfred Meiche
Historisch-Topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna
Mit Unterstützung der Sächsischen Kommission für Geschichte bearbeitet
und herausgegeben Dresden, v. Baensch-Stiftung, 1927
Es wäre um unseren Heimatschutz schlecht bestellt, wenn er nur auf das
angewiesen wäre, was unser Landesverein und die Regierung für ihn tun.
Tief muß der Heimatschutzgedanke im Volke Wurzel schlagen. Dazu aber
muß der harte Boden erst gelockert, die Heimatliebe in allen Schichten
der Bevölkerung geweckt und gefördert werden. Der unglückselige Krieg,
der hinter uns liegt, hat in dieser Hinsicht Wunder gewirkt. Die großen
Träume, die an das ruhmreiche Deutschland von ehedem anknüpften,
sind ausgeträumt. Der Blick des Deutschen, der bisher nach außen
gerichtet war, hat sich nach innen gekehrt. Doppelt wert ist ihm die
Heimat geworden, die eigentlichste, engste Heimat. Alles, was sie ihm
erschließt, umfaßt er mit inbrünstiger Liebe.
Ein solcher Gesundbrunnen der Heimatkunde und Heimatliebe ist das
vorliegende, vor kurzem erschienene Meichesche Werk, das um deswillen
gebührende Hervorhebung an dieser Stelle verdient. Ein unterhaltendes
_Lesebuch_, wie viele der hier angezeigten, ist es nicht, vielmehr,
was in dem etwas verstaubt anmutenden Titel nicht recht zum
Ausdrucke kommt, ein _Nachschlagebuch_ in alphabetischer Anordnung
der Stichwörter, eine Art historisch-geographisch-topographisches
Ortslexikon, das, wie alle Nachschlagebücher, auf den ersten Blick
einen nüchternen, trockenen Eindruck macht, bei näherem Zusehen aber
durch seine Vielseitigkeit, Reichhaltigkeit und Gediegenheit große
Anziehungskraft ausübt. Hervorzuheben sind zunächst einige längere,
zusammenfassende Artikel über das Elbsandsteingebirge, die Sächsische
Schweiz, das Amt und die Amtshauptmannschaft Pirna. Der erstgenannte,
von Professor P. Wagner und Oberlehrer O. Mörtzsch stammend,
unterrichtet den Leser in gedrängter Kürze darüber, was man unter
Elbsandsteingebirge versteht, wie man sich seine erdgeschichtliche
Entwicklung früher dachte und heute denkt. Bemerkungen über den
Sandstein, die Pflanzen- und Tierwelt sind angeschlossen, die
hauptsächlichsten Werke und Karten des Gebietes genannt. Über den
vielumstrittenen Namen »Sächsische Schweiz« und die verschiedenen
anderen dafür vorgeschlagenen Namen handelt der erste Teil des
zweiten Artikels. Weiterhin beschäftigt er sich mit dem Volkstume
der Bewohner, ihren Sitten und Gebräuchen, der Mundart, der (schon
längst verschwundenen) Tracht, dem Hausbau, dem Volkscharakter und
der Volkswirtschaft einschließlich Reise-, Fremden- und Bäderwesen.
Auch ein großzügiger Überblick über die geschichtliche Entwicklung
des Gebiets in vorgeschichtlicher, slavischer und Kolonisationszeit,
sowie über die territorialen Zustände zu den verschiedenen Zeiten und
die kirchliche Einteilung fehlt nicht. Diese Fäden sind unter den
Stichworten »Amt, Pflege, Burgbezirk Pirna« und »Amtshauptmannschaft
Pirna« weiter gesponnen. Hier findet man genaue Angaben über den
ganzen Bezirk, seine wechselnde politische Zugehörigkeit, seine
Größe und Zusammensetzung, seinen Ortsbestand, seine Beamten und
Behörden, seine Bevölkerung, sein Kirchen- und Schulwesen, seine
wirtschaftlichen Verhältnisse und vieles andere mehr im Mittelalter, in
den Jahren 1548 (Amtserbbuch), 1553, 1587, 1590, 1691, im achtzehnten
und neunzehnten Jahrhundert bis zur Gegenwart. Wer sich aber über
die selbständigen Herrschaften, aus denen das Amt Pirna im Laufe der
Jahrhunderte zusammenwuchs und die teilweise als Unterämter eine Zeit
lang fortbestanden, belehren will, muß außer Seite 310 (Überblick)
unter den Namen Dohna, Hohnstein, Königstein, Liebethal, Liebstadt,
Lohmen, Pirna, Rathen, Stolpen, Weesenstein, Wehlen und Wildenstein
nachschlagen. Gehaltreich wie diese Artikel, die an Länge selbständigen
Aufsätzen gleichkommen, sind die Artikel über die Städte. Pirna
(einschließlich Schloß) umfaßt allein einundsechzig Spalten! Hier
hat hauptsächlich der frühere, fleißige Stadtarchivar Professor O.
Speck den Stoff geliefert. Zweiunddreißig Spalten füllen die Angaben
über Stolpen (Schloß und Stadt), einundzwanzig die über Dohna (Burg
und Stadt), zwanzig die über Königstein (Burg, Schloß, Festung und
Stadt). Bei Wehlen (Schloß und Stadt) sind es zwölf, bei Gottleuba
und Liebstadt (Schloß und Stadt) je zehn, Berggießhübel achteinhalb,
Sebnitz sieben, Bad Schandau fünfeinhalb, Hohnstein (Schloß und Stadt)
und Neustadt je fünf Spalten.
Um diese breiten Äste der allgemeinen, der Herrschafts-, Ämter- und
Städteartikel rankt sich das dünnere, leichtere Geäst und Blattwerk
der unzähligen Sonderartikel über die Ortschaften, Rittergüter,
Güter, Vorwerke, Wirtschaften, Schäfereien, Mühlen, Hammerwerke,
Flüsse, Gewässer, Berge, Felsen und sonstige Einzelheiten des
ziemlich ausgedehnten und bevölkerten Gebietes. Darunter ist auch
mancher recht stattliche. Zwei, vier, fünf Spalten sind nicht
selten; ja bis zu zwölf Spalten kommen vor. Und was für eine Fülle
von Stoff ist in jedem aufgespeichert! Mit welcher Liebe hat der
Verfasser alles zusammengetragen, was geeignet ist, das Werden jedes
Ortes, seine Bedeutung innerhalb des Amtes und der allgemeinen
Kulturentwicklung zu kennzeichnen! Mit welcher Entsagung hat er dies
alles meist in Telegrammstil wiedergegeben! Nur hin und wieder geht
er in zusammenhängende Redeweise über, namentlich da, wo es sich um
schwierigere Dinge oder um Klärung von Streitfragen handelt.
Besondere Sorgfalt ist auf die sprachliche Entwicklung der Ortsnamen
verwandt. Alle Formen, die dafür irgendwie, auch nur in kleinsten
Abweichungen, wichtig erscheinen, hat Meiche aus gedruckten, vor allem
aber auch ungedruckten Quellen zusammengetragen, mit besonderem Eifer,
wie billig für die frühesten Zeiten, um der ursprünglichen Gestalt der
Ortsnamen auf die Spur zu kommen; denn nur auf diese dürfen sich die
wichtigen Folgerungen gründen, die man an die Ortsnamen anknüpfen kann:
der Sprache welches Volkes ein Ortsname entstammt? was er bedeutet?
und dergleichen mehr. Über die Bedeutung der Ortsnamen hat sich Meiche
nur in Ausnahmefällen ausgesprochen. Das wird die meisten Benutzer
des Werkes enttäuschen; denn nichts reizt an den Ortsnamen gewöhnlich
mehr, als ihre Bedeutung. Nichts aber auch ist schwieriger, als hier
das Richtige zu treffen. Die Zeit dafür ist nach Meiches Ansicht in
der Sächsischen Schweiz noch nicht gekommen. Er sparte sich deshalb
die Erledigung dieser wichtigen, aber auch sehr verantwortungsreichen
Aufgabe für ein Werk über die Ortsnamen Sachsens auf, das er mit dem
Slavisten Professor Vasmer herauszugeben seit einigen Jahren plant.
Was außer der Verfolgung der Ortsnamenentwicklung noch in jedem
einzelnen Ortsartikel zu finden ist, läßt sich nicht auf einen Nenner
bringen. Natürlich hatte sich Meiche auf Grund der »Denkschrift
über die Herstellung eines historischen Ortsverzeichnisses im
Königreich Sachsen«, die die Sächsische Kommission für Geschichte
1903 veröffentlichen ließ, einen festen Plan gemacht, aber seine
Durchführung hing jeweils von den Quellen ab. Auf die Vorgeschichte
verzichtete er grundsätzlich. Sie spielt in dem von ihm behandelten
Gebiete eine zu nebensächliche Rolle und ist überdies von E. Walther in
einem besonderen Hefte, dem ersten der »Beiträge zu einem Heimatbuch
der Sächsischen Schweiz«, nach dem Stande im Jahre 1926 trefflich
bearbeitet. Dagegen brachte er überall, soweit es im Bereiche der
Möglichkeit lag, Angaben über 1. die Flur- und Ortsformen (nach den
Feststellungen des durch seine große erläuterte Karte »Die Dorfformen
Sachsens« bekannten, leider im Kriege gefallenen Dr. A. Hennig), 2. die
politische Zugehörigkeit und äußere Geschichte im Wandel der Zeiten,
3. die kirchlichen Verhältnisse, 4. die Schule, 5. das Erwerbsleben,
namentlich da, wo sich Sonderzweige herausgebildet haben, 6. besondere
Gebäude (Rittergüter, Vorwerke, Mühlen usw.), 7. Größe der Fluren,
Bevölkerungsbewegung und sonstige statistische Angaben, da solche für
die älteren Zeiten selten sind und besondere Schlaglichter werfen, 8.
die Adelsfamilien, die sich nach einem Orte nannten, oder sonstige
Geschlechter, die sich in dem Besitze der Rittergüter usw. ablösten.
Überall mußte sich Meiche aus Raumrücksichten auf das Notwendigste
beschränken. Bei den Adelsfamilien konnte er meist nur die ältesten
bekannten Vertreter angeben. Den Besitzwechsel eines Dorfs oder Guts
konnte er nur soweit berücksichtigen, als der Übergang von einer
Familie zur anderen durch die Nennung des ersten und letzten Besitzers
aus der einen und der folgenden Familie zutage tritt. Im übrigen
»erscheint der Besitzername nur, wenn es sich um wichtige Veränderungen
im Orte (Gute) handelt, z. B. Schriftsässigkeitserklärung,
Leibgutsbelehnung, Allodification, Erwerbung oder Verlust anderer
Rechte usw.« Die massenhaften Angaben sind natürlich von unschätzbarem
Werte für den Familienforscher, der nur das eine bedauern muß, daß ihm
kein Schlüssel in Gestalt eines Gesamtregisters dieses genealogische
Schatzkästlein erschließt. Ein solcher auch sonst sehr nützlicher
Namenweiser hätte aber die an sich schon bedeutenden Herstellungskosten
des Werks und damit den Ladenpreis noch wesentlich erhöht. Mehr als
fünfzig Mark durfte letzterer keinesfalls sein. Aus demselben Grunde
ist auch die Beigabe einer Übersichtskarte, die die Benutzbarkeit
des Buchs sehr gehoben hätte, unterblieben. Namentlich für die
Historische Geographie in engerem Sinne (Herrschaften usw.) wäre sie
sehr vorteilhaft gewesen. Die Abschnitte über die Grenzen und den
Ortschaftsbestand bestimmter Untergebiete hätten sich durch Beziehung
auf sie wesentlich kürzer gestalten lassen. Bei der Erledigung der
kirchlichen Verhältnisse gestatteten die Kirchengalerien (alte und
neue) große Kürze. Meiche gab nur das allerwichtigste und begnügte sich
im übrigen mit Ergänzungen, die allerdings zum Teil recht beachtlich
sind; z. B. findet man bei sehr vielen Kirchdörfern katholische
Priester des Mittelalters, die bisher fehlten, quellenkundlich
nachgewiesen. Ähnlich wie durch die Kirchengalerien wurde Meiches Werk
durch die »Bau- und Kunstdenkmäler« entlastet. Da alles Künstlerische
in diesen inventarisiert ist und dies in noch reicherem Maße durch
die bevorstehende zweite Auflage des Bandes Pirna geschehen wird,
konnte es auf diese Dinge so gut wie ganz verzichten. – Neben den
noch bestehenden Orten hat Meiche die wieder verschwundenen natürlich
nicht beiseite gelassen. Leider weist aber kein Stichwort »Wüstungen«
darauf hin, unter welchen Namen sie zu finden sind. Deshalb habe ich
sie in den Professor Rudolf Kötzschke zu seinem sechzigsten Geburtstage
dargebrachten »Deutschen Siedlungsforschungen« (Leipzig–Berlin, B.
G. Teubner, 1927) Seite 153 zusammengestellt und wiederhole sie
hier noch einmal, da den meisten Benutzern das genannte Buch schwer
zugänglich sein dürfte. Es sind Bärwinkel, Blochwitz, Alt-Cunnersdorf,
Im Deutschen, Dürrhof, Elbersdorf, Erdmannsdorf, Farnthal, Gniwalitz,
Habbe (Habe), Heinitz, Krum-Hermsdorf, Heroldisdorf, Hostewitz,
Jentzschdörfel, Klitten, Knickwitz, Kühlemorgen, Letzsche, Lindenknoch,
Linkenau, Lobschitz, Wüst-Ludwigsdorf, Mannewitz, Meuscha, Nebelschütz,
Neidberg II, Olberndorf, Patzschke, Primselwitz, Reichenau, Röthendorf,
Rossendorf, Sellnitz, Steinhütten, Stolzenhain, Tiefer Grund, Trieske,
Welckenhufe, Zscheisewitz (Klein-Zschachwitz), Zuzodel und Zwiesel.
In der Reihe fehlt die von Herzog, Gautsch und den Kirchengalerien
irrtümlich zwischen Liebstadt und Döbra angenommene Wüstung
Reichenheim. Es hätte sich aber doch wohl empfohlen, auf Seite 276
wenigstens ihren Namen zu nennen und die unbegründete Vermutung mit ein
paar Worten zurückzuweisen.
Schon wer als Laie nur flüchtig das Meichesche Werk durchblättert
und den einen oder anderen Artikel näher ansieht, wird über den
Bienenfleiß und die Ausdauer des Verfassers staunen, noch mehr aber der
Fachmann, der die Schwierigkeiten der Leistung aus eigener Erfahrung
zu beurteilen weiß. Meiche hatte schon recht, wenn er seinem »seiner
Heimat gewidmeten« Werke, dem er »die beste Kraft seiner Mannesjahre
widmete und darüber oft bitterschwere Opfer brachte«, als Geleite
die Worte Luthers mitgab: »Läuft einer itzt mit den Augen durch drei
oder vier Blätter und stößt nicht einmal an, wird aber nicht gewahr,
welche Wacken und Klötze da gelegen sind, da er itzt über hin gehet,
wie über ein gehobelt Brett, da wir haben müßt schwitzen und uns
ängsten, ehe denn wir solche Wacken und Klötze aus dem Wege räumten,
auf daß man könnte so fein daher gehen. Es ist gut pflügen, wenn der
Acker gereinigt ist.« Der Acker der Pirnaer Fluren ist nun im großen
Ganzen gereinigt, so daß der Samen, den weitere Heimatliebe für ihn
bereit hat, aufgehen und schöne Früchte tragen kann in Gestalt von
gediegen begründeten Ortsgeschichten und ähnlichen Darstellungen.
Bei der Beseitigung der »Wacken und Klötze« hat mancher bewährte
Forscher im Laufe der Jahre mit geholfen, außer den schon genannten
Herren in erster Linie Oberlehrer Otto Mörtzsch und Dr. Georg Pilk
(† 1926) beim Ausziehen des Stoffs aus Druckwerken (~Codex diplomaticus
Saxoniae regiae~, Schumann-Schiffners »Vollständiges Staats-, Post-
und Zeitungslexikon«, Kirchengalerien, Zeitschrift »Über Berg
und Tal«, Burgenwerk usw.; siehe das Verzeichnis auf Seite X des
Meiche-Werks) und ungedruckten Quellen in den Archiven, namentlich
des Hauptstaatsarchivs zu Dresden, ferner die Beamten dieses Archivs,
der Pirnaer Geschichtsverein, die Amtshauptmannschaft Pirna und viele
andere Staats- oder Ortsbehörden, Bürgermeister, Lehrer, Geistliche
und sonstige Geschichtsfreunde. Ihnen allen und nicht zuletzt auch
seiner Frau, die die sehr anstrengende Korrektur mitgelesen und zu
der im allgemeinen befriedigenden Satzgestaltung bei getragen hat,
stattete Professor Meiche in der Einleitung seinen gebührenden Dank ab
und ebenso den zahlreichen Stellen, die das Geld für das kostspielige
Unternehmen beschafften. Hier stehen obenan unsere Sächsische
Kommission für Geschichte und der Pirnaer Amtshauptmann v. Thümmel.
Ohne erstere wäre das Werk wahrscheinlich überhaupt nicht entstanden.
Von ihr ging die erste Anregung aus, von ihr kamen jahrzehntelang
die Geldmittel für das Sammeln des Stoffs. Es war im Jahre 1900, als
sie die Herstellung eines Historischen Ortsverzeichnisses für das
Königreich Sachsen beschloß und damit dem Zuge der Zeit folgte, der
gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auf die Schaffung umfassender,
dabei aber handlicher Nachschlagewerke historisch-geographischer
Art gerichtet war. Für ganz Deutschland, wie der Hamburger Archivar
Lappenberg schon 1846 auf dem Germanistentage zu Frankfurt a. M.
anregte, ließ sich ein solches Werk nicht durchführen. Das hatte
die Erfahrung gelehrt. So wies der Historikertag zu Innsbruck
1896 die Aufgabe den historischen Vereinen und Instituten der
einzelnen Länder zu. Der Gesamtverein der deutschen Geschichts-
und Altertumsvereine nahm sich der Sache an und arbeitete 1899
Richtlinien dafür aus, die 1900 als »Vorschläge für die Bearbeitung
historischer Ortsverzeichnisse« veröffentlicht wurden. Als erstes
Werk, das ihnen so ziemlich entsprach, wenn es auch schon etwas
früher begonnen worden war, erschien A. Kriegers Topographisches
Wörterbuch des Großherzogtums Baden (1898), ein Werk von erstaunlicher
Stoffülle in gedrängter Form, für dessen Nützlichkeit die schon
1903 notwendig gewordene zweite Auflage zeugt. Das zweite Werk,
eigentlich das einzige, das bisher ganz auf den »Vorschlägen« des
Gesamtvereins beruht, ist H. Reimers Historisches Ortslexikon für
Kurhessen (1923 ff.), das ein Muster der Gediegenheit, umsichtigen
Stoffauswahl, Kürze und zweckmäßigen Anordnung genannt zu werden
verdient. In der Selbstbeschränkung zeigte sich hier der Meister:
fast hat er des Guten zu viel getan. Anderwärts, z. B. in Bayern,
Niedersachsen, den Provinzen Sachsen, Posen, Schleswig-Holstein,
ging man zwar auch an die Schaffung ähnlicher Werke, kam aber bisher
nicht über die Stoffsammlung hinaus oder blieb gar in den Anfängen
stecken. Bei uns in Sachsen machte sich im Jahre 1903 Prof. Meiche
im Auftrage der Geschichtskommission an die Sammelarbeit, nachdem
zuvor durch die schon erwähnte »Denkschrift« Klarheit darüber, was
das Historische Ortsverzeichnis für Sachsen enthalten und wie der
Stoff gesammelt werden sollte, geschaffen worden war. Mit seinem
Stabe, dem außer Mörtzsch und Pilk vorübergehend auch noch andere
Wissenschaftler angehörten, sammelte er Jahr um Jahr fleißig und
gewissenhaft nach dem Plane, der sich dabei unmerklich erweiterte.
Dadurch kam schließlich, zunächst hauptsächlich für das östliche
Sachsen, ein so gewaltiger Stoff zusammen, daß dessen Veröffentlichung
im Rahmen des Historischen Ortsverzeichnisses, auch wenn man ihn bis
auf die äußersten angängigen Maße erweiterte, unmöglich erschien.
Infolgedessen stellte sie Professor Meiche, ohne deshalb für die
Zukunft auf die Durchführung ihres Historischen Ortsverzeichnisses zu
verzichten, den Stoff zu gesonderter Veröffentlichung zur Verfügung.
So entstand Meiches »Historisch-topographische Beschreibung«,
nachdem die Amtshauptmannschaft Pirna, ihr Bezirksverband, das
Volksbildungsministerium, die Stadt Pirna, ihr Geschichtsverein
und zahlreiche Einzel-Subskribenten die Mittel für die Drucklegung
aufgebracht, die Sebnitzer Papierfabrik (Direktor Jost) aber das
Papier für die ganze Auflage gestiftet hatten. Meiche hat sich mit dem
Werke selbst für alle Zeiten ein Denkmal gesetzt, ähnlich wie hundert
Jahre früher August Schumann und Albert Schiffner mit ihrem berühmten,
oben schon genannten »Postlexikon«. Es ist zwar eine wohl gemeinte
Übertreibung, wenn behauptet wird, andere Länder hätten kein ähnliches
Werk aufzuweisen. Es sei innerhalb Deutschlands nur auf Bayern
(Bavaria; W. Götz’ Geographisch-historisches Handbuch), Baden (Krieger;
siehe oben), Elsaß (zwei Historisch topographische Wörterbücher,
außerdem Teil III des vom Statistischen Bureau herausgegebenen Werkes
»Das Reichsland Elsaß-Lothringen«), Kurhessen (Reimer; siehe oben),
Rheinhessen (Brilmayer), Oldenburg (Kollmanns Statistische Beschreibung
der Gemeinden) und Württemberg (Oberamtsbeschreibungen) hingewiesen.
Keine Übertreibung ist es aber, wenn man »den Meiche«, wie man wohl in
Zukunft kurz sagen wird, den besten Leistungen dieser Art ebenbürtig
an die Seite stellt. Von kleinen Mängeln abgesehen, die hier nicht zur
Sprache gebracht werden sollen, ist es ein Standwerk der Heimatkunde,
wie es nur tiefste Heimatliebe, größter Fleiß, umfassende Gelehrsamkeit
und innigste Hingabe an den Stoff schaffen konnten, ein Meisterwerk
seiner Art, von dem das Wort gilt: »Drei Dinge den Meister machen
sollen: Wissen, Können und Wollen«.
Dr. _Beschorner_.
Vergewaltigung der Natur
Von _Carl Wilhelm_
Zu den Schlagworten, die falschen Münzen gleich die Welt durchwandern,
ohne als Truggeld erkannt zu werden, gehört auch das Wort von der
»Mutter Natur«, die all ihre Kinder liebend umfängt. Rührend hat
man es uns ausgemalt. Die Eintracht im Kasten des seligen Noah
war nichts im Vergleich mit dem hübschen Idyll von der liebend
erzeugenden »Allnatur«. Bis Darwin kam und dem Schäferglück den ersten
entscheidenden Stoß versetzte. Familiensinn und ~struggle for life~
reimten sich schlecht. So schlecht, daß schließlich auch alle jene,
die zwar das Märchen als solches schätzen, aber doch nur für ein
Märchen nehmen, das Schlagwort als Falschstück bewerten lernten. Nein,
die Natur ist nicht mütterlich weich, ganz und gar nicht. Sie ruft
Millionen Geschöpfe ins Dasein und sagt einem jeden: sieh zu, wie du
durchkommst. Ihr Lebensgesetz ist mit Blut geschrieben. Immer, so lange
auf unserem Planeten das Leben eine Heimstätte fand, hat dieses Leben
mit ihr gerungen. Ganze Geschlechter hat sie vernichtet, statt sie
»alliebend« zu umfassen, Geschlechter von Pflanzen, Geschlechter von
Tieren und nicht zuletzt auch Menschengeschlechter.
Dennoch: der Mensch hat ihr schließlich getrotzt. In ihm erstand der
Natur ein Siegfried, der sich nicht niederzwingen ließ, sondern sie
selber zu Boden zwang. Der Mensch wurde Herr über die Natur, der
Kulturmensch, der tausend und tausend Organe, die seinem Körper versagt
geblieben, sich selber durch seine Technik schuf und ihr damit zu Leibe
ging.
Die Natur aber hat sich dafür gerächt. Es hängt ein Fluch an dem
Menschen der Technik, der heute schon hundertfach fühlbar wird. Wo
immer er mit seinen Überorganen, mit all dem Teufelszeug seiner
Kultur sich protzig breitzumachen sucht, da weicht die Natur vor ihm
zurück. Die Wälder (und was von alters her auf Gedeih und Verderb
ihnen angehört) sind vor dem Kulturmenschen auf der Flucht. Der Krieg
allein beraubte Deutschland um fast zwei Millionen Hektar Wald. Glied
um Glied aus der Pflanzen- und Tierwelt, Glied um Glied aus der Welt
jener Menschen, die in Naturverbundenheit nach Urväter Weise ihr Dasein
lebten, gerät ins zermalmende Räderwerk der allesbesiegenden »Kultur«.
So furchtbar wirkt sich der Naturfluch schon heute am Menschen der
Technik aus, daß überall auf dem Erdenrund die Verständigen nach
Naturschutz rufen, um der Verödung des Planeten, so weit es noch
möglich ist, Einhalt zu tun. Wem über Formen und Rechenexempeln,
Maschinen, Autos, Flugapparaten das Auge nicht blind geworden ist, der
muß, ob er will oder nicht, bemerken, daß die Natur im Entfliehen ist.